# taz.de -- Wenn Mieter:innen sich zusammentun: Ihr kriegt uns hier nicht raus!
> In den USA organisieren sich Mieter:innen gegen Verdrängung und
> explodierende Mieten. Über eine Bewegung, die Macht dort aufbaut, wo
> Menschen wohnen.
(IMG) Bild: Tara Raghuveer während der Proteste gegen Capital Realty in Spring Valley am 8. Dezember 2025
Kurz bevor der Protest losgeht, schaut Tara Raghuveer nochmals fokussiert
in alle Richtungen, ihr Blick wie ein Radar. Vermutlich ahnt sie da schon,
dass es heute Stress geben wird.
Rund 50 Menschen haben sich an einem bitterkalten Vormittag Anfang Dezember
in Spring Valley, einem kleinen Ort nördlich von New York City, versammelt.
Neben der 33-jährigen Raghuveer, die die Aktion mitorganisiert hat, stehen
Rentnerinnen mit Rollatoren, junge Studenten, Mütter.
Aus verschiedenen Regionen des Landes sind die Leute angereist, aus
Montana, Kentucky, Connecticut. Viele kennen sich, doch einige sehen sich
hier zum ersten Mal. Zusammengeschweißt ist diese Gruppe dadurch, dass fast
alle denselben Vermieter haben. Der Konzern Capital Realty Group, seit
Jahren bekannt dafür, seine Gebäude verwahrlosen zu lassen, hat in Spring
Valley sein Hauptquartier.
Die Mieter:innen wollen ihren Frust über die Wohnbedingungen rauslassen,
das ist der Plan. Schimmel an den Wänden, Ratten im Hof, extreme
Mietsteigerungen – die Liste ist lang. Doch noch bevor die erste Person zum
Megafon greifen kann, kommt es zur Eskalation.
## Gekaufter Gegenprotest
Eine Gruppe von ungefähr 30 Leuten taucht plötzlich vor dem Bürogebäude
auf. Ein paar davon preschen sofort auf die Mieter:innen zu, schubsen sie
und versuchen, ihnen die Plakate aus der Hand zu reißen. Raghuveer stellt
sich dazwischen und kriegt einen Ellbogenstoß ab. Die Polizei greift ein
und nimmt einen besonders Aggressiven fest. Mit Absperrband werden die zwei
Gruppen schließlich getrennt.
Der Gegenprotest ist von Capital Realty organisiert, wie sofort klar ist.
Ein ziemlich bizarres Schauspiel. Die meisten in dieser Gruppe sind nämlich
hispanische Migrant:innen in Arbeitsklamotten, die, wie sich herausstellen
wird, gar nicht wissen, was sie hier tun. Mit etwas ratlosem Blick stehen
sie herum, halten Israelflaggen hoch, die ihnen offenbar kurz zuvor in die
Hand gedrückt wurden. Auf den Plakaten stehen Sprüche wie „No Tolerance for
Antisemitism“. Der jüdische Chef des Immobilienkonzerns hat sich
entschieden, den Mieter:innen Antisemitismus vorzuwerfen. Anhaltspunkte
dafür gibt es keine.
„Ein so aggressives Verhalten habe ich von einem Eigentümer noch nie
erlebt“, sagt Raghuveer, als sie zwei Stunden später in einer Hotellobby
nahe Spring Valley sitzt. Ein paar der angeheuerten Gegendemonstrant:innen
hätten ihr verraten, dass sie Geld für ihren Einsatz bekämen, erzählt sie.
Raghuveer schüttelt den Kopf, als könnte sie immer noch nicht ganz glauben,
was da gerade passiert ist.
Dass ein Konzern wie Capital Realty nun zu solchen Mitteln greife, sei
jedoch auch ein Beweis für die eigene Stärke. „Wir organisieren uns
mittlerweile über Bundesstaaten hinweg“, so Raghuveer. „Die haben Angst vor
uns.“
## Verschiedene Kämpfe, gleiche Frage
Jeder linke Kampf ist anders. [1][Verschiedene Orte und Akteur:innen],
dadurch auch verschiedene Bedingungen und Aussichten. Am Ende aber stellt
sich für jedes linke Projekt dann doch die etwa gleiche Frage: Wie lassen
sich konkrete Veränderungen herbeiführen? Wie geht Macht? Und vor allem:
Wie geht Macht von unten?
In den USA ist in den vergangenen Jahren eine neue linke Kraft gewachsen,
die eine Antwort auf diese Fragen zu entwickeln scheint: die Bewegung der
Tenant Unions, Mieter:innen (tenants), die sich als Gewerkschaften (unions)
organisieren. Und Raghuveer spielt für diese Bewegung eine besondere Rolle.
Sie hat nicht nur in ihrer Heimat Kansas City, der größten Stadt des
Bundesstaats Missouri, die Organisation KC Tenants gegründet, sondern
leitet auch die Tenant Union Federation, wie der landesweite Dachverband
heißt. [2][Das Magazin <i>Time</i> setzte Raghuveer 2024 sogar
auf seine Liste der „100 aufstrebenden Persönlichkeiten der Welt“.]
Tenant Unions schießen derzeit in fast allen Ecken des Landes aus dem
Boden. Erst gab es sie vor allem in den Metropolen, etwa Los Angeles und
New York, mittlerweile auch in ländlichen Bundesstaaten wie Montana und
Arkansas. Manche der Organisationen agieren hyperlokal nur in einem
Quartier. Andere bringen Mieter:innen auf Stadtebene zusammen. Wieder
andere sind über einen ganzen Bundesstaat verteilt.
## Die Idee der Mieter:innengewerkschaft ist nicht neu
Und dann gibt es noch Tenant Unions, die einen einzigen Immobilienkonzern
im Visier haben. Im Prinzip funktionieren sie aber alle ähnlich:
Mieter:innen verbünden sich eigenständig, um bessere Wohnbedingungen und
bezahlbare Mieten zu erkämpfen. Tenant Unions sind für viele zu dem einen
Ort geworden, an dem sie Mitbestimmung und Community erleben. Eine
politische Kraft, die nicht darauf wartet, von der Politik „anerkannt“ zu
werden.
Die Idee der Mieter:innengewerkschaft ist nicht neu. Bereits Anfang des 20.
Jahrhunderts bildeten sich in einigen US-Großstädten entsprechende
Kollektive. Zum ersten Mal überhaupt in der Geschichte des Landes gelang es
Mieter:innen damals, [3][gesetzlich gesicherte Rechte gegenüber den
landlords] zu sichern. In New York City schlossen sich die Gruppen in jener
Zeit sogar zu einer stadtweiten Organisation zusammen, dem Tenant Council.
In den Sechzigern und Siebzigern erlebte die Mieter:innenbewegung parallel
zur Bürgerrechtsbewegung ein zweites Hoch. In Städten wie Chicago und
Pittsburgh fanden militante Mietstreiks statt. Ab den achtziger Jahren
jedoch brach diese Art des Organisierens allmählich ein, auch unter dem
Druck der repressiven Politik von Präsident Ronald Reagan, der die
Privatisierung des Wohnungswesens vorantrieb und Gewerkschaftsarbeit
grundsätzlich erschwerte. Für lange Zeit danach hatte das Konzept der
Tenant Unions kaum mehr Relevanz.
Seit einigen Jahren nun findet eine Reaktivierung des Modells statt. Viel
anderes bleibt den Leuten auch gar nicht mehr übrig. Die
Durchschnittsmieten in US-Großstädten steigen deutlich schneller als die
Durchschnittslöhne. Von den rund hundert Millionen Mieter:innen in diesem
Land gibt ein Viertel mittlerweile die Hälfte des Einkommens fürs Wohnen
aus.
## Mieter:innen als politische Subjekte
Andere können sich eine eigene Unterkunft gar nicht mehr leisten. Nach
aktuellen Schätzungen der Regierung sind [4][mehr als 770.000 Menschen in
den USA derzeit ohne feste Bleibe]. Pro Jahr werden rund 3,6 Millionen
Zwangsräumungen vollzogen, fast 10.000 pro Tag.
Die Wohnkrise hat sich nicht nur in den USA zugespitzt, Verdrängung ist ein
globales Problem. Genau deshalb intensivieren sich vielerorts auch die
Wohnungskämpfe. In Spanien etwa fanden im Sommer landesweite Mietproteste
mit Hunderttausenden Teilnehmer:innen statt. In London nehmen zum ersten
Mal seit Jahrzehnten Hausbesetzungen wieder zu. In Berlin arbeitet eine
Initiative an der Vergesellschaftung großer Immobilienkonzerne.
So verstreut diese Bewegungen auch sind, haben sie doch alle gemeinsam,
dass sich Mieter:innen als politische Subjekte wahrnehmen. Aus vereinzelten
Nachbar:innen werden organisierte Wohnhäuser, werden größere Massen. Und
überall steht die Frage im Raum, wie eine grundsätzliche Transformation des
Wohnungswesens gelingen kann.
„Die Wohnungskrise ist kein Problem, das gelöst werden muss; es ist ein
Klassenkampf, der geführt und gewonnen werden muss“, heißt es im Buch
[5][„Abolish Rent“ (Schafft die Miete ab). Tracy Rosenthal und Leonardo
Vilchis] beschreiben darin sowohl die konkrete Arbeit der von ihnen
gegründeten Los Angeles Tenants Union als auch die Wiedergeburt der
Mieter:innenbewegung im Großen und Ganzen. Wie der Titel verrät, sehen sie
als langfristige Vision nicht nur eine Reform des jetzigen Systems, sondern
auch eine Überwindung des Konzepts Miete. Die beiden Autor:innen bezeichnen
Miete als „eine Strafe dafür, ein menschliches Bedürfnis zu haben“.
## Wohnungen statt Profitobjekte sein
Tara Raghuveer formuliert es etwas vorsichtiger: „Unser Ziel ist es, so
viele Mieter:innen wie möglich als eine ökonomische und politische Klasse
zu organisieren, die man nicht ignorieren kann.“ Wohnungen sollten keine
Profitobjekte sein, sagt sie, sondern gehörten demokratisch verwaltet.
Dass die Bewegung davon noch weit entfernt ist, muss man Raghuveer nicht
sagen. Im Gegensatz zu Politiker:innen und NGOs verfügten Mieter:innen
jedoch über eine einzigartige Waffe, wie Raghuveer ausführt. Sie seien es
schließlich, die zahlten. Sie seien es auch, die Miete zurückhalten
könnten.
Welche Wirkung ein Mietstreik haben kann, wurde in diesem Jahr in
Raghuveers Heimat Kansas City deutlich. Insgesamt 247 Tage lang hielten die
Bewohner:innen eines elfstöckigen Wohnblocks ihre Zahlungen zurück, ehe der
Eigentümer im Juni nachgab. Die Mieter:innen sicherten sich einen
Schuldenerlass für die acht Streikmonate, einen Mietpreisdeckel für die
kommenden Jahre sowie Reparaturen und Verbesserungen des Hauses.
Mietstreiks, so betont Raghuveer, seien allerdings immer auch ein Wagnis.
„Es ist schon passiert, dass Leute ihre Wohnungen verloren haben. Dann
müssen wir besonders da sein.“
Zu den Erfolgen der Gewerkschaft zählt neben neu ausgehandelten
Mietverträgen auch der regelmäßige Einsatz gegen Zwangsräumungen, wie
Raghuveer erklärt. Sobald Mieter:innen akut von einem Rausschmiss bedroht
sind, mobilisiert die Gewerkschaft Mitglieder für Proteste vor Ort und
stellt unter anderem kostenlose juristische Beratung zur Verfügung. Das
Thema liegt Raghuveer besonders am Herzen.
Als Studentin untersuchte sie viele Jahre lang die Zwangsräumungspolitik in
Kansas City. Doch die theoretische Erfassung des Problems war ihr
irgendwann nicht mehr genug. So gründete sie 2019 mit einigen
Mitstreiter:innen KC Tenants. Noch im selben Jahr verabschiedete der
Stadtrat in Kansas City eine von der Gewerkschaft verfasste „Bill of
Rights“, die Standards für Mieter:innen festhält. Mit rund 10.000
Mitgliedern ist KC Tenants mittlerweile die größte Mieter:innengewerkschaft
der USA.
## Alle haben das gleiche Stimmrecht
In vielen Regionen des Landes gehören die Tenant Unions inzwischen zu den
wichtigsten progressiven Organisationen vor Ort. So sei es auch in
Connecticut, erzählt Peter Fousek. Er gehörte 2021 zu einer kleinen Gruppe
von Mitgliedern der Democratic Socialists of America, die sich in der
Universitätsstadt New Haven regelmäßig trafen, um über Wohnungspolitik zu
sprechen. Inspiriert von bereits existierenden Mieter:innengewerkschaften,
gründeten sie 2023 schließlich die [6][Connecticut Tenants Union (CTTU)].
Heute hat sie mehr als 20 Ortsgruppen, die auf den ganzen Bundesstaat
verteilt sind.
Während manche Mieter:innengewerkschaften auf das autonome Wirken der
Ortsgruppen bauen und kaum festgeschriebene Mechanismen haben, setzt die
CTTU auf klare Strukturen. Es gibt gewählte Führungskräfte. Alle haben das
gleiche Stimmrecht. Mitglieder zahlen grundsätzlich einen Beitrag, außer
sie können es sich nicht leisten. Festgehalten sind die Mechanismen in
einer Verfassung. Auf diese Weise soll der demokratische Anspruch mit
schneller Handlungsfähigkeit verbunden werden.
Wesentlich für den schnellen Erfolg sei zudem die Zusammenarbeit mit der
Dienstleistungsgewerkschaft Service Employees International Union (SEIU),
wie Fousek erzählt. Diese habe die CTTU nicht nur von Anfang an finanziell
unterstützt, sondern stelle auch Räume und andere Ressourcen zur Verfügung.
Bei größeren Aktionen könne man auf das Erscheinen der SEIU bauen. Auch in
Verhandlungen mit Politiker:innen verleihe es Gewicht, die mächtige
Gewerkschaft im Rücken zu haben. Zu einem Mietstreik ist es in Connecticut
noch nicht gekommen. „Oft reicht schon die Drohung“, sagt Fousek.
„Wir befinden uns an einem ähnlichen Punkt wie die Arbeiter:innenbewegung
Anfang des 20. Jahrhunderts“, sagt Tara Raghuveer. Viele der Tenant Unions
seien derzeit noch im Aufbau, Beziehungen müssten geknüpft und Prozesse
eingeübt werden. Die von ihr geführte Dachorganisation hält deshalb
Workshops ab, in denen Organizinggrundlagen vermittelt werden. Ziel sei es,
dass jedes einzelne Mitglied über die rhetorischen und taktischen Werkzeuge
verfüge, um neue Mitglieder zu rekrutieren.
## „Wir müssen niemanden davon überzeugen, dass sein Zuhause wichtig ist"
Raghuveers Hoffnung ist es, dass die Zahl der organisierten Mieter:innen
auf diese Weise in den kommenden Jahren in die Millionen steigt. Zumindest
einen Vorteil sieht sie sogar gegenüber der klassischen
Arbeiter:innenbewegung: „Wir müssen niemanden davon überzeugen, dass sein
Zuhause wichtig ist. Das wissen die Leute selbst.“ Für viele ist die
Wohnung der Ort, an dem sie ihre ökonomische Verwundbarkeit am stärksten
spüren. Raghuveer spricht deshalb von einem „intuitiven Arrangement“.
Intuition ist das eine, Ideologie das andere. Und ideologisch ist dieses
Land immer noch anders drauf. Ein Eigenheim mit Vorgarten, Garage und Auto,
so wurde im 20. Jahrhundert der American Dream definiert. Über lange Zeit
wurden vor allem weiße Mittelschichtfamilien in die Vorstädte gelockt.
Abenteuerliche Hypotheken sorgten dafür, dass mit der Zeit auch immer mehr
Menschen mit niedrigen Einkommen Häuser kauften.
Als viele Amerikaner:innen ihre Kredite nicht mehr bedienen konnten,
platzte die Blase – der Beginn der Finanz- und Wirtschaftskrise 2007. Heute
sind die USA ein suburbaner Flickenteppich mit Millionen von leer stehenden
Häusern und verschuldeten Menschen. In vielen Großstädten sind bezahlbare
Wohnungen rar.
Mieter:in zu sein, sei in den USA immer noch mit einem Stigma besetzt, weiß
Raghuveer. In den Tenant Unions würden viele jedoch die Scham ablegen.
Tenant worker ist ein Begriff, den man in der Bewegung öfter hört. Er weist
darauf hin, dass die allermeisten Menschen, die Miete zahlen müssen, eben
zugleich Lohnabhängige sind.
## 2020 fehlte für eine Massenaktion noch die Infrastruktur
Als im Frühjahr 2020 die Pandemie ausbrach, zeigte sich das ökonomische
System der USA so nackt wie vielleicht noch nie. Wer weiter außerhalb der
eigenen vier Wände arbeiten musste, etwa als Pflegerin oder Lieferbote,
riskierte die Gesundheit. Millionen von Amerikaner:innen verloren derweil
von einem Tag auf den anderen den Job, was viele in existenzielle Not
stürzte. Aus dieser Gemengelage heraus entwickelte sich zum ersten Mal seit
vielen Jahrzehnten der Ruf nach einem flächendeckenden Mietstreik. Über
zwei Millionen Menschen unterschrieben eine entsprechende Petition. An
einigen Orten des Landes kam es auch dazu. Doch für eine Massenaktion
fehlte es schlicht an Infrastruktur.
„Wir haben es damals verpasst, einzelne Gruppen zusammenzuschließen“,
erinnert sich Joel Feingold, einer der Mitgründer:innen der Crown Heights
Tenant Union in New York City. So wichtig das lokale Wirken der Gruppen
sei, so klar sei in dieser Situation geworden, dass die Fragmentierung auch
bremsen könne. Feingold sagt, die Bewegung habe seither dazugelernt.
Dennoch sei immer noch offen, wie eine effektive Bündelung funktionieren
könne.
Ein Samstagvormittag Anfang Dezember. In der Church of the Village, einer
Kirche im Westen von Manhattan, treffen langsam die ersten Leute ein. Von
der Empore hört man Geschrei, es sind tobende Kinder. Eine Betreuung wurde
organisiert, damit auch Eltern an diesem Treffen teilnehmen können. Essen
wird später ebenfalls geliefert: Salate, Kebab, Kuchen. Niemand soll aus
logistischen Gründen fehlen. Das ausdrückliche Ziel dieser zweiten Tenant
Assembly ist es, die New Yorker Mieter:innenklasse zusammenzubringen.
„Viele von uns wollen schon seit langer Zeit, dass es eine stadtweite
Organisation von und für Mieter:innen gibt“, sagt Holden Taylor zur
Begrüßung von der Bühne. Der 34-Jährige ist Mitgründer von Brooklyn
Eviction Defense. Die Gruppe hilft Leuten, die von Zwangsräumungen bedroht
sind. Als Taylor später in einer Ecke der Kirche über seinen Aktivismus und
die Bewegung spricht, wird er alle paar Sätze unterbrochen. Hier eine
schnelle Frage an ihn, dort eine Umarmung. Taylor scheint jede einzelne
Person im Raum persönlich zu kennen.
Taylor gehört zur jungen New Yorker Linken, [7][die mit Zohran Mamdanis
Wahl zum Bürgermeister gerade einen historischen Sieg gefeiert hat]. „Wir
sind natürlich alle vom Wahlkampf begeistert“, sagt Taylor, schickt dann
aber eine Warnung hinterher: Man dürfe sich nicht mit allem, was ab sofort
aus dem Rathaus kommen werde, zufriedengeben, nur weil ein Genosse das
Sagen habe. Mamdanis Ziel, die Mietpreise der rund eine Million regulierten
Wohnungen einzufrieren, sei zwar ein guter Anfang, so Taylor, doch längst
nicht genug. Die Zahl der regulierten Wohnungen müsse deutlich wachsen, und
deshalb müsse auch über Enteignungen diskutiert werden. „Druck von außen“,
fordert Taylor.
Dann tritt Josie Wells auf die Bühne, eine Schwarze Frau mit Hornbrille und
Tuch um die Haare. „New York“, steht auf ihrem hellgrauen Pullover.
„Flatbush, baby!“, ruft sie, so heißt das Viertel, aus dem sie kommt. Auf
ihre Heimat, das merkt man schnell, ist Wells stolz.
Als Wells Anfang des vergangenen Jahres zurück in die Wohnung ihrer
Kindheit zog, um dort mit ihrer Mutter zu leben, stellte sie fest, wie
abgewirtschaftet das Gebäude war. Flure und Wände seien dreckig gewesen, so
berichtet sie es der Tenant Assembly, die Heizung sei immer wieder
ausgefallen. Im Frühsommer entdeckte Wells einen Flyer der Crown Heights
Tenant Union an ihrem Türknauf.
„Ich war sofort angefixt“, sagt sie. Wells kontaktierte die Gruppe und
lernte schnell, dass viele andere Leute in der Stadt unter demselben
Eigentümer leiden, der Pinnacle Group. Seit diesem Moment widmet sie den
Großteil ihrer Freizeit der Union of Pinnacle Tenants.
## Beziehungen, auf die man in Krisen zählen kann
Wie viel Druck bereits von der Bewegung ausgeht, wurde am 1. Januar
deutlich, dem Tag von Mamdanis Amtsantritt. Der neue Bürgermeister wählte
als ersten öffentlichen Termin den Besuch des Wohnhauses, in dem Wells
lebt. Erst fand ein Rundgang durch das Gebäude statt, dann kündigte Mamdani
eine Reihe von Gesetzesänderungen zum Schutz aller New Yorker Mieter:innen
an. Auch Wells sprach auf der Pressekonferenz. „Wenn man Lärm macht, werden
es manche abtun, aber andere sich dir anschließen.“
Wells geht es um mehr, als einen besseren Mietvertrag auszuhandeln. Sie
habe in der Gewerkschaft Gemeinschaft gefunden, wie sie im Gespräch sagt.
Und sie hat ein neues Bewusstsein dafür entwickelt, wie anders das
Zusammenleben in New York sein könnte. „Es fehlen öffentliche Orte“, sagt
Wells. Die Rentner:innen aus ihrem Haus beispielsweise würden aus Mangel an
Alternativen den ganzen Tag an der Bushaltestelle sitzen. „Wäre es nicht
schön, wenn sie einen Gemeinschaftsgarten hätten?“
Zurück in der Kirche, bilden sich am Nachmittag drei große Stuhlkreise, um
die Zukunft der Tenant Assembly zu besprechen. Zunächst geht es um
demografische Repräsentation. „Ich sehe nicht viele Schwarze hier“, sagt
Wells. Die anderen nicken. Im Kreis nebenan wird zur gleichen Zeit
diskutiert, wie man migrantische Mieter:innen noch besser vor Abschiebungen
schützen könne. In vielen Städten haben Tenant Unions in diesem Jahr dabei
geholfen, Netzwerke aufzubauen, die vor Razzien warnen.
Auch hier zeigt sich eine der großen Stärken des Modells: Es werden
Beziehungen aufgebaut, auf die man in Krisenmomenten zählen kann. Tenant
Unions ermöglichen damit eine Praxis der Selbst- und Mitbestimmung, die es
in den USA nur selten gibt: Demokratie, aber eben als Konzept ernst
genommen und in die Tat umgesetzt, jenseits der klassischen Verfahren.
Als am Ende des Tages abgestimmt wird, zeigt sich ein deutliches Bild: Die
anwesenden Mieter:innen wollen die Tenant Assembly formell verstetigen.
Feste Strukturen, klar verteilte Aufgaben. Damit der nächste
flächendeckende Mietstreik nicht nur eine Forderung bleibt.
8 Feb 2026
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## AUTOREN
(DIR) Lukas Hermsmeier
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Mieteinannahmen refinanzieren. Es ginge also ganz ohne öffentliche
Zuschüsse.
(DIR) Vergleich Berlin-New York: „Der Mieten-Protest ist existenziell“
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lernen, sagt Lisa Vollmer, die beide Bewegungen vergleicht.