# taz.de -- Volksbegehren gegen Olympia in Berlin: „Lasst die Finger von Berlin!“
       
       > NOlympia setzt sich gegen eine Bewerbung Berlins als Austragungsort für
       > Olympische Spiele ein. Das Geld werde dringend woanders benötigt, sagt
       > Mit-Initiator Uwe Hiksch.
       
 (IMG) Bild: Spitzenreiter beim Protest: Das NOlympia-Bündnis in Berlin läuft sich schon mal warm. Ab Mittwoch sammeln sie Unterschriften gegen eine Bewerbung
       
       taz: Herr Hiksch, Sie sind in der Antiatombewegung aktiv, setzen sich gegen
       TTIP, Aufrüstung und nun auch für NOlympia ein. Ist das eine generelle
       Antihaltung, die Sie da an den Tag legen? 
       
       Uwe Hiksch: Es ist das genaue Gegenteil. Ich setze mich für regenerative
       Energien und für einen gerechten Welthandel ein. Ich bin gegen Aufrüstung,
       weil ich dafür bin, dass Geld nicht in Rüstung, sondern in Schulen, in
       Sport oder in Kitas fließt. Das ist eine Prohaltung. Auch [1][die Arbeit
       jetzt gegen die olympische Bewerbung] hat sehr viel mit einer
       Grundphilosophie zu tun: Wie sehe ich eine Stadt und wie sehe ich eine
       Gesellschaft?
       
       taz: Wofür steht denn NOlympia? 
       
       Hiksch: Das Bündnis setzt sich zusammen aus Umweltverbänden,
       Mieterinitiativen und Stadt-für-alle-Initiativen, die gemeinsam dafür
       eintreten, dass Berlin sich in den Jahren 2036, 2040 und 2044 nicht für die
       Olympischen Spiele bewirbt. Am Mittwoch, also am 22. April, starten wir mit
       einer Unterschriftenaktion. Das ist die erste Stufe des Volksbegehrens
       gegen eine Olympiabewerbung. Wir wollen stattdessen, dass sich die Stadt
       nachhaltig entwickelt und nicht für Großevents umgebaut wird.
       
       taz: Das Internationale Olympische Komitee (IOC) vermarkte die Spiele als
       nachhaltig. Kann davon im Zusammenhang mit Olympia überhaupt die Rede sein? 
       
       Hiksch: So, wie sie geplant sind, haben die Spiele mit Nachhaltigkeit und
       Klimagerechtigkeit überhaupt nichts zu tun. Das ist reines Greenwashing.
       Auch wenn das IOC und die Berliner Politik das im Vornherein bestreiten,
       werden wir auch in Berlin feststellen, dass im Rahmen der Bewerbung neue
       Groß-Sportanlagen gebaut werden müssen, die wahnsinnig viel CO2 produzieren
       werden.
       
       taz: Allerdings heißt es seitens der Stadt, dass etwa 90 Prozent der
       Spielstätten für Olympia bereits vorhanden seien. Müsste überhaupt noch
       viel gebaut werden? 
       
       Hiksch: Das IOC hat ganz klare Richtlinien. Wie müssen Stadien aussehen?
       Wie viele Plätze müssen vorhanden sein, welche Abstände müssen eingehalten
       werden? Das wird für Berlin bedeuten, dass viele der Sportstätten, die
       angedacht werden, eben nicht IOC-tauglich sind und das Land Berlin teuer
       nachrüsten muss. Wenn der Berliner Senat davon redet, dass sehr viele
       Spielstätten da sind, dann [2][streut er den Menschen einfach Sand in die
       Augen].
       
       taz: Wenn Gebäude und Infrastruktur für die Spiele saniert werden, könnte
       Olympia dann nicht auch eine Chance auf Modernisierung sein? 
       
       Hiksch: Wenn man Modernisierung nur für Großevents und
       Veranstaltungsstätten denkt, dann ja. Das Geld, das ausgegeben werden soll
       für die Olympischen Spiele, fehlt woanders. Es kann beispielsweise nicht in
       den Breitensport gesteckt werden. Berlin benötigt rund 1,2 Milliarden Euro,
       um marode Sportstätten herzurichten. [3][Viele Kinder in Berlin haben keine
       Chance auf Schwimmunterricht, weil es deswegen zu wenige Schwimmbäder]
       gibt.
       
       taz: Was denken Sie, wie teuer werden die Spiele für Berlin? 
       
       Hiksch: Wir gehen davon aus, dass sich die Kosten für die Olympischen
       Spiele irgendwo zwischen 6 und 16 Milliarden Euro bewegen werden. Die
       letzten Winterspiele in Cortina waren 85 Prozent über dem geplanten Budget.
       Schaut man vergangene Spiele an, wurden die Kosten immer deutlich
       überschritten.
       
       taz: Eigentlich soll Olympia Sport und Sportler:innen zelebrieren, auch
       in Deutschland. Das ist doch eine gute Sache oder wie sehen Sie das? 
       
       Hiksch: Ich selbst war immer ein Kritiker des Spitzensportes, so wie er
       sich in den letzten Jahrzehnten entwickelt hat. Ich komme aus der
       Tradition, die sagt, alle Menschen sollten die Chance bekommen, Sport zu
       machen. Die Aufgabe von Sportförderung besteht darin, den Menschen diese
       Möglichkeit zu geben. Und nicht die Gelder immer weiter auf den
       Spitzensport zu konzentrieren.
       
       taz: Waren Sie denn schon einmal bei den Olympischen Spielen? 
       
       Hiksch: Diese großen sportlichen Ereignisse ziehen mich überhaupt nicht an.
       Ich war auch noch nie in einem Fußballstadion. Wenn ein paar Millionäre
       über den Rasen laufen, ist das für mich persönlich nicht so spannend.
       
       taz: Trotzdem berichten viele Menschen, die zum Beispiel Paris 2024 während
       Olympia besucht haben, von einem unglaublichen Lebensgefühl. Von einer
       Magie, die durch Olympia entfacht wird. Ist an den Spielen wirklich alles
       so schlecht? 
       
       Hiksch: Ich sage nicht, dass alles schlecht ist. In Paris gibt es auch zwei
       Sichtweisen. Die Offiziellen, übrigens auch Teile der Stadtverwaltung von
       Paris, sprachen von einem großen Ruck, der durch die Stadt gegangen ist.
       Dass viele die Spiele zelebriert haben. Das Gegenteil ist meiner
       Überzeugung nach richtig.
       
       taz: Inwiefern? 
       
       Hiksch: Die Pariser Innenstadt war über Tage und Wochen gesperrt.
       Pariserinnen und Pariser konnten sich nur schwer zu ihrer Arbeit oder
       Wohnung bewegen und haben deswegen während dieser Zeit die Stadt verlassen.
       Außerdem [4][wurden 13.000 Menschen aus der Innenstadt vertrieben], um eine
       saubere und schöne Stadt zu präsentieren. Die Pariser Polizei hat
       [5][Menschen ohne Obdach in Busse gesetzt], raus in die Provinz gefahren
       und den Menschen verboten, sich in der Zeit der Olympischen Spiele in Paris
       zu bewegen. Durch Olympia wurden dort einfache Leute eingeschränkt und arme
       Leute vertrieben. Eine solche Stadtentwicklung kann ich mir persönlich
       nicht vorstellen.
       
       taz: Aktuell laufen in Berlin auch noch zwei weitere Volksbegehren. „Berlin
       autofrei“ und „Berlin werbefrei“. Diese beiden drohen schon jetzt zu
       scheitern. Steht hinter NOlympia überhaupt eine breite Bewegung, die sich
       durchsetzen kann? 
       
       Hiksch: Ich denke ja. Unter anderem sind die vier großen Umweltverbände aus
       Berlin dabei: Wir Naturfreunde, der BUND, der Nabu und die Grüne Liga. Es
       sind auch die Mietergemeinschaft und eine ganze Reihe von Organisationen
       dabei. Die Grünen und die Linke stehen hinter dem Volksbegehren, auch die
       GEW hat bereits den Beschluss gefasst, NOlympia zu unterstützen. Hunderte
       Menschen warten darauf, endlich mit dem Sammeln der Unterschriften zu
       beginnen.
       
       taz: Doch laut einer jüngsten Umfrage des Deutschen olympischen Sportbundes
       (DOSB) stimmen rund 60 Prozent der Berliner:innen nun doch für die
       Spiele in der Hauptstadt. Was sagen Sie dazu? 
       
       Hiksch: In dieser Umfrage wurde ganz allgemein gefragt, „Können Sie sich
       vorstellen, dass Berlin sich eventuell für die Olympischen Spiele bewirbt?“
       Da haben natürlich viele Menschen, die sich noch nicht mit den Auswirkungen
       der Olympischen Spiele beschäftigt haben, vielleicht Ja gesagt. Wenn die
       Menschen jetzt mitbekommen, was es konkret für Berlin bedeutet, dass wegen
       Olympia kein Geld mehr für den Breitensport da ist, für den sozialen
       Wohnungsbau oder um den ÖPNV auszubauen, wird sich diese Stimmung ganz
       schnell umkehren. Das IOC hatte diese Umfrage selbst beauftragt. Ich nehme
       sie selbst nicht ernst. Im letzten Jahr hat sich gezeigt, 67 Prozent, also
       die Mehrheit der Berlinerinnen und Berliner ist gegen Olympia. Die neue
       Umfrage ist reine Publicity: Das IOC versucht damit, Abstimmungen vor der
       Entscheidung zu beeinflussen.
       
       taz: Auch Hamburg befindet sich im Rennen um die Olympiabewerbung. Dort
       findet im Mai ein Bürgerschaftsreferendum statt, das über seine Kandidatur
       entscheiden soll. Hätten Sie sich auch für Berlin eine Abstimmung „von
       oben“ gewünscht, anstatt des Volksbegehrens „von unten“? 
       
       Hiksch: Dafür kritisiere ich dem Senat nicht, denn vonseiten des Senats
       oder des Abgeordnetenhauses können in Berlin keine Volksentscheide
       eingeleitet werden. Erst nachdem genügend Unterschriften gesammelt wurden
       und diese einer juristischen Prüfung unterzogen wurden, kann es zum
       eigentlichen Volksentscheid kommen.
       
       taz: Das dauert also noch eine Weile. 
       
       Hiksch: Wir werden die Unterschriften sammeln und vor der Sommerpause
       einbringen. Weil wir auch verhindern wollen, dass sich die
       Unterschriftenaktion gleichzeitig mit dem zunehmenden Wahlkampf um das
       Abgeordnetenhaus vermischt. Und wir hoffen natürlich, mit unseren
       Unterschriften in den Wahlkampf dahingehend eingreifen zu können, dass
       Parteien sich sehr gut überlegen müssen, wie sie mit ihrer Position zu
       Olympia umgehen.
       
       taz: In der ersten Stufe des Volksbegehrens müsstet ihr 20.000 gültige
       Unterschriften sammeln. Ist das realistisch? 
       
       Hiksch: Wir sind der festen Überzeugung, das sehr fix umsetzen zu können.
       Wir werden auch, nachdem wir am 22. April gestartet haben, ein
       Sammelwochenende auf der Tempelhofer Freiheit machen und natürlich bei
       größeren Demonstrationen, die in Berlin stattfinden, unterwegs sein und
       sammeln. Falls nötig, werden wir auch die zweite Stufe konsequent
       durchziehen. Wir rechnen damit, dass irgendwann nächstes Jahr, vor oder
       nach der Sommerpause, Volksabstimmungen stattfinden können.
       
       taz: Solltet ihr 20.000 Unterschriften zusammenbekommen, müsst ihr in der
       zweiten Stufe innerhalb von vier Monaten rund 180.000 Unterschriften
       sammeln. Das ist ganz schön sportlich. 
       
       Hiksch: Na ja, es geht ja auch um Olympia. Das hat etwas mit Sport zu tun.
       
       taz: Schon im September entscheidet der DOSB, welcher der Bewerber der
       Austragungsort wird. Sind ihr da nicht zu spät dran mit dem Volksbegehren? 
       
       Hiksch: Wir sind da gar nicht spät dran. Falls sich der DOSB für Berlin
       entscheidet, muss er immer damit rechnen, dass spätestens im nächsten Jahr
       ein Volksentscheid stattfindet und die Mehrheit der Berlinerinnen und
       Berliner Nein zu Olympia sagen kann. Dann hätten sie eine Stadt ins Rennen
       geschickt, die gar nicht in der Lage ist, die Olympischen Spiele
       durchzuführen. Und wir wollen mit dieser Sammlung der Unterschriften dem
       IOC auch signalisieren, lasst die Finger von Berlin!
       
       21 Apr 2026
       
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