# taz.de -- Anschläge und Entführungen: Der Vulkan, das Tennis – und wo ist jetzt noch mal links?
       
       > Es mangelt grade nicht an Diskussionsstoff über die Linke: Hat der Russe
       > die Linke unterwandert und ist Trump links, weil er einen Diktator
       > stürzt?
       
 (IMG) Bild: Aber wo ist denn jetzt überhaupt links?
       
       Selten bestimmte in den ersten Tagen eines neuen Jahrs so viel „links“ die
       Schlagzeilen wie 2026: Anschlag in Berlin [1][mit linkem
       Bekennerschreiben], USA [2][kidnappen linken Diktator].
       
       In den Diskussionen über Vulkanausbrüche hüben und Bombenexplosionen drüben
       war häufig zu hören, diese und jene politischen Theoretiker*innen oder
       legendäre Linksterrorist*innen würden sich angesichts all der
       katastrophalen Kurzsichtigkeit und Hemdsärmeligkeit im Grabe umdrehen.
       
       Ich glaube das nicht. Viel wahrscheinlicher ist doch, dass sich die
       politischen Geister droben genauso Popcorn besorgt haben wie hienieden.
       
       Konservative Staats- und Machttheoretiker wie Carl Schmitt („Souverän ist,
       wer über den Ausnahmezustand entscheidet“) und herrschaftskritische wie
       Theodor W. Adorno oder Max Horkheimer („Die gesellschaftliche Herrschaft
       geht aus ihrem eigenen ökonomischen Prinzip heraus in die
       Gangsterherrschaft über“) haben sich die letzten Weihnachtsplätzchen
       geteilt und die noch ungeöffneten Champagnerflaschen geköpft, um die
       ungewöhnliche Situation angemessen zu begehen: tagelang Realität bingen und
       mit dem anno dazumal Gedachten abgleichen.
       
       Wo ist noch Herrschaft, wo nur noch Macht? Ist das noch kritisch, oder kann
       das alles weg? Ist der Weg das Ziel, oder heiligt Letzteres alle illegalen
       Mittel? Wo ist noch Struktur, wo nur noch Bande, Racket, Clan?
       
       Denn bei allen schwerwiegenden Folgen dessen, was da gerade so passiert
       war: Endlich war die Realität vom machttheoretischen Aspekt wie vom
       Plot-Twist her gesehen spannender als Netflix. Allein die ganzen
       unabsehbaren Wendungen: „Wir sind Vulkan und stecken hinter dem Anschlag in
       Berlin!“ – „Alles Quatsch! Vulkan gibt es nicht, der Russe war’s!“ – „Halt
       die Fresse! Die [3][Vulkangruppe gibt es! Wir waren es und nicht der
       Russe]!“ – „Wir können nicht länger schweigen, wir sind Vulkan und wir
       waren es nicht!“
       
       Aber auch die Cliffhanger (Wird sich Donald Trump in Grönland den roten
       Teppich selbst ausrollen?) und die Reaktionen auf die staatliche Entführung
       eines wie auch immer an die Macht gekommenen Präsidenten eines anderen
       Staats (EU: „[4][Bitte weitergehen, es gibt hier nichts zu sehen].“
       Deutschland: „[5][Äh, also … Was jetzt genau? Nein, da, also, kann, also
       da, neee, also, puh, schwierig]“) und Momente von Comic-Relief
       („[6][Krisenstab schaffe ich jetzt nicht mehr, muss erst mal zum Tennis]“).
       
       Popcornreif waren auch die hoch raffinierten Spekulationen im linken Lager
       über nichtlinke und kyrillische Handschriften, vermutete
       Übersetzungsfehler, mangelhafte Grammatikkenntnisse und das vielleicht
       falsche Begriffsbesteck im Berliner [7][Bekennerschreibenwettbewerb]. Wohl
       jener Linken, die im beheizten Himmel sitzen und weder Bekenner- oder
       Distanzierungsschreiben noch Solidaritätsadressen (an Zehlendorf, Venezuela
       oder die Vulkanier) verfassen müssen.
       
       Aber wo ist denn jetzt überhaupt links? Da, wo die USA kritisiert werden
       („Kein Blut für Öl“)? Da, wo Trump für seine aus falschen Gründen richtige
       Tat gefeiert wird („Maduro ist kein Sozialist, sondern antisemitischer
       Diktator. Alles andere ist verkürzte Kapitalismus- und Amerikakritik“)? Da,
       wo Nicolás Maduro mit Adolf Eichmann verglichen wird („Der Mossad hat
       Eichmann in Argentinien auch entführt, ohne vorher jemandem Bescheid zu
       sagen“)? Da, wo Leute es für eine gute Idee hielten, würde Friedrich Merz
       von Russland entführt werden („Alles Rackets“)?
       
       Oder da, wo alles viel komplexer ist (Indymedia?)?
       
       Es könnte einem egal sein, was nun links ist und ob man sich selbst noch
       dazuzählt, wäre da nicht das Superwahljahr. Wenn „die Linke“ nicht zu dem
       Pappkameraden werden soll wie „die Migration“ im letzten Jahr, sollte weder
       die Terrorfähigkeit von Linken noch die Möglichkeit ihrer russischen
       Unterwanderung unterschätzt werden.
       
       10 Jan 2026
       
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