# taz.de -- Acht Monate vor der Abgeordnetenhauswahl: Führungswechsel rückt näher
       
       > Die Linkspartei ist nicht nur stärkste Kraft im linken Lager. Sie könnte
       > bald auch größte Partei Berlins sein. Aktuell sind das erstmals die
       > Grünen.
       
 (IMG) Bild: So wie hier bei ihrer Nominierung zur linken Spitzendidatin könnte Elif Eralp auch nach der Wahl am 20. September jubeln
       
       Achteinhalb Monate vor der Abgeordnetenhauswahl am 20. September wird eine
       von der Linkspartei geführte Landesregierung zunehmend zu einer
       realistischen Option. Dafür sprechen der ungebremste Zustrom in die
       Linkspartei und das [1][viel kritisierte, in jedem Fall aber suboptimale
       Auftreten] von Regierungschef Kai Wegner (CDU), das auf seine Partei
       zurückfallen dürfte. Ein Ziel wird die Linkspartei dabei aller Voraussicht
       nach schon Ende Februar erreichen: Dann wird sie höchstwahrscheinlich
       mitgliederstärkste Partei Berlins sein.
       
       [2][Wie die taz am Donnerstag berichtete], haben zu Jahresbeginn die Grünen
       die SPD als Landesverband mit den meisten Mitgliedern abgelöst. Die frühere
       Nischenpartei, die noch 2017 in Berlin gerade mal knapp 6.000 Mitglieder
       zählte, führt die Parteien-Rangliste erstmals mit nun fast 18.000
       Mitgliedern an. Die SPD, die sich als Partei Willy Brandts und Ernst
       Reuters über Jahrzehnte als die Berlin-Partei verstand, lag nach den
       offiziellen Zahlen vom Jahreswechsel 180 Mitglieder hinter den Grünen.
       
       Dieser erste Platz wird aber binnen zwei Monaten voraussichtlich wieder
       wechseln. Denn die Linkspartei auf Rang 3 hat zwar derzeit 772 Mitglieder
       Rückstand auf die Grünen. Ungefähr so viel Zulauf aber hatte sie im
       vergangenen Jahr jeden Monat. Setzt sich das fort, wird die Linkspartei die
       Grünen, die monatlich um rund 200 Mitglieder zulegten, Ende Februar
       überholt haben. Denn ein Ende des Eintrittsbooms ist derzeit nicht
       abzusehen. „Allein in den ersten Tagen des neuen Jahres sind über 50
       Menschen eingetreten“, äußerte sich bereits Mitte vergangener Woche
       gegenüber der taz Bjoern Tielebein, der Landesgeschäftsführer der
       Linkspartei.
       
       In Umfragen in Richtung der Abgeordnetenhauswahl am 20. September liegt die
       Linkspartei mit 19 Prozent zumindest im linken Lager [3][bereits seit Juni
       vor Grünen (16) und SPD (13)]. Ein rot-grün-rotes Bündnis hätte demnach
       zwar keine Mehrheit der Wählerstimmen hinter sich, aber – weil die Stimmen
       kleinerer und an der 5-Prozent-Hürde scheiternder Parteien wegfallen – eine
       Mehrheit der Sitze im Abgeordnetenhaus.
       
       ## Noch führt die CDU in Umfragen
       
       Auch der Abstand zur insgesamt mit 22 Prozent führenden CDU war in der
       jüngsten Umfrage von Mitte November mit 3 Prozentpunkten überschaubar. Und
       selbst dieser Vorsprung könnte einholbar sein. Denn in der nächsten Umfrage
       dürfte sich auswirken, dass ihr Landesvorsitzender Kai Wegner [4][im Umgang
       mit dem Blackout in Berlin viel Kritik kassierte]. Der Regierungschef hatte
       den Eindruck erweckt, er habe sich am Samstag nach Bekanntwerden des
       Stromausfalls durchweg bei sich zu Hause damit beschäftigt, Hilfe und
       Reparatur auf den Weg zu bringen.
       
       Dass er zwischenzeitlich eine Stunde Tennis spielte, um, wie er sagte, den
       Kopf für weitere Telefonate frei zu bekommen, räumte Wegner erst später
       ein. Schnell galt er manchen als Lügner. Es verbreitete sich das Bild, der
       Regierungschef verlustiere sich beim Elitensport Tennis – schlimmer wäre
       nur noch Golf gewesen –, während ein Teil Berlins vor sich hin fror. Dass
       in Zehlendorf weder ein Zug entgleist war noch Verletzte zu beklagen oder
       Angehörige zu trösten waren und fraglich war, [5][wo ein Regierungschef
       dort in den ersten Stunden vor Ort hätte hilfreich sein können], blieb
       dabei außen vor.
       
       Direkt davon profitieren wird mutmaßlich die AfD. Denn die Zahl jener
       bisherigen CDU-Wähler, die aus Enttäuschung über Wegner nun zur Linkspartei
       wechseln, dürfte sich in kleinem Rahmen halten. Aber die Verluste der CDU
       dürften den Abstand zur Linkspartei zumindest verkleinern.
       
       Zu der näher rückenden Möglichkeit einer von der Linkspartei geführten
       Koalition mit deren Spitzenkandidatin Elif Eralp als Regierungschefin
       hatten sich am Donnerstag führende Wirtschaftsvertreter [6][skeptisch bis
       warnend geäußert]. Der Chef der Unternehmensverbände Berlin-Brandenburg,
       Alexander Schirp, ordnete allein das daraus resultierende Signal als nicht
       förderlich für die Region ein. Wohnungsverbandschefin BBU Maren Kern sagte
       zur Möglichkeit der Linkspartei im Roten Rathaus: „Investoren würde das
       abschrecken.“
       
       ## Präsidiale Stellungnahme von Eralp
       
       Eine Stellungnahme von Spitzenkandidatin Eralp zum Blackout und dem
       dahinter stehenden Anschlag passt allerdings nicht zu derartigen
       Befürchtungen. Denn die klang präsidial statt extrem oder revolutionär:
       „Ich verurteile diesen Anschlag auf die Stromversorgung aufs Schärfste“,
       sagte sie. „Wer Menschen mitten im Winter derart in Gefahr bringt, handelt
       einfach nur kriminell.“ Das hätte auch ein führender CDU-Politiker so
       formulieren können – nur dass Eralp anders als Wegner nicht von Terrorismus
       sprach.
       
       In einem Bekennerschreiben, das Landes- und Bundeskriminalamt als
       glaubwürdigt einstuften, hatte es [7][in einer Mischung aus
       links-ökologischem Vokabular] geheißen, der Anschlag sei „ein Akt der
       Notwehr und der internationalen Solidarität mit allen, die die Erde und das
       Leben schützen.“ Eralp hingegen formulierte: „Eine solche Tat ist durch
       nichts zu rechtfertigen.“
       
       12 Jan 2026
       
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