# taz.de -- Debatte über Teilzeit-Arbeit: Vom „Wohlstand“ bekomme ich nur Brotkrumen
       
       > Die CDU-Kampagne gegen "Lifestyle-Teilzeit" soll triggern. Das tut sie
       > auch. Denn wir sollen mehr arbeiten, aber vom Wachstum haben wir wenig.
       
 (IMG) Bild: Warum nicht mehr Freizeit statt mehr Arbeit?
       
       Jedes Mal, wenn man denkt, das CDU-Milieu sollte so langsam alle
       Policy-Ideen aus der Kategorie „Wir müssen alle mehr arbeiten“ verbraten
       haben, kommen sie mit dem nächsten Vorschlag um die Ecke. Jetzt [1][wollen
       Teile der CDU die „Lifestyle-Teilzeit“ abschaffen]. Ein so wunderbarer
       PR-Begriff – er sollte triggern, und [2][er hat getriggert].
       
       Denn wer hat nicht diesen einen Bekannten, der „einfach keinen Bock auf die
       40-Stunden-Woche“ hat, lieber bouldern geht und den halben Sommer
       hedonistisch auf Festivals abhängt. Konservative lieben es, sich von diesem
       Typus abzugrenzen. Und Linksliberale lieben es, Konservative daran zu
       erinnern, dass die allermeisten Teilzeitarbeitenden diesem Typus ja gar
       nicht entsprechen und in die Teilzeit gezwungen sind.
       
       „Ihr habt ja recht“, argumentieren sie dann gerne, „wir brauchen das
       Wirtschaftswachstum. Aber das Abschaffen des Rechts auf Teilzeit bringt da
       nichts, es gibt viel bessere Wege, um mehr Menschen, gerade Frauen, in
       Arbeit zu bringen.“ Am Ende sind sich dann von Mitte-links bis rechts außen
       alle einig: Wir brauchen Wachstum!
       
       Nur leider fällt Wirtschaftswachstum eben nicht einfach vom Himmel, es muss
       produziert werden. Was muss ein Land also tun, um sein Wachstum zu
       steigern? Es muss seine Wettbewerbsfähigkeit gegenüber anderen Ländern
       verbessern, die auch nach Wachstum streben – denn Investoren investieren in
       die Unternehmen, von denen sie sich die größte Rendite versprechen, und die
       größte Rendite bekommen sie dort, wo kontinuierliches Wachstum stattfindet.
       
       Um immer weiter zu wachsen, brauchen Unternehmen wiederum Investitionen.
       Und wie verbessert ein Land seine Wettbewerbsfähigkeit? Weniger
       Sozialabgaben, weniger Regulierungen und Bürokratie, Steuern und
       Klimaschutzvorgaben für Unternehmen – und vor allem: mehr Arbeit.
       
       Dabei arbeiten wir gar nicht weniger als vorher, [3][auch nicht die Gen Z].
       Das ist ein konservativer Boomermythos. Im Gegenteil, wir arbeiten
       kollektiv mehr als je zuvor. Nur bedeutet Wachstum eben, dass jedes Jahr
       mehr erwirtschaftet werden muss als im Vorjahr. Wir alle müssen also noch
       mehr arbeiten als nur mehr und am besten produktiver. Na ja, okay, nicht
       alle. Nur die, die einer Lohnarbeit nachgehen.
       
       Deshalb ist jetzt auch wirklich mal Schluss mit der allgemeinen Faulenzerei
       – [4][mit dem vielen Kranksein], all den Feiertagen, dem ganzen Urlaub und
       dem Life in der Work-Life-Balance! Alles Zeit, in der man auch etwas für
       das deutsche Wirtschaftswachstum tun könnte, statt gesund zu werden, sich
       auszuruhen oder – god forbid! – Spaß zu haben.
       
       Aus Sicht des Kapitals und aus Sicht eines kapitalistisch organisierten
       Staats macht das total Sinn. Aber warum zur Hölle sollten wir, die ohnehin
       in die Lohnarbeit gezwungen sind, um existieren zu können, für dieses
       Wirtschaftswachstum auch noch den letzten Rest eines guten Lebens aufgeben?
       
       Die Merzens dieser Welt faseln dann gerne irgendwas von „unserem
       Wohlstand“, den wir „gemeinsam erarbeiten“ müssten. In der Realität sind
       wir aber nur bei dem Erarbeiten mitgemeint – von dem Wohlstand, der durch
       Mehrarbeit generiert wird, bekommen wir, wenn überhaupt, nur Brotkrumen ab.
       Mal ganz zu schweigen davon, dass [5][dieser Wachstumszwang] auch noch
       langfristig den Planeten, auf dem wir leben, für uns alle unbewohnbar
       macht.
       
       Na ja, nicht für alle. Aber zumindest für die, die sich keine
       klimakatastrophensichere Festung oder den Umzug auf den Mars leisten
       können. Für alle anderen wäre es wohl mal Zeit, sich zu überlegen, wie eine
       Gesellschaft ohne Kapitalismus und den ihm inhärenten Wachstumszwang
       funktionieren könnte.
       
       30 Jan 2026
       
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