# taz.de -- Trumps Drohungen: Helle Aufregung bei Grönländern in Dänemark
> Die grönländische Diaspora sorgt sich um ihre Insel. Könnten Trumps
> Kapriolen eine Chance auf Aussöhnung mit der dänischen Gesellschaft sein?
(IMG) Bild: Gemeinsamer Protest Mitte Januar in Kopenhagen
An einem Donnerstagnachmittag im Hinterhof des Grönländischen Hauses im
Zentrum von Kopenhagen treffen sich einige Dutzend Grönländer und Dänen und
gehen ein Wagnis ein: Sie stellen sich den bitteren Spuren des
Kolonialismus. Sie versuchen, sich damit zu versöhnen. Zusammenzurücken.
Es ist der Tag, an dem [1][US-Präsident Donald Trump beim
Weltwirtschaftsforum in Davos] landet. Die ganze Welt wartet auf seine
Ansprache und seine nächsten Äußerungen zum Streit um Grönland. Was sich
zur gleichen Zeit viele Tausend Kilometer entfernt in Kopenhagen abspielt,
dürfte ihm wohl nicht gefallen.
Gaz Zaa Lung beugt sich über eine kleine steinerne Schale, in der Öl
schwimmt. Am vorderen Rand der Schale presst sie Moos zusammen, träufelt
mit einem Holzstäbchen Öl darauf und zündet es an. Das brennende Moos
leuchtet hell auf. Als Kinder, erzählt sie, mussten sie ganz still sein,
wenn ihre Großmutter diese Lampe anzündete. Empfindlich reagierte die
selbst auf kleine Luftzüge. Zaa Lung kommt aus Nordgrönland, aus Qaanaaq.
Sie gehört zur Gruppe der Inughuit, der kleinsten Gruppe der indigenen
Inuit. „Für den Frieden“, sagt Zaa Lung, während sich das Feuer auf dem
Moos ausbreitet. Dann holt sie eine Trommel hervor und singt ein Lied, so
wie ihre Urgroßmutter es immer getan hat. Es geht um die Sehnsucht nach der
Familie, die weit weg ist, um den Versuch, mit dem Klang der Trommel die
Distanz zu überbrücken und in der Ferne gehört zu werden.
## Kein Platz für Tradition
Grönländische Traditionen und der grönländische Alltag haben in der
dänischen Gesellschaft nicht viel Platz. Dabei leben dort fast 20.000
Grönländer:innen, was fast einem Drittel der gesamten Bevölkerung Grönlands
entspricht. Doch im Radio und Fernsehen gibt es so gut wie keine
grönländischen Sendungen, keine Feiertage. Erst vor einigen Jahren begann
Dänemark, am Nationalfeiertag Grönlands, am 21. Juni, die Fahne der Insel
zu hissen.
Das Grönländische Haus in Kopenhagen will das ändern. Es ist ein Kultur-
und Bildungszentrum, aber auch ein Ort des Austauschs für die vielen
Grönländer:innen in Dänemark. Im vergangenen Herbst hat es einen Kurs
für Grönländer und Dänen aufgelegt. „Naapitta“ nennt es sich auf
Grönländisch („Lasst uns zusammenkommen“). Seitdem machen grönländische und
dänische Teilnehmer:innen genau das: Sie treffen sich zu
Gesprächsrunden, Vorträgen und Workshops, um zu lernen, besser über
Rassismus und Diskriminierung gegenüber Grönländer:innen sprechen zu
können. Finanziert wird das Forum vom dänischen Integrationsministerium.
Die meisten Treffen finden hinter verschlossenen Türen statt, aber einige
sind öffentlich wie das an diesem Donnerstag.
[2][Das Verhältnis zwischen Dänemark und Grönland ist kompliziert,] die
Kolonialgeschichte für viele Grönländer:innen schmerzhaft. Diese
ungelösten Konflikte versucht [3][Trump für seine eigenen geopolitischen
Interessen] zu nutzen. Mal will er die Insel kaufen, mal schließt er
militärische Mittel nicht aus. Und er versucht einen Keil zwischen Grönland
und Dänemark zu treiben. Dänemark könne die Insel nicht verteidigen, sagt
er immer wieder. Doch kann sein Teile-und-herrsche-Plan aufgehen, oder
erreicht Trump genau das Gegenteil von dem, was er vorhat?
Vieles deutet darauf hin, dass die Grönländer:innen und Dän:innen
zusammenrücken. Gerade jetzt ist die Notwendigkeit da, mehr denn je. Denn
unter den Grönländer:innen geht die Angst um – auch unter denen, die in
Dänemark leben. Anja Hynne Nielsen ist eine von ihnen. Sie schläft seit
zwei Wochen schlecht, seitdem Trump seine Drohungen verschärft hat.
Aufgewühlt sieht sie Zaa Lung dabei zu, wie sie das Öl auf das Moos tropft.
Anja Hynne Nielsens Mutter ist Dänin, ihr Vater Grönländer. In ihre
Ohrlöcher hat sie für das Treffen Ohrringe mit weißen Anhängern gehängt,
angefertigt aus dem Schwanz eines Polarfuchses: traditioneller Schmuck aus
Grönland. In ihrem Herzen ist dort ihr Zuhause – und um dieses Zuhause
fürchtet sie. Unentwegt liest sie auf ihrem Handy die neuesten Nachrichten,
ständig auf Breaking News gefasst, darauf, [4][dass Trump militärisch
angreift.]
Sie ist nicht die Einzige. An diesem Nachmittag im Grönländischen Haus
erzählen viele von ihrer Angst. In Grönland selbst bereiten sich die
Menschen auf das Schlimmste vor. Am Tag zuvor rief der grönländische
Premier Jens Frederik Nielsen dazu auf, sich auf eine mögliche Invasion
vorzubereiten. Sie sei unwahrscheinlich, aber nicht auszuschließen, sagte
er. Es werde bald öffentliche Leitlinien geben, die Haushalte sollten dann
Lebensmittelvorräte für mindestens fünf Tage anlegen. Der Konsum von
Beruhigungstabletten ist angestiegen.
Falls ihre Heimat in seine, Trumps, Hände fällt, da ist Anja Hynne Nielsen
sich sicher, wird er das Land zerstören, die Natur, die sie so sehr liebt.
Vor allem die in Arsuk – „der geliebte Ort“, heißt das übersetzt. Dort hat
sie den größten Teil ihrer Kindheit gelebt, ganz im Süden von Grönland.
Nielsen erinnert sich an die Fjorde, an deren Ufern sie spielte. Im Sommer
saß sie mit ihren Freund*innen am Wasser und angelte, den Blick auf die
Berge und Flüsse gerichtet, die sich ihren Weg ins Tal bahnten. Als
Schulkind zog sie mit ihrer Familie nach Dänemark, später wieder zurück
nach Grönland. Doch dann kam ihr Sohn zur Welt.
Er hatte Epilepsie und kam mit einer Zerebralparese zur Welt. In Grönland
konnte sie nicht die medizinische Unterstützung für ihn organisieren, die
er brauchte. Also ging sie 2024 mit ihm zurück nach Dänemark. Bis vor
Kurzem beschrieb sie ihre Identität mit den Worten: „Ich bin halbe-halbe.“
Doch jetzt, da so vieles in Bewegung geraten ist, verändert sich auch ihr
Blick auf sich selbst: „Ich bin beides“, wolle sie von nun an sagen. „Wir
wären so reich, wenn wir aus beiden Welten das Beste nehmen würden.“ Dann
fängt sie an zu weinen.
„Die Diskriminierung greift tief, sie prägt Grönländerinnen in Dänemark bis
heute“, sagt Nielsen. „Hau ab!“, riefen Kinder ihr in der Schule nach. „Geh
zurück nach Grönland!“ „Lebt ihr eigentlich in Iglus?“, wurde sie immer
wieder gefragt.
Einige Zerwürfnisse im Verhältnis zwischen Dänemark und Grönland erlangten
internationale Aufmerksamkeit. So etwa der Skandal mit den Spiralen.
Nielsen selbst war nicht betroffen, aber sie kennt viele Grönländerinnen,
denen in den 1960er und 1970er Jahren zwangsweise Spiralen eingesetzt
wurden. Dänemark wollte damit das Bevölkerungswachstum begrenzen. Weniger
bekannt, aber nicht minder folgenreich ist das sogenannte
Geburtsortkriterium. Demzufolge erhielten dänische Beamte, die in Grönland
stationiert wurden, dänische Gehälter. Ihre Kolleg:innen vor Ort wurden
nach grönländischen Standards bezahlt – auch Nielsens Vater.
Jahrzehntelang war Grönland in Dänemark unterrepräsentiert, sagt Martine
Lind Krebs. Sie ist Dänin, aber in Grönland aufgewachsen. In einem gerade
erschienenen Buch über ein Grönlanddenkmal in Kopenhagen setzt sich die
Anthropologin und Journalistin mit der dänischen Kolonialgeschichte
auseinander.
Wenn in den Medien über Grönland berichtet wurde, erzählt Krebs, ging es
meistens um Tourismus oder um soziale Probleme: Alkoholismus, Missbrauch.
Die Vorurteile halten sich bis heute. Eines der größten Probleme in ihren
Augen: das Unwissen der Dän*innen über Grönland. In den Schulen werde
kaum etwas darüber gelehrt. Die meisten Dänen wüssten nicht, dass Grönlands
Hauptstadt Nuuk heißt und dass die Insel und ihre Bevölkerung bis 1953 eine
Kolonie Dänemarks war.
All das – die Kolonialgeschichte, die Skandale, die Diskriminierung und
Ignoranz – hat die Unabhängigkeitsbestrebungen der Grönländer verstärkt.
Seit 1979 verfügt Grönland über eine weitreichende Selbstverwaltung, die
2009 mit dem Selbstverwaltungsgesetz deutlich ausgebaut wurde. Seither
kontrolliert das Land die meisten innenpolitischen Belange selbst. Für
Außen- und Sicherheitspolitik bleibt jedoch weiterhin Kopenhagen zuständig.
Ein Punkt, der in Grönland immer wieder die Frage nach der Unabhängigkeit
auslöst. Auf Hochtouren lief die Diskussion vor einem Jahr, vor und nach
den grönländischen Parlamentswahlen. Einig war sich die Mehrheit der
Bevölkerung darin, dass sie sich langfristig Unabhängigkeit wünschen.
Uneins sind sie sich jedoch darüber, wann das möglich sein wird. Zu klein
ist die Bevölkerung von knapp 60.000 Menschen, um eine unabhängige
Wirtschaft am Laufen halten zu können. Zu dick ist die Eisschicht, zu
unerschlossen das Land, um die Ressourcen heben zu können, von denen das
Land gigantisch viel besitzt: Gold, Öl – und vor allem seltene Erden, an
denen auch der US-Präsident Trump interessiert sein dürfte.
Mit Trumps Drohungen werden die Forderungen nach Unabhängigkeit leiser. Der
Blick richtet sich zunehmend nach Dänemark, und damit bewegt sich auch
etwas im grönländisch-dänischen Verhältnis. „Immer mehr meiner
grönländischen Freund*innen sagen offen, dass sie den Rassismus nicht
mehr hinnehmen können“, erzählt Krebs. Ihre Forderung: Die Dän:innen
müssen sich ihrer Geschichte stellen.
Auf dänischer Seite stoßen sie damit zunehmend auf offene Ohren – man
könnte fast schon sagen: dank Trump. Kaum eine Buchhandlung in Kopenhagen,
die kein Themenschaufenster zu Grönland präsentiert, die weiß-rote
grönländische Fahne stets dazudrapiert. Ausgestellt sind Romane
grönländischer Autor*innen, daneben Bücher über Wanderrouten, aber auch
Titel wie „So You Want to Own Greenland? Lessons from the Vikings to
Trump“.
[5][Auch die Demonstrationen, die Mitte Januar in Kopenhagen und in
Grönlands Hauptstadt Nuuk] gleichzeitig stattfanden, zeigen einen Wandel
an. „Ich hatte Angst, dass kaum jemand kommt – doch dann das!“, sagt Julie
Rademacher. Sie hat die Proteste mitorganisiert.
In einer Büroetage im Zentrum von Kopenhagen hat sie einen Raum mit Uagut
angemietet, einer Organisation, die die Rechte und kulturelle Identität der
Grönländer:innen in Dänemark stärken will. Seit der Demo ist Rademacher
eine sehr gefragte Person im Land. Ihre Augen leuchten, wenn sie von den
Tausenden Menschen spricht, die sich auf dem Rådhusplads am vergangenen
Wochenende versammelten, grönländische und dänische Fahnen schwenkten und
„Kalaallit Nunaat!“ riefen – „Grönland!“ auf Grönländisch.
Sie entschuldigt sich, dass sie nur ein paar Minuten sprechen kann. Gleich
hat sie das nächste Interview. Rademacher muss es im Taxi führen, auf dem
Weg zum Radiosender. Doch eines will sie noch sagen und greift nach der
grönländischen Fahne, die sie jetzt ständig dabeihat: „Grönland ist das
erste Land auf Trumps Agenda. Aber wir müssen uns alle fragen: Wer ist als
Nächstes dran? Wir müssen Trump stoppen – ihn und diesen Wahnsinn. Wir
müssen die Demokratie verteidigen.“
Um sich und die Demokratie zu verteidigen, gehen in diesen Tagen auch viele
Grönländer:innen auf die Dän:innen zu. Fast allen ist klar: Jetzt ist
nicht die Zeit, um über Unabhängigkeit zu sprechen. Grönlands Premier
Nielsen hat das Mitte Januar noch einmal sehr deutlich gemacht. Würden die
Grönländer:innen vor die Wahl gestellt, sagte er, würden sie sich für
Dänemark und gegen die USA entscheiden.
Doch kann Versöhnung gelingen, wenn die Wunden der Geschichte noch offen
sind?
Ein Gefühl des Unbehagens bleibt. Etwas liegt in der Luft, das noch nicht
geklärt ist. Eine grönländische Sozialpädagogin spricht es auf der
Veranstaltung im Grönländischen Haus aus: „Ich frage mich schon, ob die
Dänen, die auf der Demonstration waren, da waren, um das Beste für Grönland
zu fordern – oder um zu bestärken, dass Grönland zu Dänemark gehört.“
Dann sickern die Nachrichten durch. Trump sagt, er werde von militärischen
Mitteln absehen. Nielsen atmet tief durch, zum vielleicht ersten Mal seit
zwei Wochen. „Ich bin erleichtert. Für den Moment.“ Aber sie traut Trump
nicht. Und sie sieht auch: Trump bleibt dabei, Grönland besitzen zu wollen.
„Wir stehen nicht zum Verkauf, niemals. Wir Inuit haben der Welt so viel zu
geben. Im Gegensatz zu diesem furchtbaren Menschen ohne Werte.“
Zugleich ist diese Zeit für Nielsen auch eine Chance: auf einen Dialog
zwischen Grönländer:innen und Dän:innen, auf ein gleichberechtigtes
Begegnen. Auf lange Sicht ist die Unabhängigkeit Grönlands ihr Ziel, aber
jetzt ist auch für sie nicht der Moment dazu. Noch nicht. Jetzt müssten sie
zusammenstehen, Grönländer und Dänen, meint sie. Und das bedeute auch: den
Dialog über die Wunden des Kolonialismus zu führen. „Egal, wie es mit
Grönland und Trump weitergeht“, sagt Nielsen, „wir sind an einem Punkt
angelangt, hinter den wir nicht mehr zurückfallen werden. Das hoffe ich
zumindest. Der Dialog ist eröffnet. Vielleicht können Wunden heilen.“
Ihre weißen Ohrringe schwingen, als sie zurückgeht zur Runde, in der
Dän:innen und Grönländer:innen darüber sprechen, wie ihre Zukunft
aussehen soll.
27 Jan 2026
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