# taz.de -- Essays von Karl Ove Knausgård: Und meint sich aber eigentlich selbst
> Der Methode Karl Ove Knausgårds, sein Leben nachzuerzählen, kommt man in
> seinen Essays auf die Spur. Sein Verhältnis zu Autorinnen bleibt
> schwierig.
(IMG) Bild: Schau in beide Richtungen: Karl Ove Knausgård, fotografiert in London
Der Essay ist die literarische Form der Stunde. Gerade das Auftreten der
eigenen Person feiert Konjunktur. Ob [1][Rachel Cusk,] Ta-Nehesi Coates
oder [2][Maggie Nelson:] Alle schreiben sie in ihren Essays am liebsten
über sich selbst. Inzwischen grundieren selbst Wissenschaftler wie der
Soziologe Steffen Mau oder [3][die Philosophin Lea Ypi] Texte mit ihrem
eigenen Erleben.
Autobiografisches Material dient dem Erkenntnisgewinn. Während eben dieses
Material normalerweise Mittel zum Zweck bleibt, hat Karl Ove Knausgård
seine Subjektivität zum zentralen Funktionsprinzip seiner Essays erhoben.
Der wichtigste norwegische Schriftsteller der Gegenwart hat diese Technik
zur Perfektion getrieben, wie man in seinem neuen Essayband „Im Augenblick“
beobachten kann.
„Im Augenblick“ versammelt 22 essayistische Texte aus den vergangenen zehn
Jahren. Knausgårds gesamtes Werk ist von Essays durchzogen: Ob in reinen
Essaybänden wie diesem, seinem sechsbändigen autobiografischen Opus Magnum
oder in [4][der fiktionalen „Morgenstern“-Reihe] – überall findet sich
diese Textform. Deshalb gibt dieser Band Anlass zu grundsätzlichen Gedanken
zu seinem Handwerk. Dabei ist das Sujet der Essays immer nebensächlich, am
Ende dreht sich eh alles um Knausgård selbst. Und trotzdem geht man ihm
immer wieder auf den Leim. Wie macht er das?
Wichtiges Grundprinzip: Die Essays folgen keiner Handlung, sie haben ihre
eigene Dramaturgie, die keine geradlinige Argumentation darlegt, geschweige
denn auf eine Pointe zuläuft. „Die Welt wird zum Hier und Jetzt, und das
macht eine dramatische Handlung völlig unnötig“, schreibt er in diesem
neuen Band über Literaturnobelpreisträger Knut Hamsun – und meint sich aber
eigentlich selbst.
## Alles orientiert sich an Knausgårds individueller Erfahrung
Im Essay „Die Natur der Zahlen“ fragt sich Knausgård zu Beginn, wie denn
überhaupt Computer funktionieren, reist dann auf eine griechische Insel, wo
ein bekannter Mathematiker wohnt. Diese Konstellation wäre prädestiniert
für eine Heldenreise, die mit einer Offenbarung endet.
Stattdessen handelt der Essay davon, wie sein Autor als junger Mann von
Naturwissenschaften angeekelt war, jetzt als Mittfünfziger Interesse
entwickelt – und auf der griechischen Insel gemeinsam mit dem Mathematiker
einen Berg besteigt. Alles orientiert sich an Knausgårds individueller
Erfahrung, das ist seine Maxime. Dass man das trotzdem sehr gerne liest,
liegt in der besonderen Form begründet: Knausgård ist ein Meister der
Verdichtung.
Verdichtung? Das bestehende Werk umfasst 12.816 Seiten – wie kann man da
von Verdichtung reden? Entgegen der allgemeinen Annahme erzählt Knausgård
eben nicht alles – auch wenn er zwischen Essensaufnahme, Stuhlgang,
Zeitungslektüre und Sex nichts ausklammert. So erfährt man beim Lesen, dass
der geniale Schriftsteller auf Reportagereise durch die USA ein Hotelklo
verstopft hat, weil er erst vier Tage lang gar keinen Stuhlgang hatte – und
dann sehr viel auf einmal.
Aus dem unendlichen Pool seiner Erfahrungen wählt der Norweger gezielt aus
– er erwähnt nicht jedes Geschäft auf seiner Reise – und baut eine
verdichtete Dramaturgie, die vordergründig sein Leben von A bis Z
nacherzählt. In Wirklichkeit tut er aber das Gegenteil: Biografische
Rückblenden, theoretische Reflexionen, trivialer Alltag und
Selbstbekenntnisse folgen kalkuliert aufeinander.
Durch die Variation dieser Elemente entsteht ein eigener Rhythmus, der
seine volle Wirkung mit fortschreitender Länge der Texte entfaltet. Die
Kurzstrecke ist Knausgårds Sache nicht. Analog zum Marathon erlebt man erst
ab einer gewissen Distanz das „Reader's High“: den mentalen Zustand, in dem
man Erkenntnis erlangt.
## Die intensive Arbeit an der Form kaschierend
Und so kommen seine Essays – vor allem die längeren – trotz des scheinbar
willkürlichen Wühlens im eigenen Leben zu Gedanken, die den Horizont des
Individuums Karl Ove Knausgård überschreiten. Etwa, wenn er in „Unverhofft“
nach dem Abholen seiner Kinder von der Schule erklärt, worin sich Flauberts
„Madame Bovary“ und er gleichen und was gute Romane ausmacht: das
Erschaffen einer spezifischen literarischen Form, die durch die Differenz
zwischen der tatsächlichen individuellen Erfahrung und der Sprache, die man
ihr gibt, Wirklichkeit aus einer anderen Perspektive erfahrbar macht.
Der große Trick: Knausgård formuliert diese Gedanken in einer
unprätentiösen Sprache. Ihre Alltäglichkeit kaschiert die intensive Arbeit
an der Form.
Was Flaubert seinem Schüler jedoch voraushat: literarisches
Einfühlungsvermögen in Frauen. Und damit kommen wir zum größten Problem von
Knausgård: Er ist ein Mann. Zu allem Überfluss ist er ein Mann, der keine
Bücher von Frauen liest. Wenn er in diesem Band seine literarischen
Einflüsse darlegt, finden sich unter 50 Schriftstellern nur fünf Frauen,
wobei darunter eine Kinderbuchautorin ist.
An dieser Stelle soll kein identitätspolitisches Argument gemacht werden,
das Literatur nach normativen Kriterien bewertet. Allein: Die Abwesenheit
weiblicher Referenzen hat literarische Konsequenzen. Knausgårds weibliche
Figuren – wie etwa seine Ehefrau im autobiografischen Werk oder weibliche
Figuren in der fiktiven „Morgenstern“-Reihe – sind im Kontrast zu der
Lebendigkeit seines Schreibens erstaunlich blass.
Knausgårds Desinteresse für das Weibliche ist beileibe keine Neuigkeit.
Seine Landsfrau und [5][Kollegin Siri Hustvedt] war die nahezu vollständige
Abwesenheit weiblicher Schriftstellerinnen schon in seinem an literarischen
Referenzen reichen autobiografischen Romanzyklus aufgefallen. Als sie ihn
bei einem Interview nach den Gründen fragte, antwortete Knausgård
unverblümt: „Keine Konkurrenz“.
## Im Patriarchat konkurrieren Männer ausschließlich untereinander
Hustvedt hat daraus einen brillanten Essay gemacht, schlauer kann man das
nicht sagen. Zuallererst: Sie schätzt seine Literatur. In seiner gefühligen
Selbstmitteilung sieht sie sogar eine Infragestellung klassischer
Männlichkeit und spürt deshalb zugleich seine Furcht, von anderen Männern
nicht ernstgenommen zu werden. Unter den Bedingungen des „homo-sozialen
Vertrags“ des Patriarchats konkurrierten Männer nämlich ausschließlich
untereinander.
Leicht davonkommen lässt Hustvedt Knausgård trotzdem nicht. Wie ignorant
muss man sein, um einer Kollegin ins Gesicht zu sagen, man nehme sie
letztlich nicht ernst, weil sie eine Frau ist? Hustvedt plädiert für eine
Hinterfragung der persönlichen Lesegewohnheiten und der Konsequenzen, die
das – wie man bei Knausgård sehen kann – für die Wahrnehmung unserer Welt
hat: Frauen sind weniger wert. Aber bei ihr geht es auch um das Aushalten
von Widersprüchen. Man kann diese Literatur gut finden und die Haltung des
Autors gleichzeitig verachten.
Nun gut, also muss man als reflektierter Mann oder auch Frau Knausgård zum
Glück nicht sofort verbrennen. Lieber folgendes Gedankenexperiment: Ein
Knausgård, der auch Frauen lesen würde und sie schreiben könnte, wäre
vielleicht ein modernes Universalgenie. Aber dann wäre er auch nicht
Knausgård, dessen Methode von individueller, ignoranter – eben männlicher –
Erfahrung lebt.
13 Apr 2026
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## AUTOREN
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