# taz.de -- Rückblick auf taz-Recherchen 2025: Was danach geschah
> Regelmäßig deckt die taz mit Recherchen Missstände auf und stößt damit
> Veränderungen an. Doch wie ging es nach den Veröffentlichungen 2025
> weiter?
(IMG) Bild: Sonnenwendfeier im tschechischen Višňová: Eltern und Kinder rufen „Heil Sonnenwende“ und singen HJ-Lieder
Dieses Jahr berichtete die taz über ein Sonnenwendfest von Neonazis, über
die fiese Masche eines Immobilienkonzerns und über einen
Missbrauchsskandal, der viel zu lange unentdeckt blieb. Was wurde aus den
Fällen?
Neonazi-Gruppe offiziell unter Beobachtung
Als sie ihr meterhohes Feuer entzündeten, hätten die Neonazis wohl lieber
unbeobachtet bleiben wollen. Ganze Familien hatten sich am letzten
Juniwochenende mit Zelten, Fackeln und Schwertern nach Tschechien
aufgemacht. Dort, in dem kleinen Ort Višňová, richteten rund 80 überwiegend
deutsche Neonazis ihr Lager auf, [1][um die Sommersonnenwende zu
zelebrieren]. Doch wie bereits im Jahr zuvor im sächsischen Strahwalde war
die taz auch in diesem Sommer dabei, konnte das völkische Treiben
fotografieren und filmen. Und: Was unsere Reporter dokumentierten, sollte
diesmal Folgen haben.
Feiern dieses Zusammenhangs sind kein harmloses Brauchtum. Sie dienen der
Vernetzung und Radikalisierung im Geiste völkischer Ideologie. Es soll ein
starkes Gemeinschaftsgefühl entstehen, das von rassistischen Ideen
durchdrungen ist. Bei Fackeltanz und Feuerritualen wurde in Višňová auf das
„germanische Volk“ geschworen und ein „Heil der deutschen Jugend“
ausgerufen. Auch Lieder des Nationalsozialismus wurden gesungen.
Mit dabei waren Ingenieure, Lokalpolitiker, Architekten und Zahnärzte.
Darunter: Stephan Jurisch, Bundesvorsitzender der rechtsextremen Jungen
Landsmannschaft Ostdeutschland, ebenso wie der Sozialpädagoge Robert
Thieme, der 2024 auf der Liste der AfD für den Stadtrat von Zittau
kandidierte. Wie sich erst nach der taz-Veröffentlichung herausstellte:
Auch Mitglieder der tschechischen Neonazi-Band Reichenberg waren vor Ort.
Organisiert wurde das völkische Treffen von einem Zusammenschluss namens
Kulturwerk Oberlausitz, der abgeschottet und konspirativ agiert.
Nach der Veröffentlichung der taz stufte der Sächsische Verfassungsschutz
die Truppe als Beobachtungsobjekt im Bereich des „Neonationalsozialismus“
ein. Als vermeintlich „traditionsverbundener“ Veranstalter verfolge das
Kulturwerk Oberlausitz das Ziel, in die gesellschaftliche Mitte
hineinzuwirken und seine verfassungsfeindliche Ideologie niedrigschwellig
und subtil zu vermitteln, erklärte die Behörde. Die Veranstaltungen dienten
„der Erziehung von Kindern und Jugendlichen im Geiste
völkisch-rassistischer Weltbilder und der Verfestigung völkischer
Ideologien bei Erwachsenen“.
Wie ein 16-Jähriger in Sachsen-Anhalt die Demokratie verteidigt
Im April hat sich der 16-jährige Schüler Max in seiner Heimatstadt Bad
Dürrenberg in Sachsen-Anhalt vor eine Gruppe rechter Querdenker:innen
gestellt und eine Gegenrede gehalten. Das Video davon ging auf Social Media
viral, über eine halbe Million Menschen sahen seine Rede. Die taz besuchte
ihn und begleitete ihn zum Seifenkistenbauen im Jugendtreff
Wochentaz: Max, was ist seit deinem Post, der dir so viel Aufmerksamkeit
verschafft hat, passiert?
Max: Ich habe im Juni den Jugendengagementpreis Sachsen-Anhalt gewonnen.
Der erste Preis in meinem Leben. Die Woche darauf habe ich meinen
erweiterten Realschulabschluss in der Hand gehabt. Die Deutschprüfung habe
ich mit einer Zwei bestanden, knapp an der Eins vorbei.
Wochentaz: Herzlichen Glückwunsch!
Max: Aber das war nicht der einzige Preis [2][für mein Engagement in diesem
Jahr]. Insgesamt habe ich vier Preise gewonnen.
Wochentaz: Dein Aktivismus wird also gesehen und wertgeschätzt.
Max: Manchmal frage ich mich, ob ich das überhaupt alles verdient habe. Es
gibt ganz viele andere, die dasselbe machen wie ich – laut sein gegen
Rechtsextremismus.
Wochentaz: Nach dem Video hast du online aber auch in deiner Heimstadt Hass
abbekommen. Hat das angehalten?
Max: Ich habe um die zehn Anzeigen in diesem Jahr gemacht, weil ich
Drohungen erhalten habe, auch Morddrohungen. Die Öffentlichkeit ist auch
ein Fluch.
Wochentaz: Trotzdem machst du weiter. Was hat dich dieses Jahr ermutigt?
Max: Ich war im Sommer auf vielen CSDs unterwegs. Es gab zwar immer noch
Gegendemonstrationen von rechts, aber in Halle waren zum Beispiel viel
weniger Gegendemonstranten als letztes Jahr da. Das hat mich überrascht.
Wochentaz: 2026 gibt es für dich wahrscheinlich nur ein Thema: Im September
sind Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt.
Max: Ich will am 7. September nicht in einem Bundesland aufwachen, in dem
die AfD die absolute Mehrheit geholt hat. Gerade würden hier 40 Prozent die
AfD wählen. Das macht mir enorm große Sorgen, da hängt meine Zukunft dran.
Was ich mir wünsche, ist, dass Politikerinnen und Politiker von Parteien
wie Union und SPD aufhören, diese bescheuerten Narrative von rechts außen
zu übernehmen, weil sie meinen, dass sie mit ein bisschen AfD-Sprache mehr
Prozente erhalten. So dämlich kann man gar nicht sein, einen Rechtsdruck
mit einem Rechtsruck bekämpfen zu wollen.
Wochentaz: Und was wünschst du dir als 16-Jähriger? Du darfst neben deinem
Aktivismus ja auch noch jugendlich sein.
Max: Momentan ist das gar nicht so leicht. Mir geht es um unsere
Demokratie. Ich würde mir wünschen, dass es endlich ein
AfD-Verbotsverfahren gibt.
Wie wir den Mann aufspürten, der die taz gehackt hat
Am 23. Februar 2025 wurde in Deutschland ein neues Parlament gewählt. Für
eine Zeitungsredaktion wie unsere ist so ein Tag einer der wichtigsten des
Jahres. Ausgerechnet an diesem Tag gelang es einem Hacker, [3][unsere
Webseite lahmzulegen]. Leser*innen, die sich über taz.de informieren
wollten, bekamen über zwei Stunden am Nachmittag nur eine Fehlermeldung.
Im April haben wir recherchiert, woher diese Attacke kam. Wir haben
Serverprotokolle ausgewertet und stießen auf Botschaften, die die Angreifer
dort für uns hinterlassen hatten: „Hano hates you“ stand da, „Hano hasst
euch“. Wir kennen den Angreifer aus früheren Recherchen. Wir wussten,
dieser Hano hatte bereits unabhängige Medien in Ungarn attackiert, auch das
International Press Institute in Wien. Damit wussten wir schnell mehr als
die Berliner Polizei, die nach dem Hackerangriff zwar Ermittlungen aufnahm,
diese aber nach wenigen Wochen ergebnislos der Staatsanwaltschaft übergab,
die das Verfahren einstellte.
Die ungarische Polizei war erfolgreicher: Anfang Juli nahm sie in Budapest
einen 23-Jährigen Mann fest, den sie für „Hano“ hält. Seine Wohnung wurde
durchsucht, mehrere Geräte wurden beschlagnahmt. Darauf habe man
„eindeutige Beweise für die Begehung der Straftaten“ gefunden, erklärte die
Polizei. Die Budapester Staatsanwaltschaft ermittelt seitdem.
Die Festnahme in Budapest hat auch die Berliner Behörden wieder in Schwung
gebracht. Die Ermittlungen wurden wieder aufgenommen und laufen noch, wie
ein Sprecher der Staatsanwaltschaft auf taz-Anfrage schreibt. Details
könnten derzeit nicht genannt werden, nur so viel: Die Berliner Polizei
stehe in Kontakt mit den Kollegen aus Ungarn. Die Berliner Polizei schreibt
auf taz-Anfrage allerdings, der Sachverhalt liege weiter bei der
Staatsanwaltschaft, die entsprechende Akte sei noch nicht an das zuständige
Fachkommissariat zurückübersandt. Das war bis zur Festnahme nicht der Fall.
Erntearbeiter*innen gewinnen vor Gericht
Als Levani Idadze, Jemal Chachanidze und 21 weitere Arbeiter*innen im
Sommer 2021 von Georgien nach Deutschland aufbrachen, um Erdbeeren zu
pflücken, hätten Sie nicht gedacht, dass sie mehr als vier Jahre später
immer noch auf einen großen Teil ihres Lohns warten würden. Die Gruppe kam
auf Grundlage eines Abkommens zwischen Deutschland und Georgien,
Saisonarbeit in der Landwirtschaft, maximal 5.000 Menschen pro Jahr,
deutscher Mindestlohn. Doch alles kam anders. Nach wenigen Wochen verließen
die Arbeiter*innen den Erdbeerhof am Bodensee, auf dem es zu wenig
Arbeit gab und entsprechend viel weniger Lohn. In Niedersachsen, wo ein
Großteil der Gruppe bei einem kleinen Landwirt weiterarbeitete, wurden sie
gar nicht bezahlt. Idadze beendete seinen Aufenthalt bei dem Betrieb mit
einem Streik am Hoftor.
Über mehr als vier Jahre nutzten die Erntearbeiter*innen [4][alle
Mittel des Rechtstaats, um ihren Lohn doch noch zu bekommen.] Sie
verklagtem die beiden Landwirt*innen in Deutschland und die zuständige
Behörde in Georgien, sie machten noch in Deutschland über soziale Medien
und das georgische Fernsehen auf ihre prekäre Situation aufmerksam und
lösten damit eine wochenlange Debatte in Georgien aus.
Im Herbst 2025 haben Chachanidze, Idadze und die anderen endlich
Gerechtigkeit erfahren. Nachdem das Verfahren gegen den Landwirt vom
Bodensee mit einem mageren Vergleich und ohne Schuldeingeständnis endete,
hat ein Gericht in Niedersachsen offiziell anerkannt, dass ihnen beim
zweiten Landwirt Unrecht widerfahren ist. Das Arbeitsgericht Oldenburg
sprach ihnen bereits im Dezember 2024 den vollen geforderten Lohn zu, doch
der Landwirt ging in Berufung. Kurz vor dem Gerichtstermin in Hannover im
Oktober 2025 zog er die Berufung zurück. Damit ist das Urteil aus Oldenburg
rechtskräftig.
„Das war so eine schöne Nachricht“, sagt Idadze. Er habe Freund*innen
eingeladen und gefeiert. Nun aber stellt sich die Frage: Werden die
Arbeiter*innen auch ihr Geld bekommen? Schon beim Termin in Oldenburg
erklärte der Anwalt des Landwirts, dass der Bauer hohe Schulden habe und
kurz vor der Insolvenz stehe. Doch Idadze glaubt das nicht. „Wir haben vor
Ort gesehen, dass er Eigentum hat, Häuser, Felder, Betriebsmittel“, sagt
er. „Der Landwirt hat uns einfach ausgenutzt, um mehr Geld zu verdienen.“
Der Tote nach dem Polizeieinsatz
Manche Recherchen beschäftigen uns über Jahre. Nicht durchgehend, aber es
kommt vor, dass nach langer Zeit doch noch ein entscheidender Hinweis
auftaucht. Oder dass plötzlich jemand reden will, der bislang geschwiegen
hat. So wie im Fall des toten Vitali Novacov.
Vitali Novacov war ein 45-jähriger Bauarbeiter aus Moldawien. Er starb
[5][bei einem Polizeieinsatz] im April 2023 in Königs Wusterhausen bei
Berlin. Kurz vor seinem Tod soll er randaliert haben. Die Polizei wurde
gerufen und brachte Novacov in einem langen Kampf, zusammen mit zwei
Anwohnern, zu Boden. Dort liegend verlor Novacov das Bewusstsein, dann
setzte sein Herz aus.
Novacov ist wohl erstickt, „infolge massiver Gewalteinwirkungen“, wie seine
Ärzte damals notiert haben. Unsere Recherchen hatten den Verdacht der Ärzte
öffentlich gemacht und Widersprüche im Vorgehen der Polizei aufgedeckt. Wer
hat Schuld an diesem Tod?
Die Staatsanwaltschaft Cottbus nahm Ermittlungen auf gegen die zwei
Polizisten und die beiden Anwohner. Im Sommer diesen Jahres stellte sie die
Ermittlungen erst ergebnislos ein – und hat sie nun wieder aufgenommen. So
etwas ist ungewöhnlich. Ein neuer Aspekt sei aufgetaucht, sagt der
zuständige Staatsanwalt auf taz-Anfrage. Welcher, das könne er nicht sagen.
Vielleicht ist es derselbe, der auch uns erreicht hat: Mike T. will reden.
Zum ersten Mal. T. war ein Nachbar von Novacov. In der Nacht, in der
Novacov starb, hat T. den Polizisten geholfen, den Mann festzunehmen. T.
war dabei, als Novacov aufgehört hat zu atmen. Bisher hat er mit niemandem
offiziell gesprochen: nicht mit den Behörden, nicht mit der taz. Jetzt will
er erzählen, wie der Abend wirklich verlaufen ist – und er will sich selbst
entlasten.
Er ist nervös, als er die taz-Kantine vor ein paar Monaten betritt. Der
Fall lasse ihn bis heute nicht los, sagt T. Seine Hände zittern, er sucht
nach Worten. Zu dem Zeitpunkt, als wir ihn zum Gespräch treffen, ermittelt
die Staatsanwaltschaft gegen ihn, nicht mehr wegen Totschlags, aber immer
noch wegen Körperverletzung. Er soll Novacov ins Gesicht geschlagen haben,
als der schon am Boden lag.
Mike T. belastet die Polizei: Nicht er habe Novacov geschlagen, sondern
einer der Polizisten. Die Polizei sei überfordert gewesen. Novacov habe
sich kaum zu Boden bringen lassen, es habe die Hilfe von ihm, Mike T., und
einem weiteren Nachbarn gebraucht. Mike T. erzählt, dass er schon vor der
Festnahme mit Novacov aneinandergeraten sei, weil der die Ehefrau von T.
belästigt haben soll.
Nach taz-Informationen hatten die beiden Polizisten die Festnahme anders
geschildert: Demnach sei es Mike T. gewesen, der mit der Faust auf den am
Boden liegenden Vitali Novakov eingeschlagen haben soll. Egal von wem der
Schlag kam: Tödlich war er nach Ansicht der Staatsanwaltschaft nicht.
Welche Version stimmt nun? Das lässt sich mit taz-Recherchen kaum
überprüfen. Schon damals wollte keine:r der Anwohner:innen mit uns
sprechen. Auch Mike T. kann keine Belege liefern. Ein Video, das er in der
Nacht aufgenommen hatte, habe er gelöscht, sagt er.
Die Staatsanwaltschaft wird Mike T. nun vernehmen, auch den zweiten
Nachbarn möchte sie anhören. Mit einer Entscheidung sei Anfang nächsten
Jahres zu rechnen, sagt deren Sprecher.
Wie ein Lügendetektor Kindesmissbrauch deckte
Der Fall von Jenny Arndt und ihren Geschwistern dürfte einer der
[6][größten Missbrauchsskandale] sein, den Sachsen je erlebt hat. Über
einen Zeitraum von mindestens zwanzig Jahren hat Henry Schreibe, der Vater
von Jenny Arndt, 9 seiner 16 Kinder missbraucht und zum Teil brutal
vergewaltigt. Und das, obwohl Lehrerinnen, Verwandte, Polizisten, das
Jugendamt und die Staatsanwaltschaft mehrmals versucht haben,
einzuschreiten.
Sie konnten Henry Schreibe auch deswegen nichts anhaben, weil sie sich zum
Teil auf ein Gerät verlassen haben, das höchst umstritten ist: einen
Lügendetektor. Henry Schreibe hatte einen solchen Test in einem
Gerichtsprozess im Jahr 2018 absolviert und dabei seine Unschuld beteuert.
Zu Unrecht, wie heute klar ist. Lügendetektoren sind vor deutschen
Gerichten eine Ausnahme, ihre Verlässlichkeit ist wissenschaftlich nicht
bewiesen. Dennoch führen einige Gerichte diese Tests durch. Der Fall von
Jenny Arndt und ihren Geschwistern zeigt, welche katastrophalen
Auswirkungen ein falsches Testergebnis haben kann.
Im Mai hatten wir über den Fall von Jenny Arndt berichtet. Arndt ist das
älteste Kind von Henry Schreibe und war wohl sein erstes Opfer. Beide
heißen eigentlich anders. Seit Anfang des Jahres stand Henry Schreibe in
Chemnitz vor Gericht. Dieses Mal hat er gleich zu Beginn alle Vorwürfe
eingeräumt. Er hat gestanden, seine Kinder über Jahre missbraucht zu haben.
Das Landgericht Chemnitz verurteilte ihn dafür zu zehn Jahren und sechs
Monaten Gefängnis, mit anschließender Sicherungsverwahrung. Schreibe ging
in Revision, aber der Bundesgerichtshof wies die Revision im August ab.
Damit ist klar: Henry Schreibe wird nie wieder freikommen.
Für Jenny Arndt und ihre Geschwister ist das eine große Erleichterung. Der
Prozess habe sie viel Kraft gekostet, sagt sie heute, ein knappes Jahr nach
dem Prozess. Ihre Familie komme trotzdem nicht zur Ruhe. Immerhin eine
Therapeutin habe sie gefunden, die helfe ihr sehr auf ihrem Weg der
Heilung, sagt Arndt.
Nach dem Urteil gegen Henry Schreibe haben wir Gerichte, die bereits mit
Lügendetektoren gearbeitet haben, gefragt, ob sie Konsequenzen ziehen aus
dem massiven Versagen dieses Tests und seiner Gutachterin in Chemnitz. Eine
Richterin, die nicht namentlich genannt werden möchte, nannte den Fall
gegenüber der taz eine „Katastrophe“. Festlegen will sich kein Gericht, es
gilt die richterliche Unabhängigkeit in Deutschland. Aber, auch das klingt
aus den Telefonaten heraus: Viele Gerichte haben mittlerweile Abstand
genommen von Lügendetektortests. Auch das Landgericht Chemnitz sagt nach
dem Urteil, der Test werde bei ihnen nicht mehr eingesetzt.
Eingesperrt in der Tripperburg
Dieses Kapitel der DDR-Geschichte ist wenig bekannt, und es handelt von
Gewalt, die sich speziell gegen Frauen und Mädchen richtete. Viele wurden
unter dem Verdacht, sie könnten sich eine Geschlechtskrankheit zugezogen
haben, in Hautkliniken zwangseingewiesen und landeten wie die Ostberlinerin
Martina Blankenfeld in einer Spezialabteilung, der geschlossenen
Venerologischen Station. Blankenfeld war 15 Jahre alt, als sie ins Klinikum
Berlin-Buch, [7][Station 114 c eingewiesen wurde]. Anschließend verbrachte
sie mehrere Jahre in einem Jugendwerkhof.
Im Juni berichtete die taz über Blankenfelds Engagement für eine
Gedenkstele auf dem Gelände des ehemaligen Klinikums Buch. Bei der
Gedenktafelkommission des Bezirks Berlin-Pankow, wozu der Stadtteil Buch
heute gehört, trug sie ihr Projekt vor – und im Februar dieses Jahres wurde
der Antrag angenommen. Bis ein Gedenkort konzipiert und fertiggestellt ist,
dauert es oft Jahre. Im Fall des Klinikums Buch, das nach seiner Schließung
in ein Wohnquartier mit Eigentumswohnungen umgewandelt wurde, aber
Denkmalschutz genießt, müssen Genehmigungen eingeholt werden. Die im
Auftrag der Wohneigentümerversammlung agierende Wohnungsverwaltung habe
bislang leider „nicht für das Anliegen zur Schaffung eines Gedenkzeichens
am Gebäude der ehemaligen geschlossenen Venerologischen Station
entschieden“, bedauert Bernt Roder, Leiter der Gedenktafelkommission. Man
hoffe, dass „in nächster Zeit eine Reaktion erfolgt“.
Immerhin hat es im November eine Ortsbegehung mit Zeitzeuginnen und
Interessierten gegeben. Sie gehörte ins Begleitprogramm einer Ausstellung,
die sich dem Thema der Spezialheime und Spezialabteilungen der Hautkliniken
widmet: „Einweisungsgrund: Herumtreiberei“ lautet der Titel.
Zur Eröffnung kam Evelyn Zupke, die Bundesbeauftragte für die Opfer der
SED-Diktatur. Sie dankte besonders Martina Blankenfeld für ihr Engagement
und kündigte für Frühjahr 2026 ein Hearing im Bundestag zum Thema an. Bei
Blankenfeld meldete sich außerdem eine Frau, die ebenfalls in die Station
114 c der Hautklinik Buch zwangseingewiesen wurde. So steht sie in Berlin
nicht mehr allein da mit ihrer Geschichte und ihrer Initiative.
Die Masche von Heimstaden
Laut Mietspiegel sollte Martin Berger um die 7 Euro pro Quadratmeter für
seine Mietwohnung im Berliner Stadtteil Wedding zahlen. Aber sein
Vermieter, der skandinavische Immobilienkonzern Heimstaden, verlangt fast
17 Euro. Der Grund: Die Wohnung soll vor dem Einzug umfassend modernisiert
worden sein.
Doch danach sieht sie gar nicht aus. Eine [8][taz-Recherche] im November
zeigte, dass das, was Martin Berger erlebt hat, wohl eine Masche ist, die
viele Heimstaden-Mieter*innen trifft. Heimstaden gibt vor, Wohnungen
umfassend zu modernisieren, verlangt hohe Mieten und umgeht so die
Mietpreisbremse.
In Bergers Wohnung wurde das Bad neu gefliest, eine neue Einbauküche
montiert, in den Zimmern wurde Vinylboden in Holzoptik verlegt. Aber die
Fenster sind alt, unter den Türen zieht die Kälte durch, der Energieausweis
des Hauses ist schlecht. Diese Punkte sprechen gegen eine umfassende
Modernisierung, deren hohe Anforderungen laut Expert:innen in
Altbauhäusern kaum zu erreichen sind.
Dem Immobilienkonzern hilft der angespannte Wohnungsmarkt. Wer einmal eine
Wohnung ergattert hat, verklagt seinen Vermieter nicht so schnell. Martin
Berger ist einer der wenigen, der gegen seine überhöhte Miete vorgeht.
Viele Mieter:innen würden ihre Rechte nicht kennen und hätten Sorge,
ihre Wohnung zu verlieren, wenn sie sich wehren, sagt Mietrechtsanwältin
Carola Handwerg. Nach der Veröffentlichung der taz-Recherche meldeten sich
mehrere Menschen bei ihr, die ebenfalls in sehr teuren, angeblich
modernisierten Wohnungen leben und nun gegen ihre Vermieter vorgehen
wollen. Ob Martin Bergers Miete gesenkt wird, ist noch offen.
Aus Teenagern werden Terroristen
Am Ende blieb für die Betreiberfamilie des „Kultberg“ nur ein Entschluss –
sie verließ Altdöbern. In der Nacht des 23. Oktober 2024 hatten Unbekannte
in der Brandenburger Kleinstadt das Kulturhaus angezündet, das die Familie
über Jahre aufgebaut hatte. Das Gebäude brannte komplett nieder, ein
Sachschaden von 550.000 Euro. Das einzige Glück für das Betreiberpaar, das
mit seinem kleinen Kind im selben Gebäudekomplex schlief: Es wurde durch
den Brandgeruch wach und entkam rechtzeitig den Flammen.
Erst Monate später wurde klar, wer hinter der Tat steckt: Rechtsextreme,
und zwar sehr junge. Eine Gruppe namens „Letzte Verteidigungswelle“ (LVW),
fast alle Teenager, erst seit wenigen Monaten aktiv. Die taz hatte Anfang
April, neben der Welt, [9][als Erste über die Gruppe berichtet]. Sieben
Wochen später ließ die Bundesanwaltschaft fünf Mitglieder festnehmen –
darunter die beiden beschuldigten Brandstifter des Kultbergs, zwei
15-Jährige aus Altdöbern. Drei weitere Beschuldigte saßen da bereits in
Haft.
Eine RTL-Journalistin hatte sich zuvor in die Neonazigruppe eingeschleust
und der Polizei ein Video überlassen, in dem sich einer der Jugendlichen zu
der Brandstiftung bekannte. Die taz fuhr nach Altdöbern – und [10][stieß
auf eine Gemeinde, die sich wegduckte]. Nach dem Brand blieb die Verwaltung
still, das Betreiberpaar des Kultbergs rief selbst zu einer Mahnwache auf,
auch zur Erinnerung an die 100 Jahre Kulturbetrieb in dem Haus und zum Dank
an die Rettungskräfte. Am Ende kündigte die Gemeinde gar den Pachtvertrag
für die Betreiber. Dabei hatten diese eigentlich einen Wiederaufbau und
Weiterbetrieb geplant, was ihnen anfangs auch in Aussicht gestellt wurde.
Schließlich verließ die Familie die Gemeinde. „Ohne den Willen der
Verwaltung für einen Wiederaufbau und Zwischenbetrieb des Kultbergs hatten
wir vor Ort keine Perspektive mehr“, erzählt das Paar der taz.
Und die Letzte Verteidigungswelle war nicht allein: Ab 2024 bildeten sich
gleich mehrere neue Gruppen sehr junger Rechtsextremer, die auch in diesem
Jahr mit Aufmärschen und mit Störaktionen von CSDs auffielen. Die LVW
klagte die Bundesanwaltschaft nun [11][als terroristische Vereinigung an],
den Brandanschlag in Altdöbern als versuchten Mord. Im Frühjahr soll der
Prozess vor dem Oberlandesgericht Hamburg beginnen. Ob öffentlich oder
nichtöffentlich verhandelt wird, ist wegen des jungen Alters der
Angeklagten noch offen.
Der Kultberg in Altdöbern ist derweil weiter eine Ruine, die Gemeinde steht
nun ohne Kulturhaus da – worunter vor allem lokale Vereine leiden. Die
Karnevalisten mussten zuletzt in einem Zelt feiern, anderes fiel aus. Ein
Wiederaufbau könnte noch Jahre dauern, wie viel Geld die Versicherung
zahlt, ist unklar. Die Gemeinde prüft nun die Reaktivierung des alten
Schlossensembles im Ort. Aber auch das würde langwierig. Den Jungnazis ist
damit vor allem eines gelungen: Sie haben einen Ort zerstört, der lokale
Kultur und damit auch Heimatverbundenheit erschuf – angeblich eines ihrer
Kernanliegen.
Auf Knastbesuch bei der Antifa
[12][Maja T.] sitzt noch immer hinter ungarischen Gittern, im Gefängnis in
Budapest, in einer Zelle zwei mal drei Meter, das vergitterte Fenster durch
eine Plexiglasscheibe abgedunkelt. Seit anderthalb Jahren schon – nach
einer Auslieferung, die das Bundesverfassungsgericht nachträglich für
rechtswidrig erklärte. Maja T. übermittelte der taz zuletzt einen Ausspruch
Antonio Gramscis zur eigenen Lage: Solange man den eigenen Glauben und die
Sitten bewahre, sei nichts verloren. Man werde Entscheidungen bereuen,
ergänzte die nonbinäre Aktivist*in aus Jena. „Aber nicht, dass es einen
Tag gab, an dem wir noch eine hatten. Kurz vor Weihnachten kam T.s Vater zu
Besuch. Die Stimmung seines Kindes sei angespannt und bedrückt gewesen,
erzählte er der taz. Denn am 22. Januar soll nun vor dem Budapester
Stadtgericht das Urteil gegen Maja T. fallen – das nach dem Willen der
Staatsanwaltschaft bis zu 24 Jahre Haft bedeuten kann.
Und Maja T. ist nicht allein. Bereits im September wurde in München die
Nürnberger Antifaschistin Hanna S. zu fünf Jahren Haft verurteilt. In
Dresden begann im November ein Großprozess gegen sieben Antifaschist*innen,
in Düsseldorf wird ein zweiter am 13. Januar gegen sechs Linke beginnen.
Die hiesige Antifa-Szene steht damit unter Druck wie lange nicht, seit
Jahren gab es nicht so viele Inhaftierte.
Der Vorwurf, der allen Beschuldigten gemacht wird: Sie sollen schwere
Angriffe auf Rechtsextreme verübt haben, in Ostdeutschland und Budapest, wo
sich Neonazis alljährlich zu einer NS-Folklore treffen. Die
Bundesanwaltschaft erhebt in einigen Fällen den Vorwurf des versuchten
Mordes. Die taz hatte im vergangenen Jahr die Prozesse vor Ort beobachtet
und vier beschuldigte Antifaschist*innen im Gefängnis besucht: Zaid
A., Thomas J., Tobias E. – und auch Maja T. in einem ungarischen
Haftkrankenhaus nach einem 40-tägigen Hungerstreik, [13][als erstes und
bisher einziges Medium.] Maja T. wirkte dort erschöpft, aber nicht
gebrochen – und beklagte, von der deutschen Regierung alleingelassen zu
werden.
Das Auswärtige Amt erklärte, sich für bessere Haftbedingungen einzusetzen.
Eine Rückabholung von Maja T. sei aber erst nach einem Urteil möglich.
Ungarn sagte bereits zu, dass eine Haftverbüßung in Deutschland möglich
ist. Ob und wie eine dann verhängte Haftstrafe reduziert werden kann, wird
aber noch mal ein juristisches Tauziehen werden. Welche Strafen den in
Dresden angeklagten Antifas drohen, wird noch länger unklar bleiben: Die
Prozesse sind bereits jetzt bis ins Jahr 2027 angesetzt.
31 Dec 2025
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