# taz.de -- Theaterpädagogin über „And now Hanau“: „Die Personen, die getötet wurden, fehlen weiterhin“
       
       > Das Theater Kiel gedenkt der rassistischen Morde in Hanau mit einer
       > Lesung. Theaterpädagogin Denise von Schön-Angerer über Verantwortung des
       > Theaters.
       
 (IMG) Bild: Graffito in Frankfurt am Main zum Gedenken: Nun erinnert das Kieler Theater an die Opfer des rassistischen Mordanschlags in Hanau
       
       taz: Wie kommt eine Lesung über die [1][rassistischen Morde von Hanau] ins
       Theater Kiel, Frau von Schön-Angerer? 
       
       Denise von Schön-Angerer: Wir hatten schon länger die Idee, uns mit dem
       rechtsextremen Anschlag in Hanau auseinanderzusetzen. Auch wenn Hanau nicht
       Kiel ist, spielen die Morde unserer Meinung nach in ganz Deutschland eine
       Rolle. Wir sollten überall darauf aufmerksam machen, damit bloß nicht in
       Vergessenheit gerät, was dort passiert ist und vor allem was noch nicht
       geklärt ist.
       
       taz: Wieso braucht es dazu das Theater? 
       
       von Schön-Angerer: Theater ist immer politisch. Die Bühne ist immer ein
       Mittel, um zu erzählen, wie Menschen miteinander leben und zwar im
       positiven als auch im negativen Sinne. Deswegen finde ich, dass wir als
       öffentlich geförderte Institutionen eine Pflicht haben, uns mit dem
       auseinanderzusetzen, was in der Welt passiert.
       
       taz: Wie funktioniert die Zusammenarbeit bei einem spartenübergreifenden
       Projekt wie diesem? 
       
       von Schön-Angerer: Wir haben allen Kolleginnen und Kollegen aus allen
       Bereichen, von denen wir E-Mail-Adressen hatten, eine Mail geschrieben und
       einen Aushang im Theater gemacht, um möglichst viele anzusprechen. Wir
       versuchen, uns alle irgendwie einzbringen. Von der Requisite über die
       Dramaturgie, aber auch viele Kolleginnen aus den künstlerischen Bereichen.
       Sogar ein Kollege aus der Technik ist dabei, trotz Schichtarbeit.
       
       taz: Am Donnerstag findet die Lesung des [2][Recherchestücks „And Now
       Hanau“ von Regisseur Tuğsal Moğul] statt, es ist eine minutiöse
       Rekonstruktion des Anschlags. Wieso haben Sie sich für eine Lesung statt
       einer Inszenierung des Stoffes entschieden, wie andere Theater das getan
       haben? 
       
       von Schön-Angerer: Wir sind eine kleine Initiative, die zwar von der
       Leitung unterstützt wird, aber dennoch unabhängig arbeitet. Die ganze
       Inszenierung wäre neben dem normalen Arbeitsalltag nicht stemmbar gewesen.
       
       taz: Welche Rolle spielt Theater bei der Auseinandersetzung mit Rassismus? 
       
       von Schön-Angerer: Theater im Speziellen kann Geschichten anders erfahrbar
       machen, die sonst vielleicht nicht gehört werden oder die in der
       tagesaktuellen Berichtstattung nicht den Raum bekommen, den sie bräuchten.
       Wir leben ja aktuell in einer Welt, die von Populismus geprägt ist, also
       von der Emotionalisierung der Themen. Und genau das machen wir: Wir packen
       die Zuschauer emotional und wollen sie so erreichen.
       
       taz: Kann Theater auch dazu beitragen, Missstände sichtbar zu machen? 
       
       von Schön-Angerer: Beim Dokumentartheater basiert das Stück immer auf
       realen Tatsachen, Dokumenten, Interviews und Prozessakten. Es liegt an uns,
       die Realität für das Publikum konsumierbar zu machen, ohne, dass sie sich
       die ganzen Prozessberichte und Ermittlungsakten durchlesen müssen. Wir
       geben dem Ganzen eine Bühne, und die Zuschauer müssen zuhören. Da hängt man
       nicht nebenbei am Handy oder geht weg, man muss da dann durch.
       
       taz: Die Morde von Hanau sind jetzt sechs Jahre her. Wieso jetzt die
       Lesung? 
       
       von Schön-Angerer: Vielleicht gerade, weil es nicht so ein klassisches
       Jubiläum ist. Auch die gesellschaftspolitische Situation und die nächsten
       Landtagswahlen muss man im Hinterkopf haben.
       
       taz: Fünf Landtagswahlen stehen in diesem Jahr an, und der AfD werden bei
       all diesen Wahlen starke Zuwächse vorausgesagt. 
       
       von Schön-Angerer: Ja. Gleichzeitig ist Vieles noch immer nicht
       aufgearbeitet und ich glaube, man sollte Justiz und Polizei einfach
       weiterhin genau beobachten, weil es ja nicht das erste Mal ist, dass da
       [3][Fehler passiert sind und Dinge nicht aufgeklärt] wurden. Außerdem ist
       ein weiteres [4][Opfer des Anschlags in Hanau] an den Spätfolgen erst vor
       Kurzem verstorben. Es bleibt aktuell, denn die Menschen, die getötet
       wurden, fehlen ja weiterhin.
       
       17 Feb 2026
       
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