# taz.de -- Deutsche Geschichte in Objekten: Im Gedächtnis der Republik
> Das Bonner Haus der Geschichte dokumentiert deutsche
> Nachkriegsgeschichte. Doch die meisten Objekte der Sammlung, knapp 1
> Million, schlummern im Depot.
(IMG) Bild: Sammlungsleiter Manfred Wichmann zeigt verschiedene Schilder
Ein paar grobe Wanderschuhe stehen im Erdgeschoss geschützt hinter Glas.
Das Leder ist von hellbraunem, getrocknetem Schlamm überzogen. Die
Schnürsenkel fehlen.
Zwei Stockwerke tiefer lagern in einem offenen Stahlregal ein paar schwarze
Gummistiefel. Auch an ihnen haftet eine getrocknete Kruste Schlamm.
[1][Ja, gibt es denn in diesem Museum niemanden, der ab und an die Objekte
ein wenig sauber macht]?
Ganz im Gegenteil! Spezialisten haben sich erfolgreich darum bemüht, die
getrocknete Kruste auf den Schuhen so zu stabilisieren, dass diese auch
nach Monaten und Jahren nicht abfällt. Sie haben also einen Zustand des
Gebrauchs konserviert, weil nur dieser das Schuhwerk zu etwas Besonderem
macht. Das geschah mittels eines Ultraschallverneblers, wie
Sammlungsdirektor Manfred Wichmann zu berichten weiß.
Das Haus der Geschichte der [2][Bundesrepublik Deutschland in Bonn] bildet
die deutsch-deutsche Nachkriegshistorie von 1945 bis zum heutigen Tag ab.
Dazu gehören selbstverständlich nicht nur Höhen und Niederungen der
Politik, nicht nur technischer Fortschritt wie der vom [3][Bakelit-Telefon]
zum Handy oder gesellschaftliche Veränderungen von den biederen 1950ern bis
zum offen queeren Leben heutzutage.
Sondern auch das, was als Katastrophe in die Geschichte eingeht. So wie die
Flut im Ahrtal im Juli 2021. Die zwei paar Schuhe sind eine Erinnerung
daran. Die Wanderschuhe hat der Feuerwehrmann Rudolf P. Schneider getragen,
während er in Kreuzberg an der Ahr im Einsatz war. Die Gummistiefel
wiederum stammen von Anton R., der sie bei Aufräumarbeiten in Bad
Münstereifel anhatte.
Nun stehen die Schnürschuhe oben in der im Dezember neu eröffneten
Dauerausstellung, angestrahlt von Scheinwerfern und umringt von vielen
neugierigen Besuchern. Die Gummistiefel dagegen fristen ein Schattendasein
im Keller. Nur selten kommt sie dort jemand besuchen, und wenn dies der
Fall ist, sind es Mitarbeiter des Museums. Die Gummistiefel wirken ein
wenig wie die armen, abgehängten Verwandten der Wanderschuhe zwei Etagen
höher. Vergessen und aussortiert die einen, groß herausgekommen die
anderen.
Aber das ist natürlich Unsinn und Manfred Wichmann ist gleich darum bemüht,
dieses Bild zu korrigieren. Der Sammlungsdirektor, 54 Jahre alt, hat uns in
den streng geschützten Keller geführt, wo sich eines der Depots mit
Objekten des Museums befindet. Wichmann erklärt, dass die Basis eines jeden
Museums seine Sammlung ist. „Wir haben etwa eine Million Objekte. Jedes
Jahr kommen etwa fünftausend neue hinzu. Das sind manchmal sehr große
Objekte wie Fahrzeuge oder Mauerelemente. Natürlich auch viele kleine wie
Zettel oder Anstecker.“
3.850 dieser Objekte haben es in die neue Dauerausstellung geschafft. Etwa
996.150 andere dementsprechend nicht. Doch verloren sind diese Dinge
deshalb nicht. Sie warten auf den großen Tag, an dem sie an das Licht der
Öffentlichkeit gebracht werden, vielleicht in 20 Jahren, vielleicht in 100.
Gewiss werden einige schon zuvor für Ausstellungen an andere Museen
verliehen. Manfred Wichmann sagt: „Wir sammeln für Gegenwart und Zukunft.
Die Sammlung eines Museums ist das Kernstück. Aufgabe ist es, die
historischen Relikte unserer Gegenwart zu bewahren und das für die Zukunft
zur Verfügung zu stellen.“
Oben in der Ausstellung sind die Objekte chronologisch und thematisch
geordnet. Jedes einzelne Teil hier repräsentiert ein Stückchen Geschichte
der Bundesrepublik Deutschland – wobei die DDR hier selbstverständlich zur
Geschichte der Bundesrepublik zählt. Man sieht es in der Ausstellung in der
oberen Etage.
Da schwebt die Karosserie eines VW-Käfers unter der Decke. Das Blech steht
für das westdeutsche Wirtschaftswunder. Gleich nebenan thront ein 3,2
Tonnen [4][schweres Standbild Josef Stalins]. Der sowjetische Diktator
erinnert an die Stahl produzierende Stalinstadt, heute Eisenhüttenstadt.
Unten im Keller spielen solche Überlegungen zur Präsentation keine Rolle.
Der vorhandene Raum bestimmt das Dasein, der Platz muss maximal genutzt
werden. Deshalb hängen Blechschilder aus Ost- und Westdeutschland wild
durcheinander, die einen den Sozialismus preisend, die anderen die nächste
Aral-Tankstelle. „Bundesbeauftragter für den Steinkohlebergbau und die
Steinkohlbergbaugebiete“ steht auf einem.
Den Job gibt es nicht mehr, genau wie deutsche Steinkohle. Ob das Schild
irgendwann einmal Menschen darüber aufklären wird, dass früher Kumpel tief
unter der Erde schwarze Klumpen aus dem Gestein herausgebrochen haben, die
anschließend in Öfen verfeuert wurden?
Weiter geht es durch die breiten Gänge, links und rechts offene Regale,
darin Radioapparate und Fernsehgeräte der Frühzeit, Kaugummi- und
Kölnisch-Wasser-Automaten, Plattenspieler, Haushaltsmixer, Telefone,
dazwischen das Klingelschild eines Hauses aus der „Lindenstraße“,
Musiktruhen und Weihnachtsbaumständer.
Letztere wurden, ebenso wie die Milchkannen daneben, aus nach Kriegsende
überflüssigen Munitionsbeständen gefertigt. Die Weihnachtsbaumständer
müssen im Keller verharren. Denn diese Frühform des Dual Use wird in der
Ausstellung schon durch aus Eierhandgranaten hergestellte Kerzenständer und
ein weißes Kleid aus Fallschirmseide repräsentiert.
Die Kunst des Sammelns für das Haus besteht darin, Dinge zu bergen, bei
denen zu vermuten ist, dass diesen später einmal eine gewisse Bedeutung
zugemessen wird, erklärt Manfred Wichmann. Als Beispiel nennt er den PC,
den Aldi ab 1997 im Angebot hatte – ein preiswertes Gerät, das den Gebrauch
von Computern im Alltag vorantrieb.
Der Sammlungsdirektor erzählt: „Den hatten wir 2009 von einem
Privatmenschen übernommen. Jetzt haben wir ihn in die Dauerausstellung
gebracht. Wir haben ihn zur richtigen Zeit gesammelt, als der Nutzer ihn
außer Betrieb genommen hatte.“ 16 Jahre lang musste das Gerät im Depot
schlummern.
„Depots sind von außen eigentlich stinklangweilig“, sagt Wichmann. Jedes
darin gelagerte Objekt habe eine Registriernummer und einen festen
Standort. Wenn sich etwas verändert, etwa wegen einer Ausleihe an ein
anderes Haus, wird es dokumentiert, so wie die 15.000 Objektbewegungen, zu
denen es jährlich kommt.
Wenn nun ein Museumsmitarbeiter ein bestimmtes Objekt sucht, dann gehe er
nicht etwa in den Keller, erklärt Wichmann, sondern schaue sich im internen
digitalen Katalog um. Ohnehin hätten nur wenige Mitarbeiter Zugang zum
Depot.
Es gebe „sehr viele Angebote von ganz normalen Bundesbürgern“, die etwas
für die Sammlung anbieten, sagt Wichmann. „Die Leute freuen sich“, wenn man
etwas annehme. Auch eine ehemalige RAF-Terroristin habe dabei geholfen, das
Bonner Geschichtsbild zu vervollständigen. Astrid Proll überließ dem Museum
unter anderem eine Lederjacke von Andreas Baader.
Dubletten würden nicht gesammelt – in den allermeisten Fällen müsse das
Museum das Angebot ablehnen, weil ein solches oder ähnliches Objekt in der
Sammlung schon vorhanden ist. Eine Garantie dafür, dass die Dinge auch in
der Ausstellung gezeigt werden, könne man nicht geben. So hängt Baaders
Lederjacke für den Besucher unsichtbar im Depot.
Ein Sammlungskonzept legt fest, worauf sich Wichmann konzentrieren muss.
„Es gibt keine thematische Begrenzung, nur eine klare chronologische vom
Ende des Zweiten Weltkriegs bis in die Gegenwart. Unser Zeitraum, für den
wir zuständig sind, erweitert sich jeden Tag. Wir sammeln alles, was im
gesellschaftlichen Sinne relevant ist“, erklärt er.
Zur Arbeit des Sammelns gehören auch das Erforschen der Geschichte jedes
Objekts. Schwieriger als singuläre Ereignisse sei die Dokumentation
gesellschaftlicher Prozesse.
Wir sind im Depot an einem Konzertflügel angekommen, der hochkant in der
Sammlung lagert. Das Instrument ist schwer mitgenommen. Ein Wasserschaden.
Getrockneter brauner Schlamm haftet an der Oberseite. Früher stand der
Flügel in der Semperoper zu Dresden. Bis zur großen Flut im August 2002.
Man habe in der Dauerausstellung schon den thematischen Schwerpunkt zur
Flut im Ahrtal ausgewählt; zwei Flut-Themen könnten schlecht
nebeneinanderstehen, sagt Wichmann entschuldigend. Der Flügel bleibt so bis
auf Weiteres im Keller (die Gummistiefel Gerhard Schröders, 2002
Wahlkampfhelfer an des Kanzlers Füßen, besitzt das Museum übrigens nicht).
Zweieinhalb Stockwerke hoch erhebt sich das Bonner Haus der Geschichte.
Zweieinhalb Etagen tief reicht auch der Keller mit dem Depot. Mag ein
Atomkrieg das Land zerstören, die Bundesrepublik auslöschen und das Museum
zertrümmern, das Depot wird auch dies überstehen. Die Keller in dem in den
1980er Jahren geplanten Gebäude halten einen Nuklearschlag stand. Die
Zukunft Deutschlands ist nicht gesichert. Die der Weihnachtsbaumständer
schon.
Weniger spektakulär sieht es im Papierdepot aus. Hunderte flache weiße
Schubladen bergen die in weißen Umschlägen eingelegten Objekte. Es schaut
eher nach einem Apothekermagazin denn nach einer Museumssammlung aus. Aber
hier findet sich keine Tinktur gegen Ohrenschmerzen, dafür der berühmte
Bierdeckel, auf dem der heutige Bundeskanzler Merz im Jahr 2004 seine
„vereinfachte Steuerklärung“ skizzierte.
Wobei Politiker zum natürlichen Geber der Sammlung avancieren, so sie über
entsprechende Erinnerungsstücke verfügen. In der Regel sei es so, dass das
Museum bei den Politikern nach bestimmten Objekten frage, sagt Wichmann.
„Manchmal braucht es sehr viel Geduld. Manchmal muss man sich auch
durcharbeiten“, deutet er gewisse Schwierigkeiten an.
Zuletzt konnte das Haus T-Shirts von Agnes Strack-Zimmermann (FDP) zum
Ukrainekrieg einreihen. „Taurus für die Ukraine“, steht auf einem, darunter
ist ein wütender Stier abgebildet. In der Ausstellung findet sich auch
Joschka Fischers Jackett, das dieser trug, als ihn 1999 ein roter
Farbbeutel als Protest gegen den von der rot-grünen Regierung gestützten
Einsatz der Bundeswehr im Kosovokrieg traf. Fischers Turnschuhe hat sich
dagegen das deutsche Ledermuseum in Offenbach geschnappt.
Und dann erzählt Manfred Wichmann noch die Geschichte von der
One-Love-Binde, jener berühmt gewordenen Kapitänsbinde der deutschen
Fußballnationalmannschaft. Manuel Neuer durfte die Binde, die in
Regenbogenfarben gehalten und mit einem Herzchen verziert ist, bei der WM
in Katar 2022 nicht tragen, weil die Fifa dieses Symbol für Vielfalt und
Toleranz verboten hatte.
„Man sieht Neuer im Fernsehen und überlegt gleich, dass diese Binde etwas
für Museum sein könnte“, sagt Wichmann. „Als wir dann Ministerin Nancy
Faeser in den Nachrichten gesehen haben, wie sie die Binde trug, haben wir
gleich am nächsten Tag mit dem Innenministerium Kontakt aufgenommen.“ Die
Binde muss nicht im Keller darben, sie hängt in der Ausstellung.
Auf andere Dinge wartet das Haus der Geschichte bisher vergeblich. Angela
Merkel hat einmal angekündigt, sie würde ihre farbigen Blazer der
Altkleidersammlung überantworten. Olaf Scholz konnte sich bisher nicht dazu
entschließen, seine berühmte Aktenmappe zu spendieren. Historiker Wichmann
sagt dazu, ganz Diplomat: „Menschen sind unterschiedlich. Unsere
Politikerinnen und Politiker sind ebenso Menschen.“
Er legt Wert darauf, dass sein Museum eben nicht nur Hinterlassenschaften
von Polit-Promis sammelt, sondern auch Erinnerungen von Demonstranten,
seien es nun Schilder von Klimaaktivisten oder ganze Baumhäuser aus dem
Hambacher Forst. In der Ausstellung finden sich auch selbst gemalte
Schilder zum Protest von Zehntausenden gegen die aus dem AfD-Umkreis
losgetretene Debatte über die Rückführung von Migranten im Jahr 2023.
Die neue Dauerausstellung hat die Einwanderung nach Deutschland von einem
Nischenthema zu einem Strang gemacht, der sich durch die ganze Schau zieht.
Deshalb hat es der blaue Ford Transit ins Obergeschoss geschafft, einst im
Besitz von Sabri Güler, der 1964 als Schweißer aus der Türkei nach
Bielefeld gekommen war. Er nutzte den großen Wagen für die Urlaubsreisen
seiner Familie in die alte Heimat.
Über einen Journalisten wurde das Museum auf das Fahrzeug aufmerksam
gemacht. Der Transit schaffte es unlängst aus dem Depot heraus nach oben,
dafür musste ein pinkfarbener VW-Bus aus den 1960er Jahren aus der alten
Schau weichen, der als Hippie-Bulli viele Fans hatte. Der VW steht heute in
einem Außenmagazin des Museums nördlich von Bonn, wo besonders große und
sperrige Objekte gelagert werden.
Bei der Größe von Objekten gebe es natürliche Grenzen. Schließlich nähmen
diese auch großen Raum in der Ausstellung oder im Depot ein, wobei auch das
Gewicht beachtet werden müsste, sagt Wichmann. Er erzählt seine persönliche
Geschichte vom Ukrainekrieg und der Gaspipeline Nord Stream 2.
Die Museumsmacher seien sich bei der Vorbereitung der neuen
Dauerausstellung einig gewesen, dass die Pipeline ein ideales Objekt sei,
um die „Zeitenwende“ (Olaf Scholz) zu dokumentieren. „Es war für mich die
Herausforderung, ein Stück Pipeline zu finden“, sagt er. Zuerst sei er im
Europapark Rust fündig geworden, wo eine vergleichbare Röhre liegt.
Doch die war 12 Meter lang und wog mit Betonummantelung bei einem
Durchmesser von 1,50 Meter satte 25 Tonnen. „Wir haben mit Spezialfirmen
gesprochen. Der Aufwand wäre zu groß geworden“, sagt Wichmann. Am Ende
wurde er bei dem einstigen Nord-Stream-Miteigentümer Wintershall fündig.
„Die hatten in ihrer Konzernzentrale tatsächlich ein kürzeres Originalstück
aufgestellt. Genau dieses Stück haben wir als Schenkung bekommen, mussten
es aber mit einem Spezialkran aus dem Innenhof herausholen.“
Beim Rundgang durch das Depot haben wir eine Sammlung von Flipper-Geräten
erreicht. Ein hölzerner Kasten stammt noch aus Nazizeiten und sei in der
DDR weiterbetrieben worden, wo es keine Flipper-Industrie gegeben habe und
schon gar nicht wertvolle Devisen für ein Spielgerät zur Verfügung standen,
erklärt Wichmann. Das sei aber nicht das einzig Interessante dieser
Objekte. Er macht auf ein Gerät namens „Playboy“ aufmerksam, dessen Design
leicht bekleidete Frauen und einen Mann zeigt, der zwei Damen an der Hüfte
berührt. Das sei doch ideal, um den Sexismus in der deutschen Gesellschaft
der 1970er Jahre zu präsentieren.
Man kann Deutschland im Depot in seinen sehr verschiedenen
Aggregatzuständen beobachten: An einer Ausziehwand befindet sich ein
angerostetes Schild mit der Aufschrift „Landrat“ und einem Hakenkreuz
darüber, das streng genommen nicht zum Sammlungsgebiet des Museums zählen
dürfte, das sich ja auf Objekte ab 1945 konzentriert. Daneben hängt dann,
ein wenig schief, ein DDR-Wappen mit Hammer und Zirkel. Und darunter ein
Hinweis „Hier hilft der Marshallplan“ über die Unterstützung des
Wiederaufbaus Westdeutschlands durch die Vereinigten Staaten.
Wobei die Übergänge vom einen System auf ein anderes naturgemäß auf
besonderes Interesse stoßen. Aber dazu müssen wir aus dem Keller
hinaufsteigen in die Dauerausstellung. Ein gerader Weg führt auf einen
Tisch zu, darauf liegt ein Stück Papier im DIN-A4-Format, bedeckt mit
krakeliger Handschrift.
Das schwer leserliche Schriftstück vom 9. November 1989 ist zum Symbol für
den Fall der Mauer mitsamt der DDR geworden: der Spickzettel von
DDR-Politbüromitglied Günter Schabowski, mit dem dieser ungewollt die
Berliner Mauer zum Einsturz brachte. „Das tritt nach meiner Kenntnis … ist
das sofort, unverzüglich“, nuschelte Schabowski über das neue Reiserecht
für DDR-Bürger und löste so ungewollt am selben Abend den Ansturm auf die
innerdeutsche Grenze aus.
20.000 Euro für Schabowskis Zettel
20.000 Euro hat das Museum 2014 für das Stückchen Papier bezahlt. Der
frühere Besitzer legte Wert auf seine Anonymität und wollte nicht genannt
werden. Aber im Dezember 2025 hat das Oberverwaltungsgericht Münster
entschieden, dass das Haus der Geschichte den Namen des Vorbesitzers nennen
muss, auf Antrag eines Bild-Reporters.
Das Informationsinteresse der Öffentlichkeit überwöge das
Vertraulichkeitsinteresse des Verkäufers, lautete das Urteil. Gefragt, wie
es nun weitergehe, antwortet Museumspressesprecherin Katja Schuler, man
warte auf die schriftliche Urteilsbegründung. Das Urteil tangiere die
Beziehungen zwischen Museum und Objektverkäufern, sagt Wichmann zu diesem
Thema. Es zerstöre Vertrauen.
Verschwiegenheitserklärungen seien in diesem Geschäft gang und gäbe. Der
Sammlungsdirektor berichtet aus der Praxis. Da gebe es „Aktivisten aus
einem gewaltbereiten Umfeld der Klimaproteste, von denen wir Objekte
übernommen haben. Wir haben auch ein Konvolut von einem Opfer, der in einem
katholischen Kinderheim missbraucht worden ist.“
Das seien problematische, aber historisch wichtige Objekte, sagt Wichmann.
„Wir haben sie übernommen und zugesichert, dass wir es nur in
anonymisierter Form zugänglich machen. Die Menschen müssen sich darauf
verlassen können. Das ist die grundsätzliche Bedeutung dieses Urteils.“
Nach seinen persönlichen Lieblingsobjekten gefragt, nennt Wichmann drei
Dokumente: den Zettel von Fußballtorhüter Jens Lehmann, auf dem er vor dem
WM-Viertelfinale 2006 die vermutete Technik der argentinischen Gegenspieler
für den Fall eines Elfmeterschießens richtig notierte.
Dann den Spickzettel von John F. Kennedy, mit dessen Hilfe der US-Präsident
am Berliner Rathaus Schöneberg am 26. Juni 1963 seinen berühmten Satz
[5][„Ich bin ein Berliner“] unfallfrei hinbekam. Und schließlich das Papier
von Günter Schabowski, das den Weg zur Wiedervereinigung Deutschlands
ebnete.
Und dann führt Wichmann die Treppen hinauf ins Erdgeschoss, durch das Foyer
und weiter ganz ans Ende der Dauerausstellung. Dort, wo es um die Zukunft
geht. Da liegt zwischen Zetteln von Besuchern, die ihre Wünsche
formulieren, eine Zeitung. Es ist die taz vom 17. Oktober 2025, die letzte
gedruckte unter der Woche.
Und man stellt überrascht fest: Die taz ist reif fürs Museum. Ist das nun
gut oder schlecht?
18 Jan 2026
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