# taz.de -- Volksbegehren Berlin autofrei: Im Kiez gibt’s Zuspruch
> Eine Initiative will private Autofahrten in Berlins Innenstadt drastisch
> reglementieren. Jetzt sammelt sie Unterschriften für einen
> Volksentscheid.
(IMG) Bild: 175.000 gültige Unterschriften sind bis Anfang Mai nötig, damit es einen Volksentscheid über eine autofreie Innenstadt gibt
Das Tempelhofer Feld wirkt am Samstagmittag fast wie ein Skigebiet. Viele
Familien kommen an diesem Wochenende hierher. Auf Schlitten ziehen Eltern
ihren Nachwuchs über das Rollfeld. „Weniger Autos, mehr Berlin!“, schallt
es am Rande des früheren Flughafengeländes aus einem Lautsprecher. Am
Eingang zum Feld im Neuköllner Schillerkiez haben sich Aktivst:innen der
Initiative „Verkehrsentscheid“ mit einem Stand positioniert und sammeln
Unterschriften. Das Team wirkt motiviert. Es gibt Kekse und heißen Tee. Für
die nächsten Wochen haben sie sich einiges vorgenommen: Rund [1][175.000
gültige Unterschriften benötigen sie] bis Anfang Mai, um einen
Volksentscheid zu erwirken.
Um auch nach Abzug der ungültigen Stimmen auf der sicheren Seite zu sein,
will die Initiative, die früher noch unter dem Namen „Berlin autofrei“
auftrat, allerdings 240.000 Unterschriften sammeln. Das wären rund 2.000
pro Tag in den nächsten vier Monaten. Dafür sammeln die Stadtteilgruppen
von „Verkehrsentscheid“ nun seit Samstag im gesamten Stadtgebiet.
Erreicht die Initiative ihr Ziel, kommt es parallel zur
Abgeordnetenhauswahl am 20. September zu einem entsprechenden
Volksentscheid. Ein zugehöriger Gesetzentwurf [2][wurde bereits vom
Landesverfassungsgericht juristisch geprüft] und für zulässig befunden. Die
Mehrheit der befassten Richter*innen sah weder einen Widerspruch zum
Grundgesetz noch zu europäischen oder bundesrechtlichen Vorgaben.
Der Gesetzentwurf sieht vor, private Autofahrten in Zukunft drastisch zu
reglementieren. Berlins Straßen sollen dann nur noch „gemeinwohlorientiert“
genutzt werden. Dadurch erhofft sich die Initiative etwa weniger
Feinstoffbelastung, ein Ende von Staus und mehr öffentlichen Raum für die
Bevölkerung. Private Fahrten mit dem Auto sollen im inneren Ring der Stadt
lediglich an zwölf Tagen jährlich möglich sein, nach einer Übergangsphase
sogar nur noch an sechs Tagen. Von den strengen Regelungen ausgenommen
werden sollen lediglich Bundesstraßen. Das Abgeordnetenhaus hatte sich im
November mit dem Anliegen befasst, [3][es aber nicht als Gesetz
übernommen.]
## Nicht nur Fahren, auch Parken wäre eingeschränkt
Auch das Parken privater Fahrtzeuge wäre nur noch im äußeren Ring der Stadt
oder auf privaten Flächen erlaubt. Uneingeschränkt fahren dürften dann nur
noch Busse, Krankenwagen, Polizeiautos oder Taxis. Für den
Wirtschaftsverkehr bräuchten Unternehmen fortan eine Erlaubnis und müssten
nachweisen, dass ein Ausweichen auf nichtmotorisierte oder leichte
Elektrofahrzeuge für diese nicht möglich ist.
Auf dem Tempelhofer Feld stößt das Vorhaben der Initiative an diesem Tag
überwiegend auf Zuspruch. Viele Vorbeilaufende unterschreiben und ziehen
dann weiter. „Man braucht ja kein Auto in Berlin“, ist von einigen
Befürworter:innen zu hören, aber auch, „Dann müssen die Öffis
allerdings zuverlässig fahren“. Lediglich ein Anwohner äußert am
Samstagmittag lautstark seinen Unmut: „Grüne haben alle einen Schlag“, ruft
er. Von der taz darauf angesprochen sagt dieser, ihn störe vor allem, dass
er sein privates Auto dann nicht mehr im Kiez parken darf.
Man sei „nicht komplett gegen Autos“, sondern lediglich „gegen privaten
Autoverkehr“, beteuert ein Aktivist der Initiative am Mikrofon. Dass das
Vorhaben der Initiative durchaus umstritten ist, ist den Aktivist:innen
bewusst: „Ja, es ist radikal, aber wenn wir kein ambitioniertes Ziel haben,
geht es in der Verkehrspolitik nicht vorwärts“, erklärt die Aktivistin
Marie-Sophie Charvin im Gespräch mit der taz.
Natürlich gebe es Menschen, die ihr Auto benötigen, räumt sie ein. Dafür
schaffe das Gesetz jedoch Ausnahmen. Städter müssten für das Klima Vorbild
sein, sagt Charvin. Sie ärgert sich über die vielen Autos in der
Hauptstadt: „Warum dürfen die so viel Raum für sich beanspruchen?“, fragt
sie. „Das ist die Hölle“, ergänzt ihr Mann sie. Man sehe „nur noch Autos“
in Berlin.
## Platzproblem durch viele Autos
Dass Berlin aufgrund der vielen Autos im Stadtgebiet ein Platzproblem hat,
wird auch an diesem Samstag am Eingang zum Tempelhofer Feld sichtbar. Der
von der Initiative extra für diesen Tag gecharterte Bus, mit dem
Lautsprecher, Flyer, Verpflegung und anderen Materialien an die
Stadtteilgruppen verteilt werden, kann nicht wie geplant parken, weil der
dafür reservierte Parkplatz zugeparkt ist. Das Team am Tempelhofer Feld ist
trotzdem sichtlich gut drauf. Schon nach rund einer halben Stunde, so
berichtet es die Aktivistin Charvin, habe man allein am Tempelhofer Feld
mehr als hundert Unterschriften gesammelt.
11 Jan 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.berlin.de/rbmskzl/politik/senat/verfassung/artikel.41525.php
(DIR) [2] /Verfassungsgericht-ueber-Volksbegehren/!6096567
(DIR) [3] /Kein-Autoverbot-im-Abgeordnetenhaus/!6123104
## AUTOREN
(DIR) Nicolai Kary
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