# taz.de -- Nazi-Verstrickungen der documenta 1955: Läuterung auf tönernen Füßen
       
       > Wie verstrickt war das Personal der ersten documenta 1955 in die
       > Nazizeit? Ein prominent besetzter Workshop befasste sich in Kassel mit
       > dieser Frage.
       
 (IMG) Bild: War in Italien an Folterungen beteiligt: Werner Haftmann (links), Lessing-Preisträger von 1962
       
       1953 schrieb der Kunsthistoriker Will Grohmann in einem Brief, er habe
       gehört, Werner Haftmann „hätte sich selbst im Suff wiederholt gerühmt,
       Resistanceleute erschossen zu haben“. 1955 ist Werner Haftmann im Team von
       Arnold Bode und gilt als der intellektuelle Kopf des Unternehmens
       documenta. Ihm vor allem wird es zugeschrieben, dass die Ausstellung als
       bundesrepublikanische Erfolgsgeschichte gesehen und als Aufbruch in eine
       demokratische, mit der ästhetischen Moderne versöhnten Gesellschaft
       verstanden wurde.
       
       Inzwischen ist belegt, dass Haftmann, der 1967 erster Direktor der
       [1][Neuen Nationalgalerie] in Berlin wurde – mit der er ein Jahr später in
       den Mies-van-der-Rohe-Bau zog –, als Partisanenjäger in Italien an
       Folterungen beteiligt war und an Erschießungen teilgenommen hatte. Dass
       frühen Kenntnissen darüber nie nachgegangen wurde, lag wohl nicht daran,
       dass man bei Bemerkungen wie Will Grohmanns von böswilligen Gerüchten
       ausging, sondern eher daran, dass man sie für wahr hielt und sie deshalb
       beschwieg.
       
       Es galt, die Institutionen zu schützen, also den Museums- und
       Ausstellungsbetrieb. Die Personen und ihre Verfehlungen fielen gegenüber
       den Institutionen nicht ins Gewicht.
       
       Höchste Zeit also, sich die Institutionen genauer anzuschauen, die offenbar
       auf doch wundersame Weise von der politischen und gesellschaftlichen
       Herkunft ihres Führungspersonals unberührt blieben und geblieben sein
       sollen. Tatsächlich eröffnet jetzt, wo ein indonesisches Künstlerkollektiv
       die d 15 im nächsten Jahr organisiert, im Deutschen Historischen Museum in
       Berlin eine Ausstellung, die auf den gesellschaftspolitischen Kontext der
       Geschichte der ersten bis zehnten documenta abhebt.
       
       ## Grund für Skepsis
       
       Und am Freitag fand, angestoßen von Studentinnen der Kunsthochschule Kassel
       und organisiert mit der Universität Kassel und dem documenta archiv, ein
       über Youtube ausgestrahlter Workshop statt, der „Thesen zur
       nationalsozialistischen Vergangenheit der Kuratoren der ersten documenta“
       diskutierte.
       
       Prominent besetzt mit unter anderen Wolfgang Benz, Heinz Bude, Eckhard
       Gillen, Christian Fuhrmeister und Tessa Rosebrock, [2][ging es um
       NS-Mitgliedschaften,] um Kontinuitäten im Kunsthandel, bei Sammlern und in
       der Kulturpolitik und um das Verhältnis der ersten documenta-Macher zur
       modernen Kunst.
       
       Bei diesem Punkt vor allem hätte es früh Grund für Skepsis gegeben. Man
       denke an Haftmanns in seinem als Standardwerk gepriesenen Band „Malerei im
       20. Jahrhundert“ (1954) veröffentlichten Verdikt, kein einziger deutscher
       moderner Maler sei Jude gewesen. Das war schlicht falsch und nur durch
       seine documenta „belegt“, auf der er keine jüdischen Künstler, geschweige
       Künstlerinnen, zeigte, mit Ausnahme von Marc Chagall.
       
       ## Jargon der Eigentlichkeit
       
       Die These, Ausschlüsse seien in der damaligen Situation vor allem
       pragmatisch motiviert gewesen, aufgrund mangelnder Kontakte, fehlender
       Ausleih- und Transportmöglichkeiten etc., ließ Alexia Pooth,
       wissenschaftliche Mitarbeiterin am DHM, aufgrund ihrer Recherchen für
       „documenta. Politik und Kunst“ an ihrem Haus nicht gelten.
       
       Als problematisch hätte schon damals Haftmanns Jargon der Eigentlichkeit
       auffallen können, sein Unverständnis der Moderne als Reflexivwerden all
       dessen, was er als ursprünglich begriff. Obwohl er also seine Rolle als
       Vermittler einer freien westlich demokratischen Kunst nicht wirklich
       ausfüllen konnte, wie das Plenum feststellte, kam zu wenig zur Sprache, wie
       es geschehen konnte, dass man sie ihm geradezu vehement zuschrieb.
       
       Entsprechend wurde auch kaum thematisiert, dass die beanspruchte
       Transformationsleistung der documenta, obwohl sie auf mehr als tönernen
       Füßen stand, am Ende doch gelang. Und zwar sogar im internationalen
       Kontext, wo sie ein vermeintlich geläutertes Deutschland kulturell
       anschlussfähig machte.
       
       Dass dieser Mythos einigermaßen stimmige Realität wurde, dafür waren
       freilich andere gesellschaftliche Kräfte relevant und nicht die der
       Kunstinstitutionen. Nicht anders als heute, betrachtet man die
       Auseinandersetzung um die Benin-Bronzen oder das Luf-Boot. Die Autoritäten
       des Kunstbetriebs scheinen zu selbstkritischen Befragung besonders unfähig
       zu sein.
       
       14 Jun 2021
       
       ## LINKS
       
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 (DIR) Brigitte Werneburg
       
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