# taz.de -- Neue Spionagethriller auf Wow und Prime: Der Feind im Inneren
       
       > „Ponies“ und die neue Staffel von „The Night Manager“ zeigen:
       > Spionageserien boomen wie lange nicht – auch in Deutschland. Doch warum
       > eigentlich?
       
 (IMG) Bild: Bea (Emilia Clarke, rechts) und Twila (Haley Lu Richardson) stoßen in „Ponies“ auf eine Verschwörung
       
       Zwei Amerikanerinnen wollen im Moskau der späten 1970er Jahre herausfinden,
       wie ihre dort stationierten Ehemänner zu Tode gekommen sind, und heuern zu
       diesem Zweck gleich selbst als Undercover-Agentinnen [1][bei der CIA] an.
       
       Derweil wird ein MI6-Mitarbeiter, der vor seiner Abwerbung Soldat und
       Hotelmanager war und nun nach einem recht traumatischen Fall eigentlich
       Schreibtischdienst schiebt, im heutigen London von der Vergangenheit
       eingeholt.
       
       Auf den ersten Blick haben die Prämissen der neu angelaufenen Serie
       „Ponies“ (bei Wow) und der zweiten Staffel von „The Night Manager“ (bei
       Prime Video) nicht viel gemeinsam. Doch ihre Unterschiede illustrieren, wie
       omnipräsent und dabei vielfältig der gegenwärtige Boom [2][von
       Spionagethrillern] ist.
       
       Nicht dass das Genre, dessen literarische Wurzeln bis ins 19. Jahrhundert
       und Romane von James Fenimore Cooper zurückreichen, je unbeliebt gewesen
       wäre. Doch so viele Geheimagent*innen und Nachrichtendienste wie in den
       letzten paar Jahren waren nicht zuletzt in Serienform selten im Einsatz.
       
       Noch im Februar etwa geht bei Netflix „The Night Agent“ in die nächste
       Runde, bei den Golden Globes waren jüngst unter anderem „Slow Horses“ und
       „Diplomatische Beziehungen“ nominiert, und neue Staffeln von „Black Doves“
       oder „The Day of the Jackal“ stehen für 2026 auch noch auf dem Programm.
       
       ## Trend auch in Deutschland
       
       Der Trend beschränkt sich nicht auf den englischsprachigen Raum: Die
       französische Serie „Büro der Legenden“ war fünf Jahre lang so erfolgreich,
       dass sie sogar ein US-Remake namens „The Agency“ nach sich zog; bei AppleTV
       läuft aktuell die dritte Staffel der israelischen Serie „Tehran“ (über eine
       Mossad-Agentin undercover in Iran).
       
       Und selbst in Deutschland, wo seit jeher klassische Polizeiarbeit die
       Krimilandschaft dominiert, wagt man sich inzwischen an Spion*innen als
       Protagonist*innen. Das zeigt nach „Deutschland 83“ oder „Kleo“ nun auch
       „Unfamiliar“ (ab 5. 2. bei Netflix) über ein Agent*innen-Ehepaar.
       
       Dass Geschichten über CIA und MI6, finstere Verschwörungen und eiskalte
       Auftragskiller*innen aktuell im Überfluss vorhanden sind, hat Gründe.
       Immer mehr Streaminganbieter brauchen immer mehr Content, und
       selbstverständlich wird dabei vor allem auf Genres und Erzählmuster
       gesetzt, die sich über Jahre immer wieder bewährt haben.
       
       Spionagethriller, mit denen stets auch ein Versprechen von Spannung und
       Action einhergeht, bilden ein gutes Gegenstück zu Cosy Crime, jenem anderen
       Streaming-Trend rund um Wohlfühlkrimis à la „The Thursday Murder Club“ und
       Agatha-Christie-Variationen, wo gemächliches Tempo und Augenzwinkern
       dominieren. Hochglanzbilder, reizvolle Locations wie Luxushotels oder ferne
       Länder und jede Menge Hightech-Ermittlungswerkzeuge – alles feste
       Bestandteile des Genres – tun ein Übriges in Sachen Schauwert.
       
       Doch die Erfolgsgeschichte des Spionagethrillers war immer auch ein Spiegel
       der weltpolitischen Großwetterlage und gesellschaftlichen Stimmung. Den
       ersten Boom, nicht zuletzt in Gestalt von James Bond, erlebte das Genre in
       den 1960er Jahren, als der Kalte Krieg sich merklich zuspitzte. Einblicke
       in die Welt der Geheimdienstarbeit, damals dem Publikum noch verborgener
       als heute, vermittelten einen Anflug von Sicherheit.
       
       Wer wollte, hoffte darauf, dass auch in der realen Welt wackere Helden wie
       007 das Schlimmste zu verhindern wissen. Oder sich dem Gefühl hingeben,
       dank solcher Geschichten zumindest ein bisschen zu verstehen, nach welchen
       Mechanismen das Weltgeschehen funktioniert.
       
       ## Keine Saubermänner mehr
       
       Es ist kein Zufall, dass gerade in den zu Friedenshochzeiten verklärten
       Jahren zwischen Mauerfall und dem 11. September 2001 die Abenteuer von
       James Bond so humorig überzeichnet und unrealistisch waren wie nie, bevor
       dann mit der Daniel-Craig-Ära Schmerz und Trauma Einzug hielten in die
       Geheimagentenwelt.
       
       Gequälte Held*innen oder besser: Anti-Held*innen sind seither – siehe
       Serien wie „Homeland“ oder die „Bourne“-Filme – fester Bestandteil des
       Genres. Das passt zu einer Welt, in der kaum noch jemand der Illusion von
       Saubermännern und aufrechten Retter nachhängt. Längst kommt eigentlich kein
       Spionagethriller mehr ohne innerlich zerrissene Protagonist*innen und
       moralische Grauzonen aus.
       
       Vermeintlich ein Bild davon vermitteln, was hinter den Kulissen der Politik
       passiert und wo die Strippenzieher*innen sitzen, tun diese Geschichten
       auch heute noch. Nur sind die Grenzen zwischen Gut und Böse längst bis zur
       Unkenntlichkeit verschwommen.
       
       Viele aktuelle Serien reflektieren auch das allgemeine Misstrauen, das
       gegenüber Regierungsbehörden aller Art besteht: Wo die
       Gegenspieler*innen einst klar und je nach Weltlage in Russland, China
       oder der arabischen Welt verortet wurden, sitzen sie nun meistens auch in
       den eigenen Institutionen.
       
       ## Glamour, Erotik und Trauma
       
       In dieser Hinsicht schlagen auch die eingangs erwähnten Serien nicht aus
       der Art. In der neuen Staffel von „The Night Manager“, die zehn Jahre nach
       der fantastischen ersten an den Start geht, muss Tom Hiddleston als
       Jonathan Pine nicht nur erkennen, dass er das Geschehen von damals doch
       nicht gänzlich hinter sich gelassen hat. Zudem könnte diesmal die eigene
       Chefetage unmittelbar verwickelt sein in die Drogen- und Waffengeschäfte,
       die ihn bald nach Kolumbien, aber eben auch in die eigene Vergangenheit
       führt.
       
       Ein möglicher Verräter in den eigenen Reihen wird auch in „Ponies“
       vermutet, wobei dort ansonsten in bester Retromanier der KGB mit ruchlosen
       Mitteln den beiden unbedarften, aber sich natürlich im permanenten
       emotionalen Zwiespalt befindlichen Neuagentinnen auf ihrer vage als
       postmodern-feministisch gezeichneten Mission das Leben schwer macht.
       
       Einmal Glamour und Erotik kombiniert mit Trauma und internen Intrigen,
       einmal Kalter-Krieg-Nostalgie gepaart mit Humor, Selbstfindung und
       amourösen Verstrickungen. Die beiden Serien zeigen, wie viel
       Variantenreichtum in Sachen Spionagethriller möglich sind.
       
       Allerdings zeigen sie auch, dass es angesichts des Übermaßes ähnlicher
       Serien inzwischen mehr braucht als eine leidlich kurzweilige Geschichte und
       Figuren mit zwei, drei Ecken und Kanten, um bleibenden Eindruck zu
       hinterlassen.
       
       3 Feb 2026
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
 (DIR) Patrick Heidmann
       
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