# taz.de -- Der Spion als kulturelle Figur: Mythos und Realität der Spionage
> Wir bewundern Agent:innen in Literatur, Film und Popkultur. Dabei
> verdrängen wir aber zugleich die banale Wirklichkeit heutiger
> Überwachung.
(IMG) Bild: Kein Geheimdienstchef der Welt würde ihn anstellen: Sean Connery als 007
Kaum ein Beruf hat einen größeren Popkulturmythos als der des Spions, und
kaum einer erfordert in der Realität so viel Geduld und Bürokratie. Warum
fasziniert uns das so sehr? Und warum akzeptieren wir gleichzeitig, wenn
Staaten und Konzerne uns heute ganz real ausspionieren?
Aber fangen wir von vorne an, denn das Bedürfnis, mehr zu wissen als der
andere, ist älter als jedes Funkgerät. „Spionage ist so alt wie die
Menschheit selbst“, sagt [1][Florian Schimikowski.] Er ist
wissenschaftlicher Leiter am Deutschen Spionagemuseum in Berlin und weiß:
Informationen bedeuteten früher schon Macht. „Wahrscheinlich haben sich
auch schon älteste Stammesgemeinschaften ausspioniert und geschaut, was hat
der andere, können wir ihn eventuell überfallen, oder plant er uns zu
überfallen?“
Sobald es die ersten schriftlichen Quellen gibt, wird es deutlich
handfester: Keilschrifttafeln von vor 3.000 Jahren geben Hinweise darauf,
dass bei bestimmten Kampfhandlungen Spione eingesetzt wurden, und dass es
neben Militärspionage sehr früh zugleich Wirtschaftsspionage gab: „Die
Tonherstellung war damals ein wichtiger Industriezweig, und einige Kontore
hatten darauf ein Monopol. Dass sie Angst vor Spionage hatten, beweist,
dass sie sich die Mühe machten, das Rezept für die Glasur kryptografisch zu
verändern, sodass man es nur mit dem jeweiligen Wissen lesen konnte.“
## Schon Kaiser Augustus hatte Spione
Auch im antiken Rom schickte Kaiser Augustus die sogenannten Frumentarii
als Soldaten mit doppelter Identität als Spitzel aus, um Feinde zu
überwachen – häufig war das die eigene Bevölkerung, die einen Aufstand
planen könnte. Im England des 16. Jahrhunderts, unter Elisabeth I.,
professionalisierte Francis Walsingham das System und machte aus einem
losen Netzwerk an Spitzeln, die Briefe öffneten, den ersten Geheimdienst
als Institution.
Mit der Moderne veränderte sich, [2][wer spionierte und warum.] Schließlich
standen keine Könige mehr im Zentrum, sondern Ideologien, erklärt
Schimikowski: „Grundsätzlich ist die Rekrutierung von Agenten immer eng mit
der Zeit verbunden, in der man arbeitet. Wenn man sich im Krieg befindet,
ist es deutlich einfacher, an die Ideologie und den Patriotismus zu
appellieren.“ Das Gleiche gilt in Zeiten, in denen starker Klassenkampf
herrscht. Für viele Spione wird die Loyalität zur Idee wichtiger als die
zum Staat.
Der vor den Nazis geflohene Physiker Klaus Fuchs glaubte, dass eine
Atombombe allein in US-amerikanischer Hand zu gefährlich sei. Aus
Überzeugung gab er während seiner Arbeit am Manhattan-Projekt Informationen
an die Sowjetunion weiter, in dem Glauben, damit das Gleichgewicht der
Mächte zu wahren.
## Gleichgewicht der Mächte durch Spionage
Auch das Leben seiner Kontaktperson und Funkerin Agent Sonja sollte der
kommunistischen Revolution gehören. Sie stammte aus wohlhabendem jüdischem
Haus, wuchs behütet auf, doch je älter sie wurde, desto kompromissloser war
ihr Glaube an den Kommunismus. Während sie für den sowjetischen
Militärgeheimdienst GRU spionierte, nutzte sie ihre Mutterrolle als Tarnung
und riskierte damit auch das Leben ihrer Kinder. Agent Sonja gilt als eine
der bedeutendsten Spioninnen des 20. Jahrhunderts, wurde jedoch zu
Lebzeiten nicht enttarnt und ist in der DDR besser bekannt als
Kinderbuchautorin Ursula Kuczynski.
Man könnte argumentieren, dass diese zwei Beispiele wie auch die Popkultur
Spionage aus Überzeugung zeigen und trotz Verrats ein Gewissen erkennen
lassen, da die Loyalität höheren Werten gilt. Dieses Gewissen ist den
Systemen, die uns heute ausspionieren, abhandengekommen.
„In der heutigen, multipolaren Welt ist es deutlich schwerer geworden, an
die Ideologie zu appellieren“, sagt Schimikowski vom Spionagemuseum.
Stattdessen schalten Geheimdienste inzwischen Imagekampagnen und
veröffentlichen Stellenanzeigen, wie der Bundesnachrichtendienst (BND), der
damit wirbt dass man bei ihnen Terroristen fängt. „Aber diese extreme
ideologische Überzeugung, welche die Rekrutierung lange Zeit wirklich
geprägt hat, die ist heute deutlich schwächer vorhanden.“
## Männlichkeit, Technikgläubigkeit und Nation
Der Spion als kulturelle Figur entsteht dort, wo Macht unsichtbar wird und
das Unbehagen mit ihr kompensiert werden muss. „[3][James Bond]“ und andere
Figuren mit doppelter Identität sind dabei Projektionsfläche: für
Männlichkeit, Technikgläubigkeit und Nation. Die Kamera und das Publikum
lieben ihre Waffen, nicht die Widersprüche.
„Die Geheimdienstleiter, mit denen ich hier im Museum gesprochen habe,
sagen alle ganz klar, sie würden James Bond natürlich nicht anstellen“,
stellt Schimikowski, „Er trinkt zu viel, er hat Frauengeschichten, er zockt
und er ist auch noch ein Selbstdarsteller. Das sind alles Faktoren, die
einen Agenten sehr wankelmütig machen.“
Die besten Agenten würden stattdessen über Jahrzehnte hinweg ganz diskret
arbeiten, Informationsbröckchen sammeln. Denn in der Realität sitzen
Geheimdienstler meist vor Monitoren, durchforsten Datenbanken und
Satellitenaufnahmen, hacken Metadaten oder bauen jahrelang Vertrauen zu
ihrer Zielperson auf, ohne anfangs wirklich Brisantes zu liefern. Kaum ein
Beruf hat ein derart gespaltenes Image: Abenteuer im Berufsverständnis,
Behörde im Alltag.
## Anders als Hollywood
Hollywoodfilme stellen das Leben von Geheimagenten zudem viel kondensierter
dar, als es tatsächlich ist. Selbst wer als Agent im Feindesland tätig ist,
verbringt statt steter Spannung Stunden damit, Menschen zu beobachten oder
Papierkram zu erledigen. Aktionsreiche Momente wie Schießereien sind extrem
selten. Wem das passiert, der wurde enttarnt. Worst-Case-Momente, die
selten vorkommen, werden in popkulturellen Referenzen in einem sehr kleinen
Zeitraum verdichtet und damit wird ein irreführender Eindruck vermittelt.
Sogar angehenden Agent:innen selbst, sagt Schimikowski: „Geheimdienstler
hadern mit dem Bild von James Bond. Nach jeder Bond-Veröffentlichung gehen
die Bewerbungen beim [britischen Auslandsgeheimdienst] MI 6 rasant nach
oben. Sobald sie ihre Stelle antreten, wird jedoch klar, ganz so läuft es
nicht.“
Zum anderen wird in Filmen meist alles von wenigen Superagenten erledigt.
In der israelischen Spionageserie „Fauda“ zum Beispiel verhindern
Spezialeinheiten Terroranschläge und befreien Geiseln, erfahrene
Scharfschützen sind zugleich auch Verhörspezialisten, Analysten und
verdeckte Ermittler mit fließenden Arabischkenntnissen. Im wirklichen
Berufsleben hat kein Mensch Zeit, all diese Fähigkeiten bis zur Perfektion
zu verfeinern. Stattdessen führen viele verschiedene Teammitglieder, von
denen jeder auf eine bestimmte Aufgabe spezialisiert ist, gemeinsam eine
Operation durch.
## Der gläserne Mensch
Heute verraten unsere Geräte mehr über uns als jede Agentin, die uns 24/7
observiert. Wir teilen bereitwillig unsere Standorte, Kontakte und Gedanken
mit Apps und Plattformen, weil wir bestimmte Services sonst gar nicht mehr
in Anspruch nehmen könnten.
Vielleicht steckt darin der Kern unserer Faszination: Spion:innen sind
Ausnahmefiguren in einer Welt, die von Offenheit schwärmt und doch ständig
überwacht. Aus einem Netz menschlicher Informant:innen, wie sie die Stasi
hatte, ist heute Infrastruktur geworden. Heute braucht es nur in
Einzelfällen wenige Menschen, um Geheimnisse zu stehlen. Spionage ist
automatisiert, banalisiert, allgegenwärtig und wird deswegen selten
skandalisiert.
Haben wir Sehnsucht nach dem Verborgenen in einer Welt, die längst
durchsichtig geworden ist? Vielleicht bewundern wir Spion:innen, weil sie
etwas verkörpern, das uns verloren gegangen ist: das Recht, etwas für uns
zu behalten. Denn heutige Spionage ist unsichtbar, unheroisch und viel zu
nah.
23 Jan 2026
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## AUTOREN
(DIR) Clara Nack
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