# taz.de -- AfD Brandenburg lädt Martin Sellner ein: Vortragsabend für Verfassungsfeinde
> Der AfD-Bundesvorstand hat sich formal vom Rechtsextremisten Sellner
> distanziert. Die AfD Brandenburg pfeift drauf und lädt ihn nach
> Luckenwalde ein.
(IMG) Bild: Voller Durchblick bei „Remigration“: Rechtsextremistin Lena Kotré (AfD)
Es ist auch ein Mittelfinger gegen den Bundesvorstand und die Parteispitze
um Alice Weidel und Tino Chrupalla. Der Bundesvorstand hatte im Juli
vergangenen Jahres dezidiert davor gewarnt, den kleinen, österreichischen
Rechtsextremisten Martin Sellner zu Veranstaltungen einzuladen. Auch weil
das Bundesverwaltungsgericht [1][unlängst in einem Urteil klargestellt
hat], dass Sellners Konzept zur „Remigration“ (sprich rassistische
Vertreibungspolitik vermeintlich „nicht assimilierter“ Staatsbürger mit
Migrationshintergrund) verfassungswidrig ist.
Die Familie Kotré dachte sich wohl: Uns egal und jetzt erst recht. Der
Brandenburger Bundestagsabgeordnete Steffen Kotré und die mit ihm
verheiratete Brandenburger Landtagsabgeordnete Lena Kotré haben Sellner
nach Luckenwalde eingeladen und wollen mit ihm am nächsten Donnerstag einen
Vortragsabend veranstalten. Thema im Wahlkreisbüro des
Bundestagsabgeordneten: „Remigration – Theorie und Praxis“.
Entsprechend genervt ist man im Bundesvorstand. Offiziell wollten Weidel
und Chrupalla sich zwar nicht äußern. Der taz teilte Weidels Sprecher
allerdings mit: „Aktuell ist die Landesspitze dabei, sich der Sache
anzunehmen“ – man will also Druck ausüben, damit die Veranstaltung wieder
abgesagt wird. Der Landesvorsitzende René Springer und die Kotrés
antworteten dazu bisher auf taz-Anfrage allerdings nicht.
Die AfD Brandenburg, seit ihrer Gründung einer der radikalsten
Landesverbände in der ohnehin extrem rechten AfD, hatte schon im
vergangenen Jahr gegen den Bundesvorstand in Sachen „Remigration“ und
Sellner aufgemuckt. Nach der Empfehlung der Parteispitze, sich von Sellner
fernzuhalten, hieß es damals: „Wir machen so weiter wie bisher.“ Und auch
Björn Höcke zeigte seinen Mittelfinger, in dem er als Reaktion offensiv mit
einem Sellner-Buch posierte und sagte, dass man diesem „Till Eulenspiegel“
nicht in den Rücken fallen dürfe.
## Offen völkische Gastgeber
Die Gastgeber im Wahlkreisbüro sind ebenfalls eingefleischte
Rechtsextremisten: Steffen Kotré tritt immer wieder als Putin-Marionette im
russischen (und deutschen) Fernsehen auf, und Lena Kotré träumt von einer
privaten Abschiebeindustrie, will Flüchtlinge von öffentlichen
Veranstaltungen ausschließen und [2][verteilte Nahkampfwaffen als
Wahlkampfgeschenke]. Enge [3][Verbindungen zu militanteren Rechtsextremen]
sind [4][bei beiden keine Neuigkeit].
Im [5][Einstufungsvermerk des Brandenburger Verfassungsschutzes] taucht der
Name Kotré auf 140 Seiten gleich 40-mal auf. Unter anderem auch, weil Lena
Kotré etwa ähnliche verfassungsfeindliche Positionen wie Sellner vertritt:
So habe sie auf einer Veranstaltung Anfang September 2024 gesagt, „dass
eingebürgerte Migranten, wenn sie nicht ‚unsere Werte hier‘ anerkennen,
‚dieses Land, ganz genau wie die anderen auch, zu verlassen‘ hätten“. Sie
wolle „Einbürgerungen hinterfragen“ und rückabwickeln, entsprechend gern
nutzt sie Begriffe wie „Passdeutsche“ und „Ersetzungsmigration“,
unterscheidet also entlang völkischer Kriterien zwischen guten und
schlechten Deutschen.
Vor zwei Jahren hatte die [6][Correctiv-Recherche] zu einem geheimen
Treffen von AfDlern, Unternehmern und Werteunion-Mitgliedern mit Sellner,
bei dem es auch um dessen geplante Maßnahmen gegen „nicht assimilierte“
Staatsbürger mit Migrationshintergrund ging, bundesweite Proteste
ausgelöst. Weidel hatte danach ihren Mitarbeiter Roland Hartwig, einen
Teilnehmer des Treffens, gefeuert.
Seither war auch der Kontakt zu Sellner innerhalb der AfD ein No-Go.
Gleichzeitig versuchte die AfD, sich selbst zu verharmlosen. Sie definierte
den schon länger in der extremen Rechten gebräuchlichen Remigrationsbegriff
um – Staatsbürger sollten tabu sein. Klagen von Teilnehmern gegen die
Correctiv-Berichterstattung [7][scheiterten weitgehend].
Teile der AfD, am prominentesten Maximilian Krah, haben sich, wohlgemerkt
aus strategisch-pragmatischen Gründen und Angst vor dem Verbot [8][von
Sellners Konzept, distanziert]. Dennoch nutzen weiter viele AfDler*innen
„Remigration“ als rechtsextremen Kampfbegriff mit angeblich anderer,
grundgesetzkonformer Definition – auch Alice Weidel nutzte den Begriff im
Bundestagswahlkampf vor einem Jahr. Einer inhaltlichen Debatte etwa mit
Krah wich Sellner allerdings aus – woraufhin sie sich gegenseitig wahlweise
als „Pussy“ und „Feindzeuge“ beleidigten.
Zur Erinnerung: Sellner vertritt nicht nur verfassungsfeindliche Konzepte,
er ist auch der Kopf der Identitären Bewegung. Die steht immerhin offiziell
auch auf der Unvereinbarkeitsliste der Partei. Wie wenig das mittlerweile
in der AfD jemanden juckt, zeigte aber kürzlich mal wieder überdeutlich die
Gründung der eng mit den Identitären verzahnten [9][AfD-Jugendorganisation
Generation Deutschland]. Ein ehemaliger Identitärer arbeitet auch im
[10][Bundestagsbüro des Brandenburger Landeschefs René Springer].
15 Jan 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.bverwg.de/de/pm/2025/48
(DIR) [2] /Wahlkampf-der-AfD-Brandenburg/!6034280
(DIR) [3] /AfD-Politikerin-zu-Besuch-in-Norwegen/!6107274
(DIR) [4] /AfD-Bundestagsabgeordneter-Steffen-Kotre/!5871941
(DIR) [5] https://mik.brandenburg.de/sixcms/media.php/9/Einstufungsvermerk_LV__AfD.pdf
(DIR) [6] https://correctiv.org/aktuelles/neue-rechte/2024/01/10/geheimplan-remigration-vertreibung-afd-rechtsextreme-november-treffen/
(DIR) [7] https://www.t-online.de/nachrichten/deutschland/gesellschaft/id_101051092/-geheimtreffen-in-potsdam-correctiv-siegt-vor-gericht-gegen-vosgerau.html
(DIR) [8] /Maessigungsversuch-der-AfD/!6097185
(DIR) [9] /AfD-Jugend-Generation-Deutschland/!6132388
(DIR) [10] /Die-AfD-und-die-Identitaeren/!5955016
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