# taz.de -- Weltwirtschaftsforum in Davos: Eine bessere Globalisierung ist möglich
> Die Welt verändert sich massiv – und mit ihr der liberalisierte
> Welthandel. Globale Wirtschaftsbeziehungen müssen jetzt erst recht
> gerechter werden.
(IMG) Bild: Schon vor Beginn des Weltwirtschaftsgipfels in Davos üben Globalisierungsgegner:innen nahe dem US-Haus Kritik am Gipfeltreffen
Es ist wieder so weit: Am Montag beginnt in [1][Davos das alljährliche
Weltwirtschaftsforum], diesmal allerdings mit einer großen Veränderung: Es
ist das erste ohne seinen [2][Gründer Klaus Schwab]. Nach 54 Jahren
verabschiedete sich Mr. Globalisierung in den Ruhestand. Damit geht auch
eine Phase der Globalisierung zu Ende. Seit den 1980er Jahren bildete sich
stärker als zuvor ein gemeinsamer Weltmarkt heraus, es wurde mehr Handel
getrieben, weltumspannende Institutionen gewannen an Einfluss. Das
Lebensgefühl verbreitete sich, in einer Welt zu leben, die ähnlich
funktionierte, in der die Kontinente einander näher rückten.
Jetzt jedoch geht die Entwicklung in die entgegengesetzte Richtung.
Autokratische Herrscher in Peking, Moskau und neuerdings in Washington
unterteilen die Welt in Machtblöcke. [3][Trumps America-First-Politik
strebt zurück ins 19. Jahrhunder]t, fußt auf dem Nationalstaat, bevorzugt
egoistische, unilaterale Lösungen statt verbindender, multilateraler. Die
Globalisierung hatte schlechte Seiten, aber auch gute. Die
Weltmarktproduktion in armen Ländern schuf dort Hunderte Millionen neuer
Arbeitsplätze. Die Mittelschichten in China, Indien, Südafrika und anderen
Staaten wuchsen, die Armut ging zurück. Die Verbraucher:innen in den
reichen Staaten erhielten preisgünstige Konsumgüter wie Textilien und
Smartphones.
Es handelte sich auch um ein politisches Arrangement. Globale Institutionen
wie die Welthandelsorganisation schlichteten Konflikte, schufen Verträge
für die große Mehrheit der Staaten. Die Vereinten Nationen beschlossen die
Millennium-Ziele, um die weltweite Armut zurückzudrängen. Manche Länder
öffneten sich für kulturelle Einflüsse von außen, eine Weltgesellschaft
schien zu entstehen. Ein Ort, an dem vieles davon zusammenfloss, war jedes
Jahr das Weltwirtschaftsforum in den Schweizer Alpen.
Die Nachteile der neuen Weltökonomie riefen aber auch heftige Kritik
hervor. Viele Industriearbeitsplätze verließen die Industriestaaten. Die
neuen Jobs im Süden waren oft mies bezahlt, gesundheitsschädigend, auch
tödlich. Nationalstaaten büßten Regulierungspotenzial ein. Die Investoren
der internationalen Kapitalmärkte setzten ihre Interessen gegenüber der
Politik durch, weshalb in den Industriestaaten die soziale Sicherheit
abnahm. Deshalb erfand die globalisierungskritische Organisation Attac den
Slogan: „Eine andere Welt ist möglich.“ Während Linke, Linksliberale,
Grüne, Entwicklungsorganisationen, kirchliche Hilfswerke und Gewerkschaften
die dunklen Seiten der Globalisierung betonten, nahm sich aber auch die
politische Rechte des Themas an.
Und teilweise ähnelte sich die Kritik von links und rechts. Beide Seiten
beklagten einen Kontrollverlust der Politik gegenüber der Macht der Märkte.
Wobei sich die Perspektiven andererseits auch unterschieden. [4][Die Linken
interessierten sich mehr für die Probleme der Menschen in den armen Ländern
des Südens.] Daraus entstand etwa das Konzept der Deglobalisierung des
philippinischen Ökonomen Walden Bello. Seine Frage lautete: Können
Gesellschaften sich aus dem Weltmarkt ausklinken? Die Rechten fokussierten
dagegen auf die Nachteile der Globalisierung für die reichen Staaten des
Nordens – Arbeiter, die ihre Jobs verloren, Regierungen, deren Einfluss
abnahm. In der öffentlichen Debatte verstärkte sich die überlappende Kritik
gegenseitig, und die globalisierungsfreundlichen Regierungen der Mitte
standen von beiden Seiten gleichzeitig unter Feuer.
Auch deshalb erscheint nun eine realistische Revision linker
Globalisierungskritik nötig. Denn die Welt verändert sich gerade massiv. Es
geht darum, das fortzuentwickeln, was an der Globalisierung gut war und
ist. Anstatt „Nein“ sollte die Linke „Ja, aber“ sagen. Etwa zum
[5][Handelsabkommen zwischen der Europäischen Union und dem
südamerikanischen Staatenbund Mercosur.] Gewisse ökonomische und
ökologische Nachteile des Vertrages sind nicht von der Hand zu weisen, die
Vorteile überwiegen jedoch bei Weitem. Vor allem fußt das Abkommen auf
fairer Verhandlung und gegenseitigem Interessenausgleich. Das ist das
Gegenteil dessen, was der US-Präsident zu seinem Markenzeichen macht.
Übrigens: Mit welchem Land will die EU künftig Handel treiben, wenn nicht
mit einem Staat wie Mercosur-Mitglied Brasilien, das der linksgerichtete
Präsident Lula da Silva regiert?
Dennoch muss man sich weiter dafür einsetzen, dass die weltweiten
Wirtschafts- und Handelsbeziehungen gerechter werden. Die europäische
Lieferkettenrichtlinie in ihrer ursprünglichen, strengeren Form war
richtig, weil sie half, die Arbeitsbedingungen im globalen Süden zu
verbessern. Internationale Steuerabkommen sind nötig, um große Vermögen
überall zur Mitfinanzierung der öffentlichen Aufgaben heranzuziehen. Eine
bessere Globalisierung ist möglich.
19 Jan 2026
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