# taz.de -- Kai Wegner bangt um Wiederwahl: Matchball für die Linke
> Acht Monate vor der Landtagswahl kämpft Berlins Regierungschef Kai Wegner
> (CDU) um verloren gegangenes Vertrauen – und um seine Wiederwahl.
(IMG) Bild: Mochte sich am Donnerstag nicht entschuldigen für eine Stunde Tennis: der Berliner Regierungschef Kai Wegner im Abgeordnetenhaus
Laut Tagesordnung ist es nur eine Debatte über Konsequenzen aus dem
Anschlag auf das Berliner Stromnetz von Anfang Januar und dem darauf
folgenden viertägigen Stromausfall im Südwesten der Hauptstadt. Faktisch
aber erlebt das Abgeordnetenhaus, das Berliner Landesparlament, an diesem
Donnerstag den inoffiziellen Wahlkampfauftakt für den 20. September. Denn
im Mittelpunkt steht an diesem Donnerstag offensichtlich nicht die Suche
nach Tätern oder den Folgen des Stromausfalls. Es geht vorrangig um den
Mann, der für die CDU gerne auch nach der Berlin-Wahl in rund acht Monaten
weiterhin Ministerpräsident wäre – oder, wie es in Berlin heißt:
Regierender Bürgermeister.
Den Anfang des Schlagabtauschs macht dabei der Chef der Grünen-Fraktion,
Werner Graf, der auch [1][Spitzenkandidat seiner Partei] ist. An jenem
Samstag vor fast zwei Wochen sei nicht nur der Strom ausgefallen, „auch der
Regierende hatte einen Blackout“, kritisiert Graf. Berlins Bevökerung habe
den Anspruch auf einen Regierungschef, der „sichtbar, klar und ehrlich“
sei. All das aber hat Wegner aus Sicht von Graf nicht erfüllt.
Wegner ist unter Beschuss, seit bekannt wurde, dass er am ersten Tag des
Stromausfalls eine Stunde Tennis spielte, nach außen aber den Eindruck
erweckte, er habe sich zu Hause in seinem Büro eingeschlossen und
durchgängig an der Organisation von Hilfsmaßnahmen und Reparatur des
Stromnetzes gearbeitet. Der Ausfall, laut schwarz-roter Landesregierung ein
linksterroristischer Anschlag, [2][hatte anfangs 45.000 Haushalte im
Südwesten Berlins betroffen] und fiel in die stärkste Frostperiode seit
Langem.
Dass es nicht um reine Fehleranalyse, sondern genauso ums Punktesammeln für
die Wahl geht, lässt sich auch gut daran ablesen, wer für die Linkspartei
ans Rednerpult geht. Die Frau im weißen Rollkragenpullover ist nämlich
nicht die Fraktionschefin, die nach üblichem Sitzungsablauf nun reden
würde. Stattdessen hat die Fraktion schon vorher angekündigt, auf Wegner
werde Elif Eralp erwidern, die im November aufgestellte Spitzenkandidatin.
## Eralp: „Nichts an diesem Anschlag ist links“
„Täter am Pult“, ruft ein AfD-Abgeordneter, als die 44-Jährige ans Mikro
geht, wofür es später einen Ordnungsruf geben wird. Wegner hatte zuvor
Linkspartei und Grünen vorgeworfen, nicht wie er von einem
linksterroristsichen Angriff zu sprechen und sich nicht von
Linksextremisten abzugrenzen.
Während Grünen-Fraktionschef Graf danach durchaus von einem
„linksterroristischen Anschlag“ spricht, ist das nun von Eralp nicht zu
hören. „Nichts an diesem Anschlag ist links, wo auch immer sich die Täter
verordnen mögen“, sagt sie. Empathielosigkeit und „unfassbare
Gefühllosigkeit“ wirft sie Wegner vor, der nur wenige Meter neben dem
Rednerpult seinen Platz in der Reihe der Landesregierung hat.
Auf genau diesem Platz will Eralp im Herbst sitzen. Schon seit vergangenem
Sommer ist ihre Linkspartei in Umfragen stärkste Kraft im linken Lager; in
Sachen Mitgliederstärke wird ihre Partei in Berlin in wenigen Wochen
mutmaßlich ganz vorne liegen. In der jüngsten Umfrage Mitte November war
der Vorsprung von Wegners CDU auf 3 Prozentpunkte geschrumpft, eine
rot-grün-rote Koalition und erst mal eine Regierende Bürgermeisterin von
der Linkspartei wären bei dem Ergebnis möglich. Nach Bodo Ramelow in
Thüringen wäre es bundesweit erst das zweite Mal, dass die Linke an der
Spitze eines Bundesland steht.
Ob es dazu kommt, wird allerdings weniger davon abhängen, wie sehr der CDU
das Tennispiel Wegners nachhängt und ob die Linkspartei am Ende vor ihr
liegt. Entscheidend ist, ob SPD und Grüne zu einer Koalition unter Eralps
Führung bereit wären. Zwar ist seit vielen Jahren bei Führungskräften
beider Parteien von einer größereren emotionalen Nähe zur Linken denn zur
CDU zu hören.
## Die veränderte Linkspartei gilt vielen als „Blackbox“
Doch [3][die große Veränderung] bei der Berliner Linken, angesichts einer
binnen 12 Monaten verdoppelten Mitgliedschaft und eines neuen
Führungspersonals, lässt beide potenziellen Koalitionspartner zweifeln, mit
wem sie es eigentlich zu tun haben. Nach einem Eklat [4][über den Umgang
mit Antisemitismus beim Landesparteitag Ende 2024] hatten mehrere frühere
Regierungsmitglieder und prägende Gesichter die Berliner Linkspartei
verlassen. Gerade bei den Grünen bleiben Zweifel, ob die jetzige Partei
sich tatsächlich klar auch von linkem Antisemitismus abgrenzt. Von der
Linkspartei als „Blackbox“ ist weiterhin die Rede.
Bei der SPD wiederum hat sich ihr Spitzenkandidat Steffen Krach darauf
festgelegt, dass es mit ihm keine Enteignungen von Wohnungen geben wird. In
der künftigen Linksfraktion wird aber mutmaßlich ein führender Kopf eines
2021 erfolgreichen Volksentscheids dazu sitzen, der der taz Mittwoch ganz
klar sagte: Ohne Enteignung werde es keine Regierungsbeteiligung geben.
All das liegt noch über acht Monate in der Zukunft, als Spitzenkandidatin
Eralp am Donnerstag mit Blick auf den aktuellen Regierungschef sagt:
„Berlin kann sich in Krisenzeiten keinen Wegner-Weltfremd leisten.“ So
weit, direkt seinen Rücktritt zu fordern, geht sie nicht. Das ist an diesem
Vormittag Richtung Wegner allein von der AfD zu zu hören: „Wenn Sie einen
Funken Anstand besitzen, sollten Sie die Konsequenzen ziehen.“
15 Jan 2026
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