# taz.de -- Grünen-Abgeordnete über Olympia: „Für Berlin ist der Zug eh abgefahren“
       
       > In Berlin fehlt das Konzept für Olympische Spiele und die Zustimmung der
       > Bevölkerung, sagt Sportpolitikerin Klara Schedlich. Knackpunkt: die
       > Finanzen.
       
 (IMG) Bild: Manchmal trennt nur ein kleiner Zaun oder halt zu wenig Geld die Sportmetropole von der Dauerbaustelle
       
       taz: Frau Schedlich, schauen Sie eigentlich gerne beim Sport zu? 
       
       Klara Schedlich: Ja klar, alles Mögliche.
       
       taz: Und Ihr eigener Sport? 
       
       Schedlich: Im Moment gehe ich vor allem bouldern, also klettern ohne Seil
       in Absprunghöhe.
       
       taz: Wenn man Sie über Olympia reden hört, im Parlament und anderswo,
       könnte man meinen, Ihnen läge Sport fern – die Fußball-Euro 2024 war ja
       auch nicht so Ihr Ding. 
       
       Schedlich: Genau das Gegenteil ist der Fall. Ich liebe Sport, und mein
       oberstes Ziel ist, dass alle Menschen in Berlin und vor allem Kinder Sport
       treiben können. Ich mag auch Großveranstaltungen, wie den Marathon. Der
       wird professionell ausgetragen, die ganze Stadt kann an die Strecke kommen,
       unsere Stadt hat etwas davon.
       
       taz: Und das wäre bei Olympia nicht so? 
       
       Schedlich: Die Bewerbung halte ich für völlig aussichtslos und vom Senat
       von Beginn an lustlos organisiert. Deshalb finde ich, dass wir das Geld
       dafür lieber direkt in den Berliner Sport statt in PR-Mittel stecken
       sollten.
       
       taz: Aber es geht doch erst mal nur um 6 Millionen in einem
       44-Milliarden-Haushalt … 
       
       Schedlich: … mit denen sich aber so manches an kaputten Sportstätten machen
       ließe. Man kann jeden Euro nur einmal ausgeben.
       
       taz: Sie waren aber durchaus so zu verstehen, dass Sie die Spiele auch
       grundsätzlich ablehnen würden – deutlich anders als die Grünen in München,
       Hamburg und Nordrhein-Westfalen als Mitbewerber. Wieso sind die Berliner
       Grünen da als einzige gegen eine Bewerbung? 
       
       Schedlich: Also, in Berlin ist die Situation auf jeden Fall anders als in
       anderen Bundesländern. Wir haben ein massives Problem mit über 55 maroden
       Sporthallen und Bädern. Da kann gar kein Sport mehr stattfinden – auch kein
       Schulsport.
       
       taz: Teilweise aber, weil sie gerade saniert werden. 
       
       Schedlich: Nicht wirklich. Das Geld reicht derzeit nur für einen Bruchteil
       der Sportstätten. Damit befinden wir uns in Berlin in einer Situation, in
       der wir erst mal unsere Hausaufgaben machen und die Grundlagen
       funktionieren lassen sollten. Vorher sollten wir nicht über solche
       Großveranstaltungen nachdenken.
       
       taz: In Köln oder Hamburg dürfte aktuell aber auch nicht jede Turnhalle
       nutzbar sein. Trotzdem lehnen die Grünen dort eine Bewerbung nicht ab. 
       
       Schedlich: Den Zustand der Sportstätten dort kann ich nicht beurteilen. Ich
       kenne aber den Landeshaushalt in Berlin. Ich sehe, dass Sportunterricht
       entfällt und Schwimmkurse nicht stattfinden können. Deshalb komme ich zu
       einer anderen Prioritätensetzung.
       
       taz: Regierungschef Kai Wegner und Sportsenatorin Iris Spranger
       argumentieren, Olympische Spiele würden den entscheidenden Schub für die
       Infrastruktur geben. 
       
       Schedlich: Ja, das sagen sie oft. Aber warum sollte auch nur eine
       Schwimmhalle im Ostteil der Stadt saniert werden, weil in Berlin-Westend
       olympische Schwimmwettbewerbe ausgetragen werden? Es gibt überhaupt keinen
       gesicherten positiven Effekt auf die Infrastruktur. In erster Linie gibt
       das Internationale Olympische Komitee, das IOC, vor, wie Olympia
       auszutragen ist.
       
       taz: Das heutige IOC ist aber nicht mehr jenes viel kritisierte von vor
       ein, zwei Jahrzehnten, das einer der Hauptgründe war, warum die Grünen in
       München 2013 Olympische Winterspiele – erfolgreich – abgelehnt haben. 
       
       Schedlich: Richtig. Aber die die Priorität des IOC ist weiterhin nicht,
       Schulsporthallen zu sanieren, sondern ausreichend Tribünen aufstellen zu
       lassen und schöne Bilder fürs Fernsehen zu produzieren. Es ist überhaupt
       kein Selbstläufer, dass davon unsere kleinen Sportvereine profitieren.
       
       taz: Teilweise doch. Im Südwesten, in Lichterfelde, profitieren die
       Sportler noch heute davon, dass das Stadion Trainingsort der
       Leichtathletik-WM 2009 war und eine neue Laufbahn bekam. 
       
       Schedlich: Dann haben wir dort Glück gehabt. Bei der Fußball-Euro aber
       musste in einem Berliner Stadion für die österreichische Mannschaft
       angeblich unbedingt eine Rasenheizung verlegt werden, weshalb mehrere
       örtliche Vereine wochenlang dort nicht trainieren durften – und nachher
       waren die Österreicher an einem ganz anderen Ort und haben das gar nicht
       genutzt. Und auch jetzt nutzt niemand diese Rasenheizung.
       
       taz: Gerade zur Fußball-EM – weil Sie ja argumentieren, die
       Austragungsstadt zahle immer drauf – ist vom Senat von einer „Stadtrendite“
       von über 1 Milliarde Euro zu hören, die den 84 Millionen Ausgaben
       gegenüberstehen. 
       
       Schedlich: Die Hotelbelegung während der EM war in Berlin schlechter als
       zum gleichen Zeitraum in anderen Jahren. Diese „Stadtrendite“ ist sehr
       umstritten und hat keine Berechnungsgrundlage.
       
       taz: Da wir so konkret beim Geld sind: Weil es doch am Ende keine Berliner,
       sondern eine deutsche Bewerbung wäre, würde doch Geld aus dem
       Bundeshaushalt kommen. 
       
       Schedlich: Ja, der Bund würde eine bisher unbekannte Summe Geld geben. Es
       bleibt aber immer ein Drauflegegeschäft für Berlin. Und der Bund wird
       sicher keine Sporthallen für den Schulsport sanieren, sondern in
       Austragungsorte investieren. Auch in Paris hat es 2024 am Ende mehr
       gekostet als zuvor gedacht. Und dort sind die Mittel für
       Sportstättensanierung nach den Olympischen Spielen gesperrt worden.
       
       taz: Einzelne Köpfe fänden ja auch bei den Berliner Grünen Olympia in der
       Stadt offenbar nicht schlecht, so wie Ihre Parteifreunde in den anderen
       Bundesländern. Jörn Oltmann, der Bürgermeister von Tempelhof-Schöneberg,
       gehört sogar dem von Kai Wegner geleiteten Kuratorium für die Bewerbung an. 
       
       Schedlich: Jörn Oltmann und ich sehen das gar nicht so konträr. Er kommt
       aber zu einem anderen Ergebnis und ich finde es auch gut, dass es in dieser
       Runde Stimmen gibt, die auch den ökologischen Gedanken mitbringen.
       
       taz: Na ja, in diesem Gremium dürfte niemand sein, der eine Bewerbung so
       ablehnt wie Sie. 
       
       Schedlich: Deshalb bin ich da auch nicht drin.
       
       taz: Sie sind ja Teil des Bündnisses NOlympia. Führender Kopf ist dort Uwe
       Hiksch, der schon Widerstand gegen TTIP, zum Hambacher Forst und zur
       Verkehrswende organisiert hat. Da kann sich der Eindruck aufdrängen, die
       Ablehnung von Olympia sei keine Frage von unsanierten Berliner
       Sportstätten, sondern eine grundsätzliche. 
       
       Schedlich: Unser NOlympia-Bündnis eint die Überzeugung, das wir unser Geld
       in unsere Sportstätten statt in eine Olympiabewerbung stecken sollten.
       
       taz: In Hamburg, München und auch in der Rhein-Ruhr-Region kann die
       Bevölkerung in zeitnahen Abstimmungen klar entscheiden, ob sie eine
       Bewerbung wollen oder nicht. Wären Sie dafür, so etwas auch in Berlin in
       die Landesverfassung aufzunehmen? Die Grünen haben so etwas lange als
       „Volksentscheid von oben“ abgelehnt. 
       
       Schedlich: Hätte es in Berlin die Begeisterung für eine Olympiabewerbung
       gegeben, hätte die Zivilgesellschaft das organisieren können. So sieht es
       unsere Verfassung vor.
       
       taz: Aber das dauert viel länger. In Hamburg gilt, dass das Landesparlament
       zeitnah einen Volksentscheid mit einer Zweidrittelmehrheit ansetzen kann –
       was de facto heißt: Ohne die Opposition geht das nicht. 
       
       Schedlich: Das ist eine interessante Variante. Mit dem NOlympia-Bündnis
       organisieren wir den Volksentscheid lieber selbst, damit die Berlinerinnen
       und Berliner über die Bewerbung abstimmen dürfen, wie es die Verfassung
       vorsieht.
       
       taz: Wobei es jetzt dafür zu spät sein dürfte, denn der Deutsche Olympische
       Sportbund will sich ja im September entscheiden und absehbar vorher wissen,
       ob die Menschen im Bewerberort auch dahinterstehen. 
       
       Schedlich: Für Berlin ist der Zug eh abgefahren. Das wissen alle, die sich
       mit Sportpolitik näher beschäftigen. In Berlin fehlt das Konzept für die
       Spiele und die Zustimmung in der Bevölkerung.
       
       30 Jan 2026
       
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