# taz.de -- Medizinische Forschung zur Menstruation: Unterschätztes Blut
> Menstruationsblut könnte helfen, Krankheiten besser zu erkennen. Bisher
> blieb das Potenzial ungenutzt. Obwohl erste Ansätze vielversprechend
> sind.
(IMG) Bild: Da steckt mehr drin: Mensturationsblut ist bisher unterschätzt
Oma steckt im Verkehr fest. Die rote Kuh wurde geschlachtet. Es regnet auf
der Farm. Tante Flo ist angekommen. Die Maler sind im Treppenhaus. Es ist
mal wieder Erdbeerzeit!
Menschen werden beeindruckend kreativ, wenn es darum geht, etwas zu
verschleiern, [1][was gemeinhin als ekelhaft und peinlich gilt]. Dabei
könnte es so einfach sein. Zwei Wörter, keine Beschönigungen: Ich blute.
„Wo denn?!“, könnte die – ja, doch, irgendwie schon – berechtigte Rückfrage
lauten. Zum Glück gibt es ein paar Alternativen, um solche
Missverständnisse von vornherein aus dem Weg zu räumen: Ich habe meine
Periode. Ich menstruiere. Aus meiner Vagina kommt Blut.
Um genau zu sein, sind es im Durchschnitt [2][knapp 90 Milliliter Blut],
die eine menstruierende Person pro Zyklus verliert. Damit könnte man
ungefähr neun Röhrchen füllen, wie man sie von Blutabnahmen kennt. Oder
einen halben Plastikbecher, in dem man sonst Urin zur Probe abgibt. Sich
Menstruationsblut in Gefäßen vorzustellen, die später ins Labor geschickt
werden, mag sich ungewohnt anfühlen.
Bei Flüssigkeiten wie venösem Blut, Urin oder Speichel kennen wir das
Spiel: Wir entnehmen sie unserem Körper, um ihn auf Entzündungen und
Krankheiten untersuchen zu lassen. Menstruationsblut aber landet direkt im
Müll oder Abwasser. Verkennen wir damit möglicherweise eine wertvolle und
leicht zugängliche Ressource?
## Menstruationsblut ist anders
Menstruationsblut ist nicht gleich venöses Blut. Denn bei einer
Menstruation werden auch Teile der Gebärmutterschleimhaut ausgeschieden.
Diese baut sich zu Beginn eines jeden Zyklus auf, damit eine befruchtete
Eizelle es sich darin gemütlich machen kann. Passiert das nicht, stößt der
Körper das Gewebe durch schwache und starke, kurze und lange Kontraktionen
wieder ab. Was beim Blick in die Unterhose nicht erkennbar ist: Hunderte
von Proteinen, Zellen und Hormonen tummeln sich darin. Laien würden sie
unter dem Mikroskop vielleicht als Spiegeleier oder verknotete
Schwimmnudeln erkennen.
In ihnen sehen immer mehr Expert*innen nun enormes Potenzial für die
medizinische Forschung. Denn je nachdem, in welcher Konzentration diese
Proteine und Zellen im Menstruationsblut vorkommen, kann das Aussagen über
den Zustand eines Körpers treffen. Sie dienen dann als Biomarker, also als
Merkmale zur Erkennung und Behandlung von Krankheiten. Würden sie im
Menstruationsblut gezielt untersucht, könnten gynäkologische Erkrankungen
und sogar Tumore früher und ohne aufwendige invasive Eingriffe erkannt
werden.
Das sagt auch ein [3][Forschungsteam der Technischen Hochschule in Zürich],
das sich kürzlich mit einer außergewöhnlichen Menstruationsbinde an die
Öffentlichkeit wandte. Das Prinzip dahinter ähnelt dem eines
Corona-Schnelltests: Betroffene menstruieren in die Binde und analysieren
die dort integrierte Testfläche anhand von unterschiedlich stark sichtbaren
Farbstreifen. Das geht auch mithilfe einer App. Je nach Intensität der
Streifen zeigt sie an, ob bestimmte Proteinwerte im Blut erhöht sind. Das
soll Hinweise auf mögliche Entzündungen oder Krebserkrankungen liefern.
Nach einer ersten erfolgreichen Machbarkeitsstudie wird aktuell in einer
Untersuchung getestet, wie gut sich die Technologie im Alltag bewährt.
## Indikator für Erkrankungen
Der Ansatz aus der Schweiz ist nicht neu. Bereits Anfang 2024 wurde eine
Binde von der US-amerikanischen Arzneimittelbehörde zugelassen, die
Menstruationsblut in einem Teststäbchen auffängt. Hier ging es allerdings
nicht um die Erkennung von gynäkologischen Erkrankungen, sondern um die
Messung von Blutzucker, genauer: um das Protein Hämoglobin A1c. Dieses
zeigt an, wie hoch der durchschnittliche Blutzuckerspiegel der letzten zwei
bis drei Monate war – ein wichtiger Parameter zur Diagnose von Diabetes.
Aber können Proteine wirklich verlässlich über gynäkologische Erkrankungen
wie Endometriose informieren? Sylvia Mechsner, Leiterin des
Endometriosezentrums der Charité in Berlin, sieht das kritisch. Das Protein
CA-125 zum Beispiel, das oft mit Endometriose, aber auch mit Eierstock-
oder Gebärmutterhalskrebs in Verbindung gebracht wird, sei zwar zuverlässig
erhöht, wenn Zysten vorhanden seien oder die Endometriose weit
fortgeschritten sei. Fällt der Wert aber normal aus, schließe das die
Erkrankung nicht zwingend aus.
Trotzdem habe Menstruationsblut durchaus Potenzial, Hinweise auf
Endometriose zu geben, so Mechsner. Hoffnung setzt sie in die Analyse von
darin enthaltenen Stammzellen. Endometriose ist eine weit verbreitete
Erkrankung, bei der Gewebe, das der Gebärmutterschleimhaut ähnelt,
außerhalb der Gebärmutterhöhle wächst.
Wie viele andere Expert*innen geht Mechsner davon aus, dass sich bei
Endometriose Stammzellen aus der Gebärmutter durch deren Bewegung lösen und
an andere Stellen im Körper gelangen, zum Beispiel in den Bauchraum oder in
die Eierstöcke. Dort siedeln sie sich an und bilden die typischen
Endometrioseherde, die auf Hormone reagieren und häufig starke Schmerzen
auslösen.
Auch solche Stammzellen werden mit dem Menstruationsblut ausgespült.
Inzwischen gibt es wissenschaftliche Erkenntnisse dazu, dass sich die
Stammzellen von gesunden Personen von jenen mit Endometriose unterscheiden.
Doch diagnostische Tests, die auf diesen Unterschieden aufbauen, sind bis
heute nicht auf dem Markt. Wie kann das sein?
## Zu wenig Förderung bei medizinischer Forschung
Die Antwort darauf ist vielschichtig und bezieht sich gleichzeitig auf ein
zentrales Problem: Erkrankungen, die fast ausschließlich Menschen mit
Gebärmutter betreffen, haben für die Medizin geringe Priorität. Laut
[4][einer auf die USA bezogenen Untersuchung der Fachzeitschrift Nature
beispielsweise], erhalten Migräne, Endometriose und Angststörungen, von
denen Frauen überproportional betroffen sind, im Verhältnis zu ihrer
Belastung für die Bevölkerung viel weniger Fördermittel als andere
Erkrankungen.
Das führt dazu, dass selbst vielversprechende Befunde – wie die aus
Pilotstudien mit Menstruationsblut – nicht in große, reproduzierbare
Studien überführt werden können. Weil das Geld fehlt. Und damit die
Voraussetzung für die Entwicklung klinischer Tests.
Überhaupt wurden Frauen bis in die frühen Neunzigerjahre systematisch aus
klinischen Studien ausgeschlossen. [5][Bis heute kommen Personen, die keine
Cis-Männer sind, viel weniger in ihnen vor.] Erkenntnisse zu
Krankheitssymptomen oder Nebenwirkungen von Medikamenten basieren deshalb
vor allem auf männlichen Körpern. Das Ergebnis: Weltweit verbringen Frauen
im Schnitt 25 Prozent mehr Zeit ihres Lebens in schlechter Gesundheit als
Männer. [6][Staatliche Förderprogramme wollen das ändern] und setzen sich
zum Ziel, den sogenannten Gender Data Gap in der klinischen Forschung zu
verringern.
## Unternehmen sehen Marktlücke
Warum tut meine Blutung so weh? Wieso kommt sie so unregelmäßig? Viele
Betroffene von gynäkologischen Erkrankungen suchen jahrelang vergeblich
nach Antworten auf solche Fragen. Kein Wunder, dass gerade Unternehmen
boomen, die laut und selbstbewusst versprechen, sie parat zu haben.
„Es gibt mittlerweile einige Start-ups, die aggressiv mit überteuerten
Tests werben, ohne genügend wissenschaftliche Daten zu liefern“, kritisiert
Endometriose-Forscherin Sylvia Mechsner. Als Beispiel nennt sie ein
deutsches Start-up, das seit 2022 einen Test entwickelt, der aus
Menstruationsblut unter anderem den Hormonspiegel bestimmen soll, mit dem
Versprechen, innerhalb von wenigen Tagen Informationen zu Fruchtbarkeit
oder früher Menopause zu liefern.
Ob Menstruationsblut Aussagen über die Fruchtbarkeit treffen kann, kann die
Wissenschaft zum jetzigen Stand weder belegen noch widerlegen. Eine, die
sich seit rund 15 Jahren mit genau dieser Frage beschäftigt, ist Renate van
der Molen, medizinische Immunologin von der Radboud-Universität in den
Niederlanden. In ihrer Arbeitsgruppe untersucht sie Immunzellen aus dem
Menstruationsblut und vergleicht sie mit Gewebeproben aus der
Gebärmutterschleimhaut.
Ihre Studien zeigen, dass die aus dem Menstruationsblut gewonnenen Zellen
eine deutliche Ähnlichkeit mit denen aufweisen, die aus Gewebeproben
stammen. Sollte sich das in anderen Studien bestätigen, könnten invasive
Eingriffe zur Erkennung von Entzündungen oder Krankheiten der Gebärmutter
nicht mehr unbedingt notwendig sein.
In Regionen, in denen der Zugang zu gynäkologischer Vorsorge eingeschränkt
ist, könnte das eine große Erleichterung für Betroffene bedeuten. Viele
gynäkologische Erkrankungen können bislang nur mit invasiven Eingriffen
festgestellt werden. Das führt dazu, dass Betroffene häufig ihr Leben lang
im Ungewissen bleiben.
## Wissensmangel verhindert weitere Forschung
Kritiker*innen von Menstruationsblutproben argumentieren damit, dass
die Menge und Zusammensetzung des Blutes von Person zu Person stark
variiert: Manche Periode ähnelt einem Wasserfall, mit dem selbst
XXL-Tampons überfordert sind. Andere verlieren ihr Blut wie ein undichter
Hahn sein Wasser – und finden nach mehr als einer Woche noch Flecken in
ihrer Hose.
Auch Renate van der Molen sagt, es seien noch mehr Studien notwendig, um
die Schwankungen über die verschiedenen Menstruationszyklen hinweg sowie
deren Auswirkungen auf die Zellproben zu untersuchen. Allerdings sagt sie
auch: „Weil es diese Unklarheiten gibt, werden nötige Studien nicht
finanziert und es ist sehr schwierig, als Forscherin in diesem Bereich
Fördermittel zu erhalten. Es ist leider ein Teufelskreis.“
Das mussten auch Forschende aus Australien erkennen, die 2017 eine Studie
veröffentlichten, die sich mit der Auswirkung von Menstruationsblut auf die
Heilung von Wunden beschäftigte. Dafür gaben sie Zellen aus menschlicher
Haut in eine Petrischale, durchlöcherten die Zellschicht und befüllten sie
mit Plasma aus Periodenblut. Als sie einen Tag später zurückkehrten, waren
die Löcher verschwunden.
Der gleiche Versuch mit venösem Blutplasma brachte deutlich andere
Ergebnisse: Nur 40 Prozent der Wunden waren nach 24 Stunden verheilt. Ob
ihre Beobachtungen die Wundheilung revolutionieren könnten, bleibt
unbeantwortet. Für weitere Untersuchungen fehlten die Gelder.
Dabei finden sich plausible Erklärungsansätze dafür, warum
Menstruationsblut regenerative Prozesse beschleunigen kann. Nein, die
magische oder gar heilige Wirkung, die so mancher spirituelle Kreis
beschwört, soll an dieser Stelle keine Rolle spielen. Wobei es durchaus an
ein Wunder grenzt, zu was die Gebärmutterschleimhaut fähig ist: Dank ihren
besonderen Stammzellen, die sich schnell teilen und vervielfältigen können,
erneuert sie sich jeden Monat innerhalb weniger Tage, ohne dass dabei eine
Narbe entsteht.
## Bisher unterschätztes Potenzial
Trotzdem spielte Menstruationsblut bis vor zehn Jahren für die Forschung
kaum eine Rolle. Eine Analyse aus dem Jahr 2022 zeigt, dass ein Großteil
der Publikationen zu Stammzellen im Menstruationsblut erst seit 2018
erschienen ist. Dass die Forschung überhaupt begonnen hat, sich für das
Thema zu interessieren, ist vor allem der Verdienst von Kämpfen
feministischer Bewegungen. In den vergangenen Jahren haben sie die
Menstruation immer weiter in den öffentlichen Diskurs gerückt.
In Spanien etwa stehen Personen mit Menstruationsbeschwerden seit 2023
gesetzlich bis zu fünf Krankheitstage pro Monat dafür zu. In vielen anderen
Ländern wurde die Mehrwertsteuer auf Menstruationsprodukte abgeschafft. In
Schottland sind seit 2022 alle öffentlichen Einrichtungen dazu
verpflichtet, sie kostenlos bereitzustellen.
## Schneller zur Endometriose-Diagnose
Doch von den ersten Symptomen bis zur Diagnose von Endometriose vergehen
noch immer bis zu zwölf Jahre. Betroffene berichten, dass Ärzt*innen ihre
Beschwerden häufig als Regelschmerzen abtun und aufwendige Untersuchungen
nicht für nötig halten. „Das muss besser gehen!“, schreiben vier junge
Medizinforscher*innen aus Linz auf ihrer Website.
Sie arbeiten an einem Schnelltest für Endometriose, der sich auf die
RNA-Signaturen von Zellen aus Menstruationsblut spezialisiert. Mit ihnen
wird untersucht, welche Gene in welcher Menge gerade in einer Zelle aktiv
sind. Daraus lässt sich ablesen, wie Zellen auf Reize oder Krankheiten
reagieren. Aktuell wird er in einer klinischen Studie getestet.
„Wir wollen, dass Frauen, die einen starken Verdacht auf Endometriose
haben, nicht mehr von Arztbesuchen abhängig sind“, sagt Peter Oppelt,
Vorstand der Universitätsklinik für Gynäkologie und Geburtshilfe in Linz
und der Leiter des Projektes. Der Test soll frei zugänglich und
kostengünstig sein. Einen genauen Preis kann er auf Anfrage noch nicht
nennen.
6 Jan 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Soziologin-zur-Menstruation/!6110591
(DIR) [2] https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/30712040/
(DIR) [3] https://ethz.ch/de/news-und-veranstaltungen/eth-news/news/2025/05/die-binde-wird-zum-teststreifen.html
(DIR) [4] https://www.nature.com/immersive/d41586-023-01475-2/index.html
(DIR) [5] /Behandlungen-durch-Aerztinnen/!6025581
(DIR) [6] https://www.gesundheitsforschung-bmftr.de/de/reduzierung-des-gender-data-gap-in-der-klinischen-forschung-18488.php
## AUTOREN
(DIR) Katharina Federl
## TAGS
(DIR) Menstruation
(DIR) Forschungsförderung
(DIR) Medizin
(DIR) GNS
(DIR) Lübeck
(DIR) Feminismus
(DIR) Gesundheitsvorsorge
(DIR) Trans
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Geschlechtersensible Medizin: „Es gibt einen riesigen blinden Fleck“
Die Medizin muss geschlechtersensibler werden, sagt die Ärztin Sylvia
Stracke. Denn der männliche Körper gilt in der Forschung noch immer die
Norm.
(DIR) Soziologin zur Menstruation: „Enttabuisierung ist mehr als Ausweitung von Konsum“
Sophie Bauer forscht zu Menstruation. Hier erklärt sie, warum sie lieber
von Menstrualität spricht und wie sich der Mythos vom giftigen Blut weiter
hält.
(DIR) Krankheit PCOS: Isabel will Blut sehen
Unter dem Polyzystischen Ovarialsyndrom leidet in etwa jede zehnte Frau –
doch das Gesundheitssystem ignoriert dies. Die Betroffene Isabel Flieter
berichtet.
(DIR) Autor Linus Giese über Menstruation: Blut hat kein Geschlecht
Nach Jahren ohne Periode kehrt das Menstruationsblut unseres Autors
unerwartet zurück. Über den komplizierten Umgang mit Menstruation als
trans* Mann.