# taz.de -- Deutschkenntnisse bei Schülern: Eine Mutter, viele Sprachen
       
       > Mehrsprachigkeit wird oft als Problem statt als Chance betrachtet. Das
       > ist schade, denn in Alltag und Wissenschaft sind wir längst weiter.
       
 (IMG) Bild: Beim Deutschunterricht in einer ukrainischen Willkommensklasse in Berlin
       
       Marta Pomirski war zehn Jahre alt, als sie mit ihrer Familie aus Polen nach
       Deutschland zog. Sie weiß nicht mehr genau, wie lange es dauerte, bis sie
       Deutsch verstehen und richtig sprechen konnte.
       
       Sie weiß aber, dass sie irgendwann aufhörte, in der Öffentlichkeit Polnisch
       zu sprechen. Nicht, weil die Familie das explizit verboten hatte, sondern
       weil das Polnischsein in den Achtziger- und Neunzigerjahren mit vielen
       Stigmatisierungen verbunden war – wenn nicht aktiv, dann zumindest zwischen
       den Zeilen.
       
       „Das war vermutlich eine Idee von Selbstschutz“, sagt die 46-jährige
       Berlinerin heute. [1][Bloß nicht auffallen, bloß nicht erkannt werden.]
       
       Nach ihrem Ankommen bemühten sich Pomirskis Eltern darum, eine Normalität
       zu etablieren. „Wir waren in Deutschland, weil wir in Deutschland leben und
       bleiben wollten“, sagt sie. Die Eltern pflegten keinen engen Kontakt zur
       polnischen Community, stattdessen entschieden sie sich, so deutsch wie
       möglich zu leben. Eine Entscheidung, die für die Kinder auch einen Preis
       hatte: den Verlust einer gewissen Sprachkompetenz.
       
       ## Ein erwachsener Beschluss
       
       Heute betrachtet Marta Pomirski Deutsch als ihre erste und Polnisch als
       ihre zweite Muttersprache. Dass sie Polnisch immer noch gut kann, hat damit
       zu tun, dass sie immerhin zehn Jahre ihres Lebens in Polen verbrachte – und
       dass sie als Erwachsene bewusst beschloss, die Sprache ihrer Eltern aktiv
       zu kultivieren.
       
       Doch das ist nicht selbstverständlich. Es passiert tatsächlich oft, dass
       Menschen mit Migrationshintergrund mit der Zeit ihre Muttersprache
       verlieren, weil Deutsch im Alltag deutlich intensiver benutzt wird.
       Meistens bleibt die Sprache irgendwo im Gehirn gespeichert, aber viele
       beschreiben das Gefühl, sich darin nicht mehr sicher oder sogar fremd zu
       fühlen.
       
       In der öffentlichen Debatte taucht dieser Aspekt so gut wie nie auf, denn
       wenn es um Sprache geht, dreht sich alles um die [2][Deutschkenntnisse der
       Schulkinder.]
       
       Es besteht kein Zweifel, dass ausreichende Deutschkenntnisse notwendig
       sind, um dem Unterricht zu folgen. Bei der Debatte wird allerdings immer
       wieder eines beschuldigt: die Mehrsprachigkeit. Die Vorstellung „Ein Land,
       eine Sprache“ hält sich immer noch hartnäckig: Zwar wird in einigen
       Bundesländern Herkunftssprachenunterricht angeboten, aber immer noch werden
       Deutsch und die Familiensprache oft gegeneinander ausgespielt.
       Insbesondere, wenn die Familiensprache nicht mit Prestige assoziiert wird,
       wie im Fall des Englischen und Französischen.
       
       ## Mehr Wohlbefinden
       
       [3][Andrea Schalley,] Sprachwissenschaftlerin der Universität Karlstad in
       Schweden, betont, dass dies den Forschungserkenntnissen zuwiderläuft.
       „Mehrsprachigkeit an sich stellt keinen Nachteil für den Bildungserfolg
       dar“, erklärt sie. Kinder lernten Sprachen schnell und mühelos, vor allem
       dann, wenn sie bereits eine gut beherrschen. Sprachen gegeneinander
       auszuspielen sei aus Sicht der Wissenschaftlerin äußerst kontraproduktiv,
       mehr noch: Für die Identitätsentwicklung der Kinder sei es sogar
       wünschenswert, dass sie ihre Familiensprache gut beherrschen.
       
       „Studien zeigen, dass das Wohlbefinden innerhalb der Familie viel besser
       ist, wenn Kinder sowohl die Landes- als auch die Herkunftssprache
       sprechen“, sagt Schalley. Sie habe mehrmals Konfliktsituationen erlebt, die
       deshalb entstanden seien, weil Familienmitglieder nicht mehr eine
       gemeinsame Sprache hätten. Selbst die Integration sei effektiver, wenn der
       kulturelle Hintergrund der einzelnen Person – und dazu gehört
       selbstverständlich auch ihre Sprache – anerkannt und wertgeschätzt werde.
       
       Schalley ist der Auffassung, dass Mehrsprachigkeit im Schulsystem gefördert
       werden sollte. Sie rät davon ab, Erstklässler, die nicht gut Deutsch
       können, automatisch als Problemkinder oder sogar als lernbehindert
       einzustufen. Viel entscheidender für den Schulerfolg seien die
       Lebensumstände und ein anregendes Umfeld. Für die belgische
       Sprachwissenschaftlerin [4][Annick De Houwer] ist das sichere Beherrschen
       der Muttersprache nicht nur für den Sprecher selbst, sondern auch für das
       Land eine Chance.
       
       Trotzdem – und obwohl in vielen Ländern mehrere Sprachen genutzt werden –
       scheint sich unsere Gesellschaft schwerzutun mit Mehrsprachigkeit. Die
       Schriftstellerin [5][Olga Grjasnowa], die dem Thema das Essay „Die Macht
       der Mehrsprachigkeit“ gewidmet hat, kritisiert, dass bestimmte Formen der
       Mehrsprachigkeit immer noch als Risiko für den Bildungserfolg gelten.
       
       „Es ist, als würde die Mehrsprachigkeit der einen die Einsprachigkeit der
       anderen gefährden“, schreibt sie in ihrem Buch. Wenn über gezielte
       Sprachförderung diskutiert werde, habe Grjasnowa oft das Gefühl, „es geht
       gar nicht um pädagogische Ziele zum Wohle der Kinder, sondern um Demagogie
       und die Idee einer Leitkultur, die immer wieder aufgewärmt wird“.
       
       Die Idee einer dominanten Leitkultur führt dazu, dass andere Sprachen und
       Kulturen nicht gefördert und wertgeschätzt werden. Das hat Folgen: Viele
       Menschen geben ihre als unwichtig wahrgenommene Herkunftssprache irgendwann
       auf. Nur eine Minderheit lernt, ihre Familiensprache richtig zu lesen und
       zu schreiben, weil eine mehrsprachige Erziehung in einem einsprachigen
       Schulsystem aufwändiger ist, als man denkt. Und während dieser Prozess von
       außen als gelungene Anpassung betrachtet wird, empfinden ihn zahlreiche
       Betroffene als durchaus schmerzhaft.
       
       Eine dieser Personen ist die französisch-marokkanische Schriftstellerin
       Leïla Slimani. Slimani wuchs in Marokko auf, besuchte jedoch eine
       französischsprachige Schule und sprach zu Hause Französisch, weil ihre
       Eltern, die selbst die koloniale Schule besucht hatten, sich dazu
       entschieden.
       
       Arabisch nicht zu sprechen empfindet sie als große Leere und es ist ein
       zentrales Thema ihrer schriftstellerischen Arbeit. Auch in ihrem nächsten
       Buch, „Assaut contre la frontière“, das im März in Frankreich erscheinen
       wird, wird es darum gehen.
       
       „Ich habe mich immer geschämt, meine eigene Sprache nicht zu beherrschen
       und die Sprache des ‚Kolonialherren‘ besser zu sprechen als [6][die Sprache
       meines Volkes]“, [7][sagte sie in einem Interview mit France Culture]. Eine
       Sache sei ihr nun extrem wichtig, so die Autorin: dass ihre Kinder Arabisch
       lernen.
       
       21 Feb 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Die-unsichtbaren-Polen/!5203994
 (DIR) [2] /Linnemanns-Grundschulaussage/!5616456
 (DIR) [3] https://www.kau.se/en/researchers/andrea-schalley
 (DIR) [4] https://www.uni-erfurt.de/philosophische-fakultaet/seminare-professuren/sprachwissenschaft/personen/prof-dr-annick-de-houwer
 (DIR) [5] /Eine-neue-Schule/!6118389&s/
 (DIR) [6] /Zu-Hause-wurde-Amazigh-gesprochen/!302155/
 (DIR) [7] https://www.youtube.com/shorts/XqWeIDerRnA
       
       ## AUTOREN
       
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