# taz.de -- Max Liebermann in Potsdam und Berlin: Dem Nationalismus trotzen
> Zwei Ausstellungen in Berlin und Potsdam stellen Max Liebermann als
> Strategen vor, der für Internationalität und ästhetischen Mut in der
> Kunst eintrat.
(IMG) Bild: Teilte sich mit seinen Malerkolleg:innen dieses Motiv: Max Liebermann „Freistunde im Amsterdamer Waisenhaus“, 1881/82
George Grosz und Max Liebermann waren Opponenten in der Kunstauffassung zur
Zeit der Weimarer Republik. Trotzdem setzte sich Max Liebermann 1924 als
Präsident der Berliner Akademie der Künste für Grosz ein, als der vor
Gericht stand, angeklagt wegen Unzüchtigkeit in seinem Mappenwerk „Ecce
Homo“, das von Gewalt, Machtmissbrauch und Prostitution in 100 Grafiken
erzählte. Liebermann, als Gutachter berufen, verteidigte die Blätter, die
in „hohem Grade künstlerisch seien“ und deshalb nicht als „unmoralisch“
angesprochen werden könnten.
Liebermanns Stimme hatte Gewicht in dieser Zeit, in der er seine Macht auch
für Heinrich Zille, Otto Dix und Käthe Kollwitz einsetzte. Wie er seinen
Einfluss für die Freiheit der Kunst geltend machte und auch Künstler
verteidigte, deren politische Haltung er nicht teilte, erzählt eine
Ausstellung in der Liebermann-Villa in Berlin-Wannsee: „Alles für die
Kunst. Max Liebermann zwischen Strategie und Kulturpolitik“.
Die kleine dokumentarische Schau zeichnet das Bild eines klugen,
ehrgeizigen und schließlich erfolgreichen Künstlers, der von Anfang an
wusste, dass die Arbeit des Malers im Atelier nicht ausreicht, um gesehen
zu werden und Anerkennung zu finden. Verbündete unter den Künstlern zu
suchen, [1][Ausstellungen selbst organisieren, Vereinigungen wie die
Secession zu gründen] und selbst Kunst zu erwerben, die er bekannter machen
wollte, wie den französischen Impressionismus in Deutschland, gehörte zu
seinen Strategien.
Sowohl [2][die Liebermann-Villa] als auch die am 28. Februar eröffnete
Ausstellung „Avantgarde. Max Liebermann und der Impressionismus in
Deutschland“ im Museum Barberini in Potsdam stellen ihn deshalb im Kontext
von Künstler:innen vor, mit denen er sich verbündete. Teilweise sogar
Motive teilte, wie mit dem Lübecker Maler Gotthard Kuehl: beide malten
Kinder in holländischen Waisenhäusern.
## Nicht gewünscht: Jubiläumsfeier Französische Revolution
Liebermann und Kuehl stellten eine Ausstellung deutscher Maler im Rahmen
der Weltausstellung 1889 in Paris auf die Beine. Wegen ihrer Motive aus dem
Leben von Armen und hart arbeitenden Menschen wurden sie zu der Zeit im
deutschen Kaiserreich als „Maler der Armen und Hässlichen“ beschimpft. Das
Deutsche Reich boykottierte die Pariser Weltausstellung, weil sie auch 100
Jahre Französische Revolution feierte.
In Frankreich hatte der 1847 geborene Maler Max Liebermann [3][die Schule
von Barbizon kennengelernt]. Auch wenn er kurz nach dem
Deutsch-Französischen Krieg dort kaum Kontakte fand, ließ er sich von den
nationalistischen Verhärtungen auf beiden Seiten nicht abschrecken, in der
französischen Kunst der Realisten und Impressionisten seine Vorbilder zu
entdecken.
Auf Malreisen nach Holland sammelte er Motive wie den „Schweinemarkt in
Haarlem“ und „Gemüsemarkt in Delft“, vielfigurige, lebhafte Szenarien, die
Licht und Bewegung auch mit einer Konturen verwischenden Malweise einfangen
und jetzt in Potsdam zu bewundern sind.
Vorurteile trafen den Maler Max Liebermann immer wieder. Seine Malerei sei
zu französisch. Zu viel Dreck und einfaches Volk. Er war schon 72 Jahre
alt, als er in Berlin 1922 endlich in die Akademie der Künste aufgenommen
wurde. Da hatte er sich zuvor zehn Jahre lang vergeblich um Aufnahme
bemüht. Dass ihn, der aus einem wohlhabenden jüdischen Elternhaus stammte,
dabei auch immer wieder antisemitische Demütigungen trafen, belegen die
Karikaturen, die in der Villa Liebermann ausgestellt sind.
## Widersprüche werden nicht ausgeblendet
Widersprüche werden dabei nicht in beiden Ausstellungen nicht ausgeblendet:
Als er zu den etablierten Künstlern gehörte, ausgestattet mit Macht in der
Akademie und der Secession, die er einst in Opposition zur Akademie
gegründet hatte, warfen ihm nachkommende Künstlergenerationen ihrerseits
vor, Positionen auszuschließen.
Die Ausstellung im Barberini aber hebt vor allem hervor, welche Türen er
öffnete, die aus einer nationalistisch abgegrenzten und repräsentativen
Kunst herausführten. Die Malerinnen Dora Hirtz, Sabine Lepsius und Maria
Slavona konnten zum Beispiel in ihrer Zeit erfolgreich werden, weil sie
Teilnehmerinnen der Secessions-Ausstellungen waren, jenem selbstbewussten
und verkaufstüchtigen Künstlerbund, den Liebermann mit gegründet hatte.
Von Liebermanns eigener Sammlung von Manet und Monet, Degas, [4][Cézanne]
und Renoir, zeugen heute nur noch Fotografien. Sie fiel in größten Teilen
nationalsozialistischer Enteignung zum Opfer und ist verschollen. Mit
Szenen nächtlicher Straßen, deren nasser Asphalt die Lichter der Droschken
und Laternen spiegelt, von Lesser Ury gemalt, mit Gartenszenen von
Liebermann selbst und Max Slevogt zeichnet die Ausstellung in Potsdam aber
Wege des Impressionismus in Deutschland nach mit Liebermann als Vermittler
und Ermutiger.
Von der [5][nationalsozialistischen Kulturpolitik] bedrängt, verließ
Liebermann verbittert die Preußische Akademie der Künste 1933. Er starb
zwei Jahre später mit 87 Jahren. Seine Witwe Martha Liebermann wurde 1940
von den Nationalsozialisten gezwungen, die Sommervilla am Wannsee weit
unter Wert zu verkaufen. 1943, als ihr die Deportation nach Theresienstadt
drohte, nahm sie sich das Leben.
Seit Ende der 1950er Jahre gehörten Villa und Garten zwar dem Land Berlin,
aber jahrelang war es an einen Tauchclub verpachtet, bis ein Verein sich
dafür einsetzte, hier einen Gedenkort für Liebermann zu schaffen. Erst seit
20 Jahren ist die Villa Liebermann ein Ort der Erinnerung an den Künstler
und die nationalsozialistische Bedrohung seiner Existenz.
12 Mar 2026
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## AUTOREN
(DIR) Katrin Bettina Müller
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(DIR) Sabine Meister
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