# taz.de -- US-Angriff gegen Venezuela: Imperialismus 2.0
> Der Angriff von US-Präsident Trump gegen Venezuela zeigt, dass die Welt
> der Regeln und Gesetze untergeht. Wir leben in einer Wolfswelt.
(IMG) Bild: Der völkerrechtswidrige Angriff der USA gegen Venezuela hat weltweit lautstarke Proteste ausgelöst. Hier in Istanbul am Sonntag
Als George W. Bush 2003 völkerrechtswidrig den Irak überfallen ließ, gaben
sich die USA noch viel Mühe bei der Suche nach einer Legitimation dafür.
Saddam Hussein horte Massenvernichtungswaffen. Man müsse eingreifen, um
Schlimmeres zu verhindern. Das war erstunken und erlogen, aber Bush hielt
es damals noch für nötig, der skeptischen Weltöffentlichkeit wohlklingende
Gründe zu präsentieren.
Die Bemühung von US-Präsident Donald Trump, den völkerrechtswidrigen
Einsatz gegen Venezuela und die Entführung des Präsidenten Nicolás Maduro
legal erscheinen zu lassen, ist weniger ambitioniert. Maduro ist kein
[1][„Narcoterrorist“], wie Trump behauptet. Nur ein kleiner Teil der in den
USA gehandelten harten Drogen kommt aus Venezuela. Zudem ist
Drogenschmuggel keine militärische Attacke, und nur die könnte laut
Völkerrecht einen Schlag wie den gegen Maduro rechtfertigen. Maduro ist ein
Diktator, der seine [2][Abwahl 2024] einfach ignorierte. Dass ausgerechnet
Trump, der seine Anhänger aufhetzte, weil er selbst seine
[3][Wahlniederlage nicht anerkannte], dies als Vorwand für den Angriff
nutzt, zeigt, wie willkürlich rechtliche Begründungen sind.
Trump tritt auf wie ein Mafia-Boss, der glaubt, sich um das Recht nicht
scheren zu müssen. Er versucht gar nicht erst den Verdacht zu entkräften,
dass es um [4][Öl und Rohstoffe] geht: „Wir brauchen das Öl für uns
selbst.“ Trump lässt bombardieren, entführen, erpressen, einfach weil er es
kann. Dass der [5][Kongress nicht von diesem Angriff informiert] wurde,
passt in das Bild.
Der Angriff hat auch eine Botschaft an Lateinamerika, an Autokratien wie
Kuba und Nicaragua, aber auch an links regierte Demokratien wie Mexiko,
Kolumbien und Brasilien. Er ist eine handfeste Drohung – wieder eine
Mafia-Methode. Enthaupte einen Konkurrenten, und schüchtere damit andere
ein.
## Angriff mit Ansage
All dies kommt wenig überraschend. Mit der Änderung der [6][nationalen
Sicherheitsstrategie] hat die Trump-Regierung im November angekündigt, dass
die EU ihr zentraler Gegner ist und dass Lateinamerika erneut der Hinterhof
der USA sein wird, sie „die Monroe-Doktrin wieder durchsetzen“ und „die
amerikanische Vorherrschaft wiederherstellen“ wird.
Erleben wir also die Rückkehr der 70er Jahre, als die USA während des
Kalten Kriegs Diktaturen wie Chile, Brasilien und andere Staaten
unterstützten, die für US-Interessen herzuhalten bereit waren? Ja und nein.
So furchterregend Trumps Willkürherrschaft wirkt – sie ist auch schwach.
Dauerhafte Militäreinsätze werden die MAGA-Basis spalten. Ob die
US-Regierung unter Trump dann noch über die strategischen Fähigkeiten
verfügt, um effektiv zu herrschen, ist fraglich. Metropolen regieren die
Peripherie mit einer Mixtur aus Drohung und Diplomatie, Soft Power und
wirtschaftlicher Abhängigkeit. Trumps radikaler Antietatismus und die
situativen, wankelmütigen Kehrtwenden der US-Politik scheinen indes
mitunter jeder langfristigen Außenpolitik im Weg zu stehen.
Zudem ist die geopolitische Lage anders. In den 70er Jahren war
Lateinamerika ökonomisch auf die USA fixiert, [7][heute ist China
wichtigster Handelspartner] und Finanzier. Der Angriff auf Venezuela ist
auch eine geopolitische Drohgebärde Richtung Peking nach Mobster-Logik:
Raus aus meinem Hinterhof! Fakt ist, dass sich die Staaten Lateinamerikas
in einer günstigeren Lage befinden als in den 70er Jahren: Sie können China
und die USA gegeneinander ausspielen.
Wenn man den Blick weitet, erkennt man die vielleicht wichtigste Botschaft
des Angriffs auf Caracas. Vor ein paar Tagen kreuzten [8][chinesische
Marineschiffe vor Taiwan]. Mit Kampfflugzeugen und Raketen simulierte die
chinesische Armee in dem bislang aggressivsten Militärmanöver die völlige
Abriegelung der Insel. China will Taiwan und die hochproduktive
Halbleiterindustrie zur Not militärisch unter die eigene Kontrolle bringen.
So wie die USA es auf die gigantischen Ölreserven Venezuelas abgesehen
haben.
## Merz reagiert feige
Das Bild komplettiert die Haltung der USA zur Ukraine. Zwar schwankt Trump
noch immer zwischen Russlands Präsident Wladimir Putin und der Ukraine.
Doch der [9][28-Punkte-Plan], der mehr oder weniger auf die Kapitulation
der Ukraine zielt, verdeutlichte, was passieren kann: Die USA unter Trump
lassen die Ukraine fallen, wenn ein guter Deal dabei herausspringt.
Die US-Raketen auf Caracas sind keineswegs ein Schritt Richtung Demokratie
in Venezuela, ganz abgesehen davon, dass die Versuche der USA, Demokratie
zu exportieren, von Irak bis Libyen nur Tod, Trümmer und Terror brachten.
Diese Raketen sind vielmehr ein entschlossener Schritt der systematischen
Zerstörung der regelbasierten Ordnung, die Trump, Putin und Xi Jinping
wollen. Dieser [10][Krieg um geopolitische Einflusssphären] wird mit
Waffen, Drohungen und Zöllen ausgefochten.
In dieser Wolfswelt, so ein treffender Ausdruck von [11][Marc Saxer],
regiert die Macht des Stärkeren. Das internationale Recht, dessen Vormarsch
viele irrtümlich für unaufhaltsam hielten, ist nur noch eine Fassade.
Europa ist ein Kontinent mit Handelsinteressen, Soft-Power-Ressourcen und
wenig militärischer Hard Power. Die EU hat ein Interesse an stabilen
internationalen Beziehungen. Deshalb wollen Putin und Trump sie ja
zerstören. Umso jämmerlicher wirkt [12][Kanzler Friedrich Merz], der die
Frage, ob US-Militär Maduro entführen darf, „rechtlich komplex“ findet.
Das ist Feigheit vor Trump – und ein moralischer Offenbarungseid. Es zeigt,
dass Merz das deutsche Interesse nicht begreift. Denn in der neuen
imperialen Welt, die vor unseren Augen entsteht, darf man sich nicht den
Stärkeren unterwerfen. Klüger wäre, nichtimperiale Mittelmächte wie Mexiko
oder Brasilien zu unterstützen. Es ist im deutschen Interesse, von der
regelbasierten Ordnung zu retten, was zu retten ist – und nicht bei ihrer
Zertrümmerung am Straßenrand den Claqueur zu geben.
4 Jan 2026
## LINKS
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## AUTOREN
(DIR) Stefan Reinecke
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