# taz.de -- Erben in Deutschland: Zwei Millionen Euro steuerfrei für jeden wären fair
> Mit aggressiven Kampagnen verteidigen Überreiche Ausnahmen von der
> Erbschaftssteuer. Dabei würden von einer Reform fast alle profitieren.
(IMG) Bild: Wer mit dem Goldenen Löffel im Mund geboren wurde, kann sich auf eine große schlagkräftige Gruppe von Lobbyisten verlassen
Wir wollen eine Leistungsgesellschaft sein. Oder? Die Wahrheit ist: Wir
sind es nicht. Mehr als die Hälfte des deutschen Vermögens stammt aus
Erbschaften und Schenkungen. Und von den fast 200 Milliardären in
Deutschland haben 75 Prozent ihr Vermögen [1][größtenteils geerbt]. Ein
wesentlicher Grund: gigantische Betriebsvermögen, die nahezu steuerfrei
über Generationen weitergegeben werden und sich so in den Händen weniger
sammeln.
Wenn selbst Jens Spahn (!) sagt, dass die Vermögensverteilung [2][„so nicht
in Ordnung“] ist, dann gibt es offensichtlich kein Erkenntnisproblem. Dafür
umso mehr ein Interessenproblem. Denn um die Vermögensverteilung „in
Ordnung“ zu bringen, müssten jene mehr Steuern zahlen, die seit Jahrzehnten
Geld, Firmen, Lobbyisten, Privilegien und Macht um sich geschart haben.
Kaum wird aber über eine Reform der Erbschaftsteuer debattiert, verkleiden
sich diese [3][Überreichen] zu idealistischen Familienbetrieben,
gemeinnützigen Investoren und großzügigen Arbeitgebern. [4][Aggressive
Lobbykampagnen] richten die Debatte auf nur eine Frage aus: Wie viel kann
man den Reichen zumuten, bevor sie aufgeben, wegziehen, Arbeitsplätze
abbauen und weniger investieren?
Besser liefe die Debatte, wenn unser Ausgangspunkt ein Gedankenexperiment
des Philosophen John Rawls wäre. Seine Frage lautete: Wie würden wir die
Regeln einer Gesellschaft gestalten, wenn wir sie festlegen müssten, bevor
wir wissen, in welche Umstände wir geboren werden? Reich oder arm, Erbin
oder Arbeitnehmer, Deutsch oder Geflüchteter.
## Vermögenskonzentration begrenzen, Startchancen sichern
Kaum jemand würde sich hinter Rawls sogenanntem Schleier des Nichtwissens
wohl die heutigen Ausnahmen für Betriebsvermögen bei der Erbschaftssteuer
ausdenken, mit denen Überreiche sich vor dem Finanzamt bedürftig rechnen
können. Wahrscheinlicher wären stattdessen Regeln, die
Vermögenskonzentration begrenzen und faire Startchancen sichern.
Damit diese Forderungen gegenüber der Überreichen-Lobby bestehen können,
braucht es [5][strategisches Kalkül]. Heißt konkret: Die Freibeträge
sollten groß sein. So groß, dass möglichst wenige Menschen sich betroffen
fühlen.
## Eigentum teilen sollte belohnt werden
Das könnte wie folgt aussehen. Pro Person zwei Millionen Euro
Lebensfreibetrag für Privatvermögen und zehn Millionen Euro für
Betriebsvermögen – unabhängig vom Verwandtschaftsgrad. Bis dahin zahlt man
keinen Cent. Für jeden Euro darüber gibt es einen progressiven Steuertarif.
Von 15 Prozent Eingangssteuersatz bis 25 Prozent Spitzensteuersatz ab 26
Millionen Euro. Wer mehr erbt, zahlt mehr. Und trotzdem wäre der
Spitzensteuersatz nominal geringer als heute, wo er je nach
Verwandtschaftsgrad bei 30 bis 50 Prozent liegt.
Für diese Spitzensteuersatzsenkung (Framing!) müssten dann nur die
Ausnahmen für Betriebsvermögen weg. Unternehmenserben, die die Steuer nicht
auf einen Schlag entrichten können oder wollen, sollten zwei Optionen
haben. Erstens: die Steuer über 25 Jahre beim Staat abstottern. Und
zweitens: den Staat zum stillen Teilhaber machen und die Steuerschuld über
Gewinnausschüttungen begleichen. Die Mär, dass Familienunternehmer durch
eine ernsthafte Erbschaftsteuer massenhaft an Finanzinvestoren verkaufen
müssten, wäre damit abgeräumt.
Vergünstigungen? Könnte es geben, wenn Erben Unternehmensanteile an die
Beschäftigten übertragen. Eigentum teilen sollte belohnt werden,
dynastisches Vererben nicht.
30 Jan 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.datapulse.de/milliardaere/
(DIR) [2] /Alle-Erben-zur-Kasse-bitte/!6116299
(DIR) [3] /Politologin-ueber-soziale-Ungleichheit/!6127261
(DIR) [4] /Wirtschaftswarntag-der-INSM/!6062253
(DIR) [5] /Erbschaftssteuerkonzept-der-SPD/!6140314
## AUTOREN
(DIR) Maurice Höfgen
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