# taz.de -- Humanitärer Beistand in Krisengebieten: Die Rolle der emotionalen Nähe beim Helfen
> Sind wir gleichermaßen dazu verpflichtet, Menschen am anderen Ende der
> Welt zu helfen wie Menschen in unserer eigenen Stadt? Über das Beispiel
> Gaza.
(IMG) Bild: Gaza am 13. Januar 2026, der Winter kommt
Das Deutsche Rote Kreuz warnt vor den Folgen [1][des Winters im
Gazastreifen]. Videoaufnahmen zeigen von kalten Sturmböen zerstörte
Zeltstädte und Menschen, die in dünnen Trainingsanzügen versuchen, ihre
Habseligkeiten zu retten. Als ich die Nachricht am Freitag im Radio hörte,
fiel mir eine Diskussion ein, die ich kürzlich mit einem ehemaligen
Kommilitonen geführt hatte.
Darin ging es um [2][den australischen Ethiker Peter Singer]. Der würde
sagen, dass ich im sicheren Deutschland moralisch dazu verpflichtet bin,
den Menschen in Gaza durch eine Spende zu helfen – und zwar in genau
derselben Weise, wie es meine Pflicht wäre, ein ertrinkendes Kind aus einem
Teich zu retten, das ich zufällig erblicke.
Mir erschien diese Denkweise heute ein wenig aus der Zeit gefallen. Aber
warum eigentlich?
Singer beginnt sein Argument mit zwei ihm zufolge unkontroversen
Prinzipien. Erstens sei es schlecht, durch Hunger oder Obdachlosigkeit zu
sterben. Zweitens sei ich dazu verpflichtet, etwas Schlechtes zu
verhindern, wenn das möglich ist, ohne etwas vergleichbar moralisch
Bedeutsames zu opfern. Wenn ich beide Prinzipien anerkenne, so Singer,
könnte ich gar nicht anders, als seiner These zuzustimmen.
Das darauffolgende Gedankenexperiment geht so: Würde ich auf meinem
Arbeitsweg in einen flachen Teich hineinwaten, in dem gerade ein Kind zu
ertrinken droht, würde ich dabei womöglich meine schicken Lederschuhe
ruinieren. Trotz des finanziellen Verlustes würden wohl die allermeisten
sagen, dass ich moralisch dazu verpflichtet wäre, das Kind zu retten, und
ein furchtbarer Mensch wäre, wenn ich es nicht täte.
## Emotionale Nähe
Könnte ich nun am anderen Ende der Welt jemanden durch eine geringe Spende,
also auch einen Geldverlust, davor bewahren, an Hunger oder Kälte zu
sterben, haben wir laut Singer einen analogen Fall. Ich könnte durch ein
vergleichsweises geringes Opfer etwas sehr Schlechtes verhindern. Und in
der Tat lässt sich kaum begründen, warum Distanz dabei moralisch bedeutsam
sein sollte.
Emotionale Nähe spielt für unsere Empathie eine Rolle. Auch ich würde wohl
das Leben meiner Mutter dem eines Fremden vorziehen. Das ist verständlich,
doch wer an Universalismus glaubt, sollte darin keine Begründung für
moralische Urteile sehen.
Es gibt jedoch einen zweiten Unterschied zwischen den beiden Fällen – und
den halte ich für den relevanten. Wenn ich an eine NGO spende, habe ich
keine Gewissheit, dass mein Geld auch wirklich ankommt und ein
Menschenleben rettet. Das zeigt sich besonders am Beispiel Gaza: Noch immer
lässt Israel nicht genügend Hilfslieferungen über die Grenze, 37 NGOs
sollen künftig sogar [3][nicht mehr dort arbeiten dürfen].
Als Singer sein Argument 1971 aufschrieb, vertraute er darauf, dass wir
unsere Hilfe durch moderne Kommunikations- und Transportmöglichkeiten fast
genauso effektiv weit entfernten Menschen zukommen lassen könnten wie
Menschen in derselben Stadt.
Diese Idee klingt für mich, und vermutlich für einige andere, heute so
merkwürdig, weil wir in den letzten Jahren so oft gesehen haben, wie
Helfer:innen Steine in den Weg gelegt wurden und Staaten Hunger- und
Krisenhilfe torpedierten. An unseren Hilfspflichten gegenüber Menschen in
Gaza, Sudan oder Bangladesch ändert das nichts. Nur komplizierter als in
Singers Gedankenexperiment sind sie leider. Spenden an NGOs bleiben
unverzichtbar, aber ebenso bedeutend ist der Einsatz für politischen
Wandel.
13 Jan 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Winter-in-Gaza/!6130640
(DIR) [2] https://www.srf.ch/kultur/gesellschaft-religion/filosofix/filosofix-muessen-wir-helfen-gedankenexperiment-kind-im-teich
(DIR) [3] /Israel-wirft-NGOs-aus-Gaza/!6143856
## AUTOREN
(DIR) Fabian Schroer
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