# taz.de -- Internetzensur in Russland: Putins „Daten-Gulag“
> Ob Studium, Kfz-Anmeldung oder Kontakt mit der Hausverwaltung – in
> Russland geht vieles nur noch mit der Kreml-App MAX. So funktioniert
> Zwang.
(IMG) Bild: Die Installation der MAX-App kriegt jede:r hin
Die Nachricht kam kurz vor Neujahr um 19.38 Uhr per Messenger und sie war
eine Drohung: Studierende in der Hafenstadt Noworossijsk dürfen an
Seminaren und Vorlesungen nicht mehr teilnehmen, wenn sie sich nicht den
„Nationalen Messenger MAX“ auf ihr Smartphone laden: „Das elektronische
Zeugnisheft wird in Kürze nur noch mit MAX verbunden sein, was bedeutet,
dass man zu im Januar stattfindenden Prüfungen und Praktika gegebenenfalls
nicht zugelassen wird.“ Nicht nur die Universitäten sind betroffen: Auch
eine zehnjährige Drittklässlerin der Autostadt Samara an der Wolga klagte
ihrer Mutter den Druck, den ihre Lehrerin ausübe auf alle in der Klasse,
die diese App nicht auf ihrem Mobiltelefon installierten.
Der Kreml tut momentan alles dafür, über die Staats-App die Kontrolle über
den digitalen Umgang der Bürger:innen zu bekommen. Es wird massiv in den
zumeist staatlich kontrollierten Medien für MAX geworben. Das zeigt
Wirkung: Die Kreml-App verzeichnete laut der russischen
Medien-Monitoring-Firma „Mediascope“ nur etwa 16,5 Millionen tägliche
Nutzer:innen im April und etwa 50 Millionen Anfang Dezember. Ein
extremer Anstieg. Und dennoch hinkt App deutlich hinter der teils
ausländischen Konkurrenz her.
Whatsapp ist in Russland noch immer das am meisten genutzten
Internetangebot mit 97 Millionen User*innen. Das russische Facebook-Pendant
vKontakte (In Kontakt) kommt auf fast 94 Millionen, Telegram auf rund 90
Millionen Nutzende pro Tag.
Pikant: Der Whatsapp-Mutterkonzern, [1][das US-Unternehmen Meta], zu dem
auch Instagram gehört, wurde ebenso wie [2][X (ehemals Twitter)] in
Russland als „extremistisch“ verboten. Hinter vKontakte hingegen steht der
VK-Konzern, der auch MAX entwickelt hat und als Kreml-loyal gilt. Der
Konzern gehört mehrheitlich Tochterfirmen des staatlich kontrollierten
Gazprom-Konzerns und des St. Petersburger Weggefährten von
[3][Kremlherrscher Wladimir Putin], Jurij Kowaltschuk. Geschäftsführer ist
mit Wladimir Kirijenko der Sohn von Sergej Kirijenko – dem Vizechef von
Putins Präsidialverwaltung. Beide Kirijenkos stehen auf den Sanktionslisten
von EU und USA.
## Per Gesetz zum „Nationalen Messenger“
Der Anstieg der Nutzer:innenzahlen bei MAX liegt nicht nur an der
Werbung. MAX wurde per Gesetz zum „Nationalen Messenger“ erklärt und muss
deswegen seit 1. September 2025 auf allen in Russland verkauften
Smartphones, Tablets und Notebooks vorinstalliert sein. Dann wurde die
Geschwindigkeit von Whatsapp und des Telegram-Netzwerks des in Dubai
lebenden, schillernden russischen Tech-Milliardärs Pawel Durow massiv
gedrosselt.
Zuletzt wurden auch staatliche Dienstleistungen nur noch per MAX
ermöglicht, Meldebestätigungen etwa oder Kfz-Anmeldungen. Zumindest
digital. Bisher konnte der MAX-Zwang mittels physischer Behördengänge
umgangen werden. Nun aber erfolgten die härtesten Zwangsmaßnahmen:
Hausverwaltungen, Staatsbedienstete und staatlich kontrollierte Unternehmen
wurden angewiesen, nur noch über MAX digital zu kommunizieren. Und
Studierende bekommen nur noch darüber ihren Studierendenausweis. Wenn sie
sich der App verweigern, geht es ihnen wie in der Schwarzmeerstadt
Noworossijsk: Sie werden für Seminare und Prüfungen gesperrt.
Sarkis Darbinjan, Mitbegründer der für digitale Rechte eintretenden NGO
„Roskomswoboda“, sieht einen „beispiellosen Druck seitens des Staates“.
Denn das Ziel formuliert der Abgeordnete Sergei Bojarskij: Wenn genügend
Menschen zu MAX gewechselt seien, würden die westlichen Konkurrenten in
Russland abgeschaltet, so der Vorsitzende des Ausschusses für
Informationspolitik, Informationstechnologien und Kommunikation der
Staatsduma.
Ein weiterer Grund für das Durchdrücken von MAX ist laut „[4][Reporter ohne
Grenzen]“, dass die [5][Menschen in den russisch besetzten Gebieten der
Ukraine] von ihren Verwandten und Bekannten abgeschnitten werden. Und von
nichtrussischen Informationen. „Die App ist nur über eine russische oder
belarussische Telefonnummer zugänglich, blockiert die Kommunikation mit der
freien Ukraine und sammelt 100 Prozent der Nutzerdaten, während sie
gleichzeitig als wichtiges Propagandainstrument dient.“
## Daten nicht sicher
Der Direktor der „Gesellschaft zum Schutz des Internets“, Michail Klimarew,
wies darauf hin, dass die Datenschutzrichtlinie von MAX vorsieht, dass
Daten an den FSB, das Innenministerium, die Föderale Steuerbehörde und die
Bank von Russland weitergegeben werden. Laut Darbinjan speichert VK zudem
alle Daten und Metadaten auf Festplatten, die mit dem Geheimdienst FSB
verbunden seien. Die Microsoft-Tochter GitHub, die den Code der Anwendung
analysiert hat, berichtete über FSB-Zugriff auf Systemprozesse,
Geolokalisierung, installierte Programme und die Möglichkeit, Audio-,
Video- und Textdaten aufzuzeichnen.
Bislang widersetzten sich die Russen der Zwangseinführung des „nationalen
Messengers“. Nur 34 Prozent der Russ:innen seien laut der Umfrageagentur
ExtremeScan bereit, MAX herunterzuladen, während 47 Prozent angaben, dass
sie versuchen werden, die Installation zu vermeiden. Viele Nutzer, die
Überwachung befürchten, installieren die App auf separaten, günstigen
Gadgets.Russische Internetforen sind voll mit Tipps, wie man sich dem
Herunterladen von MAX entziehen könne. Aber Darbinjan befürchtet, alles sei
eine Frage der Zeit: „Gewohnheiten ändern sich. Vielleicht wird die neue
Generation in fünf bis zehn Jahren gar nicht mehr wissen, dass es noch
andere Kommunikationswege gibt.“
Da MAX-Chats nicht verschlüsselt sind, hat nicht nur der FSB Zugriff,
sondern auch Betrüger: „Das ist eine riesige Sicherheitslücke, die jeder
ausnutzen kann“, so Darbinjan, dessen Organisation in Russland als
„ausländischer Agent“ verboten ist. Auch wenn in der gerade laufenden
Werbung für den Messenger immer wieder als großes Plus behauptet wird, dass
MAX nicht wie westliche Wettbewerber von Kriminellen missbraucht werden
könne. Dort sollen – nach Vorbild des chinesischen Pendents WeChat – nun
auch noch Zahlungsdienste integriert werden. Das dürfte nicht nur
Kriminellen nutzen, sondern laut Fachleuten auch der staatlichen Verfolgung
von Geldströmen und dem Aufdecken von Spender:innen an Organisationen,
die dem Kreml nicht gefallen.
Mit dem MAX-Zwang haben inzwsichen sogar ranghohe Staatsdiener Probleme:
Der Gouverneur der Region Samara, Wjatscheslaw Fedorischew, hat vier Monate
nach seinem demonstrativen Löschen seines Telegram-Accounts und dem
Überführen seines Kanals auf MAX am Montag bekannt gegeben, wieder über
Telegram zu posten. Den nennen Fachleute in Russland „sicherer als den
Digital-Gulag MAX“.
21 Jan 2026
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## AUTOREN
(DIR) Mathias Brüggmann
## TAGS
(DIR) Schwerpunkt Krieg in der Ukraine
(DIR) Spionage
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