# taz.de -- Sprachprojekt in Neukölln: Einfach mal den Mund aufmachen
       
       > „Pipe up! Die Wort Werkstatt“ lädt SchülerInnen ein, mit Sprache zu
       > experimentieren. Das bietet die Chance, ein neues Selbstbewusstsein zu
       > entwickeln.
       
 (IMG) Bild: Drei Schüler:innen waren in der Live-Show von „Checker Tobi“ in der Urania dabei
       
       Hinter der breiten Fensterfront: die Hermannstraße. Pausenlos rauschen
       Autos vorbei, Menschen hasten oder schlurfen, irgendwann gibt es gegenüber
       einen Einsatz mit Blaulicht und Krankenwagen. Die zehn Jugendlichen im Raum
       sind kurz abgelenkt, aber nur ein bisschen. Die dicken Scheiben halten den
       Lärm draußen. Das ist gut, denn es geht um genaues Zuhören.
       
       Ein Mädchen liest eine kurze Momentaufnahme vor, die sie aufgeschrieben
       hat: wie sie zu ihrer Cousine ins Auto steigt und sofort spürt, dass es
       dieser nicht gut geht. „Ihre Hände umklammerten das Lenkrad. Das war
       einfach nicht sie. Die Stille im Auto sagte mehr als jedes Gespräch.“ Wie
       es weitergeht, erfahren die anderen erst einmal nicht, trotzdem klatschen
       sie anerkennend.
       
       Welche Wirkung hat der Text – und warum? Was sitzt schon, was ließe sich
       noch stärker formulieren und mit welcher Art von Wörtern? Dilek Güngör
       bespricht diese Fragen im Anschluss mit den SchülerInnen aus einem
       Deutsch-Leistungskurs am Albrecht-Dürer-Gymnasium. Die Schriftstellerin ist
       eine von mehreren WorkshopleiterInnen des Projekts [1][„Pipe up! Die Wort
       Werkstatt“], das Anfang 2025 die Arbeit aufgenommen hat.
       
       Das Dürer-Gymnasium liegt nur in paar Ecken entfernt, in der Emser Straße,
       was zum Konzept der Workshops gehört: „Pipe up!“ arbeitet mit Kindern und
       Jugendlichen aus Schulen in den Neuköllner Kiezen. Mal finden die
       dreistündigen Treffen in den vertrauten Klassenräumen statt, mal kommen die
       Gruppen – wie dieses Mal – ins [2][Journalismus-Zentrum Publix] an der
       Hermannstraße.
       
       ## „Mach den Mund auf!“
       
       Publix, ein schicker Kubus aus Beton und Glas, hat Ende 2024 seine Türen in
       der Hermannstraße geöffnet – als „neue Heimat für alle, die Journalismus
       machen, Öffentlichkeit gestalten und die Demokratie stärken“, wie es in der
       Eigenbeschreibung heißt. Auf mehreren Etagen arbeiten Recherche-Initiativen
       und Kleinverlage, es gibt Co-Working-Arbeitsplätze und Räume für
       Veranstaltungen. Publix wird von der [3][Schöpflin-Stiftung] getragen.
       
       Pipe up! nutzt die Infrastruktur von Publix. Das Projekt ist eine
       Kooperation von Publix und dem Verein „Wir Machen Das“, der 2015 aus einem
       Netzwerk von Frauen in Kultur, Wissenschaft und Journalismus hervorgegangen
       ist. Unter Leitung der Autorin Annika Reich ist sein Aushängeschild das
       Programm „Weiter Schreiben“, bei dem AutorInnen aus Kriegs- und
       Krisengebieten mit deutschsprachigen AutorInnen zusammenarbeiten und Texte
       veröffentlichen.
       
       Auch Pipe up! – frei übersetzt so viel wie „Mach den Mund auf!“ – will
       Menschen eine Stimme geben, die von der Gesellschaft zu oft nicht gehört
       werden. Eine „Wortwerkstatt“ soll es sein, die Neuköllner SchülerInnen
       verschiedener Altersstufen ermöglichen will, sich mit Sprache
       auseinanderzusetzen, Medienkompetenz und kritisches Denken zu entwickeln.
       Im Mittelpunkt stehen Mehrsprachigkeit und die kreative Ausdrucksfähigkeit
       durch Schreiben.
       
       Im Workshop animiert Dilek Güngör die Jugendlichen dazu, authentisch über
       ihre Gefühle zu schreiben. Einige haben ihr schon nach dem letzten Termin
       kurze Texte gemailt, sie hat ihnen Feedback und Anregungen zurückgeschickt.
       Jetzt bittet sie einen Jungen, sein Stück noch einmal vorzulesen. Es
       beschreibt eine Situation, in der ein Freund ihm etwas sehr Privates
       anvertraut – und sein anfängliches Unwohlsein bei dem Gedanken, dass es nun
       an ihm sein soll, sich gegenüber dem anderen zu öffnen.
       
       ## Es ist kein Unterricht
       
       Dieses Unwohlsein erleben manche der Jugendlichen auch selbst in der
       Workshop-Situation. Ein anderes Mädchen möchte lieber nicht vorlesen: „Ist
       mir zu persönlich.“ Das ist okay, es ist ja kein Schulunterricht. Güngör
       gibt Tipps, wie man über Persönliches schreiben kann, ohne dabei die
       eigenen Grenzen zu überschreiten. „Vielleicht kannst du von einer anderen
       Person erzählen. Oder die Situation, das Setting verändern.“
       
       Güngör, Kolumnistin und Romanautorin, ist manchmal überrascht, wie genau
       die Jugendlichen angeleitet werden wollen: „Sie machen es dann doch
       manchmal ganz anders, aber erst einmal wollen sie ganz genau wissen, wie
       und was sie tun sollen.“ Sie hofft, dass ihre Denkanstöße zeigen, „was
       Schreiben noch sein kann und was man damit tun kann. Gedanken sortieren,
       sich über Dinge klarwerden, spielen, seine Gefühle ausdrücken.“
       
       Ob das funktioniert, muss und wird sich zeigen. „Es ist vor allem erst mal
       kein Unterricht“, sagt Güngör. „Also keine Noten, mehr Freiheit, mal mit
       einer Schriftstellerin sprechen, die begeistert ist von ihrer Arbeit und
       sie ansteckt. Weniger das Vermitteln von Techniken und Methoden.“ Wobei
       alle WorkshopleiterInnen unterschiedliche Erfahrungen und Methoden
       mitbringen und anwenden. Das erste Jahr von Pipe up! war auch eine
       Pilotphase, ein Experimentieren.
       
       Was die WorkshopleiterInnen alle verbindet: Sie sind mehrsprachig und
       bringen eine Migrationsgeschichte mit. Denn Ziel ist es auch, den Kindern
       und Jugendlichen das Gefühl zu nehmen, dass ihre Herkunftssprache –
       Arabisch, Türkisch, Kurdisch, Farsi oder Ukrainisch – weniger wert sein
       könnte. Die Begegnung mit den SchriftstellerInnen und KünstlerInnen soll
       ihnen zeigen, dass Menschen mit Namen, die wie ihre klingen, etwas zu sagen
       haben und gehört werden. Oder eben gelesen.
       
       ## Gleichgewicht ist wichtig
       
       Dabei sei ein gleichberechtigter und dialogischer Umgang zentral, wie ihn
       eine Schule nicht unbedingt bieten kann, sagt Schokofeh Kamiz. Die
       künstlerische Leiterin von Pipe Up! ist Videojournalistin und
       Filmemacherin, sie lebt selbst in Neukölln. „Viele SchülerInnen reagieren
       sehr positiv auf diesen Ansatz“, sagt sie. „Wenn dieses Gleichgewicht
       verloren geht, merken Jugendliche das sofort und der Austausch funktioniert
       nicht mehr. Deshalb ist es besonders wichtig, ihnen einen Raum zu bieten,
       in dem sie sich ernst genommen fühlen und ohne Druck ausprobieren können.“
       
       Kamiz berichtet von einem Moment, der sie besonders berührt hat: Das
       Projekt wurde vom Moderator Tobias Krell – Kindern als „Checker Tobi“ gut
       bekannt – in seine Live-Show in der Urania eingeladen. „Drei unserer
       SchülerInnen haben auf der Bühne vor über tausend Menschen etwas
       vorgetragen. Einer trug ein Gedicht über unfaire Behandlung vor, ein
       anderer erzählte, was er in der Zeit bei uns gelernt hat.“
       
       Eine Schülerin habe einen Text über ihr Leben in der Türkei und in Neukölln
       vorgelesen, erinnert sich Kamiz. „Der endete mit dem türkischen Satz
       ‚Neukölln benim evim oldu‘ – ‚Neukölln ist zu meinem Zuhause geworden‘“.
       Das Publikum habe minutenlang applaudiert. „So ein Satz wirkt ermutigend
       für viele andere SchülerInnen, die ihre Sprache sonst kaum auf einer so
       großen Bühne hören.“
       
       Im ersten Jahr hat die Schöpflin-Stiftung das Projekt komplett finanziert,
       jetzt erhält Pipe up! neben der Finanzierung durch die Schöpflin-Stiftung
       zusätzliche Unterstützung durch die Deutsche Postcode Lotterie und die
       BuntStiftung München. Die Kooperation mit den vier Schulen – neben dem
       Dürer- und dem Albert-Schweitzer-Gymnasium ist das auch die Regenbogen- und
       die Karl-Weise-Grundschule – soll weitergehen. Auch weil die Zusammenarbeit
       mit den jeweiligen Schulleitungen und Lehrkräften sehr gut funktioniert.
       
       Dabei ist es der Projektleiterin wichtig, dass die Workshops keine AGs
       sind, an denen nur diejenigen teilnehmen, die sich ohnehin schon für eine
       Thematik interessieren. Deshalb fänden sie als Teil des Unterrichts –
       Deutsch oder Politische Bildung – statt, ohne klassischer Unterricht zu
       sein.
       
       Im Workshop mit Dilek Güngör geht es gegen Ende um die Frage, was zum
       Schreiben notwendig ist. Den Text des Mädchens über die Begegnung mit ihrer
       Cousine fanden alle gut. „Sie hat halt Talent“, kommentiert einer der
       Jungen. Das will Güngör so nicht stehen lassen: „Talent ist nur ein
       Prozent, der Rest ist machen!“ Die Jugendlichen wirken überrascht. „Talent
       ist gut, aber es reicht nicht“, legt sie nach. „Es ist wie in der Küche:
       Der erste Pfannkuchen wird immer schlecht. Traut euch!“
       
       16 Feb 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.publix.de/mission/projekte/pipe-up-die-wortwerkstatt
 (DIR) [2] https://www.publix.de/
 (DIR) [3] https://www.schoepflin-stiftung.de/ueber-uns/
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Claudius Prößer
       
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