# taz.de -- Film „Mother’s Baby“: Sie fremdelt mit dem unbekannten Wesen
> Der Spielfilm „Mother’s Baby“ von Johanna Moder lässt den Kinderwunsch
> wie Horror erscheinen. Und bietet ein Beispiel für neue Mutterfiguren im
> Kino.
(IMG) Bild: Die Dirigentin Julia (Marie Leuenberger) ahnt, dass mit ihrem neugeborenen Kind etwas nicht stimmt
Ein Paar im Schleudergang, zu Beginn buchstäblich. Wir sind auf einem
Rummelplatz, drumherum die typische Kakofonie und Blinklichter, während die
Kamera in Nahaufnahme auf Julia (Marie Leuenberger) und ihren Mann Georg
(Hans Löw) fokussiert. Die beiden sitzen aufgeregt in einem Fahrgeschäft
und werden Sekunden später mit wackelnden Köpfen durch die Luft geschossen
– ein Auftakt, der sich getrost als Metapher auf Johanna Moders vergangenes
Jahr [1][auf der Berlinale uraufgeführten Spielfilm „Mother’s Baby“] lesen
lässt.
Schon im Titel steckt eine Referenz, die den Film oberflächlich mit einer
Genreschublade assoziiert: an Roman Polańskis Horrorklassiker „Rosemaries
Baby“ von 1968, in dem eine Mutter schon während der Schwangerschaft
Schlimmes ahnt und dann das Neugeborene unheimlich findet. Völlig
verständlich, schließlich handelt es sich dabei um des Teufels Brut! Doch
trotz einiger Parallelen hat Moder nach einem mit Arne Kohlweyer verfassten
Drehbuch einen völlig anderen, produktiv verstörenden Film gemacht, der
jegliche Eindeutigkeit gekonnt meidet.
In pointierten Szenen, die sich als Exposition lesen lassen, rafft
„Mother’s Baby“ die Zeit bis zur Geburt zusammen. Julia und Georg wollen
endlich das Kind, das ihnen bisher verwehrt geblieben ist, und geraten an
Dr. Vilfort (Claes Bang), Chefgynäkologe der Privatklinik Lumen Vitae.
Bereits hier wirkt alles etwas schief, der Arzt ist in seiner Nettigkeit
sehr bestimmt und verspricht den beiden mündlich, dass es mit seiner neuen
Methode auf jeden Fall funktionieren sollte.
Monate später, nach einem erfolgreichen Konzert, das Julia noch dirigiert,
findet sich das Paar im Kreißsaal wieder. In einem furiosen Onetake gleitet
die Kamera von Robert Oberrainer durch den Kreißsaal, umkreist die Mutter
im Ausnahmezustand. Sie übergibt sich, plötzlich eine ungeplante
Periduralanästhesie. Als das Kind kommt, eine erdrückende Stille, kein
Schrei, und dann wird das Neugeborene, das laut Arzt unter der Geburt zu
wenig Sauerstoff bekommen hat, mitgenommen. Es sei ein Standardprozedere,
sagt Dr. Vilfort.
## „Du wolltest ein Kind“
Spätestens ab der Geburt kann man regelrecht dabei zusehen, wie die
Dirigentin zusehends die Kontrolle verliert. Nach einer gefühlten Ewigkeit
– Moder zerdehnt kalkuliert die filmische Zeit – wird der Junge gebracht.
Georg bekommt ihn auf den Arm gelegt, Julias Blicke sind von Zweifel
zerfressen, sie bekommt eine Panikattacke.
Und Panik ist bei allem, was dann folgt, völlig nachvollziehbar. Julia
fremdelt zusehends stärker mit dem Sohn, dem sie keinen Namen geben kann.
Hatte die Hebamme unter der Geburt nicht gesagt, sie fühle viele Haare?
Warum ist der Sohnemann so klein, obwohl er laut Frauenärztin im Bauch
überdurchschnittlich groß war? Und warum ist er so still, schreit kaum?
In bedrückenden Szenen kneift die Mutter das Baby, um ihm einen Schrei zu
entlocken oder erschreckt es im Schlaf mit einem laut quietschenden
Babyspielzeug. Die Gewissheitsphrase „Mama’s baby, father’s maybe“, mit der
der fast schon ekelig nette, aus schwer zu definierenden Gründen
beängstigende Dr. Vilfort Julia ins Gewissen redet, schwebt wie ein
Damoklesschwert über der zweifelnden Mutter. „Du wolltest ein Kind“, sagt
Georg. „Aber nicht dieses!“
Die Kamera zeigt das Baby-Mobile gruselig von unten, fängt seltsame Blicke
des Klinikpersonals ein und erzeugt mit kühlen Bildern auch eine visuelle
Distanz zwischen Mutter und Kind, und auch Hebamme Gerlinde (Julia Franz
Richter) verhält sich seltsam.
## Mütter mit Ecken und Kanten
Geschickt wandelt „Mother’s Baby“ auf der Kante zwischen Familiendrama und
Horrorfilm und lässt verschiedene Deutungen zu. Sehen wir alles aus Julias
Wahrnehmung, die, wie man sich bald einig ist, an einer postpartalen
Depression leidet, oder hat die Frau mit ihren Zweifeln recht, ist das in
Wirklichkeit gar nicht ihr Sohn?
Nachdem Mütter im Kino gerne genau das sind oder sein müssen: glückliche
Mütter, immer da für den geliebten Nachwuchs, gibt es in den letzten zwei
Jahren vermehrt Filme, in denen sie neu erzählt werden. Darin geht es um
die anderen Seiten von Mutterschaft, um nicht moralisch völlig einwandfreie
eindimensionale Frauen, sondern um ambivalente, auch Kranke, mit Ecken und
Kanten – endlich!
Am naheliegendsten mit Blick auf „Mother’s Baby“ ist dabei sicherlich
[2][„Die, My Love“, Lynne Ramsays] neuester filmischer Anschlag über eine
heftig-intensiv und uneitel von Jennifer Lawrence gespielte junge Mutter,
die ihr Kind liebt und zugleich am Wahnsinn kratzt. Hat sie eine
postpartale Depression, eine Psychose, ist sie bipolar?
Klar wird das nicht, und wie Moder fackelt auch Ramsay Gewissheiten ab. Das
disparate Verhalten der Mutter überträgt sich immer stärker auf den Film
selbst, die Grenzen zwischen dem, was tatsächlich passiert, und dem, was
vielleicht nur Kopf der Mutter geschieht, verschwimmen.
## Ambivalente Heldinnen
Auch das deutsche Kino hat neue Mutterfiguren auf die Leinwand gebracht.
[3][Chiara Fleischhacker erzählte in ihrem mit großer Souveränität
geschriebenen und inszenierten Debüt „Vena“] von einer
Crystal-Meth-Süchtigen (großartig: Emma Nova), die das zweite Kind erwartet
und eine Haftstrafe antreten muss. Fleischhacker bricht mit der
ambivalenten Heldin mit ihren angeklebten Wimpern, künstlichen Fingernägeln
und Tattoos klassische Mutter-Narrative und auch oft bemühte Klischees des
sozialrealistischen Problemfilms auf.
Lilith Stangenberg schlurfte, rannte und eskalierte als werdende Mutter,
die ihr aus einer Affäre hervorgegangenes Kind zur Adoption freigibt, in
Kida Khodr Ramadans „Haltlos“ durch Berlin – der Titel ist auf allen Ebenen
Programm. In Andreas Dresens „In Liebe, Eure Hilde“ über den Widerstand der
„Roten Kapelle“ brachte Liv Lisa Fries in der Rolle der Hilde Coppi ihr
Kind, wie die Heldin in „Vena“, im Gefängnis zur Welt.
Geschrieben wurden all diese Filme von Frauen. Da wundert es nicht – und
das soll nicht geschlechtsideologisch gemeint sein –, dass der Blick auf
Schwanger- und Mutterschaft ein komplexer ist. Nein, Mutterschaft ist nicht
nur eitel Sonnenschein!
## Mit einem fremden Wesen in Isolation
„Es gibt einfach tausend Meinungen zu allem. Aber weißt du, du bist die
Mutter und du weißt es am besten“ sagt eine Freundin in „Mother’s Baby“ zu
Julia – eine Standardphrase wie ein Dolchstoß. Moder weiß sehr genau, wovon
sie erzählt und kreist genreaffiziert und vieldeutig um die Frage, was es
bedeutet, wenn plötzlich die geliebte Karriere und Freiheiten weg sind und
die frische Mutter mit einem ihr fremden Wesen viel Zeit in Isolation
verbringt.
Die deutsch-schweizerische Schauspielerin Marie Leuenberger spielt diese
Mutter zwischen Vorfreude, Unsicherheit und Vielleicht-Paranoia
zurückhaltend intensiv. Neben Hans Löw als nettem, alles „normal“ findenden
Mann überzeugt vor allem der aus der [4][Kunstbetriebssatire „The Square“]
oder der Netflix-Miniserie „Dracula“ bekannte Claes Bang als Arzt mit
Neo-Mad-Scientist-Vibes. Dieses Lächeln!
Das Jugendamt schaltet sich ein, ihr Mann traut ihr nicht mehr. Je
isolierter Julia wird, desto mehr dreht „Mother’s Baby“ in seinem subtilen
wie effektiven Modus frei und lässt sogar die eigentlich süßen Axolotl, die
eine mehrdeutige Rolle spielen, gruselig erscheinen. Der Film endet nach
einem intensiven Schleudergang auf einem krachenden Akkord, buchstäblich.
Und lässt viel Platz zum Nachdenken.
13 Jan 2026
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## AUTOREN
(DIR) Jens Balkenborg
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