# taz.de -- Zukunft von Iran: Mit dem Fall des Regimes wird das Land nicht demokratischer
       
       > Die Mullah-Diktatur muss fallen, das wünschen sich viele. Genauso viele
       > profitieren vom System und halten daran fest. Die Lage in Iran bleibt
       > fragil.
       
 (IMG) Bild: Viele profitieren vom System: Straßenszene in Teheran am 15. Januar
       
       Es gibt 1.001 Grund, gegen das Regime in Teheran zu sein – und für dessen
       Ende. Die Iraner selbst wissen das am besten, deshalb gehen sie trotz aller
       Gefahren auf die Straße. Doch die Hoffnung auf ein Ende des Mullah-Regimes
       sollte nicht dazu führen, die möglichen Konsequenzen zu vernachlässigen –
       in Iran und in der Region. Iran ist ein ausgehöhltes System.
       Jahrzehntelange innere Reformen wurden verpasst. Wirtschaftliches
       Missmanagement, Korruption, der Unwille des Regimes, selbst kleine
       gesellschaftliche Reformen zuzulassen, haben das Land in eine Sackgasse
       geführt. Wie viele Male zuvor verlassen sich die Herrschenden auch jetzt
       darauf, ihre schwindende Legitimität durch blutige Repression zu ersetzen.
       Damit waren sie schon bei früheren Aufständen erfolgreich und konnten sich
       so Zeit erkaufen. Die haben die Mullahs aber nie genutzt, um anschließend
       jene Gründe zu adressieren, die die Menschen auf die Barrikaden gebracht
       haben.
       
       Mit wachsendem Ärger der Menschen hat irgendwann auch jede Repression ein
       Ablaufdatum. Das Regime war noch nie so schwach wie heute – und trotzdem
       ist der Ausgang ungewiss. Die Bilder aus dem Land sollten nicht darüber
       hinwegtäuschen, dass das [1][Regime und dessen Ideologie in Teilen der
       Gesellschaft stark verwurzelt] ist, es gibt genug Profiteure, die deshalb
       daran festhalten. Und so sind die wahrscheinlichsten Szenarien nach einem
       Sturz des Regimes keine demokratischen.
       
       Ein Teil des Sicherheitsapparates könnte sich vom Regime trennen. Die
       Prätorianer lassen die Herrscher fallen, zu dessen Schutz sie gegründet
       worden sind. Die Revolutionsgarden könnten die Mullahs als Last für ihre
       weitere Macht ansehen, und diese einfach selbst übernehmen. Das wäre ein
       für die Region – siehe Arabischer Frühling – klassisches Ende eines
       Aufstandes: [2][Mullah-Diktator] weg, ersetzt durch eine direkte
       Militärherrschaft, die die Ideologie der „Wilayat al-Faqih“, der
       „Herrschaft der Geistlichen“, als Ballast abwirft. In einem anderen
       Szenario könnte der Vielvölkerstaat in ein totales Chaos abrutschen, bis
       hin zu einem längeren Bürgerkrieg, etwa nach syrischem oder irakischem
       Muster. Dann würde dem Regimekollaps eine lange Phase von Gewalt und
       Instabilität folgen.
       
       Die zwei Staaten, die über eine mögliche Intervention sprechen, die USA und
       Israel, haben dabei unterschiedliche Interessen. Beide hätten kein Problem,
       mit den Prätorianern zusammenzuarbeiten. Wenn die ihre anti-israelische und
       anti-amerikanische Rhetorik ablegten. Der Fall Venezuela zeigt, dass dem
       US-Präsidenten der Zugang zu Ressourcen und Öl am wichtigsten ist. Es geht
       ihm nicht um einen demokratischen Umbau des Landes, sondern nur darum,
       freien Zugang zu den Ressourcen zu haben.
       
       Beim zweiten Szenario, einem möglichen Chaos in Iran, scheiden sich
       allerdings die israelischen und amerikanischen Geister. Israel könnte mit
       einer weiteren Fragmentierung der Region gut leben. Es würde versuchen,
       seine Einflusssphären in der Region auszubauen, ohne die Palästinenserfrage
       zu lösen. US-Präsident Trump ist dagegen an einer Zersplitterung von Iran
       nicht gelegen. Denn die daraus folgende Instabilität würde in erster Linie
       seine wichtigen Bündnis- und Geschäftspartner, die Golfmonarchien, treffen.
       Denn in der Region selbst wird der Aufstand in Iran nicht nur von
       Anfeuerungsrufen begleitet, sondern auch mit großer Sorge betrachtet. Auch
       wenn das Mullah-Regime hier nur wenig Freunde hat, außer jenen, die das
       Regime selbst aufgebaut hat.
       
       ## Schiiten verlören ihre Schutzmacht
       
       Die sogenannte Achse des Widerstandes – Teheran, Hisbollah, irakische
       Milzen, Huthis im Jemen – würde ihren iranischen Sponsor verlieren. Für sie
       ist das eine Existenzfrage. Damit einher ginge, dass die Schiiten in der
       Region ihre Schutzmacht verlören. Der Ausfall des Iran als eine der
       wichtigsten Regionalmächte würde die Region insgesamt in völlig unbekannte
       Sphären katapultieren. Die Folge dieser Machtverteilungskämpfe und
       Zersplitterung wäre wahrscheinlich, dass die anderen Regionalmächte wie
       Saudi Arabien, die Türkei, Ägypten enger zusammenrücken würden. Keine
       dieser Regionalmächte hat ein Interesse daran, dass ihre Region und ihre
       Nachbarschaft noch instabiler wird.
       
       Was würde in Teheran nach einer militärischen US-Intervention passieren,
       die sich zugunsten der Demonstrierenden auswirkt? Wenn dies nicht Chaos und
       Instabilität sind, wäre das neu Entstandene allerdings mit dem Makel
       verbunden, mit Hilfe des US-Militärs an die Macht gebombt worden zu sein –
       mit all den Konsequenzen für Iran und die Region. Wenn die Iraner allein
       der Motor für Veränderung bleiben, ist der Ausgang ebenso ungewiss. Aber er
       hätte etwas, dass eine [3][US-Intervention] niemals erzeugen kann: die
       Legitimität des eigenen Volkes.
       
       16 Jan 2026
       
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 (DIR) Karim El-Gawhary
       
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