# taz.de -- Horrorroman „Verbrenn das Negativ“: Die Todesfälle häufen sich
       
       > Josh Winnings neuer Roman ist gelungener selbstreflexiver Horror. Der
       > Plot ist so plausibel, wie ein Slasherplot eben sein muss.
       
 (IMG) Bild: Zitiert sich durch die Geschichte des eigenen Genres: der Horrorfilm „Halloween H20“
       
       Das zuvor eh schon recht juxige US-Horrorkino hüpfte in den Neunzigerjahren
       auf die Metaebene. Auf einmal waren Slasherfilme, die bis dahin von der
       Kritik als debile Teenie-Schlachtfeste verschmäht oder dämonisiert worden
       waren, Feuilletonstoff. Das „Scream“-Franchise, „Halloween H20“ und der
       ernster gestimmte „In the Mouth of Madness“ zitierten sich durch die
       Geschichte des eigenen Genres, wurden selbstreflexiv und erzählten vom
       Horrorgeschichtenerzählen selbst.
       
       Die besten selbstreflexiven Horrorfilme (er)schafften beides,
       [1][postmoderne Leichtigkeit,] die popkulturelles Wissen und Kennertum
       adressierte, und beliebte Horrorfilmgefühle, Heulen und Zähneklappern.
       
       Der britische Horrorautor Josh Winning schließt in seinem dritten Roman
       „Verbrenn das Negativ“ an diese Tradition des selbstreflexiven Horrors an.
       Der Plot ist so plausibel, wie ein Slasherplot halt sein muss, also nicht
       sonderlich.
       
       Die Journalistin Laura Warren reist nach Los Angeles, um über das Reboot
       eines Neunzigerjahre-Horrorfilms zu berichten, der jetzt als Serie neu
       aufgelegt wird. Der Film „The Guesthouse“ ist ein Kultobjekt und gilt als
       verflucht, nachdem acht Menschen, die an der Produktion mitgewirkt haben,
       gestorben sind. Laura hat damals als angehender Kinderstar in „The
       Guesthouse“ die Hauptrolle gespielt. Gleich als sie ankommt, stürzt sich
       ein Mann von einer Highwaybrücke.
       
       ## Hinweise auf den Täter
       
       Die Todesfälle vor Ort häufen sich, der Regisseur verbrennt, die
       Hauptdarstellerin wird ermordet, und immer ist Laura in der Nähe. Winning
       gibt laufend Hinweise, die jeweils eine Figur zum Täter machen könnten.
       Lauras Schwester Amy, die bereits in L. A. ist, wollte ihr Leben lang
       Schauspielerin werden und hat es nicht geschafft. Im Slashergenre genügt
       das als Motiv, um eine Serienmörderin zu werden.
       
       Das Medium Beverly ist undurchschaubar und hat einst einen Exorzismus
       verpfuscht, mit tödlichem Ausgang. Der Autor, der das erste Drehbuch zu
       „The Guesthouse“ geschrieben hat und dessen Name im Abspann nicht genannt
       wird. Und natürlich Laura selbst, die unter Blackouts leidet und deutliche
       Anzeichen einer posttraumatischen Belastungsstörung zeigt.
       
       Laura, Beverly und Amy hasten von Kapitel zu Kapitel und von Station zu
       Station. Man kann „Verbrenn das Negativ“ auf drei Weisen lesen, und wenn
       eine davon nicht greift, macht es immer noch genügend Spaß: einmal als
       Horrornerd, der einen Text liest, der ein als Genreuniversum ausgewiesenes
       Universum baut und den man auf Verweise, Anspielungen und Traditionslinien
       abklopfen kann. Dann als Krimi, als Whodunit-Geschichte, mit mehr oder
       weniger überzeugenden Wendungen. Und dann als die Erzählung einer als Kind
       traumatisierten Frau, die versucht, den Ursprung ihres Leidens und damit
       eine Lösung für das eigene Drama zu finden.
       
       Die Struktur des Ganzen ist den Filmen aus der Hochphase der zweiten
       Slasherwelle der Achtzigerjahre entlehnt. Hinter den spektakulären
       Todesszenen ist immer etwas verschwunden, nämlich dass viele dieser Filme –
       „Terror Train“, „Happy Birthday to Me“, „Sleepaway Camp“ oder „My Bloody
       Valentine“ – eigentlich einen klassischen, wenn auch manchmal reichlich
       bescheuerten Whodunit-Krimiplot hatten.
       
       Die Idee eines verfluchten Films, dessen Monster in die Wirklichkeit
       schwappen, ist „Wes Craven’s New Nightmare“ von 1994 entnommen, in dem der
       spätere „Scream“-Regisseur Wes Craven sein eigenes Franchise im siebten
       Teil mit ernster Ironie auf die Metaebene hob. Der untote Serienmörder, der
       in den ersten sechs Teilen die Kinder der Elm Street in ihren Träumen
       heimsuchte und umbrachte, randaliert nun in der Wirklichkeit und beginnt
       den Star von Teil eins und drei, Heather Langenkamp (gespielt von Heather
       Langenkamp), zu terrorisieren.
       
       Auch darüber hinaus finden sich massig Verweise, auf „Psycho“, auf „I Know
       What You Did Last Summer“, auf „I Still Know What You Did Last Summer“ und
       auf überhaupt alle Slasherfilme, die das Trauma als Ursprung der Gewalt
       identifiziert haben.
       
       ## Slashermotive aus dem Filmischen
       
       Mit dieser lustvollen Selbstreflexivität steht Josh Winning mit seinen
       bislang vier Romanen in einer Reihe mit Autoren wie Adam Cesare oder
       Stephen Graham Jones, die sehr informiert, spielerisch und zugleich ernst
       und humorvoll Slashermotive aus dem Filmischen in ihre Texte überführen.
       Ein Minitrend, der sich auch in der Liste der Auszeichnungen des
       wichtigsten Literaturpreises für Horror abbildet, des Bram Stoker Awards.
       Jones erhielt 2021 für „My Heart Is a Chainsaw“ einen Preis, Adam Cesare
       2020 für „Clown in a Cornfield“. „Verbrenn das Negativ“ war 2025 nominiert.
       
       Wie jeder gelungene selbstreflexive [2][Horror] erschöpft sich Josh
       Winnings Roman aber nicht in der Selbstreflexivität, sondern nimmt seine
       Figuren ernst genug, um am Ende etwas zu erzählen, das über das Genre
       hinausgeht. Die Traumageschichte ist psychologisch stimmig und in ihrer
       drastischen Auflösung, die gerade keine ist, sehr berührend. Bei Josh
       Winning sind Metaebenen, Genrewissen und Selbstreflexivität nicht nur
       Spielerei, sondern Möglichkeiten, um das Horrorgenre als Medium einer
       düster gestimmten Weltwahrnehmung ernst zu nehmen.
       
       19 Jan 2026
       
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