# taz.de -- Gewalt in Syrien: Die Rückkehr des Krieges
       
       > Nach den blutigen Kämpfen zwischen Regierung und Kurden bleibt in Aleppo
       > die Angst vor einem neuen Krieg. Ein Besuch in einer Stadt im
       > Ausnahmezustand.
       
 (IMG) Bild: Nach den Kämpfen rollen Räumfahrzeuge an, um die Zerstörungen der letzten Tage beiseitezuräumen
       
       Im Norden Aleppos staut sich der Verkehr. Schwer bewaffnete Soldaten und
       Sicherheitskräfte winken Autos im Kreisverkehr zur Seite, der seit Kurzem
       den Namen „Märtyrer der Revolution“ trägt. So steht es auf den Wänden des
       Steintürmchens in der Mitte des begrünten Kreisels geschrieben, auf
       Arabisch und Kurdisch.
       
       Im vergangenen Sommer, dem ersten seit dem Sturz des Assad-Regimes, hatten
       sich genau hier Hunderte Bewohner:innen des Viertels Aschrafijah
       versammelt. Auf Videos von jenem Julitag ist zu sehen, wie sie das damals
       frisch sanierte und umbenannte Wahrzeichen ihres Viertels einweihten. Mit
       Musik, Tanz und Pathos. Auf dem Dach des Turmes prangte [1][ein großer
       roter Stern] – ein Symbol für die kurdischen Milizen, die das Viertel seit
       Jahren kontrollierten.
       
       Am vergangenen Sonntag reißt ein Kran den Stern herunter. An seiner Stelle
       steht danach ein in Zivil gekleideter Mann auf dem Turmdach und schwenkt
       die neue syrische Nationalfahne: [2][grün, weiß und schwarz, drei rote
       Sterne]. Jene Fahne, die ab 2011 zum Symbol der syrischen Revolution gegen
       das Assad-Regime wurde und einst Freiheit und Würde für alle im Land
       versprach.
       
       Ein paar Dutzend Menschen rufen dem Mann von unten zu: „Geh einen Schritt
       zur Seite“, „Pass auf den Kran auf!“. Einige tragen Westen der
       Stadtverwaltung. Sie pfeifen, manche rufen „Allahu akbar“. Vor dem Himmel
       aus gelb-roten Wolken halten sie in der einsetzenden Dämmerung ihre Handys
       in die Höhe. Es ist der perfekt inszenierte Moment. Mit Bildern, die fast
       so wirkmächtig sind wie die [3][Waffen, mit denen im Viertel wenige Stunden
       zuvor noch auf Häuser geschossen wurden]. Bilder, die auch dem Letzten
       klarmachen sollen, wer nun die Macht innehat – [4][im Viertel, in Aleppo
       und im Rest des Landes.]
       
       ## Letzter Vermittlungsversuch scheiterte
       
       Die Kämpfe der vergangenen Woche zwischen Truppen der Regierung unter dem
       islamistischen Präsidenten [5][Ahmed al-Scharaa] und kurdischen Milizen
       haben den Krieg nach Syrien zurückgebracht. Ausgerechnet nach Aleppo: in
       diese geschichtsträchtige Stadt, die wegen ihrer Vielfalt immer als „Syrien
       im Kleinen“ galt – und im Bürgerkrieg brutal und großflächig zerstört
       wurde.
       
       Dabei sollte Aleppo eigentlich als Test dienen, um Vertrauen zwischen
       Damaskus und der faktischen kurdischen Selbstverwaltung im Nordosten
       Syriens (auch Rojava genannt) aufzubauen. Im März 2025 unterzeichneten
       al-Scharaa und der Oberbefehlshaber der kurdisch angeführten Syrischen
       Demokratischen Kräfte (SDF), Mazlum Abdi, ein von Beobachter:innen als
       historisch bezeichnetes Abkommen: Die Kurd:innen wurden nach Jahrzehnten
       systematischer Unterdrückung als „integraler Teil des syrischen Staates“
       anerkannt. Die Institutionen des Nordostens sollten bis Ende 2025 in den
       Staatsapparat integriert werden. Zivil wie [6][militärisch].
       
       Für Aleppo mit seiner SDF-Exklave wurde ein eigener Deal vereinbart. Die
       kurdischen Milizen sollten sich schrittweise aus den seit 2015 von ihnen
       gehaltenen Stadtteilen Aschrafijeh und Scheich Maksud sowie aus dem seit
       Ende 2024 unter ihrer Herrschaft stehenden Bani Said zurückziehen.
       Stattdessen sollten die Viertel künftig vom Innenministerium gemeinsam mit
       den Asajisch, den kurdischen Polizeikräften, übernommen werden.
       
       Doch die Gespräche stockten, ein letzter Vermittlungsversuch scheiterte
       nach dem Jahreswechsel. Kurz darauf begann in Aleppo der Ausnahmezustand.
       Die taz war während der Kämpfe in und um Aleppo unterwegs und hat erlebt,
       wie schnell der vermeintliche Neuanfang in Syrien noch immer in Gewalt
       umschlagen kann.
       
       Mittlerweile sind die drei Viertel in Aleppo unter der kompletten Kontrolle
       der Regierung. In der Stadt herrscht ein Waffenstillstand. [7][Die Kämpfe
       sind indes nicht vorbei. Sie haben sich nun nach Osten, in Richtung des
       Euphrat, verlagert.] Die Sorge vor einem neuen, großen Bürgerkrieg zwischen
       Damaskus und dem [8][Nordosten] wächst weiter.
       
       ## Fristen, Ausgangssperren, militärische Zonen
       
       Am vergangenen Donnerstag, als es in Aleppo gerade dunkel wird, nimmt das
       dumpfe Dröhnen zu. Auch am südwestlichen Stadtrand, wo die taz in einem
       Hotel untergekommen ist, feuern Regierungstruppen in Richtung der rund 8
       Kilometer entfernten Stadtteile Aschrafijeh, Scheich Maksud und Bani Zaid.
       Von den Vibrationen springen die Alarmanlagen der parkenden Autos auf den
       Straßen an. Im Treppenhaus jammert eine ängstliche Katze.
       
       Zu diesem Zeitpunkt ist es zwei Tage her, dass in und um die Viertel
       Gefechte zwischen Regierungstruppen und den SDF ausgebrochen sind. In den
       drei Stadtteilen leben die meisten Kurd:innen Aleppos, aber auch andere
       Minderheiten wie Christ:innen und viele Araber:innen. Insgesamt sind es
       rund 450.000 Menschen.
       
       In den Monaten nach dem [9][Sturz des Diktators Baschar al-Assad] war die
       Gewalt dort immer wieder eskaliert. Was dieses Mal genau den Anlass für die
       Zusammenstöße lieferte, ist ungewiss. Regierung und die SDF geben sich
       gegenseitig die Schuld. Schnell wird jedoch klar: So heftig und
       langanhaltend waren die Kämpfe noch nie. Das Militär greift die Viertel
       gezielt an, setzt der Zivilbevölkerung Fristen für die Flucht. Danach
       gelten Ausgangssperren, und die Gebiete werden zu militärischen Zonen
       erklärt.
       
       ## Keine Zeit zum Zusammenpacken
       
       Etwa 150.000 Menschen fliehen aus den Vierteln und den umliegenden
       Nachbarschaften, wo ebenfalls Geschosse einschlagen. Viele flüchten mit
       Bussen ins 40 Kilometer entfernte Afrin, nahe der türkischen Grenze, wo
       viele Kurd:innen leben. Wer keine Verwandten hat, bei denen er
       unterkommen kann, dem bleiben nur die Notunterkünfte.
       
       In einer kleinen Moschee führt eine Treppe hinab zu den Kellerräumen. Auf
       dem Boden liegen am vergangenen Freitag Matratzen und Wolldecken zum
       provisorischen Lager ausgebreitet. Einige Kinder spielen Fangen, andere
       sind erschöpft eingeschlafen oder starren apathisch auf die kargen Wände.
       Hanan Othman, sechsfacher Vater, zeigt auf seine nackten Füße: „Ich habe
       noch nicht einmal Socken oder Schuhe“, sagt er. Und auch kein Geld, von dem
       er als Tagelöhner ohnehin nicht viel besäße. Zum Zusammenpacken sei keine
       Zeit gewesen, so schnell habe er mit seiner Familie Aleppo verlassen, um
       sich in Sicherheit zu bringen.
       
       Längst nicht alle Zivilist:innen aus Aschrafijeh, Scheich Maksud und
       Bani Said entscheiden sich zur Flucht: aus Angst vor Plünderungen, aus
       Furcht vor den Regierungstruppen, in deren Reihen viele Islamisten kämpfen,
       die während des Bürgerkriegs und darüber hinaus von der Türkei unterstützt
       wurden. Oder aus Furcht, vielleicht nie wieder in ihr Viertel zurückkehren
       zu können.
       
       2018 ging die Fluchtbewegung noch andersrum: [10][Damals griffen die Türkei
       und von ihr unterstützte syrische Milizen Afrin an,] um die kurdischen
       Volksverteidigungseinheiten (YPJ), die die Region damals kontrollierten,
       zurückzudrängen. Tausende Menschen flohen in die kurdisch geprägten Viertel
       Aleppos.
       
       Dort stellt die syrische Armee den SDF an diesem Tag ein Ultimatum:
       Entweder ziehen die kurdischen Einheiten mit Bussen in Richtung Nordosten
       ab, oder die Angriffe gehen weiter. Die erste Deadline bis 9 Uhr morgens
       ist bereits verstrichen. Die Menschen in der Notunterkunft in Afrin
       verfolgen die Nachrichten angespannt auf ihren Handys. „Wir wollen doch nur
       in Frieden und Sicherheit leben“, sagt der Kurde Othman. Sobald die Kämpfe
       vorbei sind, wolle er nach Aleppo zurückkehren. Egal wer die Viertel dann
       regiere? „Ja“, sagt er.
       
       ## Vermeintliche Spitzel
       
       Doch nicht alle sehen das so. In einem abgetrennten Raum im Moscheekeller
       bittet die 44-jährige Oum Sara, auf einer der Matratzen Platz zu nehmen.
       Der echte Name der Kurdin soll nicht genannt werden. „Ich habe zu große
       Angst“, sagt sie. Bis vor wenigen Tagen habe die geschiedene und verarmte
       Frisörin noch in einem Gefängnis in Aschrafijeh eingesessen, unrechtmäßig
       verurteilt wegen Spionage – sagt sie.
       
       Oum Sara erzählt, dass vor zwei Jahren jemand versucht habe, sie über eine
       Chat-App zu rekrutieren. Für Geld sollte sie Informationen über die
       kurdischen Milizen im Viertel sammeln. Sie habe abgelehnt. Eine andere
       Frau, der sie die App zuvor empfahl, habe ebenfalls eine solche Anfrage
       erhalten und Oum Sara daraufhin als vermeintlichen Spitzel bei den Behörden
       im Viertel gemeldet. Ihre Unschuldsbeteuerungen hätten nichts genützt. „In
       Untersuchungshaft haben sie mich geschlagen“, sagt Oum Sara. „Ich bin
       selbst Kurdin und für [11][Frauenrechte] – aber ist es das, was man
       darunter versteht?“
       
       Schließlich sei sie zu 15 Jahren Haft verurteilt worden. Erst mit dem
       Ausbruch der Kämpfe sei ihr und anderen Gefangenen die Flucht aus dem
       Gefängnis gelungen. Nun fürchte sie um ihr Leben, falls sie gefunden werde.
       Die taz kann Oum Saras Geschichte im Detail nicht überprüfen. Dass auch
       kurdische Milizen nicht gerade zimperlich mit Andersdenkenden und
       Inhaftierten umgehen, [12][wird von Menschenrechtsorganisationen jedoch
       immer wieder kritisiert].
       
       ## Wiederaufbauhilfen von 620 Millionen Euro
       
       Längst sind die Kämpfe in Aleppo auch zu einem Schlachtfeld der Narrative
       geworden: Regierung und kurdische Führung erheben im Verlauf der Kämpfe
       gegenseitig schwere Vorwürfe. Im Netz kursieren unzählige Videos, die
       vermeintliche Racheakte und Gewalt an Zivilist:innen zeigen sollen.
       
       Die Sorge, dass etwa Regierungstruppen Gräueltaten an Kurd:innen begehen
       könnten, sind gerechtfertigt: Die [13][Massaker an Alawit:innen an der
       Küste im März 2025] sowie die Eskalation der Gewalt im drusisch geprägten
       [14][Suweida] im vergangenen Sommer – bei denen Einheiten, die Damaskus
       unterstehen, ebenfalls Verbrechen an Zivilist:innen begangen haben
       sollen – haben Ängste geschürt, dass die Kurd:innen die nächsten Opfer
       der Islamisten und Dschihadisten im Land sein könnten. Eine Verifikation
       der Videos, die nun mutmaßlich aus Aleppo stammen, ist das aber nicht.
       
       Für die Präsidentin der Europäischen Kommission, Ursula von der Leyen, die
       ausgerechnet an diesem Tag nach Damaskus reist, könnte der Zeitpunkt
       angesichts der Gewalt in Aleppo nicht heikler sein. Im Gepäck hat sie ein
       Paket von [15][Wiederaufbauhilfen in Höhe von 620 Millionen Euro]. „Wir
       möchten, dass die Syrer:innen eine echte Perspektive haben, in ihre
       Heimat zurückzukehren und ihr Leben wieder aufzubauen“, erklärt sie in
       ihrer Rede. Doch während sie diese Worte spricht, fliehen erneut Menschen
       aus dem Land.
       
       ## Dunkler Rauch über Scheich Maksud
       
       Auch eine verlängerte Deadline lassen die kurdischen Einheiten wegen
       Uneinigkeit verstreichen. In den darauffolgenden Stunden bringt die
       syrische Armee Aschrafijeh und Bani Said vollständig unter ihre Kontrolle.
       Bis auch Scheich Maksud fällt, scheint nur noch eine Frage der Zeit.
       
       Am nächsten Morgen, dem vergangenen Samstag, steigt über dem Viertel
       Scheich Maksud noch immer dunkler Rauch auf. Das Universitätskrankenhaus
       von Aleppo ist fünf Kilometer entfernt. Dort werden neue Verletzte in die
       Notaufnahme eingeliefert: Frisch verwundete Soldaten mit klaffenden Wunden,
       die hastig auf Metallbetten umhergeschoben werden. Dazwischen
       Zivilist:innen. Eine Schwangere krümmt sich auf den harten Sitzbänken und
       hält sich den Bauch. Sie muss erst einmal warten.
       
       In den oberen Stockwerken warten indes die Patient:innen in ihren
       Betten, dass ihre Verletzungen heilen. So wie die von Ibrahim aus Scheich
       Maksud, 14 Jahre alt. Ein fiebrig-schwitziger Film liegt auf seinem zarten
       Jungengesicht.
       
       Neben ihm auf dem Stuhl wacht sein Vater Aiman Naijeh über den Jungen.
       Ibrahim und sein kleiner Bruder seien nur kurz rausgegangen, um frische
       Luft zu schnappen, erzählt der Vater. Dann sei ein Pick-up mit kurdischen
       Milizen in die Straße der Familie eingebogen und von einer Drohne
       beschossen worden. „Baba, Baba – Ibrahim, Ibrahim“, habe das jüngere Kind
       geschrien. „Da habe ich gedacht, dass Ibrahim getötet wurde“, sagt Naijeh.
       Doch er fand den Teenager vor dem Haus, blutüberströmt, aber lebend, in
       einer Wolke aus Staub.
       
       ## „Wir sind eins, Kurden und Araber“
       
       Im nächsten Krankenhaus in Scheich Maksud sei es zu überfüllt gewesen. Ein
       Krankenwagen hätte sie schließlich raus aus dem Viertel geschafft, in dem
       die arabische Familie seit den 1970er Jahren lebe. Keines seiner Kinder,
       sagt Naijeh, sei während des Bürgerkriegs verletzt worden. Und jetzt das.
       Der Vater hebt die schwere Wolldecke an, in die sein Sohn gehüllt ist.
       Durch die weißen Verbände am linken Arm des Jungen drückt rotes Fleisch.
       „Der Nerv wurde verletzt“, sagt Naijeh. Ob sein Sohn je wieder alle Finger
       seiner Hand bewegen kann, sei ungewiss.
       
       Der Vater ist wütend auf die kurdischen Milizen, die noch immer nicht
       vollständig aus dem Viertel abgezogen sind und die Kämpfe damit in die
       Länge zögen. Aber Naijeh sagt auch: „Wir sind eins, Kurden und Araber.“ Und
       deswegen sollten sie auch unter einer gemeinsamen Verwaltung, in einem
       gemeinsamen Land leben.
       
       Wenige Autominuten vom Krankenhaus entfernt, im armenisch und christlich
       geprägten Viertel Suleimanijah, sorgt sich Vivian Daoud im Keller der
       syrisch-orthodoxen Kirche St. Ephräm der Syrer. Hier unten, hinter dicken
       Mauern, hat die Lehrerin gemeinsam mit rund hundert weiteren Menschen
       Zuflucht gefunden. Die meisten sind Christ:innen wie sie selbst, aber
       auch eine muslimische Familie ist unter den Schutzsuchenden.
       
       Daouds kleines Lager teilt sie mit ihrem Mann und ihrem 19-jährigen Sohn,
       der ein schwaches Immunsystem hat. Ein kleines, mobiles Beatmungsgerät
       liegt deswegen griffbereit neben ihm. „Zu Hause haben wir es einfach nicht
       mehr ausgehalten“, sagt Daoud. Sowohl ihre Wohnung als auch die Kirche
       liegen unweit des Konfliktgebiets. Doch in der Tiefe, abgeschirmt vom Lärm
       der Einschläge der letzten Tage, fühlt sie sich sicher.
       
       ## Geliebte geschundene Stadt
       
       2011, erzählt Daoud, floh sie mit ihrer Familie vorübergehend nach Libanon.
       Acht Jahre lang lebten sie dort – eine Zeit, in denen Daoud die Spaltung im
       Nachbarland anhand religiöser Trennlinien erlebte. „In Syrien gab es so was
       im Vergleich dazu nicht“, sagt Daoud. Heute beobachte sie in Aleppo jedoch
       zunehmend ähnliche Spaltungen. Religion und ethnische Zugehörigkeit seien
       zuletzt wichtiger geworden. Dabei wünsche sie sich doch endlich Ruhe und
       Frieden für ihre geliebte geschundene Stadt, die nicht nur den Krieg,
       sondern auch das schwere Erdbeben von 2023 ertragen musste.
       
       Die Spuren von beidem sind überall in Aleppo zu erkennen. Auch am Gebäude
       der Provinzverwaltung, in das während des Gesprächs in der Kirche am
       Nachmittag ein paar Straßenzüge weiter eine Drohne kracht. Drinnen läuft da
       gerade eine Pressekonferenz mit Regierungsvertreter:innen und dem
       Gouverneur von Aleppo. Die SDF weisen Vorwürfe der Regierung zurück, für
       den Angriff verantwortlich zu sein.
       
       Einen Tag später, am vergangenen Sonntag, ist Scheich Maksud gefallen, die
       kurdischen Kämpfer:innen sollen die Stadt verlassen haben. Nun herrscht
       final Waffenstillstand. Für die einen Bewohner:innen bedeutet das
       Aufatmen, für die anderen geht die Angst weiter. Und für wieder andere
       bedeutet es eine Mischung aus beidem.
       
       ## Rückkehr in Ungewissheit
       
       An den Checkpoints von Aschrafijeh patrouillieren nun Regierungssoldaten.
       Der erste Checkpoint liegt direkt neben einem Trümmerfeld. Darüber klaffen
       große Löcher in der Fassade eines hohen Gebäudes, mehrere Fenster sind mit
       Sandsäcken zugestopft. „Hier hatten die SDF einen Stützpunkt“, erklärt der
       Hausmeister der Moschee gegenüber, in der gerade zur Abenddämmerung gebetet
       wird. Ganz schön laut sei es hier in den vergangenen Tagen gewesen. Endlich
       seien die Kämpfe vorbei.
       
       Nun kehren nicht nur die ersten Menschen mit Koffern und schweren Taschen
       in das Viertel zurück, sondern auch die Händler:innen in ihre Läden. Ob
       beim Optiker, im Shishaladen, beim Bäcker oder dem Gemüsehändler – fast
       alle Geschäfte haben auf den Hauptstraßen schon wieder geöffnet. In vielen
       Wohnungen darüber ist es meist noch dunkel, genauso wie in den
       Nebenstraßen. In einer Zeile brennt nur beim Glaser Licht. Er erzählt, dass
       er bereits Bestellungen für Reparaturen bekommen habe. Er selbst sei kurz
       aus dem Viertel geflohen, habe das Vogelpaar im Käfig an der Wand
       zurücklassen müssen. Und mit ihnen ihre frisch gelegten Eier, keines hat
       einen Kratzer abbekommen. „Alhamduillah“ – Gott sei Dank.
       
       Drei Meter weiter, da wo wirklich kein Licht mehr brennt, weil es auch
       keinen Strom gibt, sitzt eine Gruppe arabischer Jugendlicher mit weiten
       Klamotten und Umhängetaschen um eine Feuertonne. Zum ersten Mal seit Tagen
       kommt die Clique wieder zusammen. Einer der jungen Männer beklagt, dass
       sein Motorrad geklaut wurde. Ein zweiter erzählt, dass er sich nun der
       syrischen Armee anschließen wolle, um gegen „die Feinde Syriens“ zu
       kämpfen. Wer sind denn seine Feinde? „Kurdistan, die Juden.“ Alle, die ihm
       blöd kommen, raunt er halb im Spaß. Und halb im Ernst.
       
       Unterdessen versuchen die Schwestern Sawsan und Marwa ein paar Straßen
       weiter, unter Handylicht die verriegelte Tür ihres Wohnhauses
       aufzuschließen. Auch ihre Freundin Diana ist dabei. Die letzten Tage haben
       die drei jungen Frauen in Afrin verbracht, zur Sicherheit. Nun wollen sie
       nach Aschrafijeh zurückkehren.Ob die Kurdinnen die schlimmen Videos in den
       sozialen Netzwerken gesehen hätten, ob sie jemanden kennen, denen Gewalt
       angetan wurde? „Ich selbst kenne niemanden“, sagt Sawsan. Aber dafür viele
       Kurd:innen, die so bald wohl nicht in die Viertel zurückkehren werden. Aus
       Angst vor Verhaftung und dem Generalverdacht, irgendwas mit den SDF und den
       Milizen zu tun zu haben.
       
       Die drei Frauen wollen weiter hier leben, auch unter Regierungskontrolle.
       „Erst in ein, zwei Monaten können wir wirklich beurteilen, wie es hier
       zugeht“, sagt Sawsan. Heute jedenfalls werden sie noch nicht in ihrer
       Wohnung schlafen – jemand hat den Schlüssel im Schloss abgebrochen und
       zuvor von innen zugesperrt. Sie kommen nicht hinein.
       
       ## Frieden, Freiheit und Würde weit entfernt
       
       Offiziell wurden vergangene Woche mindestens zwei Dutzend Menschen getötet
       und über 120 verletzt. Wahrscheinlich sind es viel mehr. Die deutsche
       Hilfsorganisation Medico International machte am Montag publik, [16][dass
       drei Mitarbeitende ihrer Partnerorganisation, des Kurdischen Roten
       Halbmonds, vergangenen Freitag in Scheich Maksud entführt wurden]. Einer
       von ihnen, ein Krankenpfleger, wurde inzwischen wieder frei gelassen. Von
       den anderen fehle laut der Organisation noch immer jedes Lebenszeichen.
       
       Zu den Kriegstagen in Aleppo wird es wohl bald Untersuchungen
       internationaler Organisationen und syrischer Menschenrechtsorganisationen
       geben, die über eine Momentaufnahme hinausgehen. Sie werden versuchen, das
       ganze Ausmaß der Kämpfe zu fassen, zu verifizieren, mögliche Gräuel ans
       Licht zu bringen. Unabhängig davon steht bereits fest: Von einem Leben in
       Frieden, einem Leben in Freiheit und Würde für alle ist Syrien weiter weit
       entfernt.
       
       Mitarbeit: Yaser Shahrour
       
       15 Jan 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Kurdische-Symbole-in-Deutschland/!5629632
 (DIR) [2] https://www.deutschlandfunk.de/flagge-syrien-revolution-assad-100.html
 (DIR) [3] /Nach-Gefechten-mit-kurdischen-Kaempfern/!6143669
 (DIR) [4] /Kaempfe-in-Syrien/!6144789
 (DIR) [5] /Syrischer-Uebergangspraesident/!6134315
 (DIR) [6] /Gewalt-in-Aleppo/!6141011
 (DIR) [7] https://www.dw.com/de/syrien-kein-ende-im-konflikt-zwischen-kurden-und-zentralregierung/a-75492209
 (DIR) [8] https://syria.liveuamap.com/
 (DIR) [9] /Schriftsteller-ueber-Syrien-nach-Assad/!6135417
 (DIR) [10] /Kurdischer-Kanton-Afrin-in-Nordsyrien/!5888260
 (DIR) [11] /Frauenrechte-in-Syrien-/!6094576
 (DIR) [12] https://snhr.org/blog/2025/02/22/snhr-condemns-sdfs-continued-detentions-of-civilians-since-the-beginning-of-2025-over-voicing-their-opinion/?utm_source=chatgpt.com
 (DIR) [13] /Syrien-nach-dem-Sturz-von-Assad/!6074900
 (DIR) [14] /Gewalt-in-Syrien/!6115704
 (DIR) [15] https://ec.europa.eu/commission/presscorner/detail/de/ip_26_61
 (DIR) [16] https://www.medico.de/presse/2026/medico-partner-in-aleppo-entfuehrt
       
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       Die kurdische SDF zieht ihre Kämpfer aus Aleppo ab und verkündet eine
       Waffenruhe. Syriens Regierung sieht Ende ihrer Militäraktion.
       
 (DIR) Frauenrechte in Syrien: Freiheitskampf der Frauen
       
       Seit dem Machtwechsel in Syrien sorgen sich viele um die Frauenrechte unter
       der islamistischen HTS-Regierung. Drei Beispiele feministischer
       Wehrhaftigkeit.
       
 (DIR) Syrien nach dem Sturz von Assad: Der große Horror
       
       Anfang März wurden bei einem Massaker in Syrien hunderte vorwiegend
       alawitische Zivilisten getötet. Die Überlebenden sammeln nun selbst Belege.