# taz.de -- Ende des Endlagers in Morsleben: Wo sich Atommüll, KZ-Geschichte und Fledermäuse treffen
> Das Endlager Morsleben hat wechselvolle Zeiten erlebt. Seine Stilllegung
> soll nun allen Ansprüchen genügen – auch ökologischen.
(IMG) Bild: Das Endlager in Morsleben liegt mitten in einem Gebiet mit Auenwäldern und Mähweisen. Ein wichtiger Lebensraum für viele Tiere
Die Drohnen über den Wäldern und Feldern rund um das Atommüllendlager
Morsleben in Sachsen-Anhalt waren keine Bedrohung für die unter der Erde
lagernden radioaktiven Abfälle. Sie waren im Auftrag des Betreibers
unterwegs, der Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE). Ihre Aufgabe:
Areale zu fotografieren und vermessen, in denen Vögel, Fledermäuse,
Reptilien und Haselmäuse leben.
Seit rund einem halben Jahr erfasst und kartiert die BGE die Fauna rund um
Morsleben. Damit bereitet sie eine Umweltverträglichkeitsprüfung vor, die
Voraussetzung für die Stilllegung des Endlagers und die Verfüllung der
Atommüll-Kammern mit Salz und Beton ist. [1][Morsleben ist das erste – und
auf lange Sicht einzige – deutsche Endlager], das nach Atomrecht und unter
Verbleib der Abfälle dauerhaft geschlossen werden soll.
Morsleben liegt in einem Fauna-Flora-Habitat-(FFH-)Gebiet. Es umfasst
naturnahe Auenwälder mit Erlen, Eschen und Weiden sowie magere
Flachland-Mähwiesen, die Lebensräume für eine vielfältige Tierwelt bieten.
Zur genaueren Erfassung etwa der Fledermauspopulation haben von der BGE
beauftragte Dienstleister Horchboxen angebracht. Das sind statische
Fledermausdetektoren mit einem Ultraschallrekorder. Die Boxen können nur
Töne ab einer Frequenz von 20.000 Hertz aufnehmen. Normale Gespräche im
Bereich der Horchboxen werden nicht aufgezeichnet. Mit der späteren
Auswertung der aufgenommenen Rufe lässt sich neben der Anzahl auch die Art
der Fledermäuse bestimmen.
## Nummer drei hinter Gorleben und Asse
Für die Erfassung der Reptilien wurden sogenannte Reptilienbretter
ausgelegt. Sie dienen den Kriechtieren als Verstecke und werden in
regelmäßigen Abständen überprüft. Für Haselmäuse werden gezielt Niströhren
platziert, um den Bestand festzustellen. Die Arbeiten gehen auch im Winter
weiter. Derzeit, sagt BGE-Sprecherin Monika Hotopp, „werden die Rastvögel
kartiert“.
Morsleben stand immer im Schatten anderer Atommüll-Standorte wie
[2][Gorleben] oder [3][Schacht Konrad Asse]. Dabei hat das nahe der
Landesgrenze zu Niedersachsen gelegene Endlager eine wechselvolle und
spannende Geschichte.
Ab Ende des 19. Jahrhunderts wurde in den Schächten „Marie“ und
„Bartensleben“, die das heutige Endlager bilden, Kalisalz für die
Landwirtschaft abgebaut. Später auch Steinsalz, das als „Sonnensalz aus
Bartensleben“ in den Handel kam. Das Nazi-Regime nutzte das Bergwerk
militärisch: Die Luftwaffe lagerte ab 1937 Flugzeugmunition in einem der
Schächte. Ab Februar 1944 diente die Anlage der Rüstungsproduktion – und
als Außenlager des KZ Neuengamme. Tausende Häftlinge und Zwangsarbeiter
mussten Bauteile des Strahlflugzeugs „Me 262“ und von V1- und V2-Raketen
zusammensetzen. „Marie“ und „Bartensleben“ erhielten die Decknamen
„Bulldogge“ und „Iltis“.
## Broiler-Mast im Schacht
Nach Kriegsende wurde im Schacht „Bartensleben“ zunächst wieder Steinsalz
gefördert. Der Schacht „Marie“ diente von 1959 bis 1984 der Broiler-Mast.
Durch An- und Abschalten des Lichts wurden den Vögeln um etwa eine Stunde
verkürzte Tage vorgegaukelt, wodurch sie schneller wachsen und fett werden
sollten. Rund 15.000 Tonnen Geflügel sollen insgesamt unter der Morslebener
Erde produziert worden sein
1965 begannen die DDR-Behörden mit der Suche nach einem Endlager für
schwach und mittelradioaktive Abfälle, die beim Betrieb der beiden [4][AKWs
Rheinsberg] und Lubmin anfielen. 1971 wurde versuchsweise erster Atommüll
in Morsleben eingelagert, 1973 erfolgte die offizielle Benennung des
Standorts. Den hoch radioaktiven Schrott aus ihren AKWs exportierte die DDR
in die Sowjetunion, aus der sie auch das angereicherte Uran für ihre
Reaktoren bezog.
Mit der deutschen Vereinigung ging das Endlager in den Besitz der
Bundesrepublik über. Das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) wurde
Betreiber. Auf die bereits dort lagernden rund 14.400 Kubikmeter Atommüll
wurden zwischen 1994 und 1998 unter Verantwortung der damaligen
Bundesumweltministerin Angela Merkel noch einmal gut 22.000 Kubikmeter
draufgepackt.
Die Einlagerung erfolgte unter teilweise haarsträubenden Bedingungen.
Flüssige radioaktive Abfälle wurden auf eine Schicht Braunkohlenfilterasche
versprüht, große Mengen sickerten bis in die tiefen Schichten des
Bergwerks. Feste Abfälle wurden zum Teil lose oder in Fässern in Hohlräume
gekippt oder gestapelt. Mit großem Getöse krachte im Herbst 2001 ein
mehrere tausend Tonnen schwerer Salzbrocken von einer Zwischendecke.
Anderthalb Jahre später schlug das BfS erneut Alarm, weil ganze Bereiche
der Anlage einzustürzen drohten.
1998 stoppte das Oberverwaltungsgericht Magdeburg die Anlieferung weiteren
Atommülls. Doch die Probleme blieben: So musste der Betreiber 27
unterirdische Abbaue mit Spezialbeton verfüllen. „Ohne diese Maßnahme hätte
die fortschreitende Verformung des Gesteins langfristig das
wasserundurchlässige Hutgestein zwischen Endlager und Deckgebirge schädigen
können“, räumte die BGE ein, die 2017 die Zuständigkeit vom BfS übernahm.
Das atomrechtliche Genehmigungsverfahren ist zäh und langwierig. Mit der
dauerhaften Schließung ist kaum vor 2035 zu rechnen. Die Fauna rund um
Morsleben könnte sich dann verändert haben.
6 Jan 2026
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