# taz.de -- Martin Sellner und die AfD Brandenburg: Normalisierung von Rechtsextremismus für Fortgeschrittene
       
       > Die Abgeordnete Lena Kotré trifft sich trotz Intervention der AfD-Spitze
       > mit Sellner. Das zeigt, wie wenig glaubhaft Distanzierungen der AfD sind.
       
 (IMG) Bild: Hat eine Einladung von dem Rechtsextremisten Martin Sellner für eine Veranstaltung angenommen: Lena Kotré, AfD
       
       Wie künstlich die formale Distanzierung des AfD-Bundesvorstands vom
       Rechtsextremismus ist, zeigt sich dieser Tage überdeutlich wieder einmal in
       Brandenburg. Dort hatte die Landtagsabgeordnete Lena Kotré zusammen mit
       ihrem Mann, dem Bundestagsabgeordneten Steffen Kotré, eine Veranstaltung
       mit dem Rechtsextremisten Martin Sellner geplant.
       
       Der sollte am Donnerstagabend in Luckenwalde [1][mal wieder seine
       völkischen Konzepte vorstellen] – obwohl der Bundesvorstand angesichts der
       Verfassungsschutzbeobachtung und eines drohenden AfD-Verbotsverfahrens dazu
       geraten hatte, keine Veranstaltungen mit Sellner zu absolvieren.
       
       Vor allem, weil das Bundesverwaltungsgericht Leipzig Sellners völkischen
       Masterplan als das benannt hatte, was er ist: [2][als
       „menschenwürdewidrig“]. Der Rechtsextremist wirbt dafür, mit
       „Assimilationsdruck“ für die Verdrängung auch von Deutschen mit
       Migrationshintergrund zu sorgen, und er fasst das alles unter dem
       verharmlosenden Kampfbegriff der „Remigration“ zusammen. Aus Sellners Sicht
       kommen rund 5 bis 6 Millionen Staatsangehörige mit Migrationshintergrund
       dafür infrage. Er schlägt vor, durch staatliche Maßnahmen unter anderem die
       Religionsfreiheit einzuschränken, und unterscheidet in Staatsbürger erster
       und zweiter Klasse entlang ethnischer Kriterien.
       
       Den Begriff „Remigration“ nutzt längst auch die AfD als [3][rechtsextremes
       Dogwhistle] – formal mit taktisch abgeschwächter Definition, in der sie
       vorgibt, Staatsbürger nicht antasten zu wollen. Langfristig verschiebt die
       extrem rechte Partei die Grenzen des Sagbaren damit dennoch weiter in
       Richtung verfassungsfeindlicher Inhalte. Zugleich gibt es Angst vor einem
       drohenden Verbotsverfahren, weshalb man aus Sicht der AfD-Spitze auch nicht
       zu viel Nähe wagen will – vor allem, solange man noch in gerichtlichen
       Auseinandersetzungen mit dem Verfassungsschutz über die Einstufung als
       „gesichert rechtsextrem“ ist. Auch deswegen hatte der [4][Bundesvorstand
       interveniert], um die AfD-Veranstaltung mit Sellner abzusagen.
       
       ## AfD-Bundesvorstand öffentlich düpiert
       
       Das war bedingt erfolgreich: Am Freitag schließlich sagte Lena Kotré die
       ursprünglich geplante Veranstaltung formal zwar ab. Sie verkündete aber
       gleichzeitig, dass sie eine Einladung für eine Veranstaltung von Sellner
       angenommen habe – „zufällig“ am selben Tag zur selben Uhrzeit zum gleichen
       Thema. Sie nutzten auch fast identisches Werbematerial, um den
       Bundesvorstand öffentlich vorzuführen. Nur der Bundestagsabgeordnete
       Steffen Kotré fehlte und die Veranstaltung sollte nun in Südbrandenburg
       stattfinden, statt in dessen Wahlkreisbüro in Luckenwalde. Der genaue Ort
       sollte kurzfristig bekannt gegeben werden.
       
       Nach taz-Informationen war Sellners und Kotrés Provokation auch Thema in
       der Bundesvorstandssitzung am Montag. Aus Bundesvorstandskreisen hieß es
       danach, dass der Brandenburger Landesvorstand gebeten worden sei, erneut
       mit Kotré zu sprechen. Auf taz-Anfrage zu einer inhaltlichen Distanzierung
       an Alice Weidel und Tino Chrupalla verwies ein Sprecher von Weidel auf die
       von der AfD abgeschwächte Definition von „Remigration“. Eine ernsthafte
       inhaltliche Distanzierung von Sellner und seinen verfassungsfeindlichen
       Konzepten bleibt damit weiter aus.
       
       Und von Druck durch den Landesvorstand war am Dienstag auch nichts zu
       spüren: In der Pressekonferenz der AfD-Fraktion im Brandenburger Landtag
       hieß es vom Fraktions- und Landesvorsitzenden Hans-Christoph Berndt, selbst
       [5][langjähriger rechtsextremer Netzwerker in Südbrandenburg], lediglich:
       „Das ist jetzt nicht unsere Sache zu bewerten, wenn Frau Kotré an einer
       Veranstaltung teilnehmen will, steht es ihr frei.“ Sie brauche dafür nicht
       die Genehmigung von Partei oder Fraktion.
       
       Entsprechend gab es von Berndt auch keine inhaltliche Kritik oder gar
       Distanzierung – im Gegenteil: „Ich sehe nicht ein, dass Martin Sellner eine
       Unperson ist und dass es ein Verbrechen ist, sich mit Martin Sellner zu
       treffen. Insofern gibt es überhaupt von mir aus jetzt keine Kritik daran,
       dass sich Frau Kotré mit Herrn Sellner trifft.“ Die einzige Kritik, die er
       in Richtung seiner Vizefraktionsvorsitzenden Kotré äußerte: „Es ist
       politisch nicht klug, solche Termine im Alleingang auf den Weg zu bringen.“
       
       Nach einer inhaltlichen Bewertung von Sellners völkischen Konzepten
       gefragt, warf er einem Journalisten „Fake News“ vor und nahm Sellner in
       Schutz: Der wolle keine Millionen Menschen abschieben trotz deutscher
       Staatsbürgerschaft, behauptete er. Danach ereiferte Berndt sich derart,
       dass er anwesende Journalisten zu einer öffentlichen Diskussion mit Sellner
       aufforderte.
       
       20 Jan 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /AfD-Brandenburg-laedt-Martin-Sellner-ein/!6145900
 (DIR) [2] https://www.bverwg.de/entscheidungen/pdf/240625U6A4.24.0.pdf
 (DIR) [3] /Rechte-Codes-und-Chiffren/!6078463
 (DIR) [4] /AfD-Brandenburg-laedt-Martin-Sellner-ein/!6145900
 (DIR) [5] /AfD-attackiert-DRK-in-Brandenburg/!6010872
       
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 (DIR) Gareth Joswig
       
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