# taz.de -- Kulturelle Identität in Grönland: Grönländische Selbstfindung
> Immer mehr junge Inuit beleben ihre Traditionen neu und wollen ihre
> „innere Kolonisierung“ überwinden. Zugleich wird über politische
> Eigenständigkeit diskutiert.
(IMG) Bild: Die Musikerin Naja Parnuua Olsen ist in Nuuk, Grönland, geboren und aufgewachsen
Auf einem Hügel am alten Kolonialhafen der grönländischen Hauptstadt Nuuk
steht die Statue von Hans Egede. Der Blick des protestantischen Missionars
ist auf das Wasser im Fjord gerichtet. An klaren Tagen kann man dort in der
Ferne die Insel Kangeq ausmachen, wo Egede im Jahr 1721 an Land ging und
die erste Siedlung für die dänisch-norwegische Krone in Grönland
errichtete, bevor die Kolonie auf das Festland übersiedelte. Die Statue
misst etwa zwei Meter. Egede trägt eine Halskrause und darunter das
schlichte Mönchgewand des Missionars. In der rechten Hand hält er einen
Hirtenstab, in der Linken die Bibel. Sein rechter Fuß ist in einem
Ausfallschritt nach vorn versetzt, als würde er pionierhaft voranschreiten.
Doch immer weniger der rund 56.000 Grönländer sehen in Egede den Pionier
und Erretter. Im Jahr 2020, in der Nacht auf den 21. Juni, den
grönländischen Unabhängigkeitstag, hatten Unbekannte seine Statue mit roter
Farbe übergossen, indigene Symbole auf den Sockel gemalt und den Hirtenstab
in eine Peitsche verwandelt. An den Rand schrieb jemand auf Englisch:
„Decolonize“. Der grönländische Künstler Aqqalu Berthelsen veröffentlichte
damals ein anonymes Schreiben der verantwortlichen Aktivisten. „Kein
Kolonisator verdient es, auf einem Berg wie diesem zu stehen“, heißt es
dort. „Wir müssen die Wahrheit über unsere Geschichte erfahren.“
Die Aktion fiel in eine neue Phase der Auseinandersetzung mit der lang
verklärten dänischen Kolonialgeschichte. 2020 entschuldigte sich Dänemarks
Premierministerin Mette Frederiksen für die Entführung von 22
Inuit-Kindern, die 1950 nach Dänemark verbracht wurden, um ihnen dort ihre
Identität abzuerziehen und aus ihnen „richtige Dänen“ zu machen. Erst
vergangenes Jahr folgte die Entschuldigung dafür, dass dänische Ärzte vor
allem in den 1960ern und 70ern der Hälfte der weiblichen Bevölkerung
Grönlands im gebärfähigen Alter Spiralen einsetzten und sie so oft gegen
deren Wissen oder Willen zeugungsunfähig machten.
Auch wegen dieser Verbrechen träumen viele Grönländer von der kompletten
politischen Unabhängigkeit vom Königreich Dänemark. Seit 1953 ist das Land
keine Kolonie mehr, sondern voller Teil des Staatsgebiets, 1979 und 2008
stimmten die Inselbewohner zudem für mehr politische Autonomie und
Selbstverwaltung. Doch in Bereichen wie der Finanz- und Sicherheitspolitik
hat nach wie vor Kopenhagen das Sagen. Parallel zu diesem Prozess
politischer Emanzipation entdecken viele Grönländer die Traditionen der
Inuit-Kultur wieder neu, und dieses kulturelle Revival gewinnt zunehmend an
Bedeutung.
Naja Parnuua Olsen ist in Nuuk geboren und aufgewachsen. An einem sonnigen
Samstag Ende Januar betritt sie das Café im Kulturzentrum Katuaq, das
zentral in der kleinen Hauptstadt gelegen ist. Gegen den arktischen Winter
trägt sie einen dicken schwarzen Mantel, als sie die lila Wollmütze
abnimmt, kommen ihre dunklen, kaum schulterlangen Haare zum Vorschein.
## „Innere Kolonisierung“
Am kommenden Wochenende wird Naja hier in einem Konzertsaal auftreten,
unter ihrem Künstlernamen Naja P. Mit ihren 25 Jahren ist sie eine der
bekanntesten Sängerinnen Grönlands. Die Musik hat in Najas Familie
gewissermaßen Tradition, besonders im weiblichen Teil. Ihre beiden
Großmütter und ihre Mutter haben alle in einem Chor gesungen. „Ich schreibe
Lieder, seit ich sprechen kann, und ich komponiere Melodien, seit ich
Geräusche machen kann“, sagt Naja. „Das gehört schon mein ganzes Leben lang
zu mir.“
2022 erlebte Naja ihren Durchbruch mit ihrer EP „Naasunnguusunga“, und
besonders mit dem gleichnamigen Song, dessen Titel sich übersetzt zu „Als
ich eine kleine Blume war“. In ihren Liedern behandelt Naja universelle
Themen wie Verletzlichkeit und Liebe und die Suche nach der eigenen
Identität. Doch allein mit ihrer Entscheidung, nicht auf Dänisch oder
Englisch zu singen, sondern auf der grönländischen Sprache Kalaallisut, ist
Naja Teil einer breiteren grönländischen Selbstfindung, einer Neuentdeckung
der Inuit-Kultur, die Hans Egede und seine Nachfolger der Bevölkerung
austreiben wollten.
Wie belastet das grönländische Verhältnis zu Dänemark ist, sei ihr das
erste Mal während eines Schüleraustauschs in Portugal aufgefallen. „Vorher
hatte ich eine schlechte Meinung von meinem Volk, ich hielt uns für eine
Schande, für Alkoholiker mit vielen sozialen Problemen und so weiter“, sagt
sie. Doch in Portugal habe sie Menschen getroffen, die nicht den historisch
belasteten dänischen Blick auf Grönland hatten. „Diese Leute sahen Grönland
als etwas Neues und Aufregendes. Zum ersten Mal konnte ich Grönland von
außerhalb des dänischen Königreichs sehen und mir wurde zum ersten Mal
bewusst, wie toll und schön wir sind.“
Doch als sie wieder in die Schule in Nuuk zurückkehrte, kamen auch die
alten Denkmuster wieder. „Im Gymnasium war es viel cooler, dänische Musik
zu hören und Dänisch zu sprechen“, sagt Naja. „Als Teenagerin war ich
unsicher und wollte einfach dazu gehören.“ Die Scham über sich und das
eigene Volk, das ständige Aufblicken zur dänischen Gesellschaft – sie
beschreibt diese Haltung heute als „innere Kolonisierung“. Beim Sprechen
auf Englisch wählt Naja ihre Wörter mit Bedacht, wobei die Kraft und
Bestimmtheit ihrer Stimme die Sängerin verraten.
Nach der Schule zog Naja nach Aarhus, um dort Anthropologie zu studieren.
Doch schon in der Kennenlernwoche fühlte sie sich fremd gegenüber ihren
dänischen Kommilitonen. „Ich hatte das Gefühl, mein ganzes Land zu
repräsentieren und von seiner besten Seite zeigen zu müssen. Auf mir
lastete ein starker Druck, der auch aus meinen eigenen Gedanken kam. Ich
konnte nicht ich selbst sein.“ Ein halbes Jahr später schmiss sie die Uni
und ging zurück nach Grönland. Dort studiert Naja heute Sozial- und
Kulturgeschichte an der Universität von Grönland in Nuuk, der einzigen Uni
im Land. Das tut sie, weil sie neben der Karriere als Sängerin ein zweites
Standbein haben möchte – aber auch, um die Traumata ihres Landes besser zu
verstehen.
Als Hans Egede in Grönland an Land ging, wollte er Missionsarbeit
verrichten – aber ursprünglich nicht an den Inuit, sondern an jenen
nordischen Siedlern, die im 10. Jahrhundert vor allem aus Island nach
Grönland übergesiedelt waren, bevor der Kontakt zum Mutterland abbrach.
Doch Egede fand keine katholischen Siedler vor, denen er die Kunde von der
Reformation hätte überbringen können. Ihre Gemeinschaften, davon geht man
heute aus, waren um das Jahr 1500 herum ausgestorben.
Der Missionar fokussierte daher seine Energien auf die Inuit vor Ort, die
er für „primitiv“ hielt. „Diese Wilden müssen vollständig unterworfen und
zu Sklaven gemacht werden“, schrieb Egede im Sommer 1727 in seinen
Aufzeichnungen, „und wenn nicht zu richtigen Sklaven, dann zumindest zu
Untertanen.“ Eine seiner Maximen lautete: „Nichts kann sie besser zur
Vernunft bringen als Schläge und Strafe.“
Die nächtliche Aktion gegen die Statue Hans Egedes im Juni 2020 kann man
auch als grönländische Welle eines globalen Bebens begreifen, das sich über
die sozialen Medien verbreitet hatte. Einige Wochen zuvor hatte ein
Polizist in Minneapolis den Schwarzen George Floyd getötet. Das Video der
Tat führte nicht nur in den USA selbst zu heftigen Protesten gegen den
beständigen Rassismus – auch in anderen Ländern demonstrierten Menschen und
attackierten die Statuen der früheren Kolonisatoren und Unterdrücker.
Nach dem Angriff auf die Statue entspann sich in Grönland eine Debatte.
Einige schlugen vor, Egede zum 300-jährigen Jubiläum seiner Ankunft im Jahr
2021 auf den Boden des Fjords zu versenken. Die Gemeinde startete eine
Abstimmung, bei der die 23.000 Grönländer in der Hauptstadtregion über die
Zukunft der Statue entscheiden konnten. Dabei stimmten 923 Menschen für
ihren Verbleib, während sich 600 für ihre Entfernung aussprachen. Eine
komfortable Mehrheit für die Bewahrungsfraktion also, obgleich bei geringer
Beteiligung, für die manche Beobachter die kurzfristige Anberaumung und die
Reisesaison im Sommer verantwortlich machten. Doch auch eine Rückkehr zum
business as usual konnte es nicht geben. Auch wenn sie Egedes Abbild nicht
ins Meer stürzen wollte, so entschied sich die Gemeinde doch im folgenden
Jahr, auf die 300-Jahre-Feierlichkeiten zu verzichten.
Naja sagt, es gebe in Grönland nach wie vor viele Menschen, die sich der
Auswirkungen des dänischen Kolonialismus nicht bewusst sind. „In den
letzten Jahren gibt es mehr Leute, die es verstehen, besonders die jungen
Leute aus meiner Generation.“ Ein wichtiger Wegstein dabei war das Jahr
2016, als der Sänger und Rapper Tarrak sein Debütalbum veröffentlichte.
Josef Tarrak-Petrussen, wie er mit bürgerlichem Namen heißt, stammt von
einer grönländischen Mutter und einem marokkanischen Vater ab und ist
aktuell der erfolgreichste Rapper Grönlands.
Besonders [1][sein Song „Tupilak“] schickte 2016 einen Ruck durch die junge
Generation. „Sie sagen ich bin nichts als Scheiße / 'Ich mag es nicht, wie
Grönländer denken’ / sagte mir ein Lehrer“, rappt Tarrak dort. Es geht um
die Herablassung und Feindseligkeit, die Grönländer in Dänemark immer noch
erleben. „Da ist ein Hakenkreuz an meiner Tür / Es ist gut, einen
Grönländer an deiner Seite zu haben / Wenn viele Augen über dich richten /
Sie beschimpften mich rassistisch / ‚Eskimo Paki!‘ ‚Arktischer Affe!‘ / Ruf
einfach: 'Ich werde nie verlieren’“.
Der heute 27-Jährige hat sich im Gesicht tätowieren lassen: von seiner
Unterlippe gehen neun Linien nach unten ab, zwei Linien verlaufen quer über
den Nasenrücken. Es sind die Kakiniit, die traditionellen Tattoos der
Inuit. In früheren Jahrhunderten waren sie vor allem unter Frauen
verbreitet und symbolisierten Reife und die Stellung in der Gemeinschaft,
bevor die Kolonisatoren sie als Schändung der göttlichen Schöpfung
verboten. In ihrer Wiederentdeckung – auch vermehrt unter jungen Männern –
drückt sich ein neues Selbstbewusstsein aus.
Aus den rassistischen Erfahrungen entwickelt sich in Tarraks Musik ein
wütender Trotz, der in einem Aufruf mündet, sich das nicht gefallen zu
lassen: „Wir sehen uns als nichts / Und fühlen uns als niemand / Wo sind
wir auf diesem Weg? / Meine Kalaaleq (grönländische Inuit): Wacht auf,
widersprecht, seid wütend, macht was aus euch, seid unabhängig“.
Der Titel des Songs, „Tupilak“, beschreibt eine monströse Figur aus der
grönländischen Sagenwelt, die traditionell aus Walrosselfenbein geschnitzt
wird. Zu Wasser gelassen soll sie einen bestimmten Feind ausfindig machen,
und Rache an ihm üben. Im Video zum Song „Tupilak“ steht Tarrak auf dem
Hügel, vor Hans Egede. Als die Statue 2020 mit Farbe übergossen wurde,
befragte die Polizei auch Tarrak als Verdächtigen – doch die
Verantwortlichen konnte sie bis heute nicht finden.
Wenige Tage später tritt Naja im Kulturzentrum in Nuuk auf. Sie betritt die
Bühne mit einer rot-weißen Grönlandflagge im Arm, deren Mast sie überragt.
Sie trägt ein schwarzes transparentes Kleid und darunter eine rote
Strumpfhose, farblich abgestimmt auf Lippenstift und Lidschatten. Ihre fast
schwarzen Haare hat Naja nach hinten gebürstet. Vor einem Lied holt sie
eine Trommel hervor. Die Trommel hält sie in der rechten Hand und stützt
sie auf das Handgelenk der linken, in der sie einen Stock führt. Im Takt
schwingt Naja die Trommelscheibe von links nach rechts und schlägt mit dem
Stock dagegen, während im Hintergrund die traditionellen Gesänge der Inuit
erklingen. Das Publikum jubelt.
Der Trommeltanz ist eine weitere Tradition, die Grönländer gerade für sich
wiederentdecken. Historisch begleitete er Zusammenkünfte oder schamanische
Zeremonien. Mit der Ankunft Egedes aber hatten die Missionare die Trommeln,
die quilaat, konfisziert, um die vorchristlichen Bräuche zu ersticken. Doch
die Praxis überlebte, besonders in den abgeschiedenen, versprengten Dörfern
entlang der rauen Küste. Naja sagt, sie habe sich das Trommelspielen selbst
beigebracht. Für sie bedeutet das keine Rückkehr zu einem früheren starren
Schema, sondern die lebendige Wiederentdeckung eines Kulturguts. „Ich
musste erst die Vorstellung ablegen, dass ich den Trommeltanz falsch oder
richtig machen kann“, sagt sie.
Im vergangenen Jahr ist Najas erste Tochter zur Welt gekommen. Sie wünscht
sich, dass ihr Kind mit der Trommel als etwas Alltäglichem aufwächst. „Ich
will die Trommel wie eine Gitarre nehmen können, und einfach loslegen. Aber
so weit bin ich noch nicht“, sagt sie. „Ich hoffe, dass meine Tochter kein
starres Bild davon hat, wie eine Grönländerin zu sein hat, dass sie
dänischer sein muss, um in der Gesellschaft dazuzugehören. Weil sie sich
selbst respektiert.“
Najas Vater, Markus Olsen, war früher Politiker bei der
sozialdemokratischen Partei Siumut. 2009 absolvierte er ein Studium der
Theologie und wurde 2021 zum Pastor ernannt. Zum Unabhängigkeitstag im Juni
2022 hielt Olsen einen Gottesdienst in der Erlöserkirche in Nuuk ab. Die
Erlöserkirche, mit ihrer roten holzvertäfelten Fassade und den weißen Ecken
und Fensterrahmen, steht nur einen Katzensprung vom alten Kolonialhafen
entfernt, direkt am Fuße jenes Hügels, auf dem Hans Egedes Abbild thront.
In dem Gottesdienst ergänzte der Pastor die herkömmliche Liturgie auch um
einen Trommeltanz der Inuit. In der Folge entband die Bischöfin von
Grönland Olsen von seinen Aufgaben und entließ ihn als Pastor, weil er
nicht um Erlaubnis für den Trommeltanz gefragt habe. Zudem hatte er es
versäumt, den üblichen Segen auf die grönländische Regierung und das
dänische Königshaus zu sprechen. Die evangelisch-lutherische Kirche
Grönlands untersteht seit 2009 der hiesigen Regierung, bleibt aber nach wie
vor als Bistum in die Strukturen der Dänischen Volkskirche eingebunden.
Nach der Entlassung sei ihr Vater eine Weile lang sehr niedergeschlagen
gewesen, sagt Naja im Rückblick, aber seine Entscheidung bereue er nicht.
Sie bezeichnet Markus Olsen als revolutionären und antikolonialen Menschen,
der sich für die Theologie interessiert, weil er das Denken der Menschen
verstehen will. „Er wollte die Trommel in den Gottesdienst integrieren,
weil er unsere alte Kultur und das Christentum in Einklang bringen wollte“,
sagt Naja. „Er wollte junge Leute einladen und die Kirche zu einem Ort der
Zusammenkunft machen.“
[2][Grönland ist nach wie vor ein sehr christliches Land]. Rund 90 Prozent
der Grönländer fühlen sich der evangelisch-lutherischen Kirche zugehörig,
auch wenn diese Zahl wohl auch einige einschließt, nicht im engeren Sinne
gläubig sind. Vor allem unter jungen Menschen gibt es jedoch eine merkliche
Abkehr von der staatlich unterstützten Kirche. „Ich kenne nicht viele Leute
in meiner Generation, die in die Kirche gehen“, sagt Naja. „Selbst in der
Generation meines Vaters nicht, weil die Kirche so antiquiert ist. Sie hat
sich bis heute nicht entwickelt.“
Dabei muss die Wiederentdeckung der Inuit-Traditionen nicht per se zum
Konflikt mit anderen Glaubenssystemen führen. Für Naja etwa ergibt sich
kein Widerspruch zu ihrem Vertrauen in die wissenschaftliche Methode. Auch
ihre Tochter hat sie nicht taufen lassen, „damit sie selbst entscheiden
kann, welcher Religion und welchem Glauben sie folgt“.
## Vollständige Unabhängigkeit?
Neben dem Bedürfnis nach Selbstachtung und kultureller Eigenständigkeit
debattiert Grönland seit Jahrzehnten über eine vollständige politische
Unabhängigkeit von Dänemark. Diskutiert wird dabei nicht so sehr, ob die
Insel sich komplett lossagen soll, sondern wie schnell es gehen soll.
Während sich die einen für eine baldige Unabhängigkeit aussprechen, wollen
die gemäßigteren Kräfte erst die wirtschaftlichen Voraussetzungen dafür
schaffen. Etwa 500 Millionen Euro überweist die dänische Regierung jedes
Jahr nach Grönland, was rund die Hälfte des Staatshaushalts ausmacht.
[3][Dazu kommen nun noch die Übernahmegelüste aus Washington.] Im Januar
sagte der grönländische Premierminister Jens-Frederik Nielsen, wenn
[4][Grönland] wählen müsste, würde es sich immer gegen die USA und für
Dänemark entscheiden – angesichts der Stimmung gegen Kopenhagen hierzulande
ein bemerkenswertes Statement. Nichtsdestotrotz machten alle Parteien klar,
dass sie sich nicht als Dänen, sondern als Grönländer sehen. Etwa zur
gleichen Zeit demonstrierten in Kopenhagen tausende Dänen, viele wedelten
mit Grönlandflaggen. „Als dort so viele auf die Straße gegangen sind, um
ihre Unterstützung für Grönland zu zeigen, das hat mich sehr berührt“, sagt
Naja. „Es hatte etwas Heilendes.“
Obwohl sie für die volle Unabhängigkeit Grönlands eintritt, hält sie eine
[5][komplette Abschottung von Dänemark] ob der vielen Bande zwischen beiden
Ländern für unmöglich. „Wir sind seit unzähligen Jahren mit Dänemark
verbunden, wir haben Dänen in unseren Familien“, sagt Naja. Dennoch beäugt
sie die jüngsten Entschuldigungen der dänischen Premierministerin mit
Skepsis. „Die dänische Politik hat die Kolonialverbrechen nur anerkannt,
als wir viele Beweise vorlegen konnten. Und als sie gemerkt haben, wie
schlecht es um das Verhältnis zwischen Dänemark und Grönland steht“. Sie
wünscht sich, dass Grönland die ungefragte Aufmerksamkeit für sich nutzen
kann – im Verhältnis zu Dänemark, aber auch durch Partnerschaften mit
anderen Ländern. „Es zeigt uns, wie viel wir eigentlich verlangen können –
und wie viel wir wert sind.“
12 Feb 2026
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