# taz.de -- Israels Justiz und die Palästinenser: „Das Gericht hat beschlossen, sein Leben zu beenden“
> Ein Kind aus Gaza darf nicht zur Krebstherapie nach Israel. Eine
> „Verletzung von Israels Pflichten als Besatzungsmacht“, sagen
> Menschenrechtler.
(IMG) Bild: Die israelische Sperranlage bei al-Ramadin, im Süden des Westjordanlands
Es gibt Gerichtsurteile, die Leben einschneidend verändern können. Im Fall
eines fünfjährigen, krebskranken Kindes aus Gaza könnte eines nun über
Leben und Tod entscheiden: Am Sonntag hat das Landgericht in Jerusalem die
Petition der israelischen Menschenrechtsorganisation Gisha abgelehnt, die
für die Einreise des fünfjährigen Krebskranken nach Israel plädiert.
Das Kind stammt aus Gaza, lebt aber mit seiner Mutter in Ramallah [1][im
Westjordanland]. Dorthin wurde die Familie aus dem Gazastreifen bereits
2022 evakuiert, also vor dem Krieg. Damals erhielt das Kind die Diagnose.
Der kleine Junge leidet unter einer besonders aggressiven Form von
Leukämie, die eine spezielle Behandlung erfordert. Und diese Behandlung,
eine Abwehrkörperimmuntherapie gefolgt von einer Transplantation des
Knochenmarkes, gibt es im Westjordanland nicht. Aber im
Tel-Hashomer-Krankenhaus in Ramat Gan, Israel.
Ramat Gan liegt etwa 50 Kilometer von Ramallah entfernt, anderthalb Stunden
Autofahrt. Doch das Kind ist Gazaner. Und Palästinenser*innen aus
Gaza und dem Westjordanland ist [2][seit dem Massaker durch die Hamas am 7.
Oktober 2023] der Zutritt nach Israel grundsätzlich untersagt, Israel
verweist auf Sicherheitsgründe. Nur in wenigen Ausnahmen bekommen sie eine
Einreiseerlaubnis.
Einreiseerlaubnis nur in Ausnahmefällen
Auf Nachfrage verweist [3][Cogat, die zuständige israelische Behörde in den
palästinensischen Gebieten darauf], dass Gazaner*innen seit dem 7.
Oktober keine Erlaubnisse für eine Behandlung in Israel bekommen. Es hätten
aber 42.000 Menschen aus Gaza zur Behandlung ins Ausland reisen dürfen,
unter anderem Italien, Ägypten, in die Vereinigten Arabischen Emirate und
nach Jordanien.
Das steht auch in den Gerichtsakten, die die taz dazu einsehen konnte. Das
Gericht in Jerusalem bezieht sich auf diese Entscheidung der israelischen
Behörden und des Verteidigungsministers.
Doch Amman, Jordaniens Hauptstadt, ist von Ramallah doppelt so weit
entfernt wie Ramat Gan. Die Ärzte des Kindes raten von einer solchen Reise
ab. Der Zustand des Jungen habe sich zuletzt massiv verschlechtert.
Das Gericht in Jerusalem erklärte aber: Es sei nicht sicher, dass die
Gesundheit des Kindes durch eine Reise ins Ausland beeinträchtigt werden
könnte. Und dass die Familie nicht genug Versuche unternommen habe, ihren
Sohn in Jordanien behandeln zu lassen.
## „Es ist eine ungerechte, unfaire Entscheidung“
Die Mutter des Kindes, dessen Vater bereits an Krebs verstorben ist, sagt,
das Urteil stoße „einen Dolch ins Herz“. Sie habe gehofft, dass ihr Sohn
durch die Transplantation wieder würde laufen können. „Es ist eine
ungerechte, unfaire Entscheidung. Mohammed ist nur ein kleines Kind. Das
Gericht hat beschlossen, sein Leben zu beenden, indem es ihm die Behandlung
verweigert“, schreibt die Mutter der taz.
Die israelische Menschenrechtsorganisation Gisha, die sich vornehmlich mit
der Bewegungsfreiheit von Palästinenser*innen beschäftigt, sagt: Das
Urteil stelle eine „unverfrorene und andauernde Verletzung von Israels
Pflichten als Besatzungsmacht“ unter internationalem Recht dar, vor allem
der [4][Pflicht zum Schutz des Lebens- und Gesundheitsrechts] der
Bevölkerung unter ihrer Kontrolle. Die Politik, die damit unterstützt
werde, „verurteilt Kinder zum Tod, selbst wenn eine lebensrettende
Behandlung verfügbar ist“.
Menschenrechtsorganisationen beklagen: Die Zahl der Ausreisegenehmigungen
sei viel zu niedrig, verglichen mit der der Menschen in Not. [5][Gut 18.500
Gazaner*innen stehen laut den Vereinten Nationen] auf der Warteliste
für eine medizinisch bedingte Ausreise.
17 Feb 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Siedlergewalt-im-Westjordanland/!6151569
(DIR) [2] /7-Oktober-Ueberlebender-im-Gespraech/!6115263
(DIR) [3] /Landrecht-im-Westjordanland/!6152888
(DIR) [4] /Gaza-Tagebuch/!6127532
(DIR) [5] https://www.ochaopt.org/content/reported-impact-snapshot-gaza-strip-28-january-2026
## AUTOREN
(DIR) Serena Bilanceri
## TAGS
(DIR) Schwerpunkt Nahost-Konflikt
(DIR) Gaza
(DIR) Westjordanland
(DIR) Israel
(DIR) Krebs
(DIR) Kinder
(DIR) Einreise
(DIR) Ramallah
(DIR) GNS
(DIR) Israel
(DIR) Israel
(DIR) Schwerpunkt Nahost-Konflikt
(DIR) Gaza
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Armee-Gewalt im Westjordanland: Eine Dreiviertelstunde lang liegt Jad Jadallah im Sterben
Im Westjordanland wird ein 14-Jähriger von israelischen Soldat:innen
erschossen. Videos sollen zeigen, wie die Streikräfte den Teenager
verbluten ließen.
(DIR) Deutschland und Israel: Wir Komplizen
Julia Klöckner ist eine von Netanjahus besten PR-Botschafterinnen. Deshalb
durfte sie in den Gazastreifen fahren: ein Privileg, das anderen verwehrt
wurde.
(DIR) Klöckners Kurzbesuch in Gaza: Mit beschränkter Perspektive
Die Bundestagspräsidentin bekommt von der israelischen Armee einen kleinen
Ausschnitt von Gaza präsentiert. Die palästinensische Perspektive fehlte.
(DIR) NGOs im Gazastreifen: Verbotene Hilfe
Israel will Ärzte ohne Grenzen und 36 weitere Organisationen aus Gaza
verdrängen. Was bedeutet das vor Ort?