# taz.de -- Blackout in Berlin: Zwischenspiel im Dunkeln
> Als Betroffener musste man es eh lernen, dass Leben ohne Strom schon geht
> in Berlin. Die Kälte hält man aus, es bleibt aber das Gefühl der
> Angreifbarkeit.
(IMG) Bild: Auch die Verkehrsbetriebe halfen mit Bussen für den Aufenthalt. Handys konnte man da aufladen oder was Heißes trinken
„Wir lesen gerade, dass in Berlin Blackout ist, seid ihr auch betroffen?“
Ob man denn zurechtkomme. Dass man durchhalten möge. Nachdem frühmorgens am
Samstag [1][der Strom im Südwesten der Hauptstadt ausgefallen war], trafen
mehr und mehr derartige Nachrichten, Anfragen und gute Wünsche auf Handys
wie dem des Schreibers dieser Zeilen ein. Es wirkte fast so, als habe ein
Großfeuer den halben Bezirk Zehlendorf vernichtet oder als sei eine Rakete
eingeschlagen.
Tatsächlich lebte man als Betroffener – und davon gab es über 100.000 – in
diesen vier Tagen in einer skurrilen Situation. Zu Hause immer kühler und
kein Strom, aber teils nur wenige Meter entfernt Weihnachtsbeleuchtung,
geöffnete Geschäfte und viele Möglichkeiten, sich aushäusig auch für
kleines Geld warm zu verpflegen.
Es gab auch keine Ungewissheit, wie lange diese Sondersituation währen
würde: Donnerstag sollte Schluss sein, hieß es früh von der
Landesregierung, und am Ende floss der Strom sogar eineinhalb Tage eher
wieder. Wer nicht zu den vulnerablen, pflegebedürftigen oder eingeschränkt
mobilen Gruppen gehörte, konnte diese Zeit schon deshalb weithin
unchaotisch überstehen, weil über 95 Prozent der zwei Millionen Berliner
Haushalte davon nicht betroffen waren.
Was hieß: Arbeitsplatz, Fitnesscenter, Gästezimmer und Ausweichsofas bei
Freunden und Verwandten waren meist warm, hell oder verfügbar. Wirklich
geschädigt waren Lebensmittelläden und Restaurants, die nicht bloß keine
Kunden hatten, sondern auch Kühlware wegwerfen mussten.
Man war allerdings wer, wenn man sich außerhalb der Blackoutzone als
Betroffener outete, etwa im Baumarkt im Nachbarstadtteil wegen der
Nachfüllflasche für die Öllampen. Insofern hätte sich die Besorgnis
konzentrieren können auf die, für die der Blackout wirklich ein Problem
darstellte: Alte und Verängstigte. Gehbehinderte, die wegen des
ausgefallenen Aufzugs nicht mehr nach draußen konnten. Kliniken und
Pflegeeinrichtungen.
## Das größte Problem ein leerer Handy-Akku?
Stattdessen waren Medien und Netzwerke gefühlt voll von Menschen, deren
größtes Problem ein leerer Handy-Akku zu sein schien. Oder eine Nacht unter
dicken Decken in einer auskühlenden Wohnung. Mütze auf den Kopf, Pulli
anbehalten – wo war das Problem? Wohlgemerkt: jenseits der vulnerablen
Gruppen. Trotzdem kam es schließlich sogar dazu, dass die Bundeswehr gratis
Essen austeilte, das im Zweifelsfall auch ein Lieferdienst hätte bringen
können.
Das wirklich Gruselige dieser vier Tage war etwas ganz anderes: die
Feststellung, verletzlich und angreifbar zu sein. Zu merken, an welch
dünnem Faden – konkret an zehn Zentimeter dicken Stromkabeln – die eigene
Lebensgestaltung von der elektrischen Zahnbürste bis hin zum nicht mehr
funktionsfähigen Rollladenheber hing. Das Damoklesschwert der
Schutzlosigkeit, gerne lange verdrängt, war plötzlich sichtbarer denn je –
und noch mehr die Möglichkeit, dass es jederzeit herabfallen könnte.
Denn es war eben nicht ein Stromausfall, wie er in anderen Ländern durchaus
öfter vorkommt. Dort ist meist ein instabiles Netz dafür verantwortlich und
der Strom oft nach ein paar Stunden wieder da. Hier aber hatte ein Anschlag
für den Teilblackout gesorgt. Einen, der wiederholbar ist, auch wenn
neuralgische Punkte im Netz nun besser überwacht werden sollen.
Der Strom fließt nun wieder, aber das Damoklesschwert bleibt da. Immerhin
kann einen das Wissen darüber schlauer machen – und wenn es nur darum geht,
fürs nächste Mal eine Ersatzkartusche für den Campingkocher und ein
Kurbelradio im Schrank zu haben.
9 Jan 2026
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