# taz.de -- Israel wirft NGOs aus Gaza: „Wo wir arbeiten, gibt es oft niemand anderen“
> Israel lässt die Arbeitserlaubnis für 37 Hilfsorganisationen in Gaza
> auslaufen. Für die Menschen vor Ort ist das die nächste Katastrophe.
(IMG) Bild: Deir al-Balah, Gaza, 11. November: Im Zentrum für künstliche Gliedmaßen und Rehabilitation erhalten Menschen Hilfe
Zelte, Küchensets und Matratzen will der Norwegian Refugee Council (NRC)
unter anderem in den Gazastreifen bringen. Die 1948 gegründete
Hilfsorganisation koordiniert zudem federführend die Zusammenarbeit von
humanitären Helfern bei der Unterbringung von Vertriebenen – worauf laut
dem UN-Nothilfebüro Ocha rund 1,3 Menschen in Gaza angewiesen sind. „Wir
sorgen dafür, dass Hilfe dorthin gelangt, wo sie gebraucht wird“, sagt
NRC-Mitarbeiterin Shaina Low der taz am Telefon aus Jerusalem.
Die israelische Regierung will diese Arbeit offenbar nicht weiter dulden
und hat NRCs Registrierung zum 1. Januar auslaufen lassen – zusammen mit 36
weiteren Hilfsorganisationen, darunter Ärzte ohne Grenzen (MSF), Oxfam und
Caritas. Das sei spürbar, berichtet Low. Alle 17 vom NRC beantragten
Hilfstransporte in den Küstenstreifen seit dem Beginn der Waffenruhe im
Oktober seien abgelehnt worden.
Ähnliches berichtet der spanische MSF-Arzt David Noguera Hancock aus Chan
Junis im Gazastreifen der taz am Telefon. „Ich werde meinen Einsatz hier
wohl verlängern müssen, weil unklar ist, ob meine Nachfolger einreisen
können.“ Auch der Nachschub an Medikamenten und Generatoren sei betroffen.
Dabei ist die Arbeit der Organisationen bitter nötig: „In 25 Jahren in der
humanitären Nothilfe habe ich nichts Vergleichbares gesehen“, sagt Noguera
Hancock. „Gaza ist ein Meer aus Plastikplanen, fast jeder hat direkte
Verwandte verloren.“ Rund zwei Millionen Menschen leben auf einer Fläche
von der Größe Nürnbergs. Die andere Hälfte von Gaza [1][besetzt die
israelische Armee].
## Israel will Mitarbeiterlisten
Geht es nach der israelischen Regierung, sind die Hilfsorganisationen
verdächtig: „Terrorismus unter dem Deckmantel der humanitären Hilfe“ wirft
ihnen das zuständige Ministerium für Diaspora-Angelegenheiten und die
Bekämpfung von Antisemitismus vor. MSF soll gar einen Kämpfer der Hamas
beschäftigt haben.
MSF weist die Vorwürfe zurück. Die Organisation würde niemals wissentlich
Personen beschäftigen, die an militärischen Aktivitäten beteiligt seien.
„Wir wissen, was es bedeutet, wenn unsere Krankenhäuser angegriffen
werden“, sagt Noguera Hancock. MSF sei offen für Kooperation bei Vorwürfen
gegen einzelne Mitarbeiter.
Dem israelischen Diaspora-Minister Amichai Chikli aber reicht das nicht. Er
fordert Listen mit persönlichen Daten aller lokalen Angestellten.
Andernfalls müssten sie [2][Ende März ihre Arbeit einstellen].
„Wir teilen Angaben über unsere lokalen Mitarbeiter nirgendwo auf der Welt
mit Kriegsparteien“, sagt Noguera Hancock. Die palästinensischen
Mitarbeiter würden Bestrafungsaktionen fürchten. Israel hat binnen zwei
Jahren laut UN-Angaben [3][mehr als 550 humanitäre Helfer getötet].
## Keine Beweise seitens Israel
Ein Mitarbeiter einer betroffenen Hilfsorganisation sagte der taz, Israel
schiebe bürokratische Hürden vor, um eine politische Agenda durchzusetzen.
„Unsere Vorkehrungen gegen politische Unterwanderung funktionieren auch in
vergleichbaren Konflikten, Gaza ist kein Sonderfall.“
Wenn israelische Behörden überhaupt Beweise vorlegen würden, blieben oft
Fragen offen, etwa was ein Hamas-Bezug konkret bedeute. „Humanitäre
Hilfswerke sind auf Kooperation mit den lokalen Behörden angewiesen, um
Zugang zur betroffenen Bevölkerung zu erhalten“, sagt der Mitarbeiter
weiter. „Israelische Stellen verzerren Berichte über solche Kontakte
häufig.“
Shaina Low vom NRC fürchtet zudem, dass Israel die Listen nutzen würde, um
nach politischen Kriterien Mitsprache bei der Auswahl lokaler Mitarbeiter
zu bekommen. Betrachtet man das Vorgehen von Minister Chikli seit seinem
Amtsantritt, scheint das nicht abwegig: Laut der Zeitung Ha’aretz verfolgt
er das Ziel, öffentliche Kritik an Israels Regierung als Antisemitismus zu
werten. 2024 wurde der Verantwortungsbereich für humanitäre Hilfe vom
Sozialministerium in sein Haus verlegt.
Low sieht ein Muster im Vorgehen gegen Hilfsorganisationen: „Zunächst hat
die Vorgängerregierung 2021 sechs palästinensische NGOs zu Terrorgruppen
erklärt, dann nahmen sie sich das UN-Palästinahilfswerk UNRWA vor und jetzt
kommen internationale NGOs an die Reihe.“
## Hilforganisationen hoffen auf Einigung
Israels Regierung spielt die Bedeutung der NGOs indes herunter: Die
betroffenen Hilfsorganisationen seien für keine der Hilfslieferungen
während der aktuellen Waffenruhe verantwortlich. MSF würde etwa „nur“ 2 von
15 Feldlazaretten betreiben.
MSF widerspricht: Man unterstütze aktuell jedes fünfte Krankenhausbett im
Gazastreifen und begleite fast jede dritte Geburt. 2025 habe MSF rund
23.000 chirurgische Eingriffe durchgeführt. „An den meisten Orten, an denen
wir arbeiten, gibt es niemand anderen“, sagt Noguera Hancock.
„Wenn israelische Behörden sagen, wir würden keine Hilfstransporte nach
Gaza bringen, dann verschleiert das gleich mehrere Dinge“, sagt Low. Zum
einen seien von Israel abgelehnte Einfuhrgenehmigungen der wichtigste
Hinderungsgrund. Zum anderen würden NGOs oft jene Hilfsgüter verteilen, die
UN-Organisationen hineinbrächten. Und schließlich schlügen sich Maßnahmen
wie die Einrichtung von 37 temporären Lerneinrichtungen für Kinder durch
den NRC nicht in diesen Zahlen nieder.
Noch hoffen die Hilfsorganisationen auf eine Einigung bis März. Bleibt es
bei dem Ausschluss der 37 Hilfswerke, könnten die Folgen dramatisch sein:
Aida, ein Zusammenschluss von mehr als hundert internationalen NGOs, warnt
in einem offenen Brief vor einer Schließung von 60 Prozent der
Feldlazarette sowie aller Stabilisierungszentren für unterernährte Kinder.
Als Kompromiss schlägt Aida vor, NGO-Mitarbeiter durch eine unabhängige
dritte Instanz prüfen zu lassen.
9 Jan 2026
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(DIR) Felix Wellisch
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