# taz.de -- Aktivistin über Schwangerschaftsabbrüche: „Jedes Jahr müssen Tausende deshalb ins Ausland reisen“
> Schwangerschaftsabbrüche sind noch immer rechtswidrig. Die
> Kriminalisierung hat für Betroffene erhebliche Folgen, sagt Aktivistin
> Lara Islinger.
(IMG) Bild: Kundgebung am Safe Abortion Day in Hamburg 2025: Noch ein weiter Weg zur Entkriminalisierung
taz: Frau Islinger, was bedeutet die Kriminalisierung von
Schwangerschaftsabbrüchen konkret für Betroffene?
Lara Islinger: Ihnen werden Steine in den Weg gelegt. Die Kriminalisierung
von Abtreibung schafft strukturelle Hürden und ist auch ein Grund dafür,
dass die Versorgungslage so schlecht ist. Deswegen muss sie weg. Diese
Forderung ist nicht so radikal, wie viele denken. Die vollständige
Entkriminalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen und Abschaffung aller
Zugangsbarrieren werden zum Beispiel von der Weltgesundheitsorganisation
empfohlen.
taz: Was sind das für strukturelle Hürden?
Islinger: Die verpflichtende Beratung, die dreitägige Wartezeit, die
gesetzlich festgelegte Trennung von beratender und durchführender Person,
dass nur Ärtzt*innen Abtreibungen machen dürfen, die Kosten, die
Zwölf-Wochen-Frist und mehr.
taz: Was spräche denn für eine Erweiterung der Zwölf-Wochen-Frist?
Islinger: Die meisten Abbrüche finden früh in der Schwangerschaft statt,
aber es wird immer Menschen geben, die eine spätere Abtreibung brauchen.
Zum Beispiel, wenn die Schwangerschaft erst spät festgestellt wurde,
aufgrund medizinischer Komplikationen oder tragischer Gründe, wie der Tod
des Partners. Jedes Jahr müssen Tausende deshalb ins Ausland reisen.
[1][Viele haben Schwierigkeiten, das Geld dafür zusammenzukriegen.] Wegen
solcher Hürden verzögern sich Abtreibungen dann weiter. Das geht so nicht.
Abtreibungen müssen immer möglich sein – so früh wie möglich und so spät
wie nötig.
taz: Warum sollten wir Schwangerschaftsabbrüche [2][intersektional
betrachten?]
Islinger: Weil die Entscheidung für oder gegen eine Schwangerschaft von den
Lebensumständen bestimmt wird. Erst wenn soziale Ungleichheiten überwunden
sind, kann die Entscheidung für oder gegen eine Schwangerschaft wirklich
frei sein.
taz. Inwiefern?
Islinger: Zum Beispiel ist das größte Armutsrisiko in Deutschland, Kinder
zu haben. Außerdem gibt es viele Faktoren wie Rassismus oder Ableismus, die
die Entscheidung und den Zugang beeinflussen. Mir ist es wichtig, die
Perspektive der reproduktiven Gerechtigkeit auf Schwangerschaftsabbrüche
anzuwenden.
taz: Worum geht es dabei?
Islinger: Das Konzept der reproduktiven Gerechtigkeit wurde in den 1990er
Jahren von schwarzen US-amerikanischen Feminist*innen begründet. Es
bedeutet sowohl das Recht, Kinder zu bekommen, als auch das Recht, keine
Kinder zu bekommen – und das Recht, Kinder unter sicheren und würdevollen
Bedingungen großzuziehen. Im Hinblick auf Schwangerschaftsabbrüche bedeutet
das, dass wir anerkennen, wie häufig diese Entscheidungen von ökonomischem
und gesellschaftlichem Druck beeinflusst werden, und dass wir uns auch für
bessere Bedingungen für diejenigen einsetzen, die sich für Kinder
entscheiden.
taz: Betroffene, die einen Schwangerschaftsabbruch erlebt haben, berichten
teilweise von traumatischen Erfahrungen. Inwiefern tragen die gesetzlichen
Hürden dazu bei?
Islinger: Dazu ist es wichtig zu sagen, dass es eine verzogene Diskussion
gibt, was die psychischen Folgen von Schwangerschaftsabbrüchen angeht. Zum
Beispiel ist das [3][„Post Abortion Syndrom“ ein hartnäckiger Mythos.]
Langzeitstudien zeigen: Die häufigste Emotion, die auch Jahre später mit
einer Abtreibung verbunden wird, ist Erleichterung. Im Zusammenhang mit
einer Abtreibung können aber alle möglichen Gefühle auftreten. Wenn
Menschenn von traumatischen Erfahrungen berichten, liegt das oft auch an
den belastenden Umständen, unter denen die Abtreibung stattfand: Zum
Beispiel die Stigmatisierung, die erzwungene „Bedenkzeit“ und weitere schon
genannte Hürden, die dazu führen, dass Ärtz*in und Methode nicht frei
gewählt werden können.
22 Jan 2026
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