# taz.de -- Staatsbesuch aus Syrien: In Bellevue willkommen, auf der Straße angeklagt
> Menschenrechtsorganisationen protestieren gegen den Besuch von Syriens
> Übergangspräsident al-Scharaa. Für Montag rufen sie zu einer
> Großkundgebung in Berlin auf.
(IMG) Bild: Erst vor einer Woche vertrieb und tötete die syrische Armee Kurd*innen in Aleppo
Gegen den Besuch von Syriens Übergangspräsident Ahmed al-Scharaa in
Deutschland formiert sich breiter Protest. Eine lange Liste von
Organisationen, Initiativen und Menschenrechtsorganisationen stellt sich
mit einem Appell deutlich gegen den Staatsbesuch beim Bundeskanzler und dem
Bundespräsidenten. Besonders ins Gewicht fällt dabei die Stimme von
Minderheitenorganisationen. Angesichts der Gewalt gegen Kurd*innen, gegen
Jesid*innen, Drus*innen, Alawit*innen und Christ*innen in Syrien könne
al-Scharaa kein legitimer Partner deutscher Politik sein, argumentieren
sie. al-Scharaa gehöre stattdessen wegen Menschenrechtsverbrechen
angeklagt.
Sie seien bestürzt und empört darüber, dass der Besuch al-Scharaas
politisch beschlossen worden sei, äußern etwa die Kurdische und Alevitische
Gemeinde, die Gesellschaft für Bedrohte Völker und Háwar Help in [1][einem
gemeinsamen Appell]. Er ist überschrieben mit der Forderung „Haftbefehl
statt Kanzleramt“. Die Bundesregierung empfange al-Sharaa, „obwohl erst vor
wenigen Tagen Kurdinnen und Kurden in Aleppo gezielt vertrieben,
misshandelt und getötet wurden“. Knapp 30 Organisationen haben diesen
Appell mitunterzeichnet.
Es ist auch nicht der einzige Aufruf, der sich gegen al-Scharaas Besuch
richtet. Unter dem Motto „Zusammen gegen Kriegsverbrecher“ mobilisieren
weitere Organisationen zu insgesamt drei Demonstrationen und Kundgebungen.
„Während in Berlin und Brüssel über ‚Wiederaufbau‘ in Syrien, Kooperation
mit dem sogenannten Übergangsregime und Milliardenhilfen verhandelt wird,
werden marginalisierte Menschen im syrischen Kontext weiterhin barbarisch
verfolgt und getötet“, heißt es [2][in einem der Aufrufe zu den Protesten].
Er ist unterzeichnet von kurdischen Initiativen und dem Berliner
Flüchtlingsrat.
Der syrische Staatschef wird am Montag in Berlin erwartet. Bundeskanzler
Friedrich Merz (CDU) empfängt ihn am Dienstag. Dabei sollen offenbar auch
Menschenrechtsfragen nicht ausgeklammert werden. „Natürlich werden in
solchen Gesprächen alle relevanten Themen zu diesem Themenkomplex
angesprochen“, sagte Vize-Regierungssprecher Sebastian Hille am Freitag auf
Fragen zu Rückführungen von Syrern in ihre Heimat und dem Schutz von
Minderheiten vor Ort.
## Warnung vor Rückkehrabkommen
Pro Asyl warnt mit Blick auf den Besuch des syrischen Übergangspräsidenten
in Deutschland vor Rückkehrabkommen. Eine Rückkehr von Syrern in großer
Zahl sei „gefährlich und verantwortungslos“, sagte deren Geschäftsführer
Karl Kopp der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) am Freitag. Auch
andere Verbände üben Kritik am Besuch des Präsidenten Ahmed al-Sharaa.
Entsprechende Abkommen verharmlosten die Realität in Syrien, heißt es von
Pro Asyl. Dort gebe es fehlende Sicherheit, Milizenherrschaft, willkürliche
Gewalt und keinerlei verlässliche Garantien gegen Verfolgung. „Wer jetzt
Rückkehr propagiert, erklärt Syrien politisch für sicher – entgegen allen
Fakten“, sagte Kopp. Auch das Gerede von „freiwilliger Rückkehr“ sei
zynisch, wenn gleichzeitig mit Druck und Abschreckung gearbeitet werde.
„Das ist keine Freiwilligkeit, das ist Nötigung“, betonte Kopp. Ohne
Wohnraum, medizinische Hilfe und Existenzgrundlage werde Rückkehr zur
Sackgasse.
Kopp erklärte weiter, besonders problematisch sei eine
Maßstabsverschiebung: Gespräche mit einem Übergangspräsidenten würden
instrumentalisiert, um innenpolitisch Abschiebezahlen zu liefern.
Menschenrechte, Minderheitenschutz und Aufarbeitung der Verbrechen träten
in den Hintergrund. Die belastete Vergangenheit des Staatschefs sei nicht
durch Worte erledigt. „Ein glaubwürdiger Bruch müsste sich durch
überprüfbares Handeln zeigen – und der fehlt bislang.“
Kritik an der Einladung hatte auch der menschenrechtspolitische Sprecher
der Grünen, Max Lucks, geübt. Mit Blick auf Gewaltexzesse gegen Kurd*innen,
Drus*innen und Alawit*innen in Aleppo dürfe ihm in Berlin nicht der
rote Teppich ausgerollt werden, sagte Lucks der KNA. Das European Center
for Constitutional and Human Rights betonte, der Fall des Assad-Regimes sei
gerade ein Jahr her und schon plane die Union die Abschiebung von
Geflüchteten nach Syrien. Das Land liege noch in Kriegstrümmern und die
Zukunft sei ungewiss. Immer wieder breche Gewalt aus. Solange Syrien nicht
sicher sei, seien die Unionspläne vor allem eins: „rechtswidrige,
rassistische Ideen“.
## Absage des Besuchs gefordert
Auch Cansu Özdemir, außenpolitische Sprecherin der Fraktion Die Linke im
Bundestag, [3][positioniert sich gegen den Besuch]. Es gehe Bundeskanzler
Friedrich Merz (CDU) einzig darum, wieder nach Syrien abschieben zu können
und „seine menschenfeindliche Migrationspolitik durchzusetzen“, sagte
Özdemir. Sie fordert einen Abschiebestopp nach Syrien. „Es geht hier [4][um
Menschen, die mittlerweile Teil der deutschen Gesellschaft sind] und denen
in Syrien Gewalt, Willkürhaft, Folter und Verschwindenlassen drohen“, sagte
Özdemir. Merz legitimiere so einen Verbrecher und normalisiere
islamistische Gewalt. Al-Scharaa könne kein legitimer Partner für eine
demokratische Bundesregierung sein. „Wir fordern, dass er ausgeladen wird“,
sagte Özdemir.
Al-Scharaa müsse für die Massaker, kollektiven Bestrafungen und
außergerichtlichen Tötungen zur Verantwortung gezogen werden, heißt es in
den Aufrufen gegen seinen Besuch. So hatten etwa Milizen aus dem Umfeld der
syrischen Regierung [5][im März gezielt Alawit*innen getötet]. Im Juli
verübten Regierungstruppen und Milizen [6][Massaker an Drus*innen in
Suweida]. Und erst Anfang der vergangenen Woche hatte die [7][syrische
Armee kurdische Stadtviertel in Aleppo] angegriffen.
Die Kurdische Gemeinde betont, dass sie bereits im November wegen der
systematischen Gewalt gegen ethnische und religiöse Minderheiten in Syrien
eine Strafanzeige beim Generalbundesanwalt gestellt hatte. Es handele sich
mutmaßlich um Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Sie fordern, den Besuch
von Ahmed al-Scharaa im Bundeskanzleramt abzusagen und ihn stattdessen
anzuklagen. Die [8][zentrale Großkundgebung ist für Montagnachmittag um 16
Uhr am Brandenburger Tor] angekündigt. Proteste soll es auch am Dienstag
vor dem Kanzleramt geben. (mit kna)
17 Jan 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://kurdische-gemeinde.de/gemeinsamer-appell-und-aufruf-zur-grosskundgebung-in-berlin-gegen-den-besuch-von-al-jolani/
(DIR) [2] https://fluechtlingsrat-berlin.de/presseerklaerung/15-01-2025-gemeinsamer-aufruf-gegen-kooperation-der-bundesregierung-mit-dem-syrischen-machthaber-al-sharaa/
(DIR) [3] https://www.dielinkebt.de/presse/pressemitteilungen/detail/besuch-in-berlin-al-scharaa-muss-ausgeladen-werden/
(DIR) [4] /Demonstrationen-nach-Massakern-an-Drusen/!6103766
(DIR) [5] /Syrien-nach-dem-Sturz-von-Assad/!6074900
(DIR) [6] /Gewalt-in-Syrien/!6109851
(DIR) [7] /Gewalt-in-Syrien/!6145500
(DIR) [8] https://kurdische-gemeinde.de/gemeinsamer-appell-und-aufruf-zur-grosskundgebung-in-berlin-gegen-den-besuch-von-al-jolani/
## AUTOREN
(DIR) Uta Schleiermacher
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