# taz.de -- Projektarbeit an Schulen: „Ich bin ein später Hippie“
       
       > Sanem Kleff hat 25 Jahre das Projekt „Schule ohne Rassismus – Schule mit
       > Courage“ geleitet. Was sie über die Gesellschaft gelernt hat – und über
       > sich.
       
 (IMG) Bild: Wenn sie einen Missstand erkennt, will sie ihn beheben: Sanem Kleff in ihrem langjährigen Büro in Berlin
       
       An einem Dezemberabend lädt Sanem Kleff in ihr Büro nahe des
       Nollendorfplatzes in Berlin-Schöneberg. Vor einem Vierteljahrhundert
       reichte ihr noch ein kleines Zimmer im Haus der Gewerkschaft Erziehung und
       Wissenschaft direkt gegenüber. Damals hatte sie „Schule ohne Rassismus“
       gerade übernommen, 34 Schulen zählten zu dem Netzwerk. Heute sind es 5.000.
       [1][Das Projekt ist so groß geworden], dass für die bundesweite
       Koordination längst eigene Räume her mussten. Im Flur türmen sich wegen der
       vielen Veranstaltungen die Koffer. Sanem Kleff organisiert gemeinsam mit
       den Landes- und Regionalkoordinationen Workshops, Theater- oder
       Medienprojekte an Schulen bundesweit. Mit dem Jahreswechsel hört sie auf.
       In ihrem Büro hat sie schon Platz freigeräumt, damit sich ihr Nachfolger
       einarbeiten kann. 
       
       taz: Frau Kleff, nach 25 Jahren „Schule ohne Rassismus – Schule mit
       Courage“ geben Sie die Leitung ab. Ist schon Zeit für ein Resümee? 
       
       Sanem Kleff: Ich kann noch gar nicht abschätzen, was diese Veränderung
       jetzt bedeutet. Ich bin eine, die in die Welt schaut und Dinge verändern
       will. Ich nehme zuerst das Negative wahr – die Straße ist schön, aber die
       Bürgersteige könnten größer sein. Das ist kein Pessimismus, sondern ein
       innerer Filter, der mir zeigt, wie es eigentlich sein sollte. Dann suche
       ich nach Lösungen: Wie kriegen wir das anders hin? So schaue ich auf Trump
       in Amerika oder fehlende Radwege in Berlin. Die Schule bot mir unendlichen
       Stoff. Rückblickend erkenne ich immer dasselbe Motiv: meinen
       Gestaltungsdrang. Jetzt frage ich mich, ob ich meinen Blick ändern muss.
       
       taz: Um zur Ruhe zu kommen? Auch im Ruhestand kann man Dinge gestalten. 
       
       Kleff: Ja, passen Sie nur auf. Irgendwann will ich mit Ihnen einen Kaffee
       in der taz trinken, und nachher gestalte ich den Park nebenan um!
       
       taz: Sie wurden 1955 in Ankara geboren und kamen fünf Jahre später nach
       Bremen. Erinnern Sie sich an diese Zeit? 
       
       Kleff: Absolut. Wir sind mit dem Zug von Istanbul gefahren und kamen in
       München am berühmten Gleis 11 an. Für viele Gastarbeiter*innen wurde
       das später der erste Berührungspunkt mit Deutschland. Von dort fuhren wir
       weiter nach Bremen, mein Vater war schon dort, um die Wohnung einzurichten.
       Kaum angekommen, ging ich direkt in den Schulkindergarten – eine Art
       Vorstufe zwischen Kindergarten und Schule. Danach besuchte ich die
       Grundschule.
       
       taz: Gab es in Ihrer Klasse außer Ihnen noch andere Kinder mit
       [2][Migrationsgeschichte]? 
       
       Kleff: Nein. Ich war die erste Nicht-Urdeutsche, die überhaupt auf die
       Schule kam. Das wurde als etwas sehr Besonderes betrachtet. Ich erinnere
       mich, dass die Lehrer*innen mich in den Pausen ins Lehrerzimmer holten,
       mich auf den großen Eichentisch setzten und neugierig um mich herum
       standen. „Oh, so dunkle Augen!“ Grundsätzlich waren aber alle ungemein
       freundlich. Und ich hatte in der ersten Klasse den besten Lehrer ever, den
       ich heiß und innig geliebt habe.
       
       taz: Warum? 
       
       Kleff: Ich war ein etwas unübliches Kind. Ich konnte schon längst lesen und
       schreiben, was die anderen erst lernten. Ich habe dann dem Lehrer
       assistiert, war vorne an der Tafel und habe die anderen angeleitet. Also
       irgendwie wurde ich schon damals in die Rolle der Lehrerin geschoben!
       Gleichzeitig habe ich mich gelangweilt. Ich durfte kneten, malen, lesen so
       viel ich wollte. Aber vom eigentlichen Unterrichtsgeschehen war ich
       ausgeschlossen.
       
       taz: Hatten Ihnen Ihre Eltern schon alles beigebracht? 
       
       Kleff: Ich weiß es nicht. Seit ich mich erinnern kann, konnte ich das.
       Entscheidend war aber: Mein Lehrer hat irgendetwas offensichtlich richtig
       gemacht, denn meine Mitschüler*innen mochten mich trotz allem. Ich habe
       mich in der Klasse sehr wohlgefühlt, und das ist für meinen weiteren Weg
       enorm wichtig gewesen. Ich habe dort die Erfahrung gemacht, dass Schule
       richtig gut sein kann. Durch unsere vielen Umzüge habe ich unterschiedliche
       Formen von Schule kennengelernt.
       
       taz: Wieso sind sie umgezogen? 
       
       Kleff: Mein Vater machte in Deutschland seinen Facharzt und arbeitete an
       verschiedenen Krankenhäusern. Ich habe gelernt: Schule ist so, wie Menschen
       sie gestalten. In der einen Schule wurde Mengenlehre gelehrt, in der
       anderen musste man das Einmaleins auswendig können. In der einen wurden mit
       Kugeln und Bauklötzen intelligente Lösungen gefördert, in der anderen auf
       Schiefertafeln in Sütterlinschrift geschrieben.
       
       taz: Ist am Ende die Schulform egal, es kommt lediglich darauf an, dass
       Lehrer*innen den Kindern was beibringen wollen? 
       
       Kleff: Nein! Die Form ist nicht egal, auch nicht die Tagesabläufe, das
       Gebäude, das Licht. Es ist nicht egal, ob Menschen sich leicht begegnen
       können oder dafür durch lange Korridore laufen müssen. Auch diese
       45-Minuten-Manie ist nicht egal. Und ganz am Ende kommt es auch noch darauf
       an, ob die Erwachsenen wirklich interessiert sind an den Schülerinnen und
       Schülern, ja. Das ist noch wichtiger als Fachwissen.
       
       taz: Sie haben nach dem Abi in der Türkei deutsche Sprache und Literatur
       studiert, haben als Dolmetscherin gearbeitet, zuletzt als
       Sprachkursleiterin am Goethe-Institut in Istanbul. Warum sind Sie 1980
       wieder nach Deutschland zurückgekommen? 
       
       Kleff: Ich war zu einem Kongress in Westberlin eingeladen und blieb dort,
       weil in der Türkei der Militärputsch stattfand und das Goethe-Institut
       monatelang geschlossen wurde. In Berlin hat man mich währenddessen mit
       Jobangeboten überhäuft. Ich war ausgebildete Lehrerin, sprach Türkisch und
       Deutsch fließend. Dabei hatte ich Deutsch eigentlich nur aus pragmatischen
       Gründen studiert und wollte gar nicht unbedingt Lehrerin werden.
       
       taz: Aber dann haben Sie im Februar 1981 an einer Hauptschule angefangen. 
       
       Kleff: Ja, in einem Eingliederungslehrgang in Berlin-Tempelhof. Das war ein
       Auffangbecken für Jugendliche über 14, die neu in Deutschland waren und
       keine Deutschkenntnisse hatten. Man suggerierte ihnen, sie seien Teil des
       Schulsystems. Aber sie konnten dort keinen Abschluss machen. Mit 16 hieß
       es: Schulpflicht vorbei, tschüss. Das war Betrug an diesen Kindern und
       ihren Familien. Ihr Scheitern war vorprogrammiert, und sie verstanden es
       noch nicht einmal.
       
       taz: Deshalb sind Sie gleich der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft
       GEW beigetreten? 
       
       Kleff: Natürlich. Man fängt doch an zu überlegen, was man dagegen tun kann.
       Ich war schon in der Türkei Gewerkschaftsmitglied gewesen – obwohl
       Gewerkschaften politisch unter Druck waren. Ich wusste dank der deutschen
       Geschichte, was es bedeutet, wenn man sich nicht organisieren kann.
       
       taz: Engagiert haben Sie sich auch schon früh gegen Rassismus. Ein
       Leserinnenbrief in der taz von 1987 zeugt davon. 
       
       Kleff: Da erinnere ich mich gar nicht mehr dran.
       
       taz: Sie kritisieren darin eine Broschüre der Ausländerbeauftragten für die
       „Lieben Berliner Türken“, in der so getan wurde, als könnten Türken keine
       U-Bahn-Pläne lesen. 
       
       Kleff: Die angeworbenen Arbeitskräfte kamen mehrheitlich aus bildungsfernen
       Milieus und armen Schichten. Daraus wurde ein Bild aller Türken gezeichnet
       – und das gibt es heute noch. Mich nervt diese überhebliche Darstellung der
       Migrant*innen als die Dummen, dieses Bild müssen wir wegkriegen. Aus den
       Köpfen. Aus der Gesellschaft.
       
       taz: Sie haben dagegen angearbeitet. Gab es Momente, in denen Sie
       gezweifelt haben? 
       
       Kleff: Ja. Nicht nur wegen der Mehrheitsgesellschaft, sondern auch wegen
       migrantischer Milieus, die beispielsweise ihr Wir-Türken-Ding kultiviert
       haben. Hasserfüllter Nationalismus und Rassismus waren mir vor 1980 zur
       Genüge in der Türkei begegnet. In den 90ern kamen dann [3][rund um den
       Balkankrieg] viele Roma-Kinder aus dem ehemaligen Jugoslawien nach
       Deutschland. Analphabeten, die aus vielerlei Gründen nie eine Schule
       besucht hatten. Mein Ziel war es, sie ins Regelsystem zu bringen. Aber dann
       meinten Erwachsene aus diesem Milieu, das sei nicht nötig, ihre Kinder
       seien eben besonders talentiert für Musik. Was für eine Unverschämtheit,
       das Schicksal dieser Kinder so früh bestimmen zu wollen!
       
       taz: 1999 wurden Sie vom Verein Aktion Courage für das Projekt „Schule ohne
       Rassismus“ angesprochen. 
       
       Kleff: Ja, das Projekt stand damals kurz vor dem Aus, und ich sollte
       beraten, ob man daraus etwas Sinnvolles machen kann. Ich hatte sofort eine
       Idee, wie es gehen könnte. Denn ich hatte bereits an einem Netzwerk gegen
       Rechtsextremismus mitgewirkt und GEW-Landesausschüsse für multikulturelle
       Angelegenheiten aufgebaut. Auch jetzt brauchte es Netzwerke, eine klare
       Haltung und Struktur. Außerdem fand ich, dass man zeigen muss, wofür man
       steht. Deshalb änderte ich das Logo und den Namen in „Schule ohne Rassismus
       – Schule mit Courage“. Ich habe konsequent alle Ideologien der
       Ungleichwertigkeit gleichermaßen einbezogen: Antisemitismus, Sexismus,
       Klassismus und Homophobie. Rot-Grün setzte dann im Jahr 2001 das erste
       Bundesprogramm zur Demokratieförderung auf, und mit den Geldern war das
       Projekt abgesichert.
       
       taz: Im Laufe der Jahre haben Sie und Ihre Mitstreiter*innen ein
       riesiges Netzwerk aufgebaut, 5.000 Schulen tragen inzwischen die Plakette
       „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“. Heißt das, dass es dort dann
       keine rassistischen Vorfälle mehr gibt? 
       
       Kleff: Doch, denn es gibt keine Schule ohne Rassismus. Die Plakette ist
       keine Biontech-Impfung gegen Rassismus. Es geht um eine Selbstverpflichtung
       der Schulen: Wenn an meiner Schule Diskriminierung, Gewalt, Mobbing
       vorkommt, dann schauen wir nicht weg. Wir sprechen es an und lösen es. Das
       ist es, woran unsere 120 Koordinierungsstellen ihre Schulen erinnern. Wir
       sind da realistisch. Was es in der Gesellschaft gibt, gibt es auch an den
       Schulen. Unsere Frage ist nur: Wie geht ihr damit um? Und was können wir
       tun, um euch dabei zu unterstützen?
       
       taz: Was können Sie denn tun? 
       
       Kleff: Wir arbeiten mit fast 400 außerschulischen Expert*innen zusammen
       von Projekten, Museen, Lehrerbildungsinstituten, Forschungsinstituten,
       Theatergruppen. Unsere Koordinierungsstellen sind Dienstleister zwischen
       den Schulen und diesen ganzen Profis, die Sensibilisierungsworkshops oder
       Argumentationstrainings machen, die informieren, vernetzen,
       Sicherheitskonzepte mit der Schulleitung besprechen, die Kolleg*innen
       qualifizieren und stark machen. Zum Beispiel bei der Frage: Wie kann ich
       argumentieren, wenn Schüler*innen islamistische oder homophobe Sprüche
       loslassen?
       
       taz: Heute sind Hakenkreuze und Hitlergrüße an Schulen wieder normalisiert.
       Sind die Anfragen vor allem aus Ostdeutschland in den vergangenen Jahren
       mehr geworden? 
       
       Kleff: Die Angst vor dem Druck durch rechte Strukturen ist nicht nur im
       Osten deutlich größer geworden. Über viele Jahre ging es oft „nur“ um
       vereinzelte Typen in Bomberjacken und mit weißen Schnürsenkeln, die man in
       den Orten oft namentlich kannte. Jetzt sind die Angriffe vielfältiger und
       größer geworden. Es gibt Online-Attacken auf Schulen, auf Schulleitungen,
       auf einzelne Kolleg*innen, es kommen bedrohliche Sprüche, auch von der AfD.
       All das führt dazu, dass Lehrkräfte häufiger klagen: Ja, ich würde etwas
       dagegen machen wollen, aber mein Kind geht hier um die Ecke in die Kita,
       das ist nur ein kleiner Ort und die wissen, wo ich wohne. Das macht mir
       Sorge.
       
       taz: So etwas ist neu? 
       
       Kleff: Es hat deutlich zugenommen. Es macht einen Unterschied, ob rechte
       Sprüche inzwischen auch in Parlamenten fallen und Menschen mit
       rechtsextremen Positionen in Beiräten, Vorständen und Entscheidungsgremien
       vertreten sind – in Bildungsstätten, Museen, Stiftungen. Menschen mit
       solchen Positionen sind viel lauter und sichtbarer als vor 10 oder 15
       Jahren.
       
       taz: „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ erinnert mich an die EU:
       Eine tolle Idee, alle wollen drin sein, aber wer sich nicht an die Regeln
       hält, wird nicht sanktioniert. 
       
       Kleff: Stimmt nur halb. Es gibt keine negativen Sanktionen, aber wir können
       Handlungsdruck aufbauen. Wir Koordinator*innen haben das Recht, uns
       an Schulen zu wenden, nachzufragen und hinzugehen. Das ist wertvoll, das
       kann außerhalb des Schulsystems sonst niemand. Uns braucht es nicht nur an
       den „netten“ Schulen, sondern gerade dort, wo es schwierig ist. Wie gesagt:
       Rassistische oder homophobe Sprüche gibt es an allen Schulen – entscheidend
       ist nur, ob jemand einschreitet und sagt: Moment mal. Mehr wollen wir nicht
       erreichen. Und tatsächlich wollen viel mehr Schulen unsere Unterstützung,
       als wir leisten können.
       
       taz: Den Titel zu entziehen, ist nie eine Option? 
       
       Kleff: Das Logo ist doch keine Auszeichnung. Die Schulen müssen dafür
       nichts vorab leisten. Manche schicken uns vor der Aufnahme ins Netzwerk
       ganze Dossiers, um zu zeigen, was sie alles am Tag gegen Rassismus gemacht
       haben, wie sie den 9. November begehen. Das interessiert uns an der Stelle
       nicht. Für die Mitgliedschaft stellen wir nur drei Fragen: Wollt ihr euch
       dazu verpflichten, nicht wegzuschauen? Habt ihr eine geheime Wahl unter
       allen Schulmitgliedern dafür durchgeführt? Und sind mindestens zwei Drittel
       aller Schulmitglieder dafür? Würden wir Schulen aus dem Netzwerk schmeißen,
       würden wir sie den Rassisten schenken.
       
       taz: Auch das Einladen von [4][AfD-Vertreter*innen] zu Schuldiskussionen
       ist kein Ausschlusskriterium? 
       
       Kleff: Würden wir automatisch jede Schule rausschmeißen, die einmal einen
       AfD-Vertreter eingeladen hat, blieben kaum welche übrig. Das ergibt keinen
       Sinn – zumal man solche Positionen spätestens dann nicht mehr aus Schule
       heraushalten kann, wenn Schulräte oder Minister diese vertreten. Wir sind
       nicht neutral, sondern haben klare Leitlinien: Es kann nur im Einzelfall
       pädagogische Settings geben, in denen Einladungen von Personen, die
       Menschenhass verbreiten, legitim sind – mit entsprechender Vorbereitung,
       inhaltlicher Auseinandersetzung und Nachbereitung. Grundsätzlich aber
       müssen Schulen nicht alle Parteien einladen. Wir regen zur
       Auseinandersetzung mit den Inhalten an.
       
       taz: So engagiert wie Sie sprechen, wirken Sie wirklich nicht wie jemand,
       der die Leitung bald abgibt nach 25 Jahren Aufbau. 
       
       Kleff: Wie wirkt man denn da?
       
       taz: Vielleicht müde? 
       
       Kleff: Das sehen Sie vielleicht jetzt nur nicht. Manches ermüdet mich
       schon, aber es gibt noch viele andere Themen, die mich interessieren.
       Außerdem ist es doch gut, wenn nun neue Leute die Herausforderungen mit
       frischer Kraft angehen.
       
       taz: Sie haben gerade das Bundesverdienstkreuz bekommen. Was bedeutet Ihnen
       das? 
       
       Kleff: Ich habe 45 Jahre lang eigentlich in allen Funktionen darüber
       gesprochen, was im Bildungssystem, in der Gesellschaft und in der
       Migrationspolitik misslingt. Sicher habe ich mich auch bemüht, Lösungen zu
       finden, aber dass dieses permanente Hinweisen auf Lücken und Defekte nach
       so langer Zeit wertgeschätzt wird, zeigt mir, dass in diesem Land doch
       nicht alles schiefläuft.
       
       taz: Sie haben zu Beginn gesagt, Sie würden immer das Negative sehen. Aber
       Sie wirken auf mich wie ein sehr fröhlicher, positiver Mensch. Haben Sie
       sich in der Vergangenheit einmal gewünscht, rabiater vorgehen zu können?
       Weniger dialogisch, weniger geduldig? 
       
       Kleff: Leider bin ich bin überhaupt nicht geduldig! Und ich habe überhaupt
       keinen Nerv für lange dialogische Phasen. Wenn ich mich für irgendwas
       einsetze, auf einem Podium oder auch im Arbeitsalltag, ist meine Geduld
       schnell zu Ende, das können nicht nur meine Mitarbeitenden bestätigen.
       
       taz: Aber Sie geben den Schulen und der Gesellschaft viel Zeit zur
       Entwicklung. 
       
       Kleff: Weil ich da realistisch bin. Ich mache mir keine Illusion darüber,
       dass ich noch ein neues Schulsystem in Deutschland erleben werde. Ich wäre
       schon froh, wenn in meiner Lebenszeit mehr Schulen bessere Klos und
       Turnhallen hätten, wenn der Musikunterricht nicht outgesourct würde, wenn
       jede Schule eine Sozialpädagogin mehr bekommen würde. Ich backe kleine
       Brötchen, aber geduldig bin ich nicht. Bei meinen Schüler*innen war ich
       es allerdings schon, leider.
       
       taz: Das ist doch nicht schlimm. 
       
       Kleff: Die Generation der jetzt zwischen 35- und 45-Jährigen, die ist schon
       ziemlich verhätschelt. Ich verstehe das: Leben ist nicht arbeiten. Aber das
       Gute im Leben kommt nicht von alleine. Und wenn ich gar nicht bereit bin,
       dafür auch Unannehmlichkeiten in Kauf zu nehmen, kann ich nicht erwarten,
       dass alle anderen dafür sorgen, dass es mir im Leben gut geht. Leute mit so
       einer Haltung sind mir schon immer auf den Geist gegangen.
       
       taz: Sind Schüler*innen heute weniger engagiert als früher? 
       
       Kleff: Nein. Die Schere geht allerdings sehr weit auseinander, das ist
       stark schicht- und milieuabhängig. Wir haben eine riesengroße Masse an
       „Dumpfbacken“. Die sind grundsätzlich lustlos, wollen viele bunte Dinge
       kaufen, immer schöner sein, Muckis und Auto haben. Aber es gibt auch eine
       Gruppe von politisch sehr sensiblen, kompetenten und engagierten
       Schüler*innen. Die verblüffen mich immer wieder.
       
       taz: Womit? 
       
       Kleff: Manche Jugendliche bespielen mit 15 nicht nur alle
       Social-Media-Kanäle, sondern machen gleich einen eigenen Youtube-Kanal auf,
       drehen Filme, programmieren Dinge. Sie sind empathisch und engagieren sich
       für andere Menschen, gründen Beschwerdestellen an ihrer Schule. Andere
       gucken sich den ganzen Tag nur irgendwelche Spielchen auf dem Handy an und
       schieben grüne Blöcke auf ihrem Bildschirm hin und her. Gute Schulen
       könnten hier einen Unterschied machen. Das Traurige ist, dass die einen die
       Kluft zu den anderen meist nicht werden schließen können.
       
       taz: Was verbindet die Schülerin Sanem, die vor vielen Jahren nach
       Deutschland kam, mit Sanem Kleff, der scheidenden Direktorin von „Schule
       ohne Rassismus – Schule mit Courage“? 
       
       Kleff: Die Schule natürlich. Und ein bestimmter Schlag Mensch. Aufgrund der
       vielen Umzüge hatte ich nie eine feste Gruppe und war auch nie Teil einer
       Jugendbewegung. Meine virtuelle eigene Gruppe bestand schon immer aus
       Menschen, die eine gewisse Gesinnung teilen: Sie waren offen und
       interessiert. Dazu gehörten neben Menschen aus meinem Umfeld auch Autoren,
       Malerinnen, Schauspielerinnen, Musiker. Ich bin ein später Hippie. Menschen
       wie mich gibt es überall, in jedem Land der Welt, in jedem Kaff, in jeder
       Großstadt, im Osten wie im Westen. Wir sind überall vorhanden, aber dünn
       gestreut. Übrigens gibt es uns auch an jeder Schule, im Kollegium und unter
       den Schüler*innen. Aber wir bilden eben nie die Masse.
       
       11 Jan 2026
       
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       Über 1.700 Schulen sind Mitglied in Deutschlands größtem Netzwerk. Es
       erreicht Millionen von Schülern. Erfolgreich ist es, weil sie selbst die
       Themen setzen.