# taz.de -- Rechtsextremistische Frauen: Feminismus von Rechts? Über die Masche von Lukreta
       
       > Unter feministischem Deckmantel: Wie die identitäre Frauengruppe Lukreta
       > Frauenrechte für völkische Agenda und rechte Mobilisierung nutzt.
       
 (IMG) Bild: Völkische Propaganda der rechten Frauengruppe Lukreta im Internet
       
       Gießen 2025. Eine junge Frau steht an einem blauen Rednerpult. Es ist der
       Gründungstag der neuen Jugendorganisation der extrem rechten AfD. „Jeder
       von uns sieht tagtäglich, wie deutsche Frauen zu Freiwild degradiert
       werden“, wütet sie. Kurzer Beifall. Lautstark fügt sie hinzu: „Nur
       millionenfache Remigration schützt unsere Frauen!“ Sie hebt hervor: „Eins
       bleibt klar, wir sind Mädchen, Frauen und Mütter und wir lassen uns unsere
       naturgegebene Identität und unseren Stolz nicht durch geisteskranke und
       bösartige Ideologien von Feminismus und Wokeness nehmen.“ Tosender Beifall.
       Von mehrheitlich rechten Männern.
       
       Die oben zitierten Worte stammen von Julia Gehrckens, die als 3.
       Beisitzerin für die „Generation Deutschland“ gewählt wurde.
       
       Instagram 2025. Eine andere junge Frau spricht in einem Video von einer
       Gruppenvergewaltigung in Heinsberg. Die Angeklagten sind Geflüchtete aus
       Syrien. Sie fragt, was das Problem sein könnte. Das Wort Syrer wird oben
       rechts im Video eingeblendet. Dann fragt sie: „Oder vielleicht Menschen mit
       Autos?“ Diesmal wird ein Auto eingeblendet und am Steuer ein Emoji von
       einem Mann of Colour.
       
       Das Video stammt von einer Aktivistin, die sich „Isi“ nennt. Sie nutzt die
       sozialen Netzwerke, um ihre rechten und traditionellen „Werte“ zu
       verbreiten. Sie stellt rassistisch einen Zusammenhang von der Deliktart mit
       einer ganzen Bevölkerungsgruppe her, obwohl das kriminologisch gesehen
       unhaltbar ist.
       
       Die beiden Frauen eint ihre Mitgliedschaft bei Lukreta, einer extrem
       rechten Frauengruppe. Was ist das für eine Organisation, die nun in
       herausgehobener Funktion im Vorstand der [1][AfD-Jugendorganisation]
       vertreten ist? Und wer steckt genau dahinter?
       
       ## Von der Kampagne zur eigenständigen Gruppe
       
       „Starke Frauen. Klare Werte. Deutsche Identität.“ So beschreibt sich
       Lukreta selbst. Als ihr zentrales Thema identifiziert die Professorin für
       Geschlechtersoziologie Christiane Leidinger die vermeintliche systematische
       Gewalt von geflüchteten und migrantischen Männern. Auf Instagram schreibt
       die Gruppe, dass sie sich für Frauenrechte und gegen die Verdrängung der
       Frau aus dem öffentlichen Raum einsetze.
       
       Laut eigenen Angaben ist die Astronomin Caroline Lucretia Herschel ihre
       Namenspatronin. Sie sei schließlich keine Quotenfrau gewesen. Doch laut der
       Professorin für Politik und Geschlechterverhältnisse Annette Henninger
       könne Lukreta auch nach der antiken Figur Lucretia benannt worden sein.
       Diese rächte sich angeblich für eine Vergewaltigung.
       
       Reinhild Boßdorf, Tochter der AfD-Europaabgeordneten Irmhild Boßdorf,
       gründete 2019 die Frauengruppe Lukreta. Zuvor war sie in der
       [2][Identitären Bewegung (IB)] und bei der [3][Jungen Alternative (JA)]
       aktiv. Sie nutze ihre Kontakte in diesen Kreisen, um mehr Mitstreiterinnen
       zu finden. Unterstützung erhielt sie von der AfDlerin Manuela Pluta und der
       JAlerin Mary Khan.
       
       Lukreta gilt als Nachfolgeorganisation der Frauengruppierung 120Db der IB
       und gehört somit zum Vorfeld-Netzwerk. Laut Recherchen von Correctiv
       initiierte Boßdorf die Kampagne „Frauen wehrt Euch – 120 Dezibel“. Die
       Kampagne war ein als rechter MeToo inszenierter Aufschrei gegen
       sexualisierte Gewalt aufgrund der „Massenmigration“. Doch Männer aus der IB
       stampften sie ein. Danach gründete Boßdorf Lukreta.
       
       Es handelt sich keineswegs um eine große Organisation, sondern eher um
       einen eingeschworenen Zirkel von deutlich rechtsextremen Aktivistinnen aus
       dem IB-Spektrum. Die Gruppe war auch auf dem [4][Marsch des Lebens in
       Berlin] im Oktober.
       
       ## Ethnosexismus
       
       Henninger sieht in der Kampagne 120 Dezibel ein Paradebeispiel für
       Ethnosexismus. Kulturwissenschaftlerin Gabriele Dietze kategorisiert mit
       diesem Begriff eine spezifische Form des Sexismus. Henninger und Leidinger
       beschreiben Ethnosexismus als eine Verschränkung von Rassismus und
       Sexismus. Dabei werde beispielsweise sexualisierte Gewalt ethnisch oder
       religiös „Anderen“ zugeschrieben. Die eigene Gesellschaft sei danach
       bereits gleichberechtigt. Dadurch werde Sexismus externalisiert und
       rassistische Positionen legitimiert. Diese Argumentationsweise nutzen viele
       Rechte.
       
       Leidinger betont, dass es feministisch sei, über sexualisierte Gewalt
       öffentlich zu sprechen. Allerdings habe die feministische Bewegung
       historisch Gewalt im sozialen Nahraum skandalisiert. Lukreta hingegen
       schaut, „wenn die Gruppe nicht gerade über Morde an Frauen durch
       migrantifizierte oder PoC-(Ex)-Partner spricht, exklusiv auf den
       sogenannten ‚fremden‘ Täter im öffentlichen Raum.“
       
       Auch Henninger betont, dass das eigene Zuhause für Frauen der gefährlichste
       Ort sei. Dabei seien „sich zuspitzende Partnerschaftskonflikte im Kontext
       von Trennung und Scheidung ein besserer Prädikator für Gewaltrisiken als
       die Staatsangehörigkeit“.
       
       ## Soziale Netzwerke als zentrales Medium für Agitation
       
       Lukreta zeigt sich auf den sozialen Netzwerken nicht in einer klassisch
       rechten Ästhetik. Stattdessen greift sie gezielt feministische Codes und
       Bildwelten auf. Dabei nutzen sie immer wieder den vom Rechtsextremisten
       Martin Sellner geprägten Kampfbegriff [5][„Remigration“], den das
       Bundesverwaltungsgericht Leipzig als verfassungswidrig einstuft.
       
       In einem Video sind Frauen bei einer Stickeraktion mit rosa Sturmhauben,
       schwarzen Röcken und Baseballschlägern zu sehen. Sie bekleben eine Stadt
       mit Stickern wie „Remigration schützt Frauen“ oder „Sommer Sonne
       Remigration“. Einmal überkleben sie ein Sticker von „Femizide stoppen“.
       
       Ein anderes Mitglied namens Julia lud ein Video von sich im Bademantel
       hoch. Es zeigt ihren nackten Rücken und vor ihr eine atemberaubende
       Bergkulisse. Travel-Content? Nein. Das Video ist mit „Mädchen wollen
       einfach nur Bergaussichten und Remigration“ betitelt.
       
       Ihre Kleidung begreifen sie in einem Post als Ausdruck ihrer Freiheit.
       Frauen mit Hijab stellen sie als „unfreie“ Frauen gegenüber. In einem
       Instagrampost erklären sie, dass eine muslimische Verschleierung nicht vor
       sexualisierter Gewalt schütze, aber Remigration schon. Wiederkehrend posten
       sie Bilder von getöteten Frauen. Dass es sich um Femizide handelt, erwähnen
       sie ebenso wenig wie das Patriarchat.
       
       Zwei Aktivistinnen, die sich „Sia von Ria“ und „Aurelia“ nennen, fallen
       besonders auf. Beide produzieren hauptsächlich Lifestyle-Content. Dazu
       gehören ästhetisierende Bilder auf rechten Demonstrationen und
       Selbstinszenierungen als freie deutsche traditionelle Frau. Sie nutzen
       Social-Media-Trends für ihre rechten Ideen und wirken damit auf den ersten
       Blick wie typische junge Frauen, die ihr Leben auf Instagram und Tiktok
       teilen.
       
       ## Kein Feminismus von rechts, sondern Antifeminismus im modernen Gewand
       
       Lukreta sieht sich nicht als feministische Gruppe, dennoch hantieren
       einzelne Mitglieder mit der Bezeichnung und nennen ihren vermeintlichen
       Feminismus „gesund“. Die Rede von Feminismus von Rechts ist aus Leidingers
       Perspektive falsch: Feminismus könne nie antidemokratisch sein oder solle
       nie explizit rassistisch sein.
       
       Die Professorin betont, dass der zentrale Kern einer feministischen Analyse
       bei Lukreta fehle: Machtverhältnisse, patriarchale Strukturen und
       unterschiedliche Betroffenheiten blende Lukreta aus. Feminismus sei eine
       herrschaftskritische und intersektionale Perspektive, die auf die
       Überwindung von Ungleichheiten in den Geschlechterverhältnissen zielt.
       
       Dem stehe das von Lukreta vertretene rückwärtsgewandte Gesellschaftsbild
       entgegen. Lukreta schreibe weiße Überlegenheit sowie heteronormative und
       patriarchale Rollen fest. Henninger erklärt, dass der Antifeminismus der
       modernen extremen Rechten sich in „der ideologischen Überhöhung der
       Mutterrolle und der Kampfansage an reproduktive Rechte, in der
       Essenzialisierung und Biologisierung von Männlichkeit und Weiblichkeit
       sowie in der Behauptung, Gleichstellung sei bereits erreicht“ äußert. Auch
       dies zeige sich bei Lukreta, auch wenn modern verpackt.
       
       ## Lukreta als Feigenblatt für die Neue Rechte?
       
       Zurück nach Gießen, zum Gründungskongress der „Generation Deutschland.“ In
       ihrer Rede kündigt Julia Gehrckens an, dass sie rechte Politik für Frauen
       zugänglicher machen wolle. Sowohl auf dem Gründungskongress als auch im
       neuen Vorstand der Parteijugend herrscht ein deutlicher Männerüberschuss.
       Auch in der AfD sind die Mitglieder in großer Mehrheit Männer.
       
       Frauen für sich zu gewinnen, war schon immer ein Problem der alten wie der
       neuen Rechten. Lukreta habe sich dazu die neoliberale Rhetorik der
       Wahlfreiheit angeeignet. Danach würden Frauen aus freien Stücken Mutter und
       Hausfrau sein wollen, weil sie angeblich erkannt hätten, dass das das Beste
       für Familie, Volk und Vaterland sei, erklärt Henninger.
       
       Lukreta bringt Frauen in die Politik, in die von Männern dominierten
       Netzwerke. Die nehmen das gerne in Kauf – auch um über das Frauendefizit in
       Anhänger- und Wählerschaft hinwegzutäuschen. So war es auch in Gießen:
       Gehrckens kandidierte spontan und unabgesprochen gegen einen männlichen
       Kandidaten. Den Saal überzeugte Gehrckens dann auch als Frau – indem sie
       den Kampfbegriff „Remigration“ mit dem Schutz von Frauen verband.
       
       Im Kleinen zeigte sich in Gießen damit auch eine generelle Strategie der
       extremen Rechten, wie Henninger betont: Die moderne extreme Rechte zeichne
       sich durchaus durch prominente Frauen in Führungspositionen aus: von Alice
       Weidel über Marine Le Pen bis zu Giorgia Meloni. „Auch wenn diese
       Führungspersönlichkeiten zahlenmäßig eine Minderheit darstellen, sind sie
       extrem wichtig für das postfeministische Selbstverständnis dieser Parteien:
       Seht her, bei uns ist Gleichstellung erreicht – und das ganz ohne Quote!“
       
       Die AfD hat offiziell eine Unvereinbarkeitsliste, auf der sich
       rechtsextreme Gruppen wie die Identitäre Bewegung befindet. Bei der Wahl
       von Gehrckens hat sich gezeigt, dass die Abgrenzung nach ganz rechts außen
       faktisch in der AfD keine Rolle mehr spielt. Obwohl sie Teil einer
       Organisation aus dem Identitären-Spektrum ist, wurde sie mit 62,71 Prozent
       gewählt.
       
       1 Jan 2026
       
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