# taz.de -- Philosoph Hans Joas über Universalismus: Das Ideal in dunklen Zeiten hochhalten
       
       > Der Sozialphilosoph Hans Joas liefert gute Gründe, trotz aller Kritik am
       > Universalismus festzuhalten. Ein Hinweis auf ein lesenswertes Gespräch.
       
 (IMG) Bild: Ein Logo-Wettbewerb für die Menschenrechte (2011)
       
       Optimistisch dahingehend, universalistische Ideale – Menschenrechte,
       Völkerrecht – in der Realität auch tatsächlich umsetzen zu können, ist
       derzeit kaum jemand. Auch Hans Joas nicht. Der Sozialphilosoph hat kürzlich
       eine eingehende Geschichte des moralischen Universalismus vorgelegt
       ([1][Suhrkamp, 975 Seiten, 48 Euro]). Im Online-Magazin Republik.ch wurde
       er soeben [2][gründlich dazu befragt.]
       
       Am Schluss des Gesprächs geht es um einen Punkt, der durch das handfeste
       US-amerikanische Eingreifen in Venezuela weitere Dringlichkeit erhält. Der
       Interviewer Daniel Graf fragt also Hans Joas: „Woran halten Sie sich in
       Momenten, in denen der Realitätscheck vielleicht den Glauben an die
       universalistischen Ideale allzu sehr angreift?“
       
       Joas antwortet: „Ich bin ehrlich gesagt heute nicht optimistisch, was die
       Zukunft des moralischen Universalismus betrifft. Aber ich halte mich an das
       berühmte Václav-Havel-Zitat, dass Hoffnung, im Unterschied zum Optimismus,
       nicht bedeutet, zu glauben, dass eine Sache gut ausgeht. Sondern dass, egal
       wie die Sache ausgeht, ein Sinn in ihr liegt. Ich würde also nicht sagen,
       dass ich optimistisch bin zurzeit. Aber ich sehe auch in dunklen Zeiten
       einen Sinn darin, das Ideal des moralischen Universalismus hochzuhalten.“
       
       ## Aufteilung der Welt in Machtzonen
       
       Den Universalismus hochhalten – im Sinne eines Eintretens für alle
       Menschen, auch jenseits der eigenen sozialen Gruppe, Nation oder Religion
       –, das klingt hilflos, zumindest fragil genug angesichts der drohenden
       [3][Neuaufteilung der Welt] in Machtzentren, Einflussbereiche und
       Hinterhöfe. Die Frage ist: Will man das überhaupt? Eine gewichtige Kritik
       am Universalismus besteht ja in der These, mit ihm würden vor allem
       westliche und damit letztlich koloniale Machtinteressen verbrämt. Joas
       liefert nun aber gute Gründe, es tatsächlich zu wollen.
       
       Und zwar vermag er gut plausibel zu machen, dass der Universalismus
       keinesfalls nur eine westliche Erfindung ist, sondern auch in China, Indien
       und Persien entstand. Zudem verweist er darauf, dass die Allgemeine
       Erklärung der Menschenrechte von 1948, [4][wichtiges Gründungsdokument der
       UNO], maßgeblich mitverfasst wurde von Peng-chun Chang, einem
       konfuzianischen Chinesen, und Charles Malik, einem arabischen Christen aus
       dem Libanon. Die Inderin Hansa Mehta hat eine geschlechterübergreifende
       Sprache eingebracht, der linke Chilene Hernán Santa Cruz die Nennung
       sozioökonomischer Rechte.
       
       ## Potenzial zur Kritik
       
       Vielleicht motivieren diese Hinweise ja dazu, mit der Hegemonie des Westens
       nicht gleich auch den moralischen Universalismus untergehen zu lassen. Joas
       zufolge wurde mit universalistischen Vokabeln welthistorisch zwar immer
       wieder die Expansion von Imperien gerechtfertigt. Dazu in Spannung stand
       aber stets ein „starkes Potenzial zur Kritik aller imperialen Ansprüche“,
       das für Joas im Universalismus steckt.
       
       Es ist dieses Potenzial zur Kritik, das man wohl hochhalten sollte. Zur
       Rechtfertigung seiner Machtdemonstrationen braucht Trump den Universalismus
       gar nicht erst. Aber man braucht ihn zur Machtkritik.
       
       7 Jan 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.suhrkamp.de/buch/hans-joas-universalismus-t-9783518588277
 (DIR) [2] https://www.republik.ch/2025/12/27/ist-der-universalismus-ein-westliches-konzept-herr-joas
 (DIR) [3] /US-Angriff-gegen-Venezuela/!6142762
 (DIR) [4] https://unric.org/de/allgemeine-erklaerung-menschenrechte/
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Dirk Knipphals
       
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