# taz.de -- Kevin Kühnert über Umverteilung: „Ich spreche Politik immer noch fließend“
> Er war SPD-Generalsekretär, jetzt ist Kevin Kühnert Lobbyist für die
> Bürgerbewegung Finanzwende. Milliardär sein sei zu billig.
(IMG) Bild: „Ich bin am Ende nicht heil aus der Sache rausgekommen“: Kevin Kühnert in den Räumen der Bürgerbewegung Finanzwende
taz: Herr Kühnert, wie geht es Ihnen?
Kevin Kühnert: Richtig gut. Ich habe eine spannende neue Aufgabe und auch
ein bisschen mehr Zeit fürs Leben.
taz: Sie sind mit 15 in die SPD eingetreten. Waren Juso-Vorsitzender und
Generalsekretär und haben im Oktober 2024 mit 35 Jahren Ihre politische
Karriere abrupt beendet. Sind Sie froh, den Absprung geschafft zu haben?
Kühnert: Nein, weil die Umstände keine schönen gewesen sind. Das waren 20
sehr wertvolle Jahre, und ich will das alles überhaupt nicht missen. Aber
ich bin am Ende nicht heil aus der Sache rausgekommen. Und habe einen Preis
gezahlt, der mich dazu gezwungen hat, es sein zu lassen.
taz: Was hat letztlich dazu geführt, dass Sie die Politik aufgeben haben?
War es die Ampel, die Krise der SPD?
Kühnert: Krisen gehören in der Politik dazu. Es sind also neben der
Gesundheit eher grundsätzliche Erwägungen gewesen. Vor allem die Frage nach
meiner Wirksamkeit in Parteipolitik und Parlament. Also inwieweit ich als
Person in der Lage bin, dort Spuren zu hinterlassen, die diesen enormen
Einsatz auch rechtfertigen. Ich habe mich befragt: Bin ich dafür der
Richtige? Die Antwort kennen Sie.
taz: Und jetzt sind Sie in der APO.
Kühnert: Das ist so. Wir sitzen mit Finanzwende nicht in einem Parlament.
taz: Wie fühlt es sich an, sind Sie freier?
Kühnert: Selten habe ich mich Christian Lindner so nah gefühlt.
taz: Sie haben also noch Kontakt?
Kühnert: Wir hatten eigentlich nie Kontakt. Aber im Ernst, den Großteil
meines politischen Wirkens bin ich nicht Berufspolitiker gewesen, sondern
war ehrenamtlich in einem Jugendverband, in Bündnissen und Netzwerken.
Insofern ist vieles, was mir hier wieder begegnet, sehr vertraut: die
zivilgesellschaftliche Sicht und der Ansatz, über Öffentlichkeit, über
Kampagnen andere zu politisieren und zum Handeln zu bringen. Wahrscheinlich
liegt mir das auch besser.
taz: Finanzwende macht zurzeit eine Kampagne für eine Reform der
[1][Erbschaftssteuer] [2][]und fordert die Bundesregierung auf, die
Privilegien für Milliardäre abzuschaffen. Sie sind also wieder Antreiber
Ihrer eigenen Partei – back to the roots?
Kühnert: Auf eine Art ja, wobei es jetzt gar nicht nur darum geht, die SPD
anzutreiben. Wir sind auch keine rot-grüne Vorfeldorganisation. Finanzwende
ist eine überparteiliche Organisation, unsere Botschaft geht an die gesamte
Bundesregierung, an alle demokratischen Kräfte und vorneweg: an die
Gesellschaft.
taz: Sie sind jetzt Lobbyist.
Kühnert: Mein Name steht im Lobbyregister des Deutschen Bundestages,
korrekt. Aber ich finde Lobbyismus an sich nicht verwerflich – auch nicht
den der Gegenseite. Finanzwende wurde gegründet, weil wir eine extreme
Unwucht beim Lobbyismus haben, nämlich eine Überpräsenz derjenigen, die das
große Geld und die Kapitalmärkte vertreten bei gleichzeitig weitgehender
Abwesenheit der Zivilgesellschaft in diesem Bereich. Und ungleiche
Interessenvertretung führt zu ungleichen Politikergebnissen und das festigt
ungleiche Machtverhältnisse in der Gesellschaft.
taz: Geht es nicht auch um [3][Umverteilung]?
Kühnert: Verteilung spielt auch eine Rolle, aber Finanzwende ist nicht
Robin Hood. Uns geht es zunächst darum, die Gesellschaft dafür zu
sensibilisieren, dass Vermögenskonzentration ab einem gewissen Punkt zu
unguten Entwicklungen für alle führt.
taz: Wann ist dieser Punkt erreicht?
Kühnert: Er ist längst erreicht. Es gibt ein massives Machtungleichgewicht
in der Gesellschaft. Und keine ernsthafte Möglichkeit für die untere Hälfte
der Gesellschaft, sich durch eigene Anstrengung aus ihrer Situation zu
befreien. Die Grundlage von Chancen und Wohlstand ist heute nicht das
Erwerbseinkommen, sondern das Vermögen. Und das wird in Deutschland
vererbt. Chancen werden vererbt.
taz: Die SPD hat kürzlich ein [4][Konzept für eine gerechtere Besteuerung
von großen Erbschaften veröffentlicht]. Aber es kommt ohne konkrete
Steuersätze daher. Wie glaubwürdig ist das?
Kühnert: Man kann die SPD dafür kritisieren und sagen, sie verschweigt
einen wichtigen Teil. Als jemand, der das politische Geschäft kennt, glaube
ich aber, dass es strategisch überlegt gewesen ist. Denn die SPD weiß, dass
sie einen Koalitionspartner hat, der nicht von Haus aus etwas an der
Erbschaftssteuer ändern will. Ich interpretiere dieses Konzept ohne
konkrete Steuersätze als Verhandlungsangebot an die Union.
taz: SPD-Parteichef Lars Klingbeil hat das Konzept einen wichtigen Impuls
genannt. Sehr distanziert. Haben Sie das Gefühl, dass in der SPD alle
dahinterstehen?
Kühnert: In der Breite der Partei habe ich schon den Eindruck, dass das so
ist.
taz: Und an der Spitze?
Kühnert: Die gehört ja auch zur Breite
taz: Na ja.
Kühnert: Es wird eine Neuregelung der Erbschaftssteuer in dieser
Wahlperiode geben. Alle gehen davon aus, dass das Bundesverfassungsgericht
wieder die bisherige Gesetzeslage mit Blick auf die Betriebsvermögen rügen
und den Gesetzgeber zu einer Veränderung auffordern wird. Und deswegen ist
es folgerichtig, dass die SPD die Debatte begonnen hat. Aber messen lassen
muss sie sich am Ende daran, was sie über die Ziellinie bekommt. Ohne die
Autorität von Parteivorsitzenden kommt man da nicht weit.
taz: Die Union hat das Erbschaftssteuerkonzept der SPD prompt abgelehnt.
Glauben Sie, dass dieser Koalition noch eine gerechte Reform der
Erbschaftssteuer gelingt?
Kühnert: Ja, das glaube ich. Denn ich spreche und verstehe Politik immer
noch fließend. Ich habe auf der Unionsseite viele Schaufenstersätze gehört,
die man halt so sagt, wie etwa: Wir werden keiner Erhöhung einer Steuer
zustimmen.
taz: Und wie übersetzen Sie das?
Kühnert: Niemand hat die Erhöhung einer Steuer vorgeschlagen. Wir von
Finanzwende, die SPD und in Umfragen auch die Bevölkerung wollen zuvorderst
die Begünstigung besonders großer Betriebsvermögen abschaffen. Wenn die weg
wären, stünden zusätzliche Milliardeneinnahmen zur Verfügung, mit denen die
Politik an anderer Stelle natürlich auch entlasten kann. In diesem Punkt
kann man also aufeinander zugehen.
taz: Das Bundesverfassungsgericht hat dreimal die Ausnahmen beanstandet.
Die damalige Große Koalition hat die Erbschaftssteuer 2016 reformiert.
Seitdem sind die Ausnahmen noch ungerechter. Was macht Sie denn
optimistisch, dass es diesmal anders kommt?
Kühnert: Das gesellschaftliche Umfeld, in dem die Debatte stattfindet, hat
sich verändert. 2016 hat es Finanzwende noch nicht gegeben und somit keine
Gegenöffentlichkeit, die die gesellschaftlichen Interessen herausarbeitet.
Wir sind gut vorbereitet auf das, was in diesem Jahr kommt. Und wir merken,
dass das auch in Teilen der Union einen Widerhall findet – wenigstens
hinter vorgehaltener Hand.
taz: Aber mächtige Lobbyverbände sind nach wie vor gegen eine Reform. Etwa
die Familienunternehmen. Kämpft David gegen Goliath?
Kühnert: Finanziell ist das David gegen Goliath. Aber David hat Goliath ja
auch mit einer Steinschleuder besiegt. Unsere Steinschleuder sind unsere
Argumente.
taz: Welche denn?
Kühnert: Familienunternehmen ist ein rührend gewählter Begriff, hinter dem
sich die reichsten deutschen Konzerne verbergen, die mit Sentiment
versuchen, dass sich ganz normale Leute für die Interessen von
Milliardärsfamilien einsetzen. Und hier setzen wir an: Diese Verbände
sprechen nicht für Handwerksbetriebe, sondern für Leute, die wirklich keine
finanziellen Probleme haben. Wir denken da etwa an Frau Klatten und Herrn
Quandt, denen die Hälfte von BMW gehört. Sie bekommen in manchen Jahren
Milliardenbeträge nur an Dividendenausschüttung. Auf dieser Grundlage zu
behaupten, eine gerechtere Behandlung bei der Erbschaftssteuer würde die
Geschäftstätigkeit gefährden, ist offensichtlich hanebüchener Unsinn.
taz: Aber auch der Parlamentskreis Mittelstand springt ihnen bei. Das ist
die große Mehrheit der Unionsabgeordneten, die sagen, der Wirtschaft in
Deutschland geht es schlecht. Steigt die Steuerlast der Unternehmen, wäre
das Gift für die Konjunktur. Haben sie nicht einen Punkt?
Kühnert: Die wirtschaftliche Entwicklung ist nicht gut, stimmt. Aber die
politische Botschaft der Union lautet: Die Unternehmen müssen rundheraus
entlastet werden, die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer jedoch müssen mehr
arbeiten, weniger Rentenansprüche erwerben, mehr Beiträge für die
Sozialversicherungssysteme zahlen. Die Summe dieser Äußerungen ist
eigentlich eine Schuldzuweisung.
taz: So ist es. Arbeit sei zu teuer.
Kühnert: Wir sagen: Arbeit ist in Deutschland so teuer, weil Milliardär zu
sein so billig ist. Wenn die Reichsten nicht am günstigsten bei der
Besteuerung davonkommen würden, und zwar über alle Steuerarten hinweg, dann
hätte der Staat nicht das Problem, an anderer Stelle immer mehr Geld bei
Konsumsteuern, bei der Einkommensteuer und per Abgaben reinholen zu müssen,
um Renten, Gesundheit und Infrastruktur finanzieren zu können.
taz: Sie haben in einem Podcast gesagt, Sie möchten nie wieder nur eine
Sache voll und ganz ausüben. Wollen Sie auch nie wieder ein politisches
Amt?
Kühnert: Eine Aussage wie diese treffe ich nicht. Dafür hat man auch mit 36
schon genug Lebenserfahrung, um zu wissen: Manchmal kommen die Dinge anders
als man denkt.
taz: Was könnte Sie denn überzeugen, in die Politik zurückzukehren?
Kühnert: Ich verspüre gar kein Bedürfnis danach. Ich bin hier bei
Finanzwende nicht auf einem Parkplatz, auf dem ich warte, bis die Schranke
wieder hoch geht, sondern ich bin sehr bewusst hier und will bleiben.
taz: Und mit welchem Gefühl beobachten Sie Ihre Partei jetzt vom
Spielfeldrand?
Kühnert: Von der Tribüne und mit einer professionellen Distanz.
taz: Bleiben Sie SPD-Mitglied?
Kühnert: Ja, klar.
taz: Das sagen Sie so selbstverständlich.
Kühnert: Was spricht dagegen?
taz: Was spricht dafür?
Kühnert: Mein Opa, der erst nach mir SPD-Mitglied wurde, pflegt in solchen
Fällen immer zu sagen: Wenn man in einem Verein Mitglied wird, muss man
sich die Satzung angucken. Und wenn man damit übereinstimmen kann, sollte
man auch Treue an den Tag legen. Denn die besteht gegenüber den Grundwerten
der Organisation und nicht gegenüber Fragen wie: Welche Rolle spiele ich
gerade? Gefällt mir der aktuelle Vorstand? Gefällt mir der letzte
Beschluss? Ich finde, mein Opa hat recht.
13 Feb 2026
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