# taz.de -- Kämpfe von Regierung und SDF in Syrien: Eine Verschnaufpause von vier Tagen
> Kurdische Kräfte wurden von Regierungstruppen überrollt, nachdem ein
> Waffenruhedeal scheiterte. Nun gibt es einen neuen Versuch für temporären
> Frieden.
(IMG) Bild: Kurdische Zivilist:innen versammeln sich mit Waffen in Qamischli, 20. Januar 2026
Nach den Kämpfen der vergangenen Tage gibt es erneut ein
Waffenruhe-Abkommen zwischen der Übergangsregierung in Damaskus und den
kurdisch dominierten Syrisch-Demokratischen Kräften (SDF) im Nordosten des
Landes. Vier Tage soll sie gelten, so ein vom Verteidigungsministerium in
Damaskus auf Telegram veröffentlichtes Dokument. Die Waffenruhe „in allen
Sektoren der Operationen der syrischen arabischen Armee“ soll ab 20 Uhr
Ortszeit am Dienstag beginnen.
Die Kämpfe zuvor waren heftig. Das zeigen etwa Aufnahmen aus der Nacht vom
Montag auf Dienstag: Kurdische YPG-Verbände auf dem Rückzug, triumphierende
Kämpfer der Übergangsregierung, dazwischen fliehende kurdische Familien.
Während am Montagabend der General des Militärbündnisses der
Syrisch-Demokratischen Kräften (SDF), Mazlum Abdi, in Damaskus mit
Übergangspräsident Ahmed al-Scharaa fünf Stunden lang ergebnislos
verhandelte, vollzog sich an der Front der Zusammenbruch der SDF.
Nachdem am Montag die islamistisch geprägten Truppen der Übergangsregierung
bereits quasi kampflos im Südosten die Provinz Deir al-Sor mit ihrer
gleichnamigen Hauptstadt und den größten Ölfeldern Syriens eingenommen
hatten, eroberten sie nach schweren Kämpfen auch Rakka, die einstige
Hochburg des sogenannten Islamischen Staates am Euphrat. Seitdem geht es
mit hoher Geschwindigkeit weiter. In der Nacht stießen die
Regierungstruppen auf Kobanê vor.
Sie rückten außerdem im Gebiet Hasakah voran. Dort liegt auch das Camp
Al-Hol, wo noch immer Zehntausende Familienangehörige von Ex-Mitgliedern
der Terrorgruppe „Islamischer Staat“ leben. Am Dienstagnachmittag zogen
sich die [1][SDF vom Camp al-Hol, das sie bis dahin kontrolliert hatten,
zurück]. In den sozialen Netzwerken heißt es, dass die dort Lebenden danach
begonnen hätten, das Camp zu verlassen. Es gibt auch Meldungen, dass die
SDF diese freigelassen hätten. Beides lässt sich unabhängig nicht
bestätigen. Das Verteidigungsministerium in Damaskus schrieb auf Telegram:
Man sei bereit, „das Al-Hol-Camp und alle IS-Gefängnisse in der Region zu
übernehmen“.
## Hoffen auf das Kerngebiet
Nun ist wieder ein Waffenruheabkommen ausgerufen. Doch die schnellen
Geländegewinne der Regierungstruppen ließen die Lage der Kurdinnen und
Kurden zuvor immer brenzliger werden: In Hasaka, dem Sitz der kurdischen
Autonomieverwaltung, wurden etwa kurdische Zivilisten bewaffnet. Und in
einem dramatischen Aufruf alle jungen Männer, die kämpfen können, an die
Waffen beordert.
Dem folgten [2][laut der kurdischen Nachrichtenagentur ANF] auch Hunderte,
die trotz Blockaden türkischer Kräfte in Nisêbîn die türkisch-syrische
Grenze überquerten. Zuvor hatten in der Grenzstadt Tausende gegen den Krieg
der syrischen Regierung gegen die SDF protestiert – genauso wie in
zahlreichen anderen kurdischen Orten in der Türkei.
Tausende Kurdinnen und Kurden flohen vor den Regierungstruppen, etwa in
Richtung der Städte Qamischli und Amude. Letztlich wird es wohl von
US-Präsident Donald Trump, dem US-Botschafter in der Türkei und Syrien, Tom
Barrack, und den verbliebenen US-Truppen in der Region abhängen, ob die SDF
diese Refugien gegen die Regierungstruppen verteidigen können.
Schließlich war die SDF nicht zuletzt eine Schöpfung der USA: Nachdem der
damalige US-Präsident Barack Obama kurdischen Kämpfern in Kobanê mit seiner
Luftwaffe gegen den IS zu Hilfe gekommen war, bildeten die USA aus den
kurdischen YPG-Milizen und arabischen Verbänden, die sich ebenfalls vom IS
bedroht sahen, die schlagkräftige Bodentruppe. Diese besiegte letztlich den
IS in Syrien. Aus dem Gebiet, das die SDF am Ende kontrollierte, entstand
das kurdisch selbstverwaltete Gebiet Rojava.
Von Assad wurden die Kurden in ihrer Region während des Kriegs weitgehend
in Ruhe gelassen, sodass sie in der Lage waren, ihre Strukturen auszubauen.
Die Lage änderte sich dramatisch, als es der Miliz HTS im Dezember 2024
unter Übergangspräsident Ahmad al-Scharaa – damals noch Abu Mohammad
al-Jolani genannt –gelang, Damaskus zu erobern und Assads Diktatur zu
beenden.
## Erdoğan teilt al-Scharaas Ziel
Während die Kurden von wenigstens so viel Autonomie träumten, wie sie die
Kurden im Nordirak haben, wollte die Übergangsregierung in Damaskus einen
einheitlichen, zentral geführten Staat mit einer neuen syrischen Armee, in
der alle existierenden Milizen aufgehen sollten. Das wurde von der Türkei
massiv unterstützt, die auf keinen Fall eine von der türkisch-kurdischen
Guerilla PKK – einem Partner der SDF – mitbeeinflusste autonome Region an
ihrer Grenze haben wollte.
Die Zusammenarbeit zwischen Damaskus und den Kurden weckte zunächst
Hoffnungen: Im März 2025 unterzeichneten al-Scharaa und SDF-Anführer Mazlum
Abdi ein Abkommen, das die Integration der Kurden im neuen Syrien regeln
sollte. Al-Scharaa versprach den Kurden Gleichberechtigung, die kurdische
Sprache sollte anerkannt, Schulen und andere kulturelle Einrichtungen
sollten beibehalten werden. Dafür sollten die kurdischen Milizen in die
neue Armee integriert werden und SDF-Kommandeure wichtige Posten in der
Armee und im Verteidigungsministerium bekommen.
Doch wollten die Kurden das – auch aus Angst vor den als in Teilen
islamistisch geltenden Truppen der Übergangsregierung – nicht umsetzen. Sie
wollten ihre zivilen Strukturen behalten: Ihre Milizen sollten als drei
intakte Divisionen der Armee beitreten und in ihrem Gebiet bleiben.
Damaskus lehnte das ab und die Türkei machte Druck, das Abkommen
umzusetzen.
Während al-Scharaa sich auf der Weltbühne tummelte und sich mit Trump
verständigte, wähnten die Kurden sich immer noch unter dem Schutz der
US-Armee. Die Amerikaner drängten dagegen die Kurden, sich mit der
Übergangsregierung in Damaskus zu einigen und die Bedingungen von
al-Scharaa zu akzeptieren. Dem US-Präsidenten Donald Trump ist die
Zusammenarbeit mit al-Scharaa wichtiger als das Schicksal der nicht mehr
benötigten kurdischen Anti-IS Kämpfer.
## Trump auf der Seite al-Scharaas
Noch am Montagabend ließ al-Scharaa sich seinen Vormarsch in die
Kurdengebiete wohl von Trump am Telefon absichern. Doch Rojava scheiterte
nicht nur am Verrat der USA, sondern auch an seiner inneren Verfasstheit.
In dem von vielen Linken im Westen idealisierten Rojava fühlten sich
arabische Bewohner unterdrückt, viele liefen schnell zu den
Regierungstruppen über.
Für die Kurden in Syrien ist der Zusammenbruch ihrer militärischen Kräfte
dramatisch. Sie haben berechtigte Angst vor den Kämpfern der
Übergangsregierung. Die kurdische Agentur Rudaw berichtet, dass kurdische
Kämpfer von der HTS im Stil des IS enthauptet wurden, auch Videos davon
kursieren bereits. Außerdem berichtet Rudaw von einem Aufruf in syrischen
Moscheen, wo auf Anweisung des zuständigen Ministers zum Kampf gegen die
„ungläubigen“ Kurden aufgerufen wird.
Auch unter Kurden in der Türkei und im Nordirak ist der Zusammenbruch von
Rojava schockierend: Der Co-Vorsitzende der kurdischen Partei DEM in der
Türkei, Tuncer Bakırhan, sagte in einem Interview, eine friedliche Einigung
in Syrien sei „von außen“ verhindert worden. Die Kurden hätten sich nun auf
ihre „natürlichen Siedlungsgebiete“ zurückgezogen. Die DEM ruft zu
Massenprotesten auf, doch die meisten Kundgebungen wurden bereits verboten.
Den in Irak verbliebenen PKK-Kämpfern ist nun die letzte Alternative zur
Entwaffnung genommen worden. Sie können nicht mehr nach Syrien ausweichen.
Die Kurden in der Türkei wollen gemeinsam mit PKK-Gründer Abdullah Öcalan
die Friedensgespräche mit der türkischen Regierung fortsetzen. Auch wenn
viele sagen, der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan könne nicht in
Ankara von Frieden reden und gleichzeitig in Rojava Krieg führen, sehen die
Spitzen der DEM keine Alternative zur Fortführung der Gespräche.
Der große Gewinner der Entwicklung in Syrien ist Erdoğan. Er hat bekommen,
was er seit Jahren wollte: [3][die Zerschlagung von Rojava], kein
kurdisches Autonomiegebiet an der türkischen Grenze und damit auch kein
Vorbild mehr für die Kurden im eigenen Land.
Mitarbeit: Lisa Schneider, Lotte Laloire
20 Jan 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.rudaw.net/english/middleeast/syria/200120264
(DIR) [2] https://deutsch.anf-news.com/kurdistan/hunderte-uberschreiten-in-nisebin-die-grenze-zu-rojava-49826
(DIR) [3] /Tuerkische-Angriffe-in-Syrien/!5631577
## AUTOREN
(DIR) Jürgen Gottschlich
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