# taz.de -- Börne-Preis für Historiker: Der Geschichtserzähler
       
       > Am Sonntag wurde Historiker Christopher Clark ausgezeichnet, die Laudatio
       > hielt Bundespräsident Steinmeier. Warum ist er in Deutschland so beliebt?
       
 (IMG) Bild: Christopher Clark, Historiker für Neuere Europäische Geschichte am St. Catharine’s College in Cambridge
       
       An den Wochenenden habe man nur die Geräusche der Rasensprenger und der
       Grillen gehört, sonst sei nichts los gewesen, erzählte er einmal in einem
       Interview. Diese drückende Langeweile seiner Kindheit in Sidney habe ihn
       motiviert, sich in Geschichtsbücher zu vergraben und letztlich Historiker
       zu werden, so Christopher Clark.
       
       Und als solcher sei er heute nicht nur einer „der besten Kenner
       preußischer, deutscher und europäischer Geschichte“, wie ihm
       Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in seiner Laudatio zum
       Ludwig-Börne-Preis am Sonntag bescheinigte. Sondern auch für sein Talent,
       darüber „verständlich und unterhaltsam sowie pointiert und ernsthaft
       schreiben zu können“.
       
       Clark wurde 1960 in Australien geboren und forscht und lehrt heute in
       Cambridge. Seine Schwerpunkte sind die Geschichte Preußens und der Erste
       Weltkrieg. Der 66-jährige Historiker ist für seine Zunft heute das, was
       [1][der britische Naturforscher Sir David Attenborough – gerade 100
       geworden] – für den Tierfilm ist: ein fesselnder Erzähler, der häufig einen
       originellen Dreh findet und, mit unbestreitbarem Talent, seinen oft
       sperrigen Themen Spannung verleihen und damit ein breites Publikum zu
       fesseln vermag.
       
       Clarks Popularität gründet sich aber nicht nur darauf, dass er im Fernsehen
       mit sonorer Stimme die Weltgeschichte unterhaltsam einordnet: Die Dokureihe
       „Terra X“ führte ihn [2][von den Ursprüngen der Deutschen in den Sümpfen
       Germaniens] bis zu den Quellen der Weltreligionen, von der Angkor
       Wat-Tempelanlage in Kambodscha bis in die Serengeti-Steppe nach Tansania.
       
       ## Der Wunsch nach historischer Rehabilitierung
       
       Gerade in Deutschland verdankt sich seine Beliebtheit aber vor allem der
       Tatsache, dass er [3][in seinem Hauptwerk „Die Schlafwandler“ die These von
       der deutschen Alleinschuld am Ersten Weltkrieg bestritt], und die
       Mitverantwortung der anderen Großmächte hervorhob. Das hört und liest man
       in Deutschland gern: Über 300 000 Mal verkaufte sich der knapp 900-seitige
       Wälzer im deutschsprachigen Raum, wochenlang führte er in seinem
       Erscheinungsjahr 2013 die Bestsellerlisten an. Dabei führt Clark seine
       Leserinnen und Leser allein auf den ersten hundert Seiten seines Buchs in
       die Ränkespiele der serbischen Innenpolitik kurz nach der Jahrhundertwende
       ein: keine Selbstverständlichkeit, sie damit bei Laune zu halten.
       
       Darüber hinaus hat der Preußen-Kenner ein viel beachtetes Buch über den
       letzten deutschen Kaiser, Wilhelm II, verfasst, sowie [4][ein umstrittenes
       Gutachten über die Rolle der Hohenzollern] beim Aufstieg der
       Nationalsozialisten. Sein aktuelles Buch „Skandal in Königsberg“ führt ihn
       wieder in sein Fachgebiet zurück und handelt von zwei pietistischen
       Pastoren, die um 1830 herum im Königsberg zu Opfern einer infamen
       Verleumdungskampagne wurden.
       
       Clark betont die „Normalität“ Preußens im europäischen Vergleich und
       widerspricht der These eines deutschen „Sonderwegs“ als „verspäteter
       Nation“, wie sie von Hans-Ulrich Wehler und Heinrich August Winkler
       vertreten wurde: Das macht seine Rolle als Historiker aus. Aus seinen
       Büchern lassen sich aber auch Lehren für die Gegenwart herauslesen: etwa,
       welche fatalen Folgen es haben kann, wenn sich regionale Konflikte
       ausweiten.
       
       Clark ist mit der deutsch-britischen Kunsthistorikerin Nina Lübbren
       verheiratet, die ebenfalls in England lehrt. Für seine Verdienste um die
       deutsch-britischen Beziehungen schlug Königin Elisabeth II. ihn 2015 zum
       Ritter, 2022 erhielt er von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier das
       Große Bundesverdienstkreuz mit Stern.
       
       11 May 2026
       
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