# taz.de -- China als neue Weltmacht: Auch Peking will Grönland
> Ob Xi Jinping die Weltmacht USA ersetzen will, ist umstritten. Doch will
> Chinas Staatschef die internationale Ordnung nach seinem Gusto
> umgestalten.
(IMG) Bild: Soll Taiwan einschüchtern: Chinas Volksbefreiungs-armee testet im Dezember 2025 Raketen (Ort von der Armee nicht veröffentlicht)
Dass Donald Trump Grönland für die USA beansprucht, alarmiert zu Recht die
Europäische Union. Doch zugleich hat sie die arktischen Ambitionen Chinas
lange unterschätzt. Denn auch Peking verfolgt dort strategische Interessen,
die nicht nur wissenschaftlicher Natur sind. Staatsunternehmen haben
wiederholt versucht, sich an Minenprojekten in Grönland zu beteiligen oder
Flughäfen zu finanzieren – Infrastruktur also, die auch von militärischer
Bedeutung ist.
Handelt es sich dabei um wirtschaftlich motivierte Investitionen oder
vielmehr um das Großmachtstreben eines neuen Hegemons?
Seit sich der US-Präsident Venezuelas Ölindustrie unter den Nagel gerissen
hat, wirkt die internationale Ordnung so angeschlagen wie lange nicht mehr.
Es scheint, als würden die Weltmächte ihre Einflusssphären untereinander
aufteilen – ähnlich wie Mafiabosse in New Yorker Hinterzimmern. Dass
Russlands Wladimir Putin imperialistische Fantasien verfolgt, zeigt er
immer wieder. [1][Ob jedoch auch Chinas Staatschef Xi Jinping ähnlich
tickt], ist unter Experten umstritten.
Möchte Peking überhaupt Hegemon werden? Aktuell haben drei renommierte
Politikwissenschaftler, darunter David C. Kang von der University of
Southern California, diese Frage in einer kontrovers debattierten Studie
(„What does China want?“) zu beantworten versucht. Nach Auswertung von über
12.000 Zeitungsartikeln, Geschichtsbüchern sowie Reden führender
Parteikader kommen sie zu einem Fazit, das dem Konsens Washingtoner
Denkfabriken widerspricht: China strebe keineswegs an, die USA als führende
Weltmacht vom Thron zu stoßen, sondern wolle friedlich auf Augenhöhe
koexistieren.
## Nur offizielle Dokumente ausgewertet
Dafür spreche, so die Autoren, dass die Volksrepublik seit Gründung 1949
die meisten ihrer territorialen Grenzstreitigkeiten friedlich gelöst habe.
Zudem sei die KP-Führung vor allem darum bemüht, die immensen
Herausforderungen im Inneren des Landes zu bewältigen – etwa hohe
Jugendarbeitslosigkeit oder ethnische Spannungen. Diese würden von der KP
als existenzielle Bedrohung wahrgenommen. Für eine globale Expansion
blieben hingegen kaum Ressourcen über.
Zweifel an diesem Fazit sind allerdings angebracht. Denn die Autoren haben
sich ausschließlich auf offizielle Dokumente gestützt, die ja im Kern
Propaganda beinhalten.
Der Sinologe Steve Tsang, der das China-Institut der School of Oriental and
African Studies (SOAS) in London leitet, wertet Xis globale Ambitionen
differenzierter: „Wir müssen klar unterscheiden: China möchte zwar nicht
die USA als globalen Hegemon ersetzen. Aber Xi bemüht sich, die liberale
internationale Ordnung umzugestalten – in eine sinozentrische Weltordnung,
in der China die herausragende Weltmacht darstellt.“
Würden die USA dies akzeptieren, dann habe Chinas Regierung tatsächlich
nichts gegen friedliche Koexistenz. „Aber wenn sie sich weigern, sich
Chinas Vormachtstellung zu beugen, ist das eine andere Sache“, sagt der in
Hongkong geborene Forscher.
## Chinas Vorgehen im Südchinesisches Meer zeigt andere Seite
Im Südchinesischen Meer hat Xi Jinping schon vor Jahren Tatsachen
geschaffen. Die Gewässer, die von über einem halben Dutzend Staaten
beansprucht werden, sind inzwischen zu etwa 90 Prozent unter chinesischer
Kontrolle. Dass ein internationales Schiedsgericht in Den Haag Pekings
Vorgehen als eindeutig illegal wertete, leugnet die Volksrepublik
konsequent. Ebenso hegt sie [2][Anspruch auf das demokratisch regierte
Taiwan] – basierend auf einer historischen Begründung, die stark umstritten
ist.
Von vielen Nachbarstaaten wird China sowohl als potenter Handelspartner als
auch als gefährlicher „Bully“ wahrgenommen. Chinas Innensicht hingegen ist
eine ganz andere: Chinesische Diplomaten bestehen darauf, dass man im
Gegensatz zu den USA keine imperialistischen Ambitionen hege. Als Beleg
führen sie stets an, keineswegs ein weltweites Netzwerk an Militärbasen zu
betreiben, sondern lediglich einen einzigen außerterritorialen Stützpunkt –
in Dschibuti. Dort will Chinas Volksbefreiungsarmee die eigenen
Handelsschiffe vor Piraterie auf offener See schützen.
Doch ist dies nur die halbe Wahrheit. Längst betreibt China etliche –
offiziell als wissenschaftlich deklarierte – Einrichtungen auf mehreren
Kontinenten, die von militärisch hoher Bedeutung sind. Im argentinischen
Patagonien etwa befindet sich die „Estación de Espacio Lejano“, eine
Bodenstation des chinesischen Deep-Space-Netzwerks, die für mehrere
Jahrzehnte von China gepachtet wurde. Laut Kritikern dient die Anlage nicht
nur zur Überwachung, sondern potenziell auch zur Steuerung von
Militäreinsätzen.
Xis „Belt and Road“-Initiative (BRI – „Neue Seidenstraße“ genannt) spielt
eine zentrale Rolle, um Chinas strategischen Einfluss in der Welt
auszuweiten. Dabei überwogen zu Beginn des weltweiten Investitionsprojektes
vor allem ökonomische Notwendigkeiten: Chinas staatskapitalistische
Industriepolitik hat riesige Überkapazitäten und Devisenreserven erzeugt,
die der heimische Markt nicht im Ansatz absorbieren konnte.
## Kritische Infrastruktur mit zwei Gesichtern
Insofern hat Peking freihändig im gesamten Globalen Süden Milliardenkredite
vergeben und Infrastrukturprojekte errichtet – von Autobahnstrecken bis zu
Hafenanlagen.
Doch nach einer ersten Expansionswelle mussten Pekings Planer herbe
Verluste hinnehmen: Viele Staaten konnten ihre Kreditraten nicht zahlen,
was zur Neuausrichtung der BRI geführt hat: China investiert seitdem
wesentlich weniger, aber zugleich viel präziser und strategischer.
Seitdem sichert sich die Volksrepublik gezielt Zugänge zu
Rohstoffvorkommen, Hafenanlagen und Telekommunikationsanlagen – kritische
Infrastruktur also, die zivil, aber im Zweifel auch militärisch genutzt
werden kann. Dass dabei gezielt Abhängigkeiten aufgebaut werden, ist kein
Nebenprodukt der BRI, sondern ein elementarer Grundpfeiler.
10 Jan 2026
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## AUTOREN
(DIR) Fabian Kretschmer
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