# taz.de -- Grönland in Zeiten von Trump: Willkommen in surrealen Zeiten
> Trumps Gebietsansprüche sorgen für Unbehagen. Sie konfrontieren die
> Menschen auch mit ihrer Geschichte der früheren Kolonialmacht Dänemark.
(IMG) Bild: Beharrlicher Protest: Aviaq Brandt vor dem US-Konsulat in Nuuk, Grönland, im Januar 2026
Mit langsamen Schritten geht Aviaq Brandt an einem Montagmorgen Ende Januar
auf das US-Konsulat in Nuuk zu. Es ist kurz nach neun in der Hauptstadt
Grönlands, hinter den eisigen Felsen am Stadtrand kündigt lediglich ein
gelblicher Schimmer den baldigen Sonnenaufgang an. Vor der roten
Holzverkleidung des kleinen Konsulatshauses brennt eine Kerze in einem
Glas.
Brandt geht in die Hocke und steckt ein Grönlandfähnchen in den gefrorenen
Schnee. Die Kerze habe sie dort hingestellt, sagt sie. In Gedenken an Alex
Pretti, den Demonstranten, [1][der ein paar Tage zuvor in Minneapolis von
ICE-Agenten] erschossen wurde. Aber auch in Solidarität mit all den
anderen, die unter der Politik des US-Präsidenten leiden.
„Ich sah die Amerikaner als unsere Freunde an“, sagt Brandt. „Aber du
kannst nicht mit jemandem befreundet sein, der dich rumschubst.“ Seit einer
Woche kommt die 44-Jährige deshalb jeden Morgen zum US-Konsulat in der Nähe
des Hafens, um zu demonstrieren. An diesem Morgen hält sie ganz allein die
Stellung. Vor zwei Wochen, kurz nachdem Donald Trump seine Übernahmepläne
lautstark verkündete, gingen Tausende Menschen in ganz Grönland auf die
Straße, so viele wie noch nie zuvor in der Geschichte des Lands.
[2][Mittlerweile hat der US-Präsident seine gewaltsamen Übernahmefantasien
zumindest rhetorisch zurückgefahren.]
[3][Doch die Hauptstadt wirkt nur auf den ersten Blick ruhiger.] In
Wirklichkeit ist die Anspannung groß. Jüngst waren viele Menschen einem
Aufruf des Premierministers gefolgt und hatten für den Fall einer Invasion
Essensvorräte angelegt. „Es ist so eine surreale Zeit“, schrieb die
Aktivistin Aka Hansen auf Instagram. „Mein einziger Vergleich zu
Kriegszeiten ist die Covid-Quarantäne.“ Dann kam die scheinbare Entwarnung
– und in den Kneipen der 20.000-Einwohner-Stadt Nuuk herrschte wieder reger
Betrieb.
## Reporter aus aller Welt in Nuuk
Als am vergangenen Samstag gegen 22.30 Uhr in der ganzen Stadt plötzlich
die Lichter ausgingen, waren die ersten Gedanken vieler Menschen: Jetzt
bombardieren die USA uns doch. Die Leute, so heißt es in Erzählungen über
diesen Abend, rückten in den Kneipen eng zusammen. Wenig später kam dann
die Meldung, dass ein Sturmschaden an einer Leitung am nahe gelegenen
Wasserkraftwerk Bukse Fjord für den Blackout verantwortlich war.
In den letzten Wochen kamen aus der ganzen Welt Reporter nach Grönland. Sie
alle wollen wissen, was die Bewohner denn nun davon halten, dass der
US-Präsident mit der Eroberung ihres Landes droht. Die Stimmung gegenüber
den Journalisten ist ambivalent: Einerseits fühlen sich die Grönländer
belagert, andererseits sehen sie die Notwendigkeit der Berichterstattung.
Es ist ihre Chance, ihre Sicht auf die Geschehnisse zu erzählen.
Fast zeitgleich mit den Reportern kamen die Soldaten. Mehrere europäische
Nato-Staaten haben in den letzten Wochen zusätzliche Truppen nach Grönland
entsandt. Sie sollen im Rahmen der Operation „Arctic Endurance“ die
Militärpräsenz in der Arktis gegen Russland stärken. Doch es fällt schwer,
sie nicht auch als Reaktion auf die Drohungen aus Washington zu sehen.
Dänemark schickte bis Mitte Januar mindestens 200 Soldaten nach Grönland.
Da die Unterkünfte in Nuuk nicht ausreichen, werden sie in den gleichen
Hotels einquartiert wie die Journalisten.
2026 sollen die Militärangehörigen hier den Krieg in der Arktis proben. Die
Übungen koordiniert das Arktische Kommando der dänischen Streitkräfte,
dessen Hauptquartier sich rund hundert Meter entfernt vom US-Konsulat fast
direkt am Hafen von Nuuk befindet. Vor dem marineblauen Gebäude wehen die
Flaggen Dänemarks, Grönlands, der Färöer – und der USA.
Bereits 2025 testete die Nato ihr Kriegsgerät in Grönland. Immer wieder
überflogen Helikopter, Transportflugzeuge oder dänische F-35-Kampfjets den
blauen Fjord hinter Nuuk. Aviaq Brandt sagt, dass die Trainingsflüge hier
die Stille gestört hätten. Wie viele grönländische Inuit jagt auch ihre
Familie regelmäßig Rentiere in den Bergen. Um die Tiere ausfindig zu
machen, müssen sie ihren Spuren folgen. Doch das Grollen aus dem Himmel
verschrecke und verscheuche die Tiere, sagt Brandt.
## EU oder USA?
Während sie erzählt, öffnet sich die Tür des US-Konsulats. Eine Frau tritt
heraus, in der Hand hält sie eine US-Flagge. Sie grüßt kurz und freundlich
und befestigt die Fahnenstange anschließend in der Halterung neben der Tür.
Brandt beobachtet sie, ohne ein Wort zu sagen. Mit ihren Fäustlingen
umklammert sie ihre rot-weiße Erfalasorput – was auf Grönländisch „Unsere
Flagge“ bedeutet.
Viele Grönländer sind den europäischen Staaten für ihre Unterstützung in
der Krise dankbar. Erst 2024 hat EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der
Leyen in der Nähe des alten Kolonialhafens in Nuuk ein Büro eröffnet. Jetzt
schärft die EU ihren Blick auf Grönland und will ihre Investitionen in die
hiesige Wirtschaft verdoppeln. Premierminister Jens Frederik Nielsen
äußerte sich überraschend offen gegenüber der früheren Kolonialmacht
Dänemark.
„Wenn wir uns hier und jetzt zwischen den Vereinigten Staaten und Dänemark
entscheiden müssen, wählen wir Dänemark“, sagte Nielsen. Eigentlich sind
viele Grönländer dafür, sich von Dänemark loszusagen. Politiker der
Oppositionspartei Naleraq, die für eine baldige Unabhängigkeit eintritt,
brachten gegen Dänemark immer wieder die USA als möglichen Partner ins
Spiel. Diese Töne sind in den letzten Wochen leiser geworden. Aber alle
Parteien sind sich einig: „Wir wollen keine Amerikaner sein, wir wollen
keine Dänen sein, wir wollen Grönländer sein.“
Aviaq Brandt, die als Produktionsleiterin an der dänischen Fernsehserie
„Borgen“ mitgewirkt hat, trägt an diesem Morgen vor dem US-Konsulat einen
Haarreif mit roten Kunstrosen und dazu roten Lippenstift, ein Symbol des
Widerstands für Brandt. In Nuuk sei sie in einem Apartheidsystem
aufgewachsen, sagt sie. „In der Schule wurden unsere Eltern vor die Wahl
gestellt: Entweder sie wählen Dänisch oder Grönländisch als Sprache. Und
man hat ihnen gesagt: Wenn ihr Grönländisch wählt, dann habt ihr keine
Zukunft.“
## „Das ist unser Land“
Sie habe ihre Familiengeschichte recherchiert und einen Stammbaum angelegt,
erzählt Brandt. Dabei habe sie herausgefunden, dass sämtliche ihrer
Vorfahren dänische Namen trugen. Erst mit ihr und ihrem Vornamen Aviaq kam
das Grönländische zurück. Auch ihren Kindern hat sie indigene Vornamen
gegeben. „Ich nehme mir zurück, was uns gehört.“ Mit ihrer Mutter konnte
sie nicht über ihre Kindheit sprechen.
Erst später fand sie heraus, dass ihre Mutter wie so viele andere
grönländische Kinder von der früheren dänischen Kolonialmacht nach Dänemark
gebracht worden war mit dem Ziel, ihr die indigene Identität zu rauben. „Es
ist eine tiefe Wunde“, sagt Brandt. „Viele Menschen können nicht darüber
sprechen. Es schmerzt zu sehr.“
[4][Die Aufarbeitung dieser Geschichte] voller Gewalt zwischen Grönland und
Dänemark begann erst vor Kurzem. Berichtet wurde etwa über Inuitkinder, die
in den 1950ern als „Experiment“ nach Dänemark verschleppt wurden, um sie
dort zu „kleinen Dänen“ zu erziehen. Und es kamen Praktiken dänischer Ärzte
ans Licht, die in den 1960ern und 1970ern Inuitfrauen – oft gegen ihren
Willen oder ohne ihr Wissen – Spiralen einsetzen. In diese Lage stolperte
Trump mit seinem imperialen Expansionswunsch.
„Das ist unser Land – und es gehört nicht mal uns“, sagt Brandt. „Wir
leihen es uns von unseren Ahnen. Wir hegen es für unsere Kinder. Niemand
darf es sich nehmen.
31 Jan 2026
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## AUTOREN
(DIR) Leon Holly
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