# taz.de -- Direkte Demokratie in Berlin: Sind Volksbefragungen eine gute Idee?
> Kai Wegner will einen schnell ansetzbaren Volksentscheid – etwa zu
> Olympia. Ist das ein passendes Werkzeug für wichtige Fragen? Ein Pro und
> Contra.
(IMG) Bild: Begehrtes Viertel, begehrte Freifläche: Der Schillerkiez in Neukölln und das angrenzende Tempelhofer Feld
Ja
Denn die Frage ist vielmehr: Warum nicht schon längst? In der Hamburger
Politik haben die führenden Köpfe schon 2015 begriffen, dass es Themen
gibt, die a) alle angehen und b) schnell zu klären sind. Natürlich sollte
das Abgeordnetenhaus selber fähig sein, über alle Themen entscheiden. Aber
es kann Fragen geben, die zum einen wenig komplex und zweitens im Kern
unideologisch sind – also auf keinen Fall Besteuerung, Autofahren oder
gesellschaftspolitische Fragen.
Olympische Spiele hingegen oder die Frage, ob eine beliebte Freifläche in
einer Großstadt zu bebauen ist, passen hingegen genau. Grüne und Linke
mühen sich in Berlin zwar seit eh und je, den Eindruck zu erwecken, als
gehöre Olympia-Ablehnung zu linker DNA. Doch ein Blick nach Rostock zeigt,
wie abwegig das ist: Dort würde sich die Oberbürgermeisterin, eine Linke,
ausdrücklich freuen, wenn ihre Stadt olympische Segelwettbewerbe austrägt.
Die bisherigen Instrumente der Volksgesetzgebung passen für schnelle
Klärungen solcher Fragen nicht. Denn bis es auf diesem Weg zu einem
Volksentscheid kommt, vergehen mindestens zwei Jahre. Eine
[1][Olympiabewerbung] und die grundsätzliche Bereitschaft einer Stadt dazu
aber braucht eine zügige Entscheidung. In Hamburg passiert das im Mai 2026,
in München gab es schon Ende Oktober einen Bürgerentscheid dazu.
In Berlin aber könnte es nach jetzigem Stand über Volksinitiative und
Volksbegehren erst 2027 ein Ergebnis geben – zu spät für den Deutschen
Olympischen Sportbund. Der will sich im Herbst 2026 festlegen und wird auf
dieser Basis nicht riskieren, sich für Berlin zu entscheiden, wo das Ganze
im Nachhinein noch gekippt werden könnte.
Gegner lehnen so etwas oft als Volksentscheid „von oben“ ab und wenden ein,
dass sich dann eine Regierung das gewünschte Ergebnis mit einer
psychologisch maßgeschneiderten Frage herbeistimmen lasse. Ja, das könnte
passieren – aber eben nicht, wenn sich Berlin am Hamburger Modell
orientiert. Dort muss es im Parlament erst eine Zweidrittelmehrheit geben,
bevor ein Volksentscheid auf den Weg geht.
Von einer solchen Mehrheit ist die aktuelle Koalition genauso wie ihre
Vorgängerin weit entfernt – ohne die Opposition geht also nichts. Und die
dürfte darauf achten, dass die Abstimmungsfrage weitgehend neutral
formuliert ist. Dass ein solcher „von oben“ angesetzter Entscheid nicht
automatisch im Sinne irgendwelcher Obriger ausgeht, hat gerade der erste
Hamburger Volksentscheid dieser Art gezeigt: Der kam 2015 extra zum Thema
Olympia in die Verfassung und lehnte wenige Monate später eine Bewerbung
ab.
Stefan Alberti
Nein
Die Berliner CDU und Kai Wegner als Verfechter der direkten Demokratie?
Klingt absurd, scheint aber wahr zu sein – zumindest auf den ersten Blick.
Denn erst kürzlich [2][wiederholte der Regierende Bürgermeister seine
Forderung] nach einem kurzzeitig ansetzbaren Volksentscheid von oben, um
die Bürger*innen bei wichtigen Themen mitreden zu lassen. „Leider hat
Berlin diese Möglichkeit nicht“, bedauerte Wegner und sagte in Richtung der
demokratischen Opposition, die er bräuchte, um die Verfassung entsprechend
zu ändern: „Direkte Demokratie muss doch auch für Linke und Grüne wichtig
sein.“
Ein guter Köder: Direkte Demokratie, das klingt erst einmal gut, nach
echter Mitbestimmung. Genau deshalb verfängt Wegners Vorschlag auch so
leicht: Er ist [3][blanker Populismus]. Denn der Senat könnte sich mithilfe
solcher Referenden – bei Zustimmung – damit schmücken, einen „wahren
Volkswillen“ umzusetzen und so Kritik aus Zivilgesellschaft und Opposition
delegitimieren. Ein von Senat oder Abgeordnetenhaus veranlasster
Volksentscheid schafft auf diese Weise vermeintliche Fakten entlang einer
vorgelegten Ja-nein-Frage.
Daran könnte auch das „Hamburger Modell“ wenig ändern, bei dem es eine
Zweidrittelmehrheit im Parlament bräuchte, um einen Volksentscheid von oben
einzuberufen. Es bleibt trotzdem bei Mitsprache entlang von Vorstellungen
und Regeln der Herrschenden. Ein solches Referendum bietet keinen Raum für
Emanzipation und Politik von unten.
Das untermauert auch die eigentliche Motivation hinter Wegners Vorstoß.
Denn er will – und das ist kein Geheimnis – [4][das Tempelhofer Feld
bebauen], traut sich aber nicht, sich mithilfe der Regierungsmehrheit im
Abgeordnetenhaus über [5][das Volksgesetz von 2014] hinwegzusetzen, was
rechtlich möglich wäre. Auch zu Olympia wäre ein Referendum denkbar.
Die CDU will die Meinung der Bürger*innen also wohl vor allem zu
symbolpolitischen Themen wissen. Eine Volksbefragung ist da kaum besser als
die meisten repräsentativen Umfragen. In anderen Bereichen könnte
Schwarz-Rot unterdessen munter weiter Politik gegen die Interessen der
Menschen betreiben, wie etwa bei den massiven Einsparungen im Sozial- und
Kulturbereich.
Dass es in der repräsentativen Demokratie an Möglichkeiten zur
Mitbestimmung mangelt, können ein paar verordnete Abstimmungen nicht
korrigieren. Echte Veränderungen werden von unten erkämpft. Und wenn Wegner
& Co die direkte Demokratie wirklich so sehr am Herzen liegt, wäre ein
erster Schritt hin zu mehr Glaubwürdigkeit, den [6][rechtlich bindenden
Volksentscheid zur Vergesellschaftung von Wohnraum] endlich umzusetzen.
Hanno Fleckenstein
18 Nov 2025
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