# taz.de -- Afghanistan-Aufnahmeprogramm: „Wir brauchen Sicherheit, keine Entschädigung“
> Deutschland versprach dem afghanischen Staatsanwalt Rahmani erst Schutz –
> und strich dann die Aufnahmezusage. Nun droht ihm die Abschiebung aus
> Pakistan.
(IMG) Bild: Ein abgeschobener Afghane am Grenzübergang Torkham zwischen Pakistan und Afghanistan im November 2025
taz: Herr Rahmani, wo befinden Sie sich derzeit?
Idris Rahmani: Wir sind im Norden von Pakistan. Aus Sicherheitsgründen
möchte ich meinen genauen Aufenthaltsort nicht nennen.
taz: Können Sie Ihre aktuelle Situation beschreiben?
Rahmani: 2024 bin ich mit meiner Familie, also meiner Frau und unseren drei
kleinen Kindern, nach Pakistan gekommen. Seitdem warten wir auf die
Erlaubnis, nach Deutschland zu reisen. Wir leben in ständiger Unsicherheit,
ohne zu wissen, was die Zukunft bringt. Wir sind von Entscheidungen
abhängig, auf die wir keinerlei Einfluss haben.
taz: Welcher Tätigkeit sind Sie in Afghanistan vor der Machtübernahme durch
die Taliban nachgegangen?
Rahmani: Ich war als Militärstaatsanwalt in der Abteilung für
Strafverfolgung und Justiz des afghanischen Verteidigungsministeriums
tätig. In dieser Funktion war ich direkt an Ermittlungen und
Strafverfolgungsmaßnahmen gegen die Taliban und andere bewaffnete Gruppen
beteiligt – und ich habe bis zum letzten Moment, bis am 15. August 2021
Kabul an die Taliban fiel, meine Tätigkeit fortgesetzt.
taz: Könnten Sie heute in Afghanistan noch sicher leben?
Rahmani: Nein. Von meiner Arbeit kursieren Videos und Bilder in den
sozialen Medien. Das bringt mich und meine Familienangehörigen in
Lebensgefahr. Mehrere meiner Kollegen wurden bereits getötet. Nach dem
Zusammenbruch der afghanischen Regierung ist es für uns unmöglich geworden,
in unserer Heimat zu bleiben. Wir mussten uns erst in Afghanistan
verstecken. Nun verstecken wir uns, genauso wie viele andere, die gefährdet
sind, in Pakistan. Doch die pakistanische Regierung hat die Abschiebungen
afghanischer Geflüchteter seit dem Sommer massiv erhöht.
taz: Wie hat sich Ihr Leben während dieser Wartezeit verändert?
Rahmani: Unser Alltag ist von Not und ständiger Angst geprägt. Jeder Tag
bedeutet Stress. [1][Jederzeit könnte die pakistanische Polizei kommen und
uns verhaften]. Die Polizei ist bereits bei uns aufgetaucht, bislang
konnten wir rechtzeitig entkommen. Wir leben unter der ständigen Drohung
einer Abschiebung. Sollten wir festgenommen werden, ist die Gefahr groß,
dass wir nach Afghanistan zurückgebracht werden, wo uns dasselbe Schicksal
wie anderen Kollegen droht.
taz: Was macht das mit Ihrer Familie?
Rahmani: Unsere Kinder können nicht zur Schule gehen. Wir haben hier keinen
Zugang zu angemessener Bildung, stabilem Wohnraum oder zuverlässiger
medizinischer Versorgung – auch nicht für unseren Familienangehörigen, der
aufgrund seiner körperlichen Beeinträchtigung dringend Pflege bräuchte. Das
alles hat insbesondere bei den Kindern Spuren hinterlassen.
taz: Sie hatten „aus politischen Gründen“ eine Zusage für ein
Aufnahmeprogramm aus Deutschland erhalten.
Rahmani: Wir sind nach Pakistan gekommen, um dort mit den deutschen
Behörden zu kooperieren. Wir haben alle erforderlichen Unterlagen
eingereicht, haben an Sicherheitsgesprächen und Dokumentenprüfungen
teilgenommen, mit all den Auflagen des Verfahrens kooperiert. Daher gingen
wir davon aus, dass wir Schutz in Deutschland bekommen, wie vor uns andere.
taz: Was ist dann passiert?
Rahmani: Am 12. Dezember erhielten wir erst eine Ablehnung per E-Mail und
eine Woche später per Post. Das war ein großer Schock. Nach allem, was wir
durchgemacht hatten, fühlte es sich an, als wäre uns der Boden unter den
Füßen weggezogen worden. Seitdem haben unsere Ängste zugenommen. Zu einem
früheren Zeitpunkt gab es die Möglichkeit, an einem anderen internationalen
Programm teilzunehmen. Aber wir haben uns auf Deutschland und die
Zusicherungen verlassen. Nun fehlen uns die Optionen.
taz: Ende Dezember landete ein letzter Flug mit 147 Afghan:innen in
Deutschland. Können Sie sich erklären, nach welchen Kriterien diese
Menschen ausgewählt wurden – und andere nicht?
Rahmani: Für uns ist bis heute nicht nachvollziehbar, warum wir
ausgeschlossen wurden. [2][Bei unserem Fall geht es um eine Aufnahmezusage
über die Menschenrechtsliste oder das Überbrückungsprogramm, also Paragraf
22 Satz 2]. Andere Personen, [3][deren Fälle unter das formelle
Bundesaufnahmeprogramm und somit Paragraf 23 fallen], wurden weiter nach
Deutschland umgesiedelt. Dabei sagen die unterschiedlichen Paragrafen
überhaupt nichts über die Dringlichkeit oder den individuellen Härtegrad
aus.
taz: [4][Die Bundesregierung hat Afghan:innen, die auf eine Aufnahme
verzichten, finanzielle Unterstützung angeboten.] Wie haben Sie reagiert?
Rahmani: Wir haben das Angebot zweimal abgelehnt. Geld kann uns nicht
schützen. Unser Leben ist in Gefahr. Sind Menschenleben käuflich? Was wir
brauchen, ist Sicherheit und keine finanzielle Entschädigung. Deutschland
war und ist bis heute das Land, in dem wir hofften, unser Leben in Würde
und Sicherheit neu aufzubauen.
2 Jan 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Abschiebung-trotz-Aufnahmezusage/!6107054
(DIR) [2] https://www.proasyl.de/hintergrund/die-wichtigsten-fakten-zur-aufnahme-aus-afghanistan-nach-%C2%A7-22-satz-2-aufenthaltsgesetz/
(DIR) [3] https://www.lto.de/recht/hintergruende/h/faq-afghanistan-aufnahmeprogramm-aufnahme-vg-ovg-berlin
(DIR) [4] /Aufnahmeprogramm-fuer-Afghanen/!6127022
## AUTOREN
(DIR) Natalie Mayroth
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