# taz.de -- Gewalt in Syrien: Die Rückkehr des Krieges
> Nach den blutigen Kämpfen zwischen Regierung und Kurden bleibt in Aleppo
> die Angst vor einem neuen Krieg. Ein Besuch in einer Stadt im
> Ausnahmezustand.
(IMG) Bild: Nach den Kämpfen rollen Räumfahrzeuge an, um die Zerstörungen der letzten Tage beiseitezuräumen
Im Norden Aleppos staut sich der Verkehr. Schwer bewaffnete Soldaten und
Sicherheitskräfte winken Autos im Kreisverkehr zur Seite, der seit Kurzem
den Namen „Märtyrer der Revolution“ trägt. So steht es auf den Wänden des
Steintürmchens in der Mitte des begrünten Kreisels geschrieben, auf
Arabisch und Kurdisch.
Im vergangenen Sommer, dem ersten seit dem Sturz des Assad-Regimes, hatten
sich genau hier Hunderte Bewohner:innen des Viertels Aschrafijah
versammelt. Auf Videos von jenem Julitag ist zu sehen, wie sie das damals
frisch sanierte und umbenannte Wahrzeichen ihres Viertels einweihten. Mit
Musik, Tanz und Pathos. Auf dem Dach des Turmes prangte [1][ein großer
roter Stern] – ein Symbol für die kurdischen Milizen, die das Viertel seit
Jahren kontrollierten.
Am vergangenen Sonntag reißt ein Kran den Stern herunter. An seiner Stelle
steht danach ein in Zivil gekleideter Mann auf dem Turmdach und schwenkt
die neue syrische Nationalfahne: [2][grün, weiß und schwarz, drei rote
Sterne]. Jene Fahne, die ab 2011 zum Symbol der syrischen Revolution gegen
das Assad-Regime wurde und einst Freiheit und Würde für alle im Land
versprach.
Ein paar Dutzend Menschen rufen dem Mann von unten zu: „Geh einen Schritt
zur Seite“, „Pass auf den Kran auf!“. Einige tragen Westen der
Stadtverwaltung. Sie pfeifen, manche rufen „Allahu akbar“. Vor dem Himmel
aus gelb-roten Wolken halten sie in der einsetzenden Dämmerung ihre Handys
in die Höhe. Es ist der perfekt inszenierte Moment. Mit Bildern, die fast
so wirkmächtig sind wie die [3][Waffen, mit denen im Viertel wenige Stunden
zuvor noch auf Häuser geschossen wurden]. Bilder, die auch dem Letzten
klarmachen sollen, wer nun die Macht innehat – [4][im Viertel, in Aleppo
und im Rest des Landes.]
## Letzter Vermittlungsversuch scheiterte
Die Kämpfe der vergangenen Woche zwischen Truppen der Regierung unter dem
islamistischen Präsidenten [5][Ahmed al-Scharaa] und kurdischen Milizen
haben den Krieg nach Syrien zurückgebracht. Ausgerechnet nach Aleppo: in
diese geschichtsträchtige Stadt, die wegen ihrer Vielfalt immer als „Syrien
im Kleinen“ galt – und im Bürgerkrieg brutal und großflächig zerstört
wurde.
Dabei sollte Aleppo eigentlich als Test dienen, um Vertrauen zwischen
Damaskus und der faktischen kurdischen Selbstverwaltung im Nordosten
Syriens (auch Rojava genannt) aufzubauen. Im März 2025 unterzeichneten
al-Scharaa und der Oberbefehlshaber der kurdisch angeführten Syrischen
Demokratischen Kräfte (SDF), Mazlum Abdi, ein von Beobachter:innen als
historisch bezeichnetes Abkommen: Die Kurd:innen wurden nach Jahrzehnten
systematischer Unterdrückung als „integraler Teil des syrischen Staates“
anerkannt. Die Institutionen des Nordostens sollten bis Ende 2025 in den
Staatsapparat integriert werden. Zivil wie [6][militärisch].
Für Aleppo mit seiner SDF-Exklave wurde ein eigener Deal vereinbart. Die
kurdischen Milizen sollten sich schrittweise aus den seit 2015 von ihnen
gehaltenen Stadtteilen Aschrafijeh und Scheich Maksud sowie aus dem seit
Ende 2024 unter ihrer Herrschaft stehenden Bani Said zurückziehen.
Stattdessen sollten die Viertel künftig vom Innenministerium gemeinsam mit
den Asajisch, den kurdischen Polizeikräften, übernommen werden.
Doch die Gespräche stockten, ein letzter Vermittlungsversuch scheiterte
nach dem Jahreswechsel. Kurz darauf begann in Aleppo der Ausnahmezustand.
Die taz war während der Kämpfe in und um Aleppo unterwegs und hat erlebt,
wie schnell der vermeintliche Neuanfang in Syrien noch immer in Gewalt
umschlagen kann.
Mittlerweile sind die drei Viertel in Aleppo unter der kompletten Kontrolle
der Regierung. In der Stadt herrscht ein Waffenstillstand. [7][Die Kämpfe
sind indes nicht vorbei. Sie haben sich nun nach Osten, in Richtung des
Euphrat, verlagert.] Die Sorge vor einem neuen, großen Bürgerkrieg zwischen
Damaskus und dem [8][Nordosten] wächst weiter.
## Fristen, Ausgangssperren, militärische Zonen
Am vergangenen Donnerstag, als es in Aleppo gerade dunkel wird, nimmt das
dumpfe Dröhnen zu. Auch am südwestlichen Stadtrand, wo die taz in einem
Hotel untergekommen ist, feuern Regierungstruppen in Richtung der rund 8
Kilometer entfernten Stadtteile Aschrafijeh, Scheich Maksud und Bani Zaid.
Von den Vibrationen springen die Alarmanlagen der parkenden Autos auf den
Straßen an. Im Treppenhaus jammert eine ängstliche Katze.
Zu diesem Zeitpunkt ist es zwei Tage her, dass in und um die Viertel
Gefechte zwischen Regierungstruppen und den SDF ausgebrochen sind. In den
drei Stadtteilen leben die meisten Kurd:innen Aleppos, aber auch andere
Minderheiten wie Christ:innen und viele Araber:innen. Insgesamt sind es
rund 450.000 Menschen.
In den Monaten nach dem [9][Sturz des Diktators Baschar al-Assad] war die
Gewalt dort immer wieder eskaliert. Was dieses Mal genau den Anlass für die
Zusammenstöße lieferte, ist ungewiss. Regierung und die SDF geben sich
gegenseitig die Schuld. Schnell wird jedoch klar: So heftig und
langanhaltend waren die Kämpfe noch nie. Das Militär greift die Viertel
gezielt an, setzt der Zivilbevölkerung Fristen für die Flucht. Danach
gelten Ausgangssperren, und die Gebiete werden zu militärischen Zonen
erklärt.
## Keine Zeit zum Zusammenpacken
Etwa 150.000 Menschen fliehen aus den Vierteln und den umliegenden
Nachbarschaften, wo ebenfalls Geschosse einschlagen. Viele flüchten mit
Bussen ins 40 Kilometer entfernte Afrin, nahe der türkischen Grenze, wo
viele Kurd:innen leben. Wer keine Verwandten hat, bei denen er
unterkommen kann, dem bleiben nur die Notunterkünfte.
In einer kleinen Moschee führt eine Treppe hinab zu den Kellerräumen. Auf
dem Boden liegen am vergangenen Freitag Matratzen und Wolldecken zum
provisorischen Lager ausgebreitet. Einige Kinder spielen Fangen, andere
sind erschöpft eingeschlafen oder starren apathisch auf die kargen Wände.
Hanan Othman, sechsfacher Vater, zeigt auf seine nackten Füße: „Ich habe
noch nicht einmal Socken oder Schuhe“, sagt er. Und auch kein Geld, von dem
er als Tagelöhner ohnehin nicht viel besäße. Zum Zusammenpacken sei keine
Zeit gewesen, so schnell habe er mit seiner Familie Aleppo verlassen, um
sich in Sicherheit zu bringen.
Längst nicht alle Zivilist:innen aus Aschrafijeh, Scheich Maksud und
Bani Said entscheiden sich zur Flucht: aus Angst vor Plünderungen, aus
Furcht vor den Regierungstruppen, in deren Reihen viele Islamisten kämpfen,
die während des Bürgerkriegs und darüber hinaus von der Türkei unterstützt
wurden. Oder aus Furcht, vielleicht nie wieder in ihr Viertel zurückkehren
zu können.
2018 ging die Fluchtbewegung noch andersrum: [10][Damals griffen die Türkei
und von ihr unterstützte syrische Milizen Afrin an,] um die kurdischen
Volksverteidigungseinheiten (YPJ), die die Region damals kontrollierten,
zurückzudrängen. Tausende Menschen flohen in die kurdisch geprägten Viertel
Aleppos.
Dort stellt die syrische Armee den SDF an diesem Tag ein Ultimatum:
Entweder ziehen die kurdischen Einheiten mit Bussen in Richtung Nordosten
ab, oder die Angriffe gehen weiter. Die erste Deadline bis 9 Uhr morgens
ist bereits verstrichen. Die Menschen in der Notunterkunft in Afrin
verfolgen die Nachrichten angespannt auf ihren Handys. „Wir wollen doch nur
in Frieden und Sicherheit leben“, sagt der Kurde Othman. Sobald die Kämpfe
vorbei sind, wolle er nach Aleppo zurückkehren. Egal wer die Viertel dann
regiere? „Ja“, sagt er.
## Vermeintliche Spitzel
Doch nicht alle sehen das so. In einem abgetrennten Raum im Moscheekeller
bittet die 44-jährige Oum Sara, auf einer der Matratzen Platz zu nehmen.
Der echte Name der Kurdin soll nicht genannt werden. „Ich habe zu große
Angst“, sagt sie. Bis vor wenigen Tagen habe die geschiedene und verarmte
Frisörin noch in einem Gefängnis in Aschrafijeh eingesessen, unrechtmäßig
verurteilt wegen Spionage – sagt sie.
Oum Sara erzählt, dass vor zwei Jahren jemand versucht habe, sie über eine
Chat-App zu rekrutieren. Für Geld sollte sie Informationen über die
kurdischen Milizen im Viertel sammeln. Sie habe abgelehnt. Eine andere
Frau, der sie die App zuvor empfahl, habe ebenfalls eine solche Anfrage
erhalten und Oum Sara daraufhin als vermeintlichen Spitzel bei den Behörden
im Viertel gemeldet. Ihre Unschuldsbeteuerungen hätten nichts genützt. „In
Untersuchungshaft haben sie mich geschlagen“, sagt Oum Sara. „Ich bin
selbst Kurdin und für [11][Frauenrechte] – aber ist es das, was man
darunter versteht?“
Schließlich sei sie zu 15 Jahren Haft verurteilt worden. Erst mit dem
Ausbruch der Kämpfe sei ihr und anderen Gefangenen die Flucht aus dem
Gefängnis gelungen. Nun fürchte sie um ihr Leben, falls sie gefunden werde.
Die taz kann Oum Saras Geschichte im Detail nicht überprüfen. Dass auch
kurdische Milizen nicht gerade zimperlich mit Andersdenkenden und
Inhaftierten umgehen, [12][wird von Menschenrechtsorganisationen jedoch
immer wieder kritisiert].
## Wiederaufbauhilfen von 620 Millionen Euro
Längst sind die Kämpfe in Aleppo auch zu einem Schlachtfeld der Narrative
geworden: Regierung und kurdische Führung erheben im Verlauf der Kämpfe
gegenseitig schwere Vorwürfe. Im Netz kursieren unzählige Videos, die
vermeintliche Racheakte und Gewalt an Zivilist:innen zeigen sollen.
Die Sorge, dass etwa Regierungstruppen Gräueltaten an Kurd:innen begehen
könnten, sind gerechtfertigt: Die [13][Massaker an Alawit:innen an der
Küste im März 2025] sowie die Eskalation der Gewalt im drusisch geprägten
[14][Suweida] im vergangenen Sommer – bei denen Einheiten, die Damaskus
unterstehen, ebenfalls Verbrechen an Zivilist:innen begangen haben
sollen – haben Ängste geschürt, dass die Kurd:innen die nächsten Opfer
der Islamisten und Dschihadisten im Land sein könnten. Eine Verifikation
der Videos, die nun mutmaßlich aus Aleppo stammen, ist das aber nicht.
Für die Präsidentin der Europäischen Kommission, Ursula von der Leyen, die
ausgerechnet an diesem Tag nach Damaskus reist, könnte der Zeitpunkt
angesichts der Gewalt in Aleppo nicht heikler sein. Im Gepäck hat sie ein
Paket von [15][Wiederaufbauhilfen in Höhe von 620 Millionen Euro]. „Wir
möchten, dass die Syrer:innen eine echte Perspektive haben, in ihre
Heimat zurückzukehren und ihr Leben wieder aufzubauen“, erklärt sie in
ihrer Rede. Doch während sie diese Worte spricht, fliehen erneut Menschen
aus dem Land.
## Dunkler Rauch über Scheich Maksud
Auch eine verlängerte Deadline lassen die kurdischen Einheiten wegen
Uneinigkeit verstreichen. In den darauffolgenden Stunden bringt die
syrische Armee Aschrafijeh und Bani Said vollständig unter ihre Kontrolle.
Bis auch Scheich Maksud fällt, scheint nur noch eine Frage der Zeit.
Am nächsten Morgen, dem vergangenen Samstag, steigt über dem Viertel
Scheich Maksud noch immer dunkler Rauch auf. Das Universitätskrankenhaus
von Aleppo ist fünf Kilometer entfernt. Dort werden neue Verletzte in die
Notaufnahme eingeliefert: Frisch verwundete Soldaten mit klaffenden Wunden,
die hastig auf Metallbetten umhergeschoben werden. Dazwischen
Zivilist:innen. Eine Schwangere krümmt sich auf den harten Sitzbänken und
hält sich den Bauch. Sie muss erst einmal warten.
In den oberen Stockwerken warten indes die Patient:innen in ihren
Betten, dass ihre Verletzungen heilen. So wie die von Ibrahim aus Scheich
Maksud, 14 Jahre alt. Ein fiebrig-schwitziger Film liegt auf seinem zarten
Jungengesicht.
Neben ihm auf dem Stuhl wacht sein Vater Aiman Naijeh über den Jungen.
Ibrahim und sein kleiner Bruder seien nur kurz rausgegangen, um frische
Luft zu schnappen, erzählt der Vater. Dann sei ein Pick-up mit kurdischen
Milizen in die Straße der Familie eingebogen und von einer Drohne
beschossen worden. „Baba, Baba – Ibrahim, Ibrahim“, habe das jüngere Kind
geschrien. „Da habe ich gedacht, dass Ibrahim getötet wurde“, sagt Naijeh.
Doch er fand den Teenager vor dem Haus, blutüberströmt, aber lebend, in
einer Wolke aus Staub.
## „Wir sind eins, Kurden und Araber“
Im nächsten Krankenhaus in Scheich Maksud sei es zu überfüllt gewesen. Ein
Krankenwagen hätte sie schließlich raus aus dem Viertel geschafft, in dem
die arabische Familie seit den 1970er Jahren lebe. Keines seiner Kinder,
sagt Naijeh, sei während des Bürgerkriegs verletzt worden. Und jetzt das.
Der Vater hebt die schwere Wolldecke an, in die sein Sohn gehüllt ist.
Durch die weißen Verbände am linken Arm des Jungen drückt rotes Fleisch.
„Der Nerv wurde verletzt“, sagt Naijeh. Ob sein Sohn je wieder alle Finger
seiner Hand bewegen kann, sei ungewiss.
Der Vater ist wütend auf die kurdischen Milizen, die noch immer nicht
vollständig aus dem Viertel abgezogen sind und die Kämpfe damit in die
Länge zögen. Aber Naijeh sagt auch: „Wir sind eins, Kurden und Araber.“ Und
deswegen sollten sie auch unter einer gemeinsamen Verwaltung, in einem
gemeinsamen Land leben.
Wenige Autominuten vom Krankenhaus entfernt, im armenisch und christlich
geprägten Viertel Suleimanijah, sorgt sich Vivian Daoud im Keller der
syrisch-orthodoxen Kirche St. Ephräm der Syrer. Hier unten, hinter dicken
Mauern, hat die Lehrerin gemeinsam mit rund hundert weiteren Menschen
Zuflucht gefunden. Die meisten sind Christ:innen wie sie selbst, aber
auch eine muslimische Familie ist unter den Schutzsuchenden.
Daouds kleines Lager teilt sie mit ihrem Mann und ihrem 19-jährigen Sohn,
der ein schwaches Immunsystem hat. Ein kleines, mobiles Beatmungsgerät
liegt deswegen griffbereit neben ihm. „Zu Hause haben wir es einfach nicht
mehr ausgehalten“, sagt Daoud. Sowohl ihre Wohnung als auch die Kirche
liegen unweit des Konfliktgebiets. Doch in der Tiefe, abgeschirmt vom Lärm
der Einschläge der letzten Tage, fühlt sie sich sicher.
## Geliebte geschundene Stadt
2011, erzählt Daoud, floh sie mit ihrer Familie vorübergehend nach Libanon.
Acht Jahre lang lebten sie dort – eine Zeit, in denen Daoud die Spaltung im
Nachbarland anhand religiöser Trennlinien erlebte. „In Syrien gab es so was
im Vergleich dazu nicht“, sagt Daoud. Heute beobachte sie in Aleppo jedoch
zunehmend ähnliche Spaltungen. Religion und ethnische Zugehörigkeit seien
zuletzt wichtiger geworden. Dabei wünsche sie sich doch endlich Ruhe und
Frieden für ihre geliebte geschundene Stadt, die nicht nur den Krieg,
sondern auch das schwere Erdbeben von 2023 ertragen musste.
Die Spuren von beidem sind überall in Aleppo zu erkennen. Auch am Gebäude
der Provinzverwaltung, in das während des Gesprächs in der Kirche am
Nachmittag ein paar Straßenzüge weiter eine Drohne kracht. Drinnen läuft da
gerade eine Pressekonferenz mit Regierungsvertreter:innen und dem
Gouverneur von Aleppo. Die SDF weisen Vorwürfe der Regierung zurück, für
den Angriff verantwortlich zu sein.
Einen Tag später, am vergangenen Sonntag, ist Scheich Maksud gefallen, die
kurdischen Kämpfer:innen sollen die Stadt verlassen haben. Nun herrscht
final Waffenstillstand. Für die einen Bewohner:innen bedeutet das
Aufatmen, für die anderen geht die Angst weiter. Und für wieder andere
bedeutet es eine Mischung aus beidem.
## Rückkehr in Ungewissheit
An den Checkpoints von Aschrafijeh patrouillieren nun Regierungssoldaten.
Der erste Checkpoint liegt direkt neben einem Trümmerfeld. Darüber klaffen
große Löcher in der Fassade eines hohen Gebäudes, mehrere Fenster sind mit
Sandsäcken zugestopft. „Hier hatten die SDF einen Stützpunkt“, erklärt der
Hausmeister der Moschee gegenüber, in der gerade zur Abenddämmerung gebetet
wird. Ganz schön laut sei es hier in den vergangenen Tagen gewesen. Endlich
seien die Kämpfe vorbei.
Nun kehren nicht nur die ersten Menschen mit Koffern und schweren Taschen
in das Viertel zurück, sondern auch die Händler:innen in ihre Läden. Ob
beim Optiker, im Shishaladen, beim Bäcker oder dem Gemüsehändler – fast
alle Geschäfte haben auf den Hauptstraßen schon wieder geöffnet. In vielen
Wohnungen darüber ist es meist noch dunkel, genauso wie in den
Nebenstraßen. In einer Zeile brennt nur beim Glaser Licht. Er erzählt, dass
er bereits Bestellungen für Reparaturen bekommen habe. Er selbst sei kurz
aus dem Viertel geflohen, habe das Vogelpaar im Käfig an der Wand
zurücklassen müssen. Und mit ihnen ihre frisch gelegten Eier, keines hat
einen Kratzer abbekommen. „Alhamduillah“ – Gott sei Dank.
Drei Meter weiter, da wo wirklich kein Licht mehr brennt, weil es auch
keinen Strom gibt, sitzt eine Gruppe arabischer Jugendlicher mit weiten
Klamotten und Umhängetaschen um eine Feuertonne. Zum ersten Mal seit Tagen
kommt die Clique wieder zusammen. Einer der jungen Männer beklagt, dass
sein Motorrad geklaut wurde. Ein zweiter erzählt, dass er sich nun der
syrischen Armee anschließen wolle, um gegen „die Feinde Syriens“ zu
kämpfen. Wer sind denn seine Feinde? „Kurdistan, die Juden.“ Alle, die ihm
blöd kommen, raunt er halb im Spaß. Und halb im Ernst.
Unterdessen versuchen die Schwestern Sawsan und Marwa ein paar Straßen
weiter, unter Handylicht die verriegelte Tür ihres Wohnhauses
aufzuschließen. Auch ihre Freundin Diana ist dabei. Die letzten Tage haben
die drei jungen Frauen in Afrin verbracht, zur Sicherheit. Nun wollen sie
nach Aschrafijeh zurückkehren.Ob die Kurdinnen die schlimmen Videos in den
sozialen Netzwerken gesehen hätten, ob sie jemanden kennen, denen Gewalt
angetan wurde? „Ich selbst kenne niemanden“, sagt Sawsan. Aber dafür viele
Kurd:innen, die so bald wohl nicht in die Viertel zurückkehren werden. Aus
Angst vor Verhaftung und dem Generalverdacht, irgendwas mit den SDF und den
Milizen zu tun zu haben.
Die drei Frauen wollen weiter hier leben, auch unter Regierungskontrolle.
„Erst in ein, zwei Monaten können wir wirklich beurteilen, wie es hier
zugeht“, sagt Sawsan. Heute jedenfalls werden sie noch nicht in ihrer
Wohnung schlafen – jemand hat den Schlüssel im Schloss abgebrochen und
zuvor von innen zugesperrt. Sie kommen nicht hinein.
## Frieden, Freiheit und Würde weit entfernt
Offiziell wurden vergangene Woche mindestens zwei Dutzend Menschen getötet
und über 120 verletzt. Wahrscheinlich sind es viel mehr. Die deutsche
Hilfsorganisation Medico International machte am Montag publik, [16][dass
drei Mitarbeitende ihrer Partnerorganisation, des Kurdischen Roten
Halbmonds, vergangenen Freitag in Scheich Maksud entführt wurden]. Einer
von ihnen, ein Krankenpfleger, wurde inzwischen wieder frei gelassen. Von
den anderen fehle laut der Organisation noch immer jedes Lebenszeichen.
Zu den Kriegstagen in Aleppo wird es wohl bald Untersuchungen
internationaler Organisationen und syrischer Menschenrechtsorganisationen
geben, die über eine Momentaufnahme hinausgehen. Sie werden versuchen, das
ganze Ausmaß der Kämpfe zu fassen, zu verifizieren, mögliche Gräuel ans
Licht zu bringen. Unabhängig davon steht bereits fest: Von einem Leben in
Frieden, einem Leben in Freiheit und Würde für alle ist Syrien weiter weit
entfernt.
Mitarbeit: Yaser Shahrour
15 Jan 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Kurdische-Symbole-in-Deutschland/!5629632
(DIR) [2] https://www.deutschlandfunk.de/flagge-syrien-revolution-assad-100.html
(DIR) [3] /Nach-Gefechten-mit-kurdischen-Kaempfern/!6143669
(DIR) [4] /Kaempfe-in-Syrien/!6144789
(DIR) [5] /Syrischer-Uebergangspraesident/!6134315
(DIR) [6] /Gewalt-in-Aleppo/!6141011
(DIR) [7] https://www.dw.com/de/syrien-kein-ende-im-konflikt-zwischen-kurden-und-zentralregierung/a-75492209
(DIR) [8] https://syria.liveuamap.com/
(DIR) [9] /Schriftsteller-ueber-Syrien-nach-Assad/!6135417
(DIR) [10] /Kurdischer-Kanton-Afrin-in-Nordsyrien/!5888260
(DIR) [11] /Frauenrechte-in-Syrien-/!6094576
(DIR) [12] https://snhr.org/blog/2025/02/22/snhr-condemns-sdfs-continued-detentions-of-civilians-since-the-beginning-of-2025-over-voicing-their-opinion/?utm_source=chatgpt.com
(DIR) [13] /Syrien-nach-dem-Sturz-von-Assad/!6074900
(DIR) [14] /Gewalt-in-Syrien/!6115704
(DIR) [15] https://ec.europa.eu/commission/presscorner/detail/de/ip_26_61
(DIR) [16] https://www.medico.de/presse/2026/medico-partner-in-aleppo-entfuehrt
## AUTOREN
(DIR) Anna-Theresa Bachmann
## TAGS
(DIR) Ahmed al-Scharaa
(DIR) Aleppo
(DIR) Kurden
(DIR) Schwerpunkt Syrien
(DIR) Lesestück Recherche und Reportage
(DIR) Reden wir darüber
(DIR) Social-Auswahl
(DIR) Schwerpunkt Syrien
(DIR) Schwerpunkt Syrien
(DIR) Schwerpunkt Syrien
(DIR) Schwerpunkt Syrien
(DIR) Schwerpunkt Syrien
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Kämpfe in Syrien: Armee erobert kurdisch kontrollierte Gebiete
Syrische Regierungstruppen drängen die Kurden weiter zurück – und al-Sharaa
bereitet sich auf heikle Gespräche in Berlin vor.
(DIR) Staatsbesuch aus Syrien: In Bellevue willkommen, auf der Straße angeklagt
Menschenrechtsorganisationen protestieren gegen den Besuch von Syriens
Übergangspräsident al-Scharaa. Für Montag rufen sie zu einer Großkundgebung
in Berlin auf.
(DIR) Kämpfe in Syrien: Regierungsarmee übernimmt volle Kontrolle in Aleppo
Die kurdische SDF zieht ihre Kämpfer aus Aleppo ab und verkündet eine
Waffenruhe. Syriens Regierung sieht Ende ihrer Militäraktion.
(DIR) Frauenrechte in Syrien: Freiheitskampf der Frauen
Seit dem Machtwechsel in Syrien sorgen sich viele um die Frauenrechte unter
der islamistischen HTS-Regierung. Drei Beispiele feministischer
Wehrhaftigkeit.
(DIR) Syrien nach dem Sturz von Assad: Der große Horror
Anfang März wurden bei einem Massaker in Syrien hunderte vorwiegend
alawitische Zivilisten getötet. Die Überlebenden sammeln nun selbst Belege.