# taz.de -- US-Politologe über Zohran Mamdani: „Macht ist das, was der Linken am Ende fehlt“
> Trumps jetzige Radikalität ist eine Antwort auf progressive Erfolge,
> meint Corey Robin. New Yorks neuer Bürgermeister könne der Linken den Weg
> weisen.
(IMG) Bild: Feindbild Musk mit Kettensäge. Corey Robin hält für Männer wie ihn den Begriff Oligarch passend
taz: Herr Robin, Sie haben viele Jahre lang argumentiert, dass es sich bei
der Politik von US-Präsident Donald Trump eher um eine Fortsetzung der
rechten Politik der vergangenen Jahrzehnte als um einen Bruch damit handle.
Mittlerweile sind Sie anderer Meinung. Warum?
Corey Robin: Die Angriffe auf den öffentlichen Dienst und auf die
Bundesbeamt:innen waren für mich Alarmsignale. Wer die Geschichte der
USA kennt, weiß, dass berufsbezogene Sanktionen einer der wichtigsten
Mechanismen politischer Unterdrückung sind. Ein zweiter Indikator ist für
mich das Ausmaß der Razzien gegen Einwander:innen. Während Trumps erster
Amtszeit fand viel Spektakel statt, aber jetzt scheint die Regierung alle
verfügbaren Ressourcen zu mobilisieren, sowohl an der Grenze als auch im
Landesinneren.
taz: Warum ist Trumps Angriff auf die Staatsangestellten so signifikant?
Robin: Schon der französische Publizist Alexis de Tocqueville beobachtete
auf seinen Reisen durch die USA in den 1830er Jahren eine amerikanische
Besonderheit in Sachen politischer Unterdrückung: Leute wurden im
Wirtschafts- und Arbeitsbereich für abweichende Meinungen bestraft. Diese
Dynamik setzte sich fort. Der Historiker W. E. B. Du Bois schreibt in
„Black Reconstruction in America“, dass der Schwarze Freiheitskampf in der
Reconstruction-Ära im späteren 19. Jahrhundert durch arbeitsbezogene
Unterdrückung zerschlagen wurde. Auch in der McCarthy-Ära im 20.
Jahrhundert sah man, wie Beschäftigungssanktionen im öffentlichen und
privaten Sektor gewirkt haben.
taz: Diese Form der Repression ist jetzt zurückgekehrt?
Robin: Was jetzt geschieht, ist eindeutig drakonischer als in Trumps erster
Amtszeit. Abweichende Meinungen werden unterdrückt, um eine konservative
Hegemonie zu sichern.
taz: Trump ist radikaler geworden. Aber haben Sie ihn auch unterschätzt?
Robin: Beides ist wahr. Die Fakten haben sich geändert. Und ich musste
einige meiner Annahmen überdenken. Als Trump zum ersten Mal Präsident
wurde, war ich der Ansicht, dass sich die Rechte unter dem Strich eher im
Niedergang befindet. So wie die Linke in einer schwachen Lage war, dachte
ich, sei es auch die Rechte. Das hat sich während Trumps erster Amtszeit
bestätigt, sie haben wenig hinbekommen. Dieses Mal ist es anders.
taz: In Ihrem Buch „The Reactionary Mind“ definieren Sie rechte Politik als
eine „Reaktion auf Emanzipationsbewegungen“. Was triggert den Trumpismus?
Robin: Die Jahre unter Joe Biden als Präsident waren für die Rechte
bedrohlicher, als ich gedacht hatte. Zum einen hat die Biden-Regierung
stark in Soziales investiert, was die Rechte traditionell ablehnt. Und dann
haben mehrere soziale Bewegungen ihre Wirkung gezeigt, allen voran #MeToo
und Black Lives Matter. Die für die Rechte bedrohlichsten Veränderungen
haben sich allerdings im Arbeitsbereich vollzogen.
taz: Welche waren das?
Robin: Das Erste war in der Pandemie die Umstellung in vielen Jobs auf
Telearbeit. Arbeitgeber:innen hatten das Gefühl, ihre Belegschaften
nicht mehr überwachen und disziplinieren zu können. Dazu kamen die eben
angesprochenen Bewegungen, die einen anderen Umgang mit Beschäftigten, eine
progressivere Arbeitskultur einforderten. Gerade an Orten wie dem Silicon
Valley hat das ziemlich viele aufgerüttelt. Teile der Arbeitgeberklasse
sind in den Biden-Jahren in Panik geraten, haben sich Trump angeschlossen
und ihm so einen Schub verpasst.
taz: Ist [1][das Trump-Projekt ein faschistisches]?
Robin: Ich halte den Begriff Faschismus nach wie vor hier eher für
irreführend als für hilfreich. Andererseits habe ich die Gefahr, die Trump
darstellt, eine Zeit lang unterschätzt, deshalb halte ich mich da jetzt
eher zurück.
taz: Wenn wir auf das erste Jahr unter Trump 2.0 zurückschauen: Denken Sie,
dass manche der Verheerungen irreversibel sind?
Robin: Die Zerlegung und die Aushöhlung staatlicher Kapazitäten sind etwas,
das man nicht einfach wieder rückgängig machen kann. Es gibt Programme, die
komplett gestrichen wurden, etwa die Entwicklungshilfebehörde USAID. Andere
Behörden sind stark beschädigt, etwa das Bildungsministerium und die
Sozialversicherungsbehörde. Auch können wir uns noch gar nicht richtig
vorstellen, welche Konsequenzen die Regierungsentscheidungen für den
Umwelt- und den Klimaschutz haben. Trump hat verstanden, dass man gar nicht
ganze Ministerien abschaffen muss. Man muss sie nur so weit schwächen, dass
die staatlichen Leistungen schlechter werden und niemand sie mehr
unterstützt.
taz: Man demontiert den Staat, um zu zeigen, dass der Staat nichts taugt?
Robin: In gewisser Weise machen die Rechten das schon immer. Im Bereich der
Sozialversicherung beispielsweise wurden die Leistungen gekürzt und die
Zahl der Telefonberater:innen reduziert, sodass das Ganze
dysfunktional erscheint. Das ist auch ein Grund, warum ich immer noch
denke, dass der Begriff Faschismus nicht wirklich zutrifft.
Faschist:innen neigen nicht dazu, den Staat so anzugreifen, wie Trump
und die US-Rechten es derzeit tun.
taz: Andererseits baut die Trump-Regierung den Staat auf: Polizei,
Gefängnisse, Abschiebeapparat, Grenzsicherung.
Robin: Das war schon immer Teil des Neoliberalismus. Sozialleistungen
werden gekürzt, der Staat aufgerüstet. Ich sehe bei Trump eher den Versuch,
den Staat zu degradieren und zu korrumpieren, als ihn effizienter zu
machen. Neoliberale Politik mag an Legitimität verloren haben, aber ich
glaube, dass wir immer noch im Neoliberalismus feststecken.
taz: Sie haben zur Politik der „Red Scare“ geforscht, Phasen in der
US-Geschichte, in denen Linke verfolgt wurden. Die erste „Rote Angst“ gab
es zwischen 1918 und 1920; die zweite nach dem Zweiten Weltkrieg. Erleben
wir derzeit eine dritte solche Periode?
Robin: Daran besteht kein Zweifel. Es gibt einige klare Ziele der
politischen Repression. Neben den Bundesbeamt:innen sind es primär die
Universitäten. Progressive Kultur soll unterdrückt werden, im
Bildungsbereich, auch bei Anwält:innen und Mediziner:innen, in der
„professional managerial class“ also. Es geht darum, so gut wie alle
Bestrebungen für Gleichberechtigung zu beenden. Wenn man etwas aus der
Geschichte der Red Scare lernen kann, dann, dass es einen Moment großer
öffentlicher Auseinandersetzungen gibt. Vor allem muss man sich über die
Nachwirkungen Sorgen machen, wenn die institutionellen Räder in Gang
gebracht worden sind.
taz: Nennen Sie ein Beispiel.
Robin: An meiner Universität, der City University of New York, gab es eine
Reihe von Fällen, in denen befristete und angestellte Beschäftigte gefeuert
wurden, weil entweder die Regierung des Bundesstaats New York oder die
Bundesregierung, in Allianz mit privaten Organisationen, Druck gemacht
hatten. Es ging dabei meist um Israel und Palästina. So ist ein Klima der
Abschreckung entstanden. Viele Leute halten sich mittlerweile zurück,
schweigen zu dem Thema. Ich fürchte, dass wir erst am Anfang dieser
Entwicklungen von Zensur und Selbstzensur stehen.
taz: Eine Veränderung, die ich in den USA beobachte, ist die wachsende
Abneigung gegenüber militärischen Interventionen. Viele Leute haben genug
von den ewigen Kriegen.
Robin: Innerhalb der Bevölkerung gibt es eine Verschiebung. Bei den
politischen Verantwortlichen weniger. An der absoluten Unterstützung
Israels wurde nicht gerüttelt. Auch was die Regierung derzeit in Venezuela
macht, ist eine Fortsetzung. Es ähnelt sehr dem, was die USA 1989 mit einer
militärischen Invasion in Panama getan haben.
taz: Mehr Isolationismus wird auch von einflussreichen rechten Figuren wie
Tucker Carlson gefordert.
Robin: Das stimmt. Wobei ich mir nicht sicher bin, ob das so bleiben wird.
taz: Die Frage, welche Rolle die USA geopolitisch einnehmen sollen, ist nur
ein Streitpunkt innerhalb der Rechten. Welche innerrechte Spannung ist die
gravierendste?
Robin: Das mag kontraintuitiv klingen, aber ich glaube, dass Trumps
Zollpolitik zur Spaltung führen könnte. Es gibt starke Kräfte innerhalb des
rechten Justizflügels, die vehement gegen die Zölle sind, und ich glaube,
dass das Oberste Gericht die Zölle am Ende kippen wird. Grundlegende
Gerichtsentscheidungen haben in der Geschichte oft einen Keil in die Rechte
getrieben.
taz: Es käme zu einer Art Showdown zwischen einer Rechten, die für freien
Handel ist, und einer, die wirtschaftlichen Protektionismus will?
Robin: Das ist nicht nur eine ideologische Frage, sondern hat ganz konkrete
Auswirkungen. Trump hat mit seinen Zöllen erhebliches Chaos verursacht, in
der internationalen Ordnung und für Teile der heimischen Wirtschaft:
Landwirt:innen – eine wichtige Wähler:innengruppe für die
Republikaner:innen –, industrielle Produzent:innen,
Verbraucher:innen aus der Mittelschicht und der Arbeiter:innenklasse,
sie alle wurden durch die Zölle geschädigt. Der Oberste Gerichtshof steht
nun vor einer Entscheidung: Entweder er entzieht dem Präsidenten diese
eigentlich dem Kongress zustehende Zollmacht, was Trump schaden und die
Republikanische Partei spalten würde. Oder er belässt diese Befugnis bei
Trump, was der gesamten Wirtschaft schaden würde.
taz: Sie haben gesagt, dass Trumps Radikalität in dieser Amtszeit eine
Reaktion auf die linken Kräfte der vergangenen Jahre ist. Ich frage mich,
ob es linke Vorgehensweisen gibt, die es den Rechten unnötig einfach
machen. Was sind die Fehler der Linken?
Robin: Ich sehe eine Schwäche darin, dass wir eine Protestkultur aus den
1960er Jahren geerbt haben, die sich auf große Demonstrationen
konzentriert, die niemanden wirklich stören: ritualisierte Proteste.
Proteste müssen auf eine Weise die Ordnung infrage stellen, um zu wirken.
Sie müssen Menschen dazu bringen, ihre Muster zu überdenken.
taz: Es gibt ein paar Gewerkschaften, darunter Gewerkschaften von
Mieter:innen, denen es gelungen ist, Druck aufzubauen.
Robin: Genau. Diese Gewerkschaften nutzen ihre Macht durch Streiks. Das
passiert allerdings zu wenig. Macht ist das, was der Linken am Ende fehlt.
taz: Es gab in diesem Jahr die „No Kings“-Proteste. Bernie Sanders und
Alexandria Ocasio-Cortez haben eine „Fighting Oligarchy“-Tour abgehalten.
Viele Linke bezeichnen sich als demokratisch-sozialistisch, andere als
Antifaschist:innen. Welches Framing halten Sie für sinnvoll?
Robin: Der Begriff Oligarchie ist effektiv, weil er sowohl die
wirtschaftliche Position als auch die politische Kontrolle der Superreichen
erfasst. Er geht über den Dualismus Republikaner:innen gegen
Demokrat:innen hinaus. Es gibt in beiden Parteien oligarchische
Strukturen.
taz: Sie haben Zohran Mamdani unterstützt, und als Sie neulich im
Videointerview mit der New York Times saßen, trugen Sie einen
Mamdani-Anstecker.
Robin: Als ich unten am Fahrstuhl wartete, unterhielt ich mich mit einer
Sicherheitsbeamtin, die meinen Anstecker bemerkte: „Oh, der war vor ein
paar Wochen hier, und wir haben uns unterhalten. Sehr nett.“ Ich fragte
sie, ob sie ihn wählen wird, sie antwortete mit gespieltem Ernst: „Sir, ich
arbeite für die New York Times.“ Das fand ich witzig, weil die Frau
gleichermaßen auf Nummer sicher ging und die New York Times aufs Korn nahm.
taz: Glauben Sie, dass die Demokrat:innen [2][aus Mamdanis Sieg] lernen
werden?
Robin: In gewisser Weise haben sie das bereits getan: Sie machen schon
jetzt stärker die hohen Lebenskosten zum Thema. Ich hoffe, dass sie das
ausbauen. Mamdani [3][gibt vor, wie es geht]. Er konzentriert sich auf die
grundlegenden Fragen der Wirtschaft, während er nicht „Wokeness“ zum Feind
macht oder trans Personen angreift. Er begrüßt eine multikulturelle
Gesellschaft, er lebt sie! Zohran und seine Organisation, die Democratic
Socialists of America, sind dabei, so etwas wie eine Partei aufzubauen. Sie
gehen von Tür zu Tür, formen Nachbarschaftskomitees, sind in den Bezirken
und an Arbeitsplätzen präsent, verbringen ihre Nachmittage, Abende und
Wochenenden für die Sache – das sind ja die Tätigkeiten, die eine Partei
ausmachen. Eine richtige Partei. Nicht wie die Demokratische Partei. Ich
glaube, dass Zohran verstanden hat, dass die Menschen den Staat vor allem
dafür hassen, dass er nicht liefert. Wenn wir den demokratischen
Sozialismus voranbringen wollen, müssen wir liefern.
4 Jan 2026
## LINKS
(DIR) [1] /US-Historikerin-ueber-Trump-und-Mamdani/!6130625
(DIR) [2] /Analyse-zum-Wahlsieg-von-Zohran-Mamdani/!6127432
(DIR) [3] /New-Yorks-neuer-Buergermeister/!6123490
## AUTOREN
(DIR) Lukas Hermsmeier
## TAGS
(DIR) Zohran Mamdani
(DIR) Schwerpunkt USA unter Trump
(DIR) New York
(DIR) Elon Musk
(DIR) Javier Milei
(DIR) GNS
(DIR) Reden wir darüber
(DIR) Schwerpunkt USA unter Trump
(DIR) Podcast „Bundestalk“
(DIR) Wahl in New York
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Amtseinführung von Zohran Mamdani: Volksnähe in New York
Zohran Mamdani ist zum neuen Bürgermeister von New York vereidigt worden.
Er will die Regierungsfähigkeit der Linken beweisen.
(DIR) Ein Sozialist in New York: Was können wir von Zohran Mamdani lernen?
Ein linker Muslim wird Bürgermeister in der Metropole des Kapitalismus.
Verändert Mamdani jetzt die USA?
(DIR) Neuer New Yorker Bürgermeister: Messias Mamdani
Die Anhänger von Zohran Mamdani hoffen nicht weniger, als dass er die
Demokratie rettet. Aber was ist mit denen, die die Euphorie kaltlässt?