# taz.de -- Historiker über gerechte Steuern: „Das ist vor allem Propaganda“
       
       > Die Argumente gegen eine Erbschaftsteuer überzeugen nicht, sagt Marc
       > Buggeln. Er erklärt, was sich dazu aus der Geschichte lernen lässt.
       
 (IMG) Bild: Zur Schau gestellter Reichtum in Monaco: Wer sehr viel erbt, muss oft keine Erbschaftsteuer zahlen
       
       taz: Herr Buggeln, haben Sie etwas geerbt? 
       
       Marc Buggeln: Nein.
       
       taz: Werden Sie etwas erben? 
       
       Buggeln: Ja, ein halbes kleines Häuschen.
       
       taz: Wird da Erbschaftsteuer fällig werden? 
       
       Buggeln: Nein, das wird weit unter den Grenzen liegen.
       
       taz: Ist die Erbschaftsteuer in Deutschland gerecht organisiert? 
       
       Buggeln: Nein. Wer sehr viel erbt, muss oft gar nichts zahlen. Wer ein Haus
       in München erbt, bezahlt 8 bis 15 Prozent Erbschaftsteuer. [1][Wer einen
       Immobilienkonzern mit 300 Häusern erbt, bezahlt nichts]. Das ist ungerecht.
       
       taz: Die Union will, dass solche Konzerne weiterhin steuerfrei vererbt
       werden können. Wenn Erbschaftsteuer anfällt, würden Jobs verloren gehen. 
       
       Buggeln: Das ist nicht überzeugend. [2][Die SPD schlägt vor], die
       anfallende Steuer über 20 Jahre zu strecken. Fiele dann also eine
       Erbschaftsteuer von 30 Prozent des Unternehmenswerts an, hieße das, dass
       das Unternehmen 20 Jahre lang 1,5 Prozent Erbschaftsteuer zahlen müsste.
       Das ist bei den meisten Unternehmen über die Rendite möglich.
       
       taz: Eine höhere Erbschaftsteuer könnte Unternehmer ins Ausland abwandern
       lassen. Der CDU-Finanzpolitiker Mathias Middelberg fürchtet sogar einen
       „Exitus“ für mittelständische Unternehmen. 
       
       Buggeln: Auch das ist nicht besonders überzeugend. Ein Immobilienkonzern
       kann nur begrenzt ins Ausland abwandern. Das gilt für viele Unternehmen.
       Von einem Exitus des Mittelstands zu reden, ist vor allem Propaganda.
       
       taz: Die Wirtschaft kriselt. Arbeitsplätze werden abgebaut. Muss man da
       nicht alles tun, damit Unternehmen hier investieren und Gewinne machen? 
       
       Buggeln: Bei Krisenbranchen wie der Autoindustrie muss der Staat über
       Hilfen nachdenken. Aber: Es gibt in Deutschland etwa 3.000 Familien, die
       ein Vermögen von über 100 Millionen Euro haben. Diese Großunternehmen haben
       sich in der Stiftung Familienunternehmen organisiert – das klingt besser
       als Konzern. Den meisten dieser Großunternehmen geht es sehr gut. Die
       könnten eine Erbschaftsteuer nach SPD-Plänen aus den Dividenden bezahlen,
       die sie in den letzten Jahren üppig ausgeschüttet haben. Dass die
       Familienunternehmer trotzdem ihren Bankrott an die Wand malen, ist das
       übliche Mittel, um ihre beachtlichen Besitztümer zu schützen.
       
       taz: Die Unternehmen sagen: Wir haben schon Kapitalertrag-, Einkommen- oder
       Körperschaftsteuer bezahlt. Erbschaftsteuer ist eine Doppelbesteuerung. Ist
       da etwas dran? 
       
       Buggeln: Nein. Die Erbschaftsteuer zahlen die Nachkommen, die noch keine
       Steuern bezahlt haben. Von Doppelbesteuerung einer Person kann keine Rede
       sein.
       
       taz: Konservative Ökonomen wie Clemens Fuest plädieren für eine
       einheitliche Erbschaftsteuer von 8 Prozent. Besser 8 von x als 30 Prozent
       von nix? 
       
       Buggeln: Etwas ist besser als nichts. Aber ich ziehe das SPD-Modell mit
       progressiven Steuern vor. Es gibt eine wachsende Vermögensungleichheit, der
       man nur mit einem progressiven System begegnen kann. Wir haben faktisch
       kein progressives Steuersystem mehr. Gabriel Zucman, der
       EU-Steuer-Koordinator, hat kürzlich aufgezeigt, dass die Bevölkerung mit
       geringem Einkommen bis zur oberen Mittelschicht rund 35 bis 45 Prozent
       Abgaben zahlen – die Superreichen zahlen aber nur 20 bis 25 Prozent. Das
       stellt die Idee der progressiven Steuern auf den Kopf. Das ist für die USA,
       Frankreich und Schweden durch neue Studien belegt. Für Deutschland dürften
       die Zahlen ähnlich sein.
       
       taz: Was kann man dagegen tun? 
       
       Buggeln: Zucman hat ein interessantes Steuerkonzept entwickelt, um diese
       Unwucht zu korrigieren. Demnach fallen ab einem Vermögen von 100 Millionen
       zwei Prozent Vermögensteuer im Jahr an. Einkommen- oder Körperschaftsteuer
       können die Unternehmen davon abziehen. Zahlen sie sowieso mehr, wird keine
       Vermögensteuer fällig, ansonsten die Differenz. Das trifft also nicht den
       Mittelstand, der in der Regel Steuern zahlt, sondern nur die Superreichen,
       die mit Holding-Gesellschaften die Einkommenssteuer und mit Stiftungen die
       Erbschaftsteuer umgehen. Viele Superreiche und große Unternehmen zahlen nur
       noch die Körperschaftssteuer von 15 Prozent. Und damit prozentual weniger
       als Ärmere. Das ist nicht nur ungerecht, es gefährdet auch die Demokratie.
       
       taz: Warum? 
       
       Buggeln: Weil wachsendes Vermögen wachsende Macht bedeutet. In den USA ist
       das überdeutlich. Auch in Deutschland hat sich in den letzten zwei
       Jahrzehnten in Wirtschaftsfragen die Elite durchgesetzt.
       
       taz: Zum Beispiel? 
       
       Buggeln: Der Spitzensteuersatz ist gesunken, die Erbschaftsteuer ist
       gesunken, die Körperschaftsteuer wird demnächst gesenkt. Dafür wurde die
       Mehrwertsteuer, die Ärmere anteilig stärker trifft, erhöht.
       
       taz: Und das bedroht die Demokratie? Schweden ist ungleicher als
       Deutschland und trotzdem eine Demokratie. 
       
       Buggeln: Als Historiker schaue ich vor allem nach hinten. Die großen
       Vermögen sind gewachsen, Schulen verfallen, der Staat zieht sich zurück,
       und Aufstiegsversprechen wurden gebrochen. Das scheinen Bedingungen für den
       Aufstieg rechtspopulistischer Parteien zu sein.
       
       taz: Sind progressive Steuern typisch für Demokratien? 
       
       Buggeln: In der Tendenz – ja. Im feudalen Europa gab es bis zum Ende des
       19. Jahrhunderts ein regressives Steuersystem. Forscher sagen, dass dieses
       Steuersystem wesentlich dazu beigetragen hat, dass die Ungleichheit vom 14.
       bis zum 19. Jahrhundert permanent gestiegen ist. Das änderte sich im 20.
       Jahrhundert, als progressive Steuern auf Erbe, Einkommen und Vermögen
       eingeführt wurden. Die Steuersätze waren erst sehr gering, stiegen aber ab
       1914 im Ersten Weltkrieg rapide auf 77 Prozent in den USA und auf 50
       Prozent in Großbritannien an. Die Reichen finanzierten in diesen
       Demokratien den Krieg. Das geschah auch im Zweiten Weltkrieg.
       
       taz: Wie war es in Deutschland? 
       
       Buggeln: Finanzminister Matthias Erzberger, ein Zentrumspolitiker, setzte
       in der Weimarer Republik 1919 eine Reform mit hohen progressiven Steuern
       um. Ein eher progressives, umverteilendes Steuersystem ist für Demokratien
       typisch. Und es geht wieder in die andere Richtung, wenn es zu einem
       Wechsel Richtung Diktatur kommt, wie nach dem Putsch 1973 in Chile, als das
       Pinochet-Regime die Steuern Richtung Flat Tax senkte.
       
       taz: Steuersenkungen für die Reiche gibt es aber auch in Demokratien. 
       
       Buggeln: Das stimmt. Im Zuge der neoliberalen Wende haben Ronald Reagan in
       den USA und Margaret Thatcher in Großbritannien, die Vermögens- und
       Spitzensteuersätze in den 80er Jahren radikal gesenkt. Die rot-grüne
       Regierung hat in den Nullerjahren nachgezogen.
       
       taz: Kann man aus der Geschichte lernen, wann es möglich ist, ein
       gerechteres Steuersystem einzuführen? 
       
       Buggeln: Faktisch war dies oft in Kriegen möglich, in denen die Staaten
       viel Geld brauchten. Oder in tiefen wirtschaftlichen Krisen.
       Steuerreformen, die die Eliten belasten, gibt es nur, wenn klar ist, dass
       es so, wie es ist, nicht weitergeht; und wenn es einen breit geteilten
       gesellschaftlichen Konsens gibt, dass große soziale Ungleichheit nachteilig
       ist. Große Reformen im politischen Normalbetrieb sind eher selten.
       
       taz: Wurden in Deutschland jemals Steuererhöhungen für Reiche gegen den
       Willen der Konservativen durchgesetzt? 
       
       Buggeln: Nur 1919 mit der Erzberger’schen Reform. In den 1970er Jahren hat
       die sozialliberale Koalition die Erbschaftsteuer leicht erhöht. Ohne
       massive Gegenwehr der Konservativen. Die Erhöhung der Erbschaftsteuer stand
       1972 auch im Wahlprogramm der CDU/ CSU.
       
       taz: War die Erhöhung der Erbschaftsteuer 1974 eigentlich die letzte
       Steuererhöhung für die Eliten in Deutschland? 
       
       Buggeln: So ist es im Hinblick auf die Erbschaftsteuer. In der
       Einkommensteuer wurde 2005 noch die Reichensteuer eingeführt, also die
       Erhöhung des Einkommensteuerspitzensatzes von 42 auf 45 Prozent. Da aber
       parallel die Mehrwertsteuer um drei Prozentpunkte angehoben wurde, war der
       Gesamteffekt der Reform regressiv.
       
       taz: Ist Deutschland 2026 in Bezug auf die Vermögensverteilung wieder auf
       dem Weg zurück ins 19. Jahrhundert? 
       
       Buggeln: Die USA sind tatsächlich bei Vermögen- und auch
       Einkommensungleichheit wieder im 19. Jahrhundert angekommen. Elon Musk ist
       der neue Rockefeller. Deutschland ist in punkto Einkommensungleichheit weit
       vom 19. Jahrhundert entfernt. Die Ungleichheit beim Vermögen hat allerdings
       in den letzten Jahrzehnten zugenommen.
       
       taz: Warum ist es in Deutschland so schwer, Vermögen zu besteuern? 
       
       Buggeln: In Preußen und Sachsen ist relativ früh eine progressive
       Einkommensteuer eingeführt worden. Die adeligen Großgrundbesitzer dort
       waren für die Einkommensteuer, denn die zahlte vor allem das Bürgertum. Der
       Adel bekämpfte aber die Erbschaftsteuer. Sie konnten auf ihren
       landwirtschaftlichen Gütern ihr Einkommen gut verbergen, das Vermögen aber,
       das Land, lässt sich ausmessen und besteuern. Der Adel sorgte bis 1919
       dafür, dass es keine Erbschaftsteuer für Ehefrauen und Kinder gab und die
       Dynastie nicht gefährdet war. Die Erzberger-Reform ändert das 1919 zwar,
       aber ab 1924 senkte eine bürgerliche Koalitionsregierung die
       Erbschaftsteuersätze für Kinder und nahe Angehörige schon wieder radikal.
       
       taz: Und bei den Nazis? Brauchten die nicht Geld für den Krieg? 
       
       Buggeln: Die Nazis erhöhen aufgrund des Krieges die Steuern, aber nicht
       Erbschaft- und Vermögensteuer. Es gab sogar eine Lex Krupp. Als der Tod
       nahte, sorgte Hitler persönlich dafür, dass keine Erbschaftsteuer anfiel,
       als der Konzern von den Eignern auf den Sohn übertragen wurde. 1945 setzen
       die Alliierten die deutsche Erbschaftsteuer auf das Niveau in
       Großbritannien und den USA, welches viel, viel höher lag und auch für
       Ehefrauen und Kinder galt. Aber – kaum war die Bundesrepublik wieder
       selbstständig, wurden die Erbschaftsteuern wieder radikal gesenkt.
       
       taz: Warum? 
       
       Buggeln: Der Adel hatte nach 1945 kaum noch Einfluss. Und trotzdem gelten
       die Familie und das dynastische Prinzip in Deutschland viel mehr als in den
       USA. Dort ist es eher Konsens, dass die nachfolgende Generation selbst viel
       leisten soll. Wenn sie ein Vermögen erbt, soll das besteuert werden. Bei
       uns nicht. In Deutschland hat das Adelsprinzip überdauert, obwohl der Adel
       bei den großen Vermögen nur noch eine geringe Rolle spielt.
       
       24 Jan 2026
       
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